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Ich bin jung und brauche das Geld

Viele Jobmöglichkeiten sind aufgrund der Pandemie für sie weggebrochen: Wie gehen die Basler Student*innen mit der Geldnot um? Bajour hat nachgefragt und macht einen postpandemischen Kassensturz.

06/28/21, 03:06 AM

Aktualisiert 06/28/21, 08:20 AM

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Die Matura eingetütet, raus aus dem Hotel Mama, für das man langsam aber sicher zu alt ist, ab in die Unabhängigkeit. Ein Job muss her, am besten einer, der sich gut mit der Ausbildung vereinbaren lässt. Aushelfen in der Bar, Mäntel aufhängen im Theater, Kaffi servieren im Quartiercafé – die Nebenjobs, mit denen sich Student*innen ihre Unabhängigkeit erarbeiten und über Wasser halten, waren oft genau die Einnahmequellen, welche während der Pandemie als erstes versiegten. 

Was tun? Wieder zurück mit Sack und Pack ins Elternhaus und die nächste Zoom-Konferenz aus dem trauten Ambiente des Kinderzimmers bestreiten? Den Eltern, die einen endlich los sind, wieder auf der Tasche liegen? Für viele keine oder jedenfalls keine langfristige Lösung. Dann lieber die Geldsuche intensivieren und flexibler werden für den Arbeitsmarkt. Muss halt die Ausbildung erst mal Pause machen.

Oder muss der Staat ran? Genauso wie bei Künstler*innen, Gewerbler*innen, Mieter*innen und Kurzarbeiter*innen und den Studis unter die Arme greifen.

Absolut, findet die Basler Ständerätin Eva Herzog. Sie forderte vergangene Woche, dass der Bund Studierende finanziell unterstützt. Ihre Hauptsorge ist, dass eine Welle von Studienabbrüchen droht. Dem will sie entgegenwirken. Ihr Vorstoss wurde abgelehnt. Die Begründung: Es gebe genügend Hilfsangebote. 

Aber wie sieht es aus? Wer braucht eine staatliche Überbrückung? Wie kamen die Studierenden über die Runden? Wer ist zurück ins Hotel Mama, wer hat sonst was gefunden, und wer hat das Studium geschmissen?

Bajour hat mit vier Studentinnen gesprochen: 

Sangita, 20

Letzten Herbst bin ich von zu Hause ausgezogen. Das war ein wichtiger Schritt für mich, ich wollte mein Leben selbst in die Hand nehmen und unabhängig von meinen Eltern sein. Als dann im Winter der zweite Lockdown verhängt wurde, war ich im ersten Moment ganz schön gestresst: Wie sollte es weitergehen? 

Ich arbeite in einer Cafeteria in Dornach auf Stundenlohnbasis. Mit dem Geld, das ich dort verdiene, finanziere ich mein WG-Zimmer und meine Einkäufe. Das Psychologie-Studium habe ich letztes Jahr nach ein paar Monaten wieder abgebrochen. Ich fand meine Fächer spannend, hatte aber Mühe damit, dass der Unterricht wegen Corona nur online stattfand. Das war einfach nichts für mich. 

Darum entschloss ich mich dazu, ein Zwischenjahr zu machen und erstmal ein bisschen Geld zu verdienen. Als die Cafeteria schliessen musste, stand ich aber plötzlich ohne Einkommen da. Ich arbeitete noch nicht lange genug, um Kurzarbeit zu erhalten. Aber wenigstens ist mir mein Arbeitgeber entgegengekommen: Ich konnte während der Zeit, als der Betrieb zu war, Inventurarbeiten und kleinere Büroarbeiten erledigen. Damit verdiente ich aber deutlich weniger als vorher: 600 Franken im Monat, etwa 1000 Franken weniger. Ohne die Alimente, die ich von meinen Eltern bekomme, hätte ich mir meine Wohnung nicht mehr leisten können. 

Ich war unheimlich froh, als wir die Cafeteria wieder öffnen konnten. Ich arbeite zwar nicht mehr so viel, wie noch letztes Jahr, aber ich erhalte mittlerweile zusätzlich zu meinem Lohn Kurzarbeitergeld. So komme ich wieder über die Runden und kann auf eigenen Beinen stehen. Wäre der Betrieb nicht wieder aufgenommen worden, hätte ich mir wahrscheinlich etwas anderes gesucht. Kommenden Herbst will ich wieder anfangen zu studieren.

Sarah, 25 

Wegen des Lockdowns musste ich kreativ werden. Ich habe letzten Winter meinen Bachelor in Geschichte und Politologie abgeschlossen. Mein Geld verdiente ich neben dem Studium als selbstständige Yoga-Lehrerin und Eventorganisatorin im Kulturlokal Verso. 

