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Die Schuld der Überlebenden

Die ukrainische Autorin Eugenia Senik aus Basel hat Schuldgefühle. Wie ihr geht es vielen Ukrainer*innen, die jetzt hier in Sicherheit sind. Eugenia versucht in einer Reihe bei Bajour mit Worten, Wege aus der Ohnmacht zu finden.

03/08/22, 05:45 PM

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Unzählige Ukrainer*innen mussten ihr Zuhause verlassen.

Unzählige Ukrainer*innen mussten ihr Zuhause verlassen. (Foto: zvg)

Nach dem ersten Schock kommen wir langsam in eine neue Phase. Erschöpfung, unendliche Spannung und riesige Frust, unfähig zu sein, diesen barbarischen Krieg zu stoppen. Das macht uns, die Ukrainer*innen, irritiert, gereizt und intolerant zueinander.

«Was hast du gemacht?»

«Ja, du kannst es dir leisten, den Ukrainern wie bei einem Fulltimejob zu helfen. Und ich muss um mein Überleben kämpfen.»

«Ich wünschte, ich könnte auch mehr machen. Mich frisst jeden Tag dieses grosse Schuldgefühl.»

«Du hast mir nicht zugehört, wenn ich dich am meisten brauchte!»

«Warum bist du so gestresst? Du bist doch in der Schweiz und dir geht's gut?»

Ich habe euch gehört. Ihr seid ängstlich und ihr fühlt unendliche Schuld. Ich fühle es auch. Ich schlafe damit ein und wache unter dieser enormen Belastung wieder auf. Ich mache dauernd Pausen mit dem Studium, gebe die Arbeit auf und lege meinen Roman, den ich schon seit 10 Jahren nicht beenden kann, auf die Seite.

Ich gebe alle meine Kräfte an die Hilfe für die Ukraine. Und wisst ihr, was ich am Ende des Tages fühle? Frust und Schuld. Egal, wer wie viel jetzt macht und wie viele Stunden er pro Tag investiert. Es ist nie genug, um den Krieg zu stoppen. Um das tägliche sterben von Kindern und Zivilist*innen, sowie die von Soldat*innen, zu beenden.

«Die Flüchtlinge, die noch vor kurzem in den Kellern unter den Bomben sassen und jetzt endlich in der Sicherheit sind. Sie alle fühlen sich sofort schuldig gegenüber jenen, die geblieben sind, oder die nicht mehr atmen.»

Eugenia Senik

Ich habe vor kurzem in einem Artikel eine Definition dafür gefunden – «Überlebensschuld». Endlich kann ich es für mich selber in Worte fassen, durch was wir jetzt alle gehen. Die Ukrainer*innen in der Schweiz, Deutschland oder Polen, die Flüchtlinge, die noch vor kurzem in den Kellern unter den Bomben sassen und jetzt endlich in der Sicherheit sind. Sie alle fühlen sich sofort schuldig gegenüber jenen, die geblieben sind, oder die nicht mehr atmen.

«Bei uns ist es im Moment ruhig», – antwortet mir eine Freundin, die sich gerade in Kyiv befindet. – «Ich habe heute früh den Kaffee getrunken und fühlte mich so sehr schuldig, gegenüber den Menschen die jetzt in Butscha oder in Irpin in den Bunkern sitzen, und jenen in anderen Städten, die blockiert sind, und vielleicht kaum essen haben. Und ich sitze in der Küche und trinke meinen Kaffee…»

Sie vergisst, dass es in Kyiv immer noch gefährlich ist und dass sie schwanger ist. Aber das Schuldgefühl wegen des Morgenkaffees ist viel stärker.

«Ich sage es laut, dass nicht ich an diesem Krieg schuld bin. Und dass ich alles mache, was ich nur kann, um den Menschen in der Ukraine zu helfen.»

Eugenia Senik

Ich lese weiter im Artikel und da steht in grossen Buchstaben, dass nicht ich diesen Krieg angefangen habe, deswegen kann ich nicht schuldig sein dafür. Ich wiederhole es mehrere Male während des Tages in meinem Kopf, vor allem wenn ich erschöpft bin und eine Pause nehmen will. Wenn ich mir endlich die Zeit schnappen möchte, um diesen Text zu schreiben. Ich sage es laut, dass nicht ich an diesem Krieg schuld bin. Und dass ich alles mache, was ich nur kann, um den Menschen in der Ukraine zu helfen. Wir tun alles, was wir können, egal wie viel jeder von uns macht.

Weiter steht, dass auch ich mich erholen und Freude spüren darf. Ich darf und soll mich um mich kümmern. Auch wenn die Freunde beleidigt und sauer auf mich sind, dass ich mit ihnen momentan nicht sprechen kann, darf ich mich trotzdem erholen. Das sage ich mir auch laut.

«Der Krieg betrifft nicht nur die, die direkt bombardiert werden, sondern auch jene, die emotionalen Terror in diesen letzten 13 Tagen erlebten. Deswegen bitte ich euch um Hilfe.»

Eugenia Senik

Was ich nicht darf, ist, meine Empathie verlieren und die Augen für das, was in der Ukraine gerade passiert. Ich darf aber aussuchen, wo ich am effektivsten sein kann, um meinem Heimatland zu helfen. Und nur das tun, was gerade jetzt in meiner Kraft steht.

Ich verstecke mich also in einem ruhigen Raum, wo mir kein Telefon alle fünf Minuten neue grausamen Nachrichten bringt. Wo ich mir erlaube, eine Pause zu machen und auch mein Herz auszuschütten. Ich wende mich an euch.

Der Krieg betrifft nicht nur die, die direkt bombardiert werden, sondern auch jene, die emotionalen Terror in diesen letzten 13 Tagen erlebten. Deswegen bitte ich euch um Hilfe. Ich bitte euch um Unterstützung für die Ukrainer*innen, die schon seit einiger Zeit in der Schweiz wohnen. Uns ist selbst klar, dass es den Menschen in der Ukraine jetzt tausend Mal schlechter geht. Aber für uns ist es auch nicht leicht und ohne eure emotionale Unterstützung können wir unseren Freunden und Familienmitgliedern viel weniger helfen. Mensch, hilf dem Menschen!

«Wir brauchen euch.»

Eugenia Senik

Vergesst aber auch nicht, dass ihr nicht an diesem Krieg schuld seid. Ja, ihr könnt euch über die Fasnacht freuen, auch wenn es viele von uns jetzt nicht schaffen. Ihr könnt mit den Larve tanzen und euch mit Räppli bewerfen. Aber fragt bitte auch ab und zu, wie es euren Nachbar*innen oder Kolleg*innen aus der Ukraine geht. Sie brauchen das jetzt, wie nie zuvor.

Wir brauchen euch.

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