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Sie kann jetzt leben wie ein Mann

Keine zeichnet wie sie: Die Palästinenserin Samah Shihadi lässt die Realität alt aussehen. Statt ins sichere Elternhaus zog sie als Unverheiratete raus in die Welt. Jetzt ist sie an der Volta Art Fair zu sehen.

06/15/22, 02:02 AM

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Samah Shihadi neben der Kohlezeichnung «Between Life and Death»

Samah Shihadi neben der Kohlezeichnung «Between Life and Death»

Noch ist es ruhig in der Halle der Volta-Messe. Saint-Tropez-gebräunte Galeristinnen sitzen entspannt vor ihren Macbooks, ihre zartblassen Assistentinnen telefonieren eifrig. Messebauer laufen in Arbeiterhosen durch die Halle, auf ihren Gesichtern spiegelt sich die Feindseligkeit. Die Art Basel steht vor der Tür und mit ihr das Augenrollen, der Augenaufschlag, die Augenweide.

Mitten drin steht Samah Shihadi, aufrecht und ruhig wie eine Tänzerin, bevor sie auf die Bühne geht. Dies ist ihr erster öffentlicher Auftritt nach der Pandemie, seit drei Jahren hat sie ihren Wohnort Haifa nicht verlassen. «Wir sind so glücklich, Samah endlich bei uns zu haben», sagt Galeristin Maliha Tabari, eine Frau in neongrüner Shorts-Kombo und viel Goldschmuck. Sie werde beim Gespräch dabei sein, sagt sie in einwandfreiem Englisch, für's Übersetzen und auch sonst zur Unterstützung.

Tabari hat das funkelnde Charisma einer Verkäuferin, die zu hundert Prozent hinter ihrem Produkt steht – vor zwanzig Jahren gründete sie ihre Galerie in Dubai, die ausschliesslich von Frauen geführt wird und ihren Fokus auf Künstlerinnen aus dem Mittleren Osten setzt. Sie sei vom ersten Moment an von den Zeichnungen Shihadis eingenommen gewesen. «Dieses Detail, die Symbolträchtigkeit, das Potenzial!» Ihre Augen glänzen. «Aber jetzt zu dir.» Ihr Blick wandert zu Shihadi.

Samah Shihadi zeichnet, seit sie zum ersten Mal einen Bleistift in der Hand hält. Und ihre Zeichnungen haben etwas Aussergewöhnliches. «Sie zeichnet nicht wie die anderen Kinder», sagt die Primarlehrerin der Mutter. Die Mutter freut sich, sie ist selbst eine talentierte Zeichnerin und Stickerin. Aber einen Beruf daraus machen? Das ist für die Familie aus dem kleinen Dorf nahe des Persischen Golfs undenkbar.

Shihadi macht eine Ausbildung zur Kunstlehrerin und als sie sich ein Jahr später entscheidet, Künstlerin zu werden, können sie das nur schwer verstehen. «Die dachten, ich sei verrückt geworden!» Shihadi lacht.

Das Unverständnis ihrer Familie ändert nichts an ihrem Entschluss. Sie macht ihren Master in Fine Arts an der Universität von Haifa und fängt an, in kleinen Räumen ihre Kunst auszustellen. 2018 erhält sie den prestigeträchtigen Haim Shiff Preis und eine Soloausstellung im Kunstmuseum Tel Aviv. Ihre Eltern lässt sie überall teilhaben, sie nimmt sie mit an die vielen Veranstaltungen und Ausstellungen. «Ich wollte, dass sie erleben, was Künstlerin-Sein für mich bedeutet.»

«Die Eltern in unserer Kultur», schiebt Tabari dazwischen, «würden nie eine Familie zerbrechen lassen. Das Band ist zu stark. Sie versuchen alles, um ihr Kind zu verstehen.»

In die Welt statt ins Elternhaus

Sogar die Teilnahme an einer Welt, die nichts mit der eigenen zu tun hat. «Meine Eltern hatten erwartet, dass ich als unverheiratete Frau nach der Ausbildung zurück ins Elternhaus ziehe. Meinen Weg zu verstehen, war für sie so neu, so unerwartet.» Heute, sagt die 35-Jährige, seien ihre Eltern stolz auf ihre Tochter. «Meine Mutter sagte mir, ich könne jetzt leben wie ein Mann. Für sie war das ein grosses Kompliment.»