Beide Einkommensquellen drohten mir im zweiten Lockdown wegzubrechen. Zum Glück hatte ich mich rechtzeitig als Selbstständige angemeldet. So konnte ich Erwerbsersatz beziehen. Um draussen im Freien zu unterrichten, war es während der Wintermonate zu kalt. Und weil wir ohnehin schon alle die ganze Zeit vor dem PC sitzen, wollte ich nicht auch noch Online-Lektionen geben. Darum musste ich umdisponieren und bot meinen Kundinnen Achtsamkeitsspaziergänge an und nahm meine Yoga-Stunden stattdessen als Audio-Sequenzen auf. 

Ich bin in einer privilegierten Situation, meine Eltern unterstützen mich finanziell und ich konnte während des Lockdowns auf mein Erspartes zurückgreifen. Meine Ausgaben belaufen sich auf etwa 1500 Franken im Monat. Seit letztem Frühling engagiere ich mich für die skuba, die Studentischen Körperschaft der Uni Basel, im Vorstand. Das Thema Geld- und Jobnot hat uns im letzten Jahr viel beschäftigt. Ich weiss von einigen Studierenden, die ihre Verdienstmöglichkeit verloren haben und sich gezwungen sahen, wieder zurück zu den Eltern zu ziehen. 

Ann, 23 

Mein Studium macht immer den zweiten Platz. Ich priorisiere die Arbeit, weil ich Geld brauche. Nur so kann ich mir mein WG-Zimmer und andere Ausgaben leisten. Im September 2019 habe ich mein Studium an der Pädagogischen Fachhochschule in Bern begonnen. Im zweiten Semester zog ich aus meinem zu Hause im Baselbiet aus, ich wollte in der Stadt wohnen, selbstständig sein. 

Neben meinem Studium hatte ich zwei Nebenjobs: Ich gab Schwimmunterricht und arbeitete in einem mittelgrossen Unternehmen als Büroassistentin. Im Oktober des letzten Jahres, ich war gerade auf dem Weg zur Arbeit, klingelte mein Telefon: Das Unternehmen hätte Corona-bedingt das Budget kürzen müssen und könne mich deshalb nicht weiter beschäftigen. Weil ich nur im Stundenlohn angestellt war, konnten sie mir kurzfristig kündigen. Das war ziemlich beängstigend für mich. Von einem Tag auf den anderen musste ich mir überlegen: Wie finanziere ich mich jetzt? 

Der Bürojob hatte mir Sicherheit gegeben. Ich befinde mich in meiner Erstausbildung, darum wären meine Eltern dazu verpflichtet, mich bei meinem Studium finanziell zu unterstützen. Mein WG-Zimmer zählt da aber nicht dazu, ich könnte ja auch einfach zu Hause wohnen. 

Ich hatte Glück, dass ich schnell etwas anderes fand: Im November begann ich als Springerin zu arbeiten und gebe seither Stellvertretungen in verschiedenen Schulen. Das bringt mir sogar mehr Geld als vorher, weil der Stundensatz höher ist. Trotzdem hat das auch Nachteile: Ich weiss nie, wie mein nächster Monat finanziell aussehen wird und wie viel ich dann tatsächlich arbeiten kann, weil die Einsätze meistens von heute auf morgen vergeben werden. Im letzten Monat konnte ich zwar praktisch 100 Prozent arbeiten, meine Uni-Sachen musste ich dann aber abends erledigen. Ich habe keine andere Wahl. 

Anna, 18

Das ist eigentlich nicht typisch für mich, dass ich etwas anfange und dann wieder abbreche. Aber ich habe gemerkt, dass Studieren während Corona für mich einfach nicht geht. Darum habe ich mein Psychologiestudium abgebrochen. Ich mache jetzt ein Zwischenjahr und versuche herauszufinden, wo es für mich hingehen soll. 

Vor zwei Wochen bin ich von daheim ausgezogen, in eine 1-Zimmer-Wohnung. Wir hockten zu Hause ständig aufeinander, das war mir mit der Zeit zu viel. Ich suchte mir deshalb einen Job und eine eigene Wohnung. Ich arbeite bei der Eingangskontrolle in einem Altersheim und verdiene so etwa 1600 Franken im Monat. 

Die Jobsuche war ziemlich herausfordernd, ich bin froh, dass ich etwas gefunden habe. Aber ich weiss auch, dass meine Stelle befristet ist: Wenn Corona vorbei ist, braucht es die Eingangskontrollen nämlich nicht mehr. Dieser Gedanke beunruhigt mich, ich weiss nicht, was ich dann machen soll. Ich werde mir wohl oder übel etwas anders suchen müssen. 

Um meine Ausgaben im Blick zu behalten, führe ich ein Haushaltsbuch. Aber ich merke, dass vieles noch neu für mich ist und ich noch nicht so recht weiss, womit ich planen soll. Ich wünsche mir eigentlich einfach Stabilität und auch, dieser Orientierungslosigkeit zu entkommen. 

Was meine Zukunftspläne angeht, bin ich hin- und hergerissen: Ich habe mich für den Numerus Clausus angemeldet und fange vielleicht im Herbst ein Medizinstudium an. Gleichzeitig könnte ich mir aber auch vorstellen, mich darauf zu fokussieren, Musikerin zu werden. Nur weiss ich, dass das der deutlich unsicherere Weg wäre. 

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