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Bang Bang Kritik

Die Performance geht ins Museum – und hebt es aus den Angeln

Die Ausstellung «Bang Bang – translokale Performance Geschichte:n» im Museum Tinguely demonstriert auf eindrückliche Weise den Reichtum dieser Kunstform. Und zeigt auf, wie das Museum der Zukunft funktionieren könnte.

06/15/22, 12:18 PM

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Dieser Artikel ist am 8.6.2022 zuerst im FRIDA Magazin erschienen. FRIDA gehört wie Bajour zu den verlagsunabhängigen Medien der Schweiz.

Die in Genf und Amsterdam lebende, togolesische Performerin Davide-Christelle Sanvee wird bei «Bang Bang» im Museum Tinguely in Basel auftreten.

Die in Genf und Amsterdam lebende, togolesische Performerin Davide-Christelle Sanvee wird bei «Bang Bang» im Museum Tinguely in Basel auftreten. (Foto: zvg Museum Tinguely)

Museen sind keine hehren Tempel mehr, deren Autorität stillschweigend akzeptiert wird. Im Zeitalter globaler, digital beschleunigter Protestbewegungen wie #Metoo stehen die bisherigen kunsthistorischen Perspektiven öffentlich zur Diskussion. Der westliche, männliche und vom Kunstmarkt mitgeprägte Kanon gerät ins Wanken, seine Auswahlkriterien stehen zur Disposition.

Die Museen reagieren auf diese Zeitenwende. 2019 fasste der Internationale Museumsrat Aufgaben und Ziele der Häuser neu. Da heisst es: «Museen sind demokratisierende, inklusive und vielstimmige Räume für den kritischen Dialog über Vergangenheit und Zukunft.»

Dass Museen diese Theorie auch in Praxis umsetzen können, zeigt «Bang Bang – translokale Performance Geschichte:n» im Museum Tinguely exemplarisch. Das Botta-Haus am Rhein ist für das Thema Performance prädestiniert. Jean Tinguelys Maschinen-Happenings der frühen Sechzigerjahre oder die Schiessbilder von Niki de Saint-Phalle gelten heute als Urszenen der Aktions- und Performancegeschichte.

Das Fehlen der feministischen Perspektive

2017 zeigte das Museum Tinguely «60 Jahre Performancekunst in der Schweiz», in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle und der Kaserne Basel und dem Centre Culturelle Suisse in Paris. Die Ausstellung schlug nicht nur wegen ihres reichhaltigen Programms Wellen. Die eher selektive Auswahl rief auch Kritiker*innen auf den Plan. Es kam zu Flugblattaktionen, ein anderer Blick wurde eingefordert: Es fehle beispielsweise die feministische Perspektive.

Nun, fünf Jahre später, präsentiert das Museum Tinguely diesen anderen Blick. Initiiert haben ihn die Basler Künstler*innen und Kurator*innen Muda Mathis, Chris Regn, Lena Eriksson und Andrea Saemann. Basierend auf der 2006 von ihnen realisierten Performance Chronik Basel wird nun der Blick auf die Schweiz ausgeweitet. Die Macher*innen bringen zu diesem Thema Kompetenz mit. Sie alle sind Pionier*innen der feministischen Performance, wissenschaftlich beschlagen und künstlerisch unbestechlich.

Mit nur einem Jahr Vorlauf haben sie «Bang Bang» auf die Beine gestellt, inklusive Finanzierung, denn nur ein Sechstel des Budgets wird vom Museum getragen. Begleitet wurde dieser Effort von der am Museum angestellten Kuratorin Séverine Fromaigeat – und natürlich wurde das Unterfangen vom ganzen Museums-Apparat unterstützt. Was eigentlich selbstverständlich ist, in diesem Fall aber auch bemerkenswert.

Roland Wetzel, Direktor des Museums, ist das Wagnis eingegangen, eine so grosse Kiste so kurzfristig in die Hauptsaison seines Programms zu setzen, Carte Blanche inklusive. Herausgekommen ist viel mehr als eine Ausstellung. «Bang Bang» ist ein zweieinhalb Monate dauerndes Festival, bestehend aus einer zentralen Ausstellung, drei Wechselausstellungen und insgesamt 170 Veranstaltungen.

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Das lebendige Archiv

Basis für das Grossprojekt bildet eine umfassende Recherche der Kuratorinnen. Seit Mai 2021 haben sie die Schweiz bereist, und 40 Interviews mit Künstler*innen und Kurator*innen – vor allem der frühen Generation – geführt. Mit den Recherchereisen ging der schweizweite Aufruf einher, Performance-Dokumente auf eine Plattform hochzuladen. Gesammelt wurden so 1600 Performance-Dokumentationen, 2700 Namen sind mit diesen verknüpft.

Der Anspruch hinter der Recherche und der Ausstellung: Eine möglichst umfassende Kartografie der Performance-Geschichte der Schweiz, die sich wiederum in einem thematisch aufbereiteten Veranstaltungsprogramm spiegelt. Die ungeheure Menge an gesammelter Information ist auf den ersten Blick pure Überforderung. Die Kuratorinnen begegnen dieser jedoch mit einem klugen und transparenten Konzept.

Die Ausstellung funktioniert als lebendiges und wachsendes Archiv. In der Eingangshalle laden drei mit diversen Bildschirmen bestückte Billboards in die Tiefen der Performance-Geschichte. Zu sehen sind Collagen der gesammelten Performances und der geführten Interviews. Hier wird der stupende Reichtum an Formen, Aufführungsorten und Themen erlebbar. Beispielsweise: performatives Kammerspiel, kollektives Happening, Theater, Tanz, Konzert, Aktion. Oder: öffentlicher Raum, Theater- und Clubbühne, Museum und improvisierter Spielort. Oder: Punk, Fluxus, Konzeptkunst, feministischer, queerer und politischer Aktivismus.

Die Billboards teasern diesen Reichtum auf ansprechende Weise an. Zur Vertiefung laden die Sichtungsstationen, wo die Webseite besucht und auf unterschiedliche Weise erkundet werden kann, analytisch oder spielerisch. Alleine die Summe der 1600 versammelten Werke lässt Herzen von Performance-Fans höher schlagen. Eine stets wechselnde Auswahl aus dem Archiv wird auf Screens mit Kopfhörern präsentiert. Im selben Bereich der Ausstellung, finden sich die Schreibstube und Bibliothek, ein Studio für Video- und Audiospuren, Interviews und Fotoshootings. Die Ausstellung ist auch Arbeitsort.

Eine Plakatwand zeigt Forschungsprojekte, sowie institutionelle und künstlerische Vorhaben im Umgang mit Performance-Dokumenten. Ebenda hat auch FRIDAs Projekt «Machs» seinen Platz gefunden.

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Sieben Wochen Happening

Zwei Räume sind für Wechselausstellungen reserviert. Den Anfang mach das Zürcher Duo Porte Rouge mit einer Auslegeordnung ihrer Performance-Objekte, mit Bildserien und einem Raum, wo die Künstler live zeichnen werden. Die beiden Performer arbeiten seit 40 Jahren an ihrem Kunstuniversum namens «Karabuki», einer Bewegungs-, Material- und Formensprache, die sich zwar an Japan anlehnt, aber in frei erfundenen Formen mündet.

Ihrer Schau werden zwei weitere folgen, die von Sarina Scheidegger und Sarah Zürcher kuratiert werden.

Rundum und hoch über der eigentlichen Ausstellung spannt sich ein Fries grossformatiger Collagen aus Text und Zeichnung. Sie verweisen auf die sieben Themenfelder, nach welchen das Veranstaltungsprogramm während sieben Wochenenden gegliedert ist. Es beinhaltet insgesamt 170 Talks, Performances, Video-Aufführungen, Happenings, Führungen, Vorträge, Workshops. Zu erleben ist eine Vielzahl bekannter, aber auch unbekanntere Namen. Überraschung ist Programm. (Siehe Infobox am Schluss des Textes.)

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Steilvorlage für künftige Kurator:innen

«Bang Bang», nomen est omen, knallt. Da ist an erster Stelle die umfassende und eingängig präsentierte Kartografie, das überbordende Archiv der Schweizer Performance-Kunst. Aus ihm wird ersichtlich, wie viel formale, ästhetische und thematische Innovation diese lange als randständig betrachtete Kunstform generiert hat. Wenn dieser Tage am Theater Basel das Publikum beim Besuch von «Einstein on The Beach» während der Vorstellung ein und aus ge­hen und trinkend auf der Bühne sitzen kann, erfährt es eine Rezeptionsform, die schon früh von Performer:innen erprobt wurde.

Sexuelle und politische Selbstermächtigung, Autonomie statt Fremdbestimmung, Besetzung des öffentlichen Raumes, Netzwerk statt Individualismus, Kollektiv statt singuläre Autorenschaft: Die Themen, die von Performance-Künstler:innen oft gegen Widerstände über die letzten 60 Jahre bearbeitet wurden, sind mitten in der Gesellschaft angekommen.

Ob Performance auch heute noch solche Sprengkraft besitzt, oder ob sich unsere Seh- und Erlebnisgewohnheiten bereits maximal erweitert haben, wird sich beim Besuch des Programms weisen.

Was die Kurator:innen die kommenden Wochen im Museum Tinguely praktizieren, ist jedoch sicher ein Hinweis darauf, wie sich Museen in Zukunft verändern könnten. Die Macher:innen werden während der ganzen zehn Wochen präsent sein, erweitern und verändern die Ausstellung, treten selbst auf, wollen dem Publikum auf Augenhöhe begegnen. Ja, sie kochen im Pavillon im Garten sogar für die geladenen Künstler:innen und Expert:innen. Bereits dies ist doch eine zukunftsträchtige Steilvorlage für künftige Kurator:innen.

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