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Die Prostituierten gehören ins Kleinbasel

Im Milieu rund um die Webergasse ist die Stimmung äusserst schlecht – was ist los? Ein illustrer Kleinbasler Stammtisch nahm sich dem Thema an.

11/24/21, 03:22 AM

Aktualisiert 11/24/21, 09:59 AM

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Das «Gewerbe» hat es alles andere als einfach. Eine strukturell veränderte Nachfrage gegenüber dem klassischen Strassen-Strich-Modell, eine Corona-Pandemie, die auch nach Monaten im Attraktivität der Besuche eines Erotikbetriebs wegen der Erfassung von Kontaktdaten weiter schmälert, und eine problematische Symbiose zwischen der Drogenszene und Gewalt vor Ort, die die freie und sichere Ausübung der Dienstleistungen in den Häusern stören. In der Toleranzzone rund um die Webergasse brodelt es, und die Branche leidet. 

Grund genug, um darüber zu sprechen. Das Stadtteilsekretariat Kleinbasel lud zum erweiterten Stammtisch im Didi Offensiv ein. Erweitert deshalb, weil zehn illustre Gäste da waren, um gemeinsam mit Betroffenen und Anwohner*innen zu diskutieren.  

Treffen beim kleinStadtgespräch: Es wird diskutiert und zugehört.

Treffen beim kleinStadtgespräch: Es wird diskutiert und zugehört. (Foto: Stadtteilsekretaria Kleinbasel)

Anwesende darunter waren:

Andrea Strähl, GLP. Initiantin der «Petition zur Wahrung der Lebensqualität im Bermudadreieck»: «Es geht nicht drum die Toleranzone zu verdrängen sondern um die Begleiterscheinung der Überhand gewinnenden Drogenszene.»

Nicole Boss, Betreiberin eines «Hauses» an der Webergasse: «Gewalttätige Fälle häufen sich auch gegenüber Professionellen.»

Hanna Lindenfelser, Fachstelle für Frauen im Sexgewerbe Aliena: «Sex-Arbeiterinnen werden gefragt, ob sie auch Drogen verkaufen würden.»

Patrick Gerber, Ressortleiter Spezialfahndung : «Die Drogen- und Gewaltproblematik hat sich in der Webergasse intensiviert.»

Sonja Roest Leiterin Fachreferat des Justizdepartements: «Ich begrüsse sehr, dass sich der Konfliktpunkt nicht nur rund um die Frauen aus dem Gewerbe dreht.»

Sascha Lüthi, im Community Policing tätig, kennt die Webergasse seit 20 Jahren: «Wir können nicht noch präsenter sein, noch mehr Polizei geht nicht.»

Wendy Jerman, Fachstelle Diversität und Integration, Vertreterin der Stadtplanung: «Es ist die Aufgabe der Stadtentwicklung, Toleranzzonen zu erschaffen.»

Stefan Gasser, Oberleutnant und Leiter des Bezirks Klein Basel: «Als Polizei schaffen wir das nicht alleine. Es braucht Zeit, Geduld, Ressourcen und vor allem Zusammenarbeit.»

Corona als Katalysator des Pulverfasses

«Ich bin ein wahrer Anwohner, bei mir sitzen sie auf der Treppe», erklärt der Herr im schwarzen Rollkragenpullover seine Sicht der Dinge. Mit «sie» meint der Mann aus dem Publikum Drogendealer*innen, die sich neu in seiner Nachbarschaft sehr viel breiter gemacht haben. Der wahre Anwohner führt weiter aus: «Während des Lockdowns war niemand in der Webergasse. Deshalb ergab sich eine sehr gute Möglichkeit, diese Nische einzunehmen.»

Die Polizei sei während dieser Zeit selten durchgefahren, da offensichtlich nicht angeschafft wurde oder sich das Treiben in private Räumlichkeiten verlagert hat. Polizei sei jedenfalls kaum zu sehen gewesen: «Man konnte frei Hand Drogen verkaufen, die Dealer konnten Würfelspiele spielen und sich frei entfalten.» Die Prostitution sei nach den Lockerungen der Massnahmen zurückgekehrt, aber die neu etablierte Szene, «das Andere», und damit sind die Dealer*innen gemeint, das Andere sei nicht mehr verschwunden.

Die Stimme aus dem Publikum fasst das Problem sehr gut zusammen. So vielschichtig die Problemlage und so zahlreich die Diskutant*innen auch waren, so geordnet und konstruktiv verlief die Diskussion.  An dem Abend wird deutlich: Die Anwohner*innen sind an die Sexarbeiter*innen gewöhnt und akzeptieren sie und ihr Gewerbe. Angst macht ihnen hingegen die Dealerei mit all ihren Begleitumständen.

