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«Viele haben die Krise genutzt, um ihr Konsumverhalten zu überdenken»

Jana Maslarov
Steffi Twerdy

06/22/20, 04:19 AM

Was bedeutet es, wenn plötzlich alle Clubs schliessen und die Festivals abgesagt werden? Wie wirkt sich die Pandemie auf den Drogenkonsum aus? Werden auch ausserhalb vom Partysetting Drogen konsumiert und wie erreichten wir die Konsument*innen, wenn wir sie nicht mehr im Nachtleben antrafen?

Vor diesen Fragen standen wir, als der Lockdown die Clubs zum Schliessen zwang. Denn konsumiert wird trotzdem, das war uns klar. Die soziale Isolation inklusive Homeoffice hat für den einen oder die andere einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das psychische Befinden. Elementare Ängste bezüglich Arbeit, Gesundheit und Familie und die plötzliche Auseinandersetzung mit sich selbst können überfordernd sein – Substanzkonsum kann in Momenten der Krise eine Form der Bewältigung sein.

Damit wir den Leuten trotzdem einen niederschwelligen Austausch anbieten konnten, mussten auch wir auf Telefon- oder Mailberatung umsteigen. Ein offenes Ohr für Sorgen und Ängste hilft oft schon gegen die Einsamkeit. Und ein wertefreier Austausch über das veränderte Konsumverhalten ermöglicht es den Betroffenen, ihren Konsum und die Beweggründe zu reflektieren und bei Bedarf Hilfe in Anspruch zu nehmen.

«Statt Reisen nach draussen macht man vielleicht eher mal eine Reise nach innen.»

Unser Eindruck: Das fehlende Nachtleben führte zu Veränderungen des Konsumverhaltens. Es wird mehr zu Hause konsumiert. Statt Reisen nach draussen macht man vielleicht eher mal eine Reise nach innen. Statt Stimulanzien, um die Nacht durchzufeiern, wird eher auf dem gemütlichen Sofa gekifft. Aufgrund des Physical Distancing oft auch allein.

Gerade in einer Pandemie, in der alle vom Händewaschen sprechen und die eigene Gesundheit einen besonderen Stellenwert erhält, ist ein möglichst risikoarmer Drogenkonsum und Safer Use wichtig.

Im Zuge dessen stellt sich auch die Frage, ob es aufgrund der geschlossenen Grenzen zu Lieferengpässen bei illegalisierten Drogen kommt, insbesondere beim Kokain. Das wiederum hätte einen Einfluss auf die Qualität und die beigemischten gesundheitsschädlichen Streckmittel haben können. Um mögliche Veränderungen auf dem Substanzmarkt zeitnahe festzustellen, war unser stationäres Drug Checking Angebot DIBS (Drogeninfo Basel-Stadt) umso wichtiger.

Doch die Abstandsregelung zwang uns auch dazu, das DIBS vorübergehend zu schliessen. Wir erarbeiteten kurzerhand ein Schutzkonzept, das uns ermöglichte, das DIBS in Absprache mit dem Kanton und unter Einhaltung der Auflagen des Gesundheitsdepartements wieder zu eröffnen. So musste es glücklicherweise nur zwei Mal ausfallen.

Um mögliche Veränderungen bezüglich der Konsumgewohnheiten zu erfassen, wurden die Nutzer*innen der Drug-Checking-Angebote schweizweit anhand eines eigens entwickelten Kurzfragebogens befragt. Bei der nicht repräsentativen Auswertung kam heraus, dass sich unsere Sorgen nur zum Teil bestätigten. Weder war merklich eine geringere Verfügbarkeit noch eine Verschlechterung der Qualität der Substanzen feststellbar.

«Aufgrund der fehlenden Ausgehmöglichkeiten fand eine Verlagerung von MDMA, XTC und Kokain hin zu Alkohol und Cannabisprodukten statt.»

Lediglich bei den Hanfprodukten zeigte sich ein leichter Preisanstieg. Es wurde insgesamt mehr Stoff auf einmal eingekauft – analog der Hamsterkäufe in den Supermärkten. Die Hälfte der Befragten gaben an, bestimmte Substanzen häufiger zu konsumieren. Am meisten wurde dabei genannt, dass durch den Wegfall von beruflichen Verpflichtungen mehr Gelegenheiten zum Konsum vorhanden waren. Ein Drittel gab an, seltener zu konsumieren, dies insbesondere weil aufgrund des Veranstaltungsverbots weniger Konsumgelegenheiten (z.B auf Partys) vorhanden waren. Ein weiteres Drittel gab an, häufiger allein zu konsumieren. Zudem fand aufgrund der fehlenden Ausgehmöglichkeiten tatsächlich eine Verlagerung von den zuvor stärker verbreiteten Stimulanzien wie MDMA, XTC und Kokain hin zu Alkohol und Cannabisprodukten.

Personen mit Abhängigkeitserkrankungen sind oftmals mehrfacherkrankt (psychische und körperliche Erkrankungen zusätzlich zu den Substanzgebrauchs-Störungen). Wenn also das öffentliche Leben stillsteht, leiden diese Menschen besonders. Viele unserer Klient*innen sind sozial sehr isoliert, daher waren sie sehr froh und dankbar, dass wir immer erreichbar für sie waren.

Unser Beratungszentrum in der Mülhauserstrasse 111 war zwar geschlossen, aber wir waren für die Menschen präsent, telefonisch wie auch per E-Mail. In besonderen Einzelfällen auch persönlich.

Auch nahmen wir weiterhin neue Fälle auf und berieten diese erstmals telefonisch. Natürlich gibt es Personen, die sich mit der telefonischen Beratung etwas schwer tun und Mühe haben, sich darauf einzulassen. Wir merkten, wie wichtig die Merkmale Gestik und Mimik in unserem Alltag sind.

«Wir merkten, wie wichtig die Merkmale Gestik und Mimik in unserem Alltag sind.»

Wir wurden auch überrascht. Von einem Klient beispielsweise, der zu Beginn ziemlich zurückhaltend war, und sich dann in weiteren Gesprächen am Telefon öffnen konnte. Wir konnten bei ihm telefonisch viel stärker fokussieren als im direkten Gespräch.

Grundsätzlich wurde die Corona-Zeit aus Sicht unserer Klient*innen sehr unterschiedlich erlebt. Generell wird die Zeit, in der man keine Kontrolle über den Alltag hat, als eher belastend empfunden. Fehlt die Tagesstruktur, ist das Risiko mehr zu konsumieren ganz klar erhöht. Dies gilt auch für Personen, die bisher keine Suchtprobleme hatten. Die Corona-Krise kann zwar Süchte verstärken – viele Menschen haben aber die Chance auch genutzt, um ihr Konsumverhalten zu überdenken.

Jetzt können wir seit rund zwei Wochen unsere Klient*innen wieder persönlich empfangen. Die Freude darüber ist auf beiden Seiten gross! Wir leben vom Kontakt mit Menschen und dieser hat eindeutig gefehlt am Telefon. Aber wir haben von der Krise gelernt, dass es auch Alternativen gibt.

Was Safer Dance angeht, bereiten wir uns auf ein paar kleinere Club-Touren vor und hoffen für die Clubs, dass sie bald wieder in den Normalbetrieb gehen können.

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