Ein Stoff so lebensecht, dass man sich hineinlegen will: Samah Shihadis «The Emperor (2021)».

Ein Stoff so lebensecht, dass man sich hineinlegen will: Samah Shihadis «The Emperor (2021)».

Auch wenn sich Tendenzen zum Wandel abzeichnen, ist die arabische Kultur noch immer von patriarchalen Strukturen dominiert. Urbane Zentren wie Haifa, wo Shihadi lebt und arbeitet, stehen in krassem Gegensatz dazu. Wie findet sich eine junge feministische Künstlerin in diesem Clash zurecht?

Die Antwort kann man in Shihadis Kunst suchen. Sie zeichnet ausschliesslich mit Kohle- und Bleistift. «Unsere Generation hat ein ständiges Chaos im Kopf, you know, Erwartungen, Wünsche, Vergangenheit, Zukunft, ein riesiges Mischmasch», erklärt ihre Galeristin Tabari, «da macht es für mich Sinn, dass sie auf die allersimpelsten Werkzeuge zurückgreift. Du verarbeitest das ganze Chaos, da willst du nicht noch ein komplexes Verfahren anwenden.»

Die schwarzen Stifte erlauben es Shihadi, mit unglaublicher Präzision zu arbeiten. Technisch sind ihre Bilder von Renaissance'scher Perfektion. Denkt an: Stoffe, Poren, die feinen Härchen auf Pflanzenblättern. Alles maximal formschön, als wäre Kunst die edle Vitrine und Realität das Billy-Regal.

«Unsere Generation hat ein ständiges Chaos im Kopf, ein riesiges Mischmasch. Da macht es Sinn, dass sie auf die allersimpelsten Werkzeuge zurückgreift.»

Maliha Tabari, Galeristin.

An der Volta zeigt Shihadi eine fünfteilige Tarotserie mit Figuren: Die Herrscherin, die Jägerin, die Hohepriesterin, die Wegkreuzung und die Gerechtigkeit. Teils sind es die klassischen Tarotmotive, teils ersonnene, aber immer tragen sie das Gesicht der Künstlerin. Sie erinnern an Frida Kahlo, aber auch an Marina Abramović, Künstlerinnen, die sich mit ihren Körpern in die Kunstgeschichte einschreiben.

Von ganz anderer Kraft ist das grossformatige Bild gegenüber der Serie. Eine Landschaft überwachsenen Ruinen, die Gegend, wo Shihadis Mutter aufwuchs und fliehen musste. Heute kehren Familien dorthin zurück und picknicken auf den überwucherten Überbleibseln der Heimat. Es sind die Erinnerungen ihrer Eltern, die dieses Bild treiben, nicht ihre eigenen – eine Ausgangslage, die Shihadi ganz anders fordert als die Selbstporträts.

Überwucherte Überbleibsel der Heimat: «Landscape (Abandoned House) (2021)»

Überwucherte Überbleibsel der Heimat: «Landscape (Abandoned House) (2021)»

Anders als die Selbstermächtigung, die sie bei den Tarot-Bildern fühle, erschöpfe sie diese Arbeit. Sich in einen Bereich ihrer Herkunft zu begeben, mit dem sie vordergründig so wenig zu tun hat. «Wir dringen vorwärts», sagt Tabari, wenn sie über die Frauen ihrer Generation redet, die gut ausgebildeten, weitgereisten, kunstaffinen. Shihadi stimmt ihr zu. Trotzdem zeichnet sie immer wieder die Landschaften, oft auch mit ihren Eltern darin, zwei stumme Figuren umgeben von ihrer Erinnerung.

She's come such a long way, sagt Tabari am Ende des Gesprächs. Shihadis Weg hinaus aus dem Dorf, hinein in ein Leben, in dem sie Herrscherin, Jägerin, Akteurin sein kann. Es ist eine Geschichte, die sich gut erzählt. Für Samah Shihadi, die sich zunehmend auch für spirituelle Themen interessiert, ist es

«Siehst du den toten Hasen, den sie in der Hand hält?» Sie zeigt auf die Figur der Jägerin. «In unserer Kultur ist der Hase ein Symbol für den Mann. Aber er ist auch mein chinesisches Sternzeichen. It is also, in a way, me who i have killed.»

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