Theres Wernli (links) vom Stadtteilsekretariat Kleinbasel sucht den Dialog direkt mit Betroffenen.

Theres Wernli (links) vom Stadtteilsekretariat Kleinbasel sucht den Dialog direkt mit Betroffenen. (Foto: Stadtteilsekretariat Kleinbasel)

Theres Wernli vom Stadtteilsekretariat Kleinbasel und ihre Mitmoderatorin hatten den Abend so fest im Griff wie ihr Mikrofon. Dieses wurde nicht aus der Hand gegeben, sondern durch die Moderatorinnen bewusst den Diskutierenden hingehalten. Bevor man etwas sagen durfte, musste man coronakonform ein Plastik Säggli über das Mikro stülpen. Hätte man es nicht besser gewusst, hätte es sich mit dieser Massnahme auch um eine unterschwellige Sensibilisierungsidee zum Thema Verhütung handeln können. 

Aber ist es denn wirklich so viel schlimmer geworden? 

Wir erinnern uns. Eine Reportage auf Telebasel rund um die «Kügelidealer*innen» geniesst bis heute Kultstatus. (Hier Link zum Youtube-Video)

«Nein, vermutlich hat sich in den letzten Jahren wenig geändert rund um die bekannten Umstände, aber sicherlich hat sich die Situation intensiviert und wahrscheinlich etwas vergrössert», sagt Oberleutnant Gasser, der das Kleinbasler Millieu seit Jahrzehnten polizeilich eng begleitet.

Wenn Oberleutnant Gasser die Einsatzjournale der polizeilichen Schichten anschaut, steht selten etwas, das auf zunehmende kriminelle Energie in der Webergasse schliessen lässt. Das muss aber nichts heissen: «Weil oft keine Anzeige erstattet wird, greift die Polizei entsprechend nicht ein.»

So lebendig die Runde, so harzig verlief die Lösungsfindung. Einig war man sich, dass es sich um eine äusserst komplexe Angelegenheit handelt. Konsens herrschte auch darin, dass die Stadt ein Auge oder zwei auf das Quartier werfen, und sich der Sache annehmen soll.

Den Dealer*innen soll mit prallem Leben zu Leibe gerückt werden. Zum Beispiel schlägt eine Diskussionsteilnehmerin vor, man könnte die Strasse weiter durch Bar- und Restaurationsbetriebe beleben. Allerdings ist das auch ein zweischneidiges Schwert. Denn, vereinfacht gesagt, sind die Dealer*innen auch ein Schutz gegen die Gentrifizieung und Mietpreise, die die Prostituierten nicht mehr bezahlen könnten. Wenn die Aufwertung vorangetrieben wird, verlieren die Sexarbeiterinnen möglicherweise einen niederschwelligen Ort zur Ausübung ihrer Dienstleistung, bringt Sonja Roest vom Justizdepartement das Dilemma auf den Punkt.

Wie weiter? 

Eine Frage, die an diesem Abend völlig unbestritten war – und das macht das Vorgehen so einzigartig – war die, ob Prostitution hier im Bermudadreieck Platz haben soll, oder nicht. Offenbar stören sich die Anwohner*innen nicht am Sexgewerbe, solange die Regeln eingehalten werden. «Das gehört halt dazu an diesem Ort», sagt eine Anwohnerin.  

Dass sich der Konfliktpunkt nicht nur rund um die Frauen aus dem Gewerbe dreht, die normalerweise keinerlei Lobby haben, wurde mehrmals begrüsst. So entstand auch keine Grundsatz-Diskussion, ob Prostitution von der Gesellschaft überwunden werden sollte oder nicht. 

Der konstruktivste aller Ansätze ist der Runde Tisch, da scheinen sich alle Teilnehmer*innen einig zu sein. Sie wollen ihn weiter fördern und die bis anhin nicht anwesenden Milieubetreiber*innen und die nicht repräsentierte Stimme der Arbeiter*innen auch in die Diskussion und Lösungsfindung einbinden. 

Und so endete der Abend und der Ball lag wieder in der Ecke der Diskussionsveranstalterin Therese Wernli. Diese versprach allen beteiligten Akteur*innen die Voten aufzunehmen und weiter zu bearbeiten. Damit die Diskussion nicht versandet.

Stoff für den Stammtisch? Liefern wir!

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