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Der Krieg & ich

Ich will ehrlich sein

Drei Monate Krieg und Eugenia fühlte sich lange schuldig. Erst als sie gelernt hat, ehrlich mit sich selbst zu sein, konnte sie sich mit dem Gefühl versöhnen.

05/24/22, 02:43 PM

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(Foto: Alena Antonova)

Ich setzte mich an den Text für mein Tagebuch, er wird vorläufig der letzte sein. Aus dieser Perspektive scheint er mir besonders wichtig. Ich überlegte mir die letzten Tage ununterbrochen, was ich genau sagen will, bevor ich mich von euch verabschiede.

Möchte ich noch eine Geschichte einer meinen Freunde erzählen, die ich noch nicht mit euch geteilt habe? Oder möchte ich vielleicht eine wichtige Frage stellen, die euch zum Nachdenken bringt? Ja, ich möchte es sehr, aber nicht in diesem Text. Heute möchte ich gerne zurückschauen und reflektieren, was ich in den letzten drei Monaten erlebt, verstanden und verarbeitet habe. Zu diesem Rückblick lade ich euch herzlichst ein.

Drei lange Monate, die von unserem Leben geraubt wurden. Drei Monate wie drei lange Jahre. Manche meiner Freunde erzählen, dass sie immer noch im Februar stecken geblieben sind und können es kaum wahrhaben, dass es draussen nicht mehr schneit, sondern blüht. Die Natur erkennt keine Kriege. Die blühenden Bäume manifestieren Leben und die von den Explosionen verschreckten Vögel bauen weiter ihre Nester. Die anderen Wild- und Haustiere leiden mit uns. Weil sie keine Flügel haben und nicht vor den Bomben wegfliegen können. Sie sind, so wie wir, an den Boden gebunden. Auch ihr Leben wird von diesem Krieg zerstört. 

Ich schaue zurück und frage mich, was ich in diesen drei Monaten Neues realisiert und gelernt habe.

Ich muss die Zeit zurückdrehen und gleich an 2014 denken, als wir den ersten Schock dieses Krieges erlebt haben. Damals dachten wir, wenn wir mit den anderen korrekt sind, wird man es auch mit uns sein. Und wenn wir unseren Nachbarn nicht angreifen, die Grenze von niemandem überschreiten, so wird der Nachbar auch unsere Grenzen respektieren. Nun mussten wir, die Ukrainer*innen, als Volk erwachsener werden. Wir mussten schmerzhaft lernen, dass es nicht immer stimmt. Wir mussten lernen, uns zu verteidigen. Jede*r musste dabei für sich selbst entscheiden, wo ihr*sein Platz in dieser neuen Realität ist.

Ich habe damals diese Herausforderung angenommen und wollte meine eigenen Grenzen finden und testen. Mir wurde klar, dass ich keine Kämpferin bin und dass ich nur an einem Krieg teilnehmen könnte, wenn es keinen Ausweg gibt. Ich hatte aber die Möglichkeit, freiwillig in Lwiw zu helfen. Mit anderen Freundinnen besuchten wir die verletzten Soldaten im Militärkrankenhaus und sammelten Spenden für die Geflüchteten aus Donbas. Ich machte alles, was ich konnte, aber ich war nicht bereit, mein Zuhause mit der Waffe zu verteidigen. Und dafür fühlte ich mich schuldig.

Eugenia liest 2014 den ukrainischen Soldaten an der Front ihre Gedichte vor.

Eugenia liest 2014 den ukrainischen Soldaten an der Front ihre Gedichte vor. (Foto: zvg)

Einmal wurde ich als Autorin eingeladen, die Soldaten an der Frontlinie zu besuchen, um sie zu unterstützen und zu ermutigen. Ich habe die Einladung sofort angenommen und dachte, dass ich mindestens auf diese Art den Soldaten danken könnte.

Ich habe ihnen auf einer improvisierten Bühne die Gedichte über den Krieg und die Liebe vorgelesen, ich habe mit ihnen getanzt, während andere Künstler später auf derselbe Bühne gesungen haben. Wir wollten diesen Soldaten ein Stück normales Leben bringen, um sie zu ermutigen.

Diese Reise hat mich zutiefst beeindruckt und geprägt. Ich war den Männern und Frauen unendlich dankbar und dabei habe ich sofort gewusst, dass ich es nicht kann. So wie sie für unser Land zu kämpfen. Ich konnte weiterhin nur Worte als meine sichere Waffe und unsichtbares Schild sehen und nicht die Waffe selbst.

Diese Reise hat Eugenia tief bewegt.

Diese Reise hat Eugenia tief bewegt. (Foto: zvg)

Ich wollte leben. Und schreiben. Das war die Antwort an mich selbst zu der Frage, wo ich meinen Platz sehe. Eine ehrliche Antwort, die meinen weiteren Weg bestimmt hat. Aber auch für diese Antwort und für meinen Weg fühlte ich eine starke Schuld. 

Ich hatte aber die Hoffnung, dass sich viele von uns seit 2014 genauso oder ähnlich hinterfragt haben. Ich dachte, dass es Ende Februar 2022 für die meisten auch klar war, in welche Richtung sie gehen werden: Ost oder West. Oder überhaupt am eigenen Ort bleiben. 

Aber was ich seit den letzten drei Monaten neu lernen musste war, dass die Ersteren die Zweiteren nicht verstehen und sehr oft verurteilen. Die, die bleiben, verstehen nicht ganz oder gar nicht jene, die das Land verlassen haben, um ihr  Leben zu retten. Und umso mehr erleben die Schutzsuchenden ein grosses Schuldgefühl. Zu denen gehören auch die, die das Land früher verlassen haben. Zu denen gehöre auch ich.  

Diese Schuld war in meinem Fokus seit Ende Februar, weil es das stärkste Gefühl unter allen war. Die Schuld ist so mächtig und destruktiv, dass ich darunter am meisten gelitten habe. Es hat mich jeden Tag von innen gefressen, bis ich verstanden habe, dass ich mich vor diesem Krieg nicht verstecken darf.

Ich muss aufhören wegzurennen und endlich anfangen, mich zu verteidigen. Weil Schuldgefühle am einfachsten zu manipulieren sind. Man fühlt sich gezwungen, Dinge zu tun, die man eigentlich gar nicht machen will, nur weil man sich schuldig fühlt. Und ich habe mir vorgenommen, genau dieses Gefühl präzis zu beobachten. Zu beobachten und zu merken, wenn es kleiner wird.

«Schuld ist giftig und gefährlich destruktiv.»

Eugenia Senik

Ich musste erst den Boden erreichen und an dem Punkt ankommen, bei dem ich diese Schuld nicht mehr ertragen konnte. Wenn eine unberechtigte Beschuldigung kam, ausgerechnet von einer meiner nächsten Freundinnen, mit welcher ich über die Hälfte meines Lebens befreundet war. Als sie versuchte, mich mit meinem ausdrücklichen Schuldgefühl zu manipulieren. Als sie mir so viel Schmerzen zugefügt hat und zwar in so schwierigen Zeiten, so dass ich kaum vom Boden aufstehen konnte.

Erst als ich in mir keinen Platz für mehr Schuld finden konnte, habe ich realisiert, dass ich eigentlich gar nicht schuldig bin. Es ist nicht meine Schuld, dass dieser Krieg ausgebrochen ist. Ich bin nicht schuldig, dass Menschen mehr leiden als ich. Ich mache alles, was ich kann, um ihnen zu helfen, aber ich bin nicht schuld, dass es mir besser geht.

Schuld ist giftig und gefährlich destruktiv. Sie stösst uns in eine falsche Richtung. Sie stösst von der Wahrheit weg. Und ich wollte weg. Einfach von meinem umfassenden Schuldgefühl wegkriechen. Ich dachte dann, dass mir dabei Dankbarkeit helfen könnte. Und ich habe an euch alle gedacht.

«Nur wenn ich mir ehrlich sage, dass ich keine Kämpferin und keine Heldin bin, wird mein Schuldgefühl kleiner.»

Eugenia Senik

In diesen letzten drei Monaten habe ich noch etwas Wichtiges gelernt: Wie sehr sich die Menschen auf der ganzen Welt einigen können, um den Ukrainern zu helfen. Um einander in Not zu helfen. Ich lerne auch meinen Freund, meinen Lebenspartner und gleichzeitig mein bestes Team neu kennen. Wie er Schulter an Schulter mit mir durch diesen Schrecken und Schmerz geht, obwohl er kein Ukrainer ist. Wie er meiner Familie und meinen Freunden hilft. Wie er mir hilft, meine Schmerzen zu heilen und vom Boden aufzustehen, öffnet er sich für mich von einer anderen Seite. Und ich verliebe mich noch mehr in ihn.  

Er ist auch da, wenn ein starkes Gewitter in der Nacht ausbricht, und ich erschrocken aufwache und frage, ob die Russen da sind und uns bombardieren. Er beruhigt mich, dass es nur so laut donnert und dass es die Russen gar nicht bis hierher schaffen. 

Seit drei Monaten lerne ich ihn, mich, meine Freunde und das Leben selbst neu kennen. Und wenn ich an die bedeutsamste Realisierung und gleichzeitig an mein Heilmittel gegen das Schuldgefühl denke, dann muss ich als letztes die Ehrlichkeit ansprechen. Und die Wichtigkeit, mit sich selbst ehrlich zu sein. Nur wenn ich mir ehrlich sage, dass ich keine Kämpferin und keine Heldin bin, wird mein Schuldgefühl kleiner. Wenn ich von der nahen Freundin beschuldigt werde, erinnere ich mich noch einmal daran, wo meine Wahrheit liegt und wo ich stehe. 

Und wenn ich danach erfahre, dass manche Ukrainer, die in der Ukraine geblieben sind, die Leute verurteilen, die ausgereist sind, sage ich mir, dass sie ein Recht auf ihre Gefühle haben, ein Recht, uns nicht zu verstehen. Aber dabei lasse ich mich nicht wieder ins Schuldgefühl stossen. Ich allein bin für mein Leben verantwortlich und nur ich entscheide, ob ich mein Leben retten darf.

Ich erwarte nicht mehr, dass meine Freunde, sogar die nächsten, mich und meine Wahl je verstehen werden. Und bestimmt braucht es viel Zeit, bis ich in mir einen Frieden mit ihrem Unverständnis finde. Aber es lohnt sich, die Kräfte dafür zu sammeln. Denn mit diesem inneren Frieden verschwindet mein Schuldgefühl und es wird mindestens ein Krieg weniger. Ich versöhne mich mit meinem Schuldgefühl, bekomme neue Kräfte und mache mich schon für die nächste existenzielle Reise bereit.

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Bajour-Team, das mir einen Raum für meine Gedanken, Gefühle und Reflexionen gegeben hat. Ich danke auch euch, meine lieben Leser*innen, die mit mir diesen Weg bis zum letzten Text geschafft habt. Und ich kehre zur Arbeit an meinem Roman zurück, der seit zehn Jahren auf mich wartet. Ich erlaube es mir und gebe mir selbst Zeit dafür, auch wenn es die ganze Welt nie verstehen würde.

Ich mache es mit Frieden im Herzen, weil ich gelernt habe, wie wichtig es ist, bis zur vollen Nacktheit ehrlich mit sich selbst zu sein. Weil ich begriffen habe, was meine Waffe und wo mein Kampffeld ist. Und ich es geschafft habe, mich nicht mehr dafür rechtfertigen zu müssen und noch weniger, mich dafür schuldig zu fühlen.

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