Die Freie Szene übt sich in Ungeduld

Während freischaffende Künstler*innen darauf warten, dass die Basler Regierung die Kulturpauschale umsetzt, klopft beim Kanton auch das Theater Basel mit der Bitte um mehr Subventionen an.

Dock Basel
Das DOCK in Basel könnte die neuen Fördergelder gut gebrauchen – um Honorare zu zahlen. (Quelle: DOCK Basel)

Das Geld in der Szene der freien Kulturschaffenden ist knapp. Seit drei Jahren warten sie auf die Umsetzung der Trinkgeld-Initiative, die der Alternativkultur mehr finanzielle Mittel bringen soll.

Der Kanton dreht momentan an mehreren Schrauben, um verschiedene Institutionen und Projekte zu fördern. Eine höhere Kulturpauschale ist angedacht, eine Clubförderung, Recherchebeiträge und auch die Erhöhung des kantonalen Globalbudgets für das Theater Basel steht an. 

Es tut sich was. Die Frage ist nur: Wann geht’s los? 

Wann das Geld kommt und wie hoch genau die Förderung ausfällt, treibt Katharina Good und viele andere freie Kulturschaffende um. Good ist unter anderem Vorstandsmitglied im DOCK, einem unabhängigen Kunstraum in der Klybeckstrasse. Sie war Teil einer Begleitgruppe aus sechs Mitgliedern, die nach Annahme der Initiative in einem Workshop des Regierungsrats zusammengearbeitet hat. In der Gruppe waren verschiedene künstlerische Sparten und Szenen vertreten.

Worauf wartet die Freie Szene?

Die höhere Kulturpauschale wird von der Freien Kulturszene seit mehr als zwei Jahren herbeigesehnt. Bereits im November 2020 hat die Basler Stimmbevölkerung deutlich Ja zur «Trinkgeld-Initiative» gesagt. Knapp ein Jahr später, im Oktober 2021 hat der Regierungsrat einen Vorschlag vorgelegt, wie er die Initiative umsetzen möchte. Im März 2022 legte der Regierungsrat einen «Ratschlag betreffend ‹Rahmenausgabenbewilligung für die Kulturpauschale des Kantons Basel-Stadt für die Jahre Juli 2023 bis Dezember 2026/2029› vor. Dabei geht es vor allem darum, die «Jugend- und Alternativkultur» zu stärken: mit mindestens fünf Prozent des Kulturbudgets. Ein Ratschlag für die Förderung der Clubkultur wird separat erarbeitet.

«Wir wissen nicht sicher, ob die Kulturpauschale wie vorgeschlagen kommt. Bald soll der Vorschlag in die Bildungs- und Kulturkommission gehen», sagt Katharina Good. Einige Politiker*innen hätten sich zