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Der Krieg & ich

Dankbarkeit als beste Überlebensstrategie

Antonina verharrt tagelang in einem Bunker in Charkiw, bis ihr die Flucht gelingt. Ihren Mut verliert sie dabei aber nie.

05/02/22, 03:00 AM

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Antonina bei einer Lehrveranstaltung am 23. Februar, einen Tag vor der Invasion.

Antonina bei einer Lehrveranstaltung am 23. Februar, einen Tag vor der Invasion. (Foto: zvg)

Ich weiss nicht, bei wem ich mich für meine Freunde bedanken soll. Sie dankten mir für unsere Gespräche während des Krieges, aber ich danke ihnen zuerst. Immer wieder habe ich gedacht, was für ein Glück ich mit meinen Freunden habe. Tiefe Reflexionen, gründliche Analysen und kritisches Denken, das alles schafften sie in der schwierigsten Zeit ihres Lebens. Und alles haben sie grosszügig mit mir geteilt. Ihre Gedanken und die Möglichkeit, die Beschreibungen direkt aus dem Kriegsgebiet hören zu können, haben mir geholfen, die richtigen Worte für das Geschehene zu finden. 

Dank diesen Freunden und den intimen Gesprächen mit ihnen, konnte ich das ganze Spektrum von möglichen Reaktionen auf den Krieg beobachten. Von Panikattacken und emotionalem Erfrieren bis zu heftiger Aggression, Hass und ungewohnt gesteigerter Aktivität.

Wenn ich aber eine einzelne Person bestimmen müsste, der in diesem ganzen Horror gelungen ist, einen kühlen Kopf zu bewahren, dann wäre es Antonina, oder Tonia, wie wir Freunde sie nennen.

«Tonia, was ist dein Geheimnis?» – habe ich sie in Basel gefragt, während ich uns beiden Tee zubereitete. – «In den letzten zwei Monaten waren viele Freunde und Bekannte aus der Ukraine bei uns und ich konnte ihren Zustand beobachten. Ihre Reaktionen waren auch verständlich für die Situation. Ich habe aber niemanden gesehen, der sich so beherrschen konnte wie du.»

«Ich arbeite doch seit Jahren an der Nationalen Universität der Luftwaffe. Ich war vorbereitet. Es ist meine Arbeit.»

«Kommt der Krieg, kommt auch das Telegramm.»

altes Sprichwort

Tonia ist Historikerin und Geschichtsprofessorin an der Militäruniversität in Charkiw. Trotzdem wurde sie nur sehr kurzfristig gewarnt. In Westeuropa und Amerika gab es viel mehr Informationen und Warnungen über den wahrscheinlich baldigen Angriff der russischen Seite als in der Ukraine selbst. Ich versuchte damals, so schnell wie möglich alle meine Freunde und Bekannte zu warnen. Nur wenige haben es ernst genommen, aber Tonia war die, die mich sofort hörte. 

«Gibt es denn keine Information bei euch? Du arbeitest doch in einer Militärstruktur. Hat man euch überhaupt erklärt, was ihr bei einem Angriff machen sollt? Ihr seid doch in Charkiw und am nächsten zur Grenze.» 

«Ich habe mehrerer Male gefragt, doch als Antwort habe ich nur ein altes Sprichwort bekommen: Kommt der Krieg, kommt auch das Telegramm. Aber ich werde jetzt sofort den Bunker in der Nähe prüfen. Danke für deine Warnung, bei uns wird es nicht ganz ernst genommen, oder sie wollen es  einfach nicht verraten.»

Antonina: «Ich war für mehr als 50 jungen Offiziersschüler verantwortlich. Ehrlich gesagt, bin ich froh, dass es nicht während meinem Unterricht geschehen ist.»

Antonina: «Ich war für mehr als 50 jungen Offiziersschüler verantwortlich. Ehrlich gesagt, bin ich froh, dass es nicht während meinem Unterricht geschehen ist.» (Foto: zvg)

Der Bunker in der Nähe war aber mit einem alten verrosteten Schloss verschlossen. Tonia hat mir gesagt, sie werde im Notfall zur nächsten U-Bahn-Station rennen, diese ist zehn Gehminuten entfernt. So war es auch am 24. Februar, als ich Tonia um 5 Uhr morgens angerufen habe. Sie schlief nicht, wie viele meiner Freunde, sie rannte bereits zur U-Bahn-Station. 

«Man hat uns erst am 22. Februar versammelt und Instruktionen gegeben, was zu machen sei, falls es zu einem Angriff während Vorlesungen kommen sollte. Ich war doch für mehr als 50 jungen Offiziersschüler verantwortlich. Ehrlich gesagt, bin ich froh, dass es nicht während meinem Unterricht geschehen ist. Es ist eine viel zu grosse Verantwortung und Militärobjekte waren das erste Ziel der  Russen.» 

Tonia hat den ganzen Tag in der U-Bahn-Station verbracht und hat dort auch sitzend übernachtet. Dann bekam sie von einer Bekannten die Nachricht, dass in ihrem Bunker noch ein Platz für sie frei sei.

«Ich musste fest die Augen schliessen und einfach losrennen.»

Antonina

«Es war gefährlich, den Ort zu wechseln und dieser Bunker war in einem anderen Stadtteil. Ich habe es jedoch geschafft, ein Taxi zu finden, obwohl ich das Doppelte dafür bezahlen musste. Dabei wusste ich, dass, wenn ich meinen Platz in der U-Bahn-Station verlasse, ich ihn nicht wieder zurück bekommen werde. Auch wenn es kaum 30 Zentimeter waren, es gab so viele Menschen, die ihn gerne haben wollten. Ich musste fest die Augen schliessen und einfach losrennen.»

Und das hat Tonia niemals bereut. Wir hatten ständigen Kontakt, als sie einige Wochen im Keller eines Ladens verbracht hat. Sie schien ihre Emotionen immer unter Kontrolle zu haben. Wenn ich sie wiederholt fragte, wie sie sich fühle, antwortete Tonia positiv: «Ich kann mich überhaupt nicht beschweren. Der Keller ist gross und hat mehrere Zimmer. Ich habe sogar mein eigenes Zimmer hier und kann allein bleiben, wenn ich es brauche. Wir haben genug Essen und kochen einer nach dem anderen für alle. Die Toilette ist aber im Erdgeschoss, deswegen versuchen wir, so lange wie möglich durchzuhalten, um den Keller nur selten verlassen zu müssen. Es gibt da auch eine kleine Dusche. Es bedeutet viel, in welchem Zustand die Unterkunft ist. Je schlimmer die Bedingungen, desto schwieriger ist es, diese Angriffe und Bombardierung zu ertragen. Ich habe sicher Glück gehabt mit diesem Bunker und bin den Menschen unendlich dankbar, die mir hier den Platz gegeben haben.»

Es war wie ein Wunder, dass wir uns nun von allen möglichen Ländern im gleichen Land werden treffen können.

Eugenia Senik

Eines Tages sendete Tonia mir ein Video aus der Eisenbahn. Sie hat gewagt, Charkiw zu verlassen: «Es schneit sehr stark. Das bedeutet, dass die russischen Militärflugzeuge Mühe mit dem Fliegen haben. Die Bahn ist jetzt am sichersten, um die Stadt zu verlassen.» 

Sie verliess aber nicht die Region. Tonia fuhr zu ihrer Mutter in der Nähe von Charkiw. Sie hat es noch geschafft, ihren Bruder mitzunehmen, der nach einer  schweren Covid-Erkrankung invalid geworden und noch sehr schwach war. Sie blieben zu dritt in Krasnohrad und Tonia sagte mir immer wieder in ihren Sprachnachrichten, dass sie weit weg von der Gefahr seien und dass es ihnen ziemlich gut gehe. 

«Es gibt genug Produkte in den Läden und in den Apotheken gibt es fast alle Medikamente. Ich kann mich wirklich nicht beschweren. Ich weiss, wie es jetzt anderen geht und was sie durchstehen müssen.» 

Eine lange Zeit wollte Tonia das Land nicht verlassen. Sie hoffte, wie alle anderen, dass der Krieg nicht sehr lange dauern würde. Ohne Arbeit war es schwierig für sie und sie suchte nach Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Ihre Historiker-Kollegen haben ihr bald geholfen, sich für einige wissenschaftliche Programme  anzumelden. Nach einer Absage aus Finnland kam die Zusage aus der Schweiz. Tonia hatte ein Stipendium an der Universität Fribourg für ihr Projekt bekommen. Es war wie ein Wunder, dass wir uns nun von allen möglichen Ländern im gleichen Land werden treffen können. Doch nun kam ein Problem. Ihren Reisepass hatte Tonia in ihrer Wohnung in Charkiw zurück gelassen. Trotz regelmässigem Beschuss musste sie nach Charkiw zurück.

«Für mich sind meine Bücher wichtiger als der Reisepass.»

Antonina

«In meinem Notfallkoffer war alles Mögliche, nur nicht der Reisepass. Ich hatte diese Variante wirklich nicht in Betracht gezogen. Aber ich will auch nicht ein Jahr ohne Beschäftigung herumsitzen. Ich will dazwischen etwas Wichtiges machen. Damit ich nach einem Jahr noch erfahrener und professioneller an meine Uni zurückkehren kann.» 

Ich hielt den Atem an, als Tonia ihre gefährliche Reise nach Charkiw unternahm. Sie meldete sich erst wieder, als alles vorbei war. Ich konnte wieder ausatmen. 

«Ich wollte unter anderem einige Bücher abholen. So viele Bücher sind dort geblieben, die für meine Arbeit wichtig sind. Ich konnte sie nicht einfach so dort lassen. Für mich sind sie wichtiger als der Reisepass.»  

Das war die Tonia, die ich so gut kannte. 

Der Reisepass war abgeholt und wir fingen an, Tonias Reise in die Schweiz zu planen. Sie wollte noch unbedingt für den Geburtstag ihrer Mutter in der Ukraine bleiben und danach ging es los. Tonia hat mich um Hilfe gebeten, da sie sehr selten ins Ausland reist und dabei nicht fliegen mochte. Es sollten also Züge sein. Die Marschroute lautete: Krasnohrad – Poltawa – Lwiw – Przemyśl – Berlin – Basel.

«Menschen brauchen meine Emotionen nicht, sie haben ihre.»

Antonina

Nicht ohne Herausforderungen kam Tonia nach fünftägiger Reise in Basel an. Ich habe sie um 7 Uhr morgens vom Bahnhof abgeholt und mit nach Hause genommen. Sie wollte sich erst ein paar Tage bei uns erholen, bevor sie zu ihrem Zielort fuhr. Diese Zeit konnten wir für unsere langen Gespräche nutzen, die endlich nicht nur in Sprachnachrichten stattfinden mussten, sondern von Angesicht zu Angesicht. Oftmals mit einer Tasse guten Tee.

Sie hat mir von ihrer Reise erzählt und in dieser Erzählung blieb sie Historikerin. Ich denke, es hat ihr sehr geholfen, eine gewisse Distanz zu wahren. Sie hat die Flucht ganz methodisch analysiert, als ob sie vom Zweiten Weltkrieg sprechen würde. Die Charaktere, denen sie unterwegs begegnete, beschrieb sie so deutlich und distanziert, als ob sie eine Recherche ausserhalb der Uni für eine Monographie machen würde.   

«Ich kann kaum glauben, dass du gerade vor dem Krieg fliehen musstest. Du hältst dich so gut. Ich habe viele andere Verhaltensweisen gesehen, aber nicht das. Hast du mal geweint?»

«Einige Male habe ich geweint. Im Keller in Charkiw. Aber ich habe mich immer gut versteckt, damit es niemand sieht. Menschen brauchen meine Emotionen nicht, sie haben ihre. Ich werde aber später weinen, und zwar sehr heftig. Ich kenne meine Schwächen. Bis jetzt wurden noch keine Listen mit den Namen der Verstorbenen veröffentlicht. Man darf das es erst nach dem Krieg. Ich habe Angst, in diesen Listen meine jungen Studenten oder Kollegen zu finden. Dann werde ich richtig weinen. Im Moment vermeide ich bildliche Informationen und suche keine Videos oder Fotos mit Getöteten. Das habe ich übrigens auch von meinen Militärkollegen gelernt. Ich habe keine Bilder gemacht, gar nichts fotografiert und versuchte sogar, die Stadt nach der Bombardierung nicht gross anzuschauen. Es würde fest in meinem Gedächtnis bleiben und mich traumatisieren. Deswegen tue ich es nicht. Um funktionieren zu können. Ich werde erst trauern, wenn alles vorbei ist.»

Wir sind am Rhein spazieren gegangen. Es war ein sonniger Freitag Abend und viele Menschen genossen ihren Feierabend am Rhein. Ich fragte Tonia, ob es für sie befremdlich sei, friedliches Leben und fröhliche Leute zu sehen.

«Ich war dafür bereit. Und am Anfang fühlte ich mich sehr schlecht, dass ich die Ukraine verlasse. Ich fühlte mich nutzlos für mein Land. Aber meine Kollegen sagten mir, dass diese Gedanken destruktiv sind. Ich habe einen Befehl bekommen: überleben. Es wurde mir gesagt, dass es meine wichtigste Aufgabe ist. Und das tue ich. Ich handele auf Befehl des Oberkommandanten.»  

Wir mussten uns bald verabschieden, obwohl ich gerne noch viele lange Gespräche mit Tonia geführt hätte. Sie dankte für alles und fuhr los, um alles Nötige für ihre Arbeit an der Universität Fribourg zu erledigen.

«Danke für deine Hilfe in dieser Reise! Ohne dich hätte ich es nicht so einfach gehabt. Du warst mein zentraler Dispatcher.»

«Die ganze Arbeit hast du gemacht. Ich war deine Helferin im Hintergrund. Du warst James Bond!»

Aus dem Zug hat mir Tonia dann Bilder von den Alpen geschickt, von denen sie voll begeistert war. Sie dankte für jeden Schritt auf ihrem Weg und hat sich nie  beschwert. In Fribourg kann Tonia so lange bei meinen Freunden wohnen, wie sie es braucht. Und gleich am Abend teilte Tonia ihre tiefe Rührung mit mir.

«Ich habe Tränen in den Augen ob dieser grossen Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Diese Menschen sind unglaublich! Alle sind so gut zu mir, ich muss fast weinen.»      

Tonia und ihr Weg erinnern mich nochmals an die Stärke der Dankbarkeit. Diese erstaunliche Dankbarkeit zu allem, was ihr begegnete, hat sie in den schwierigsten Situationen gerettet. Und ich glaube, für die Wahl von dieser (Über-)Lebensstrategie sollte sie sich selbst dankbar sein.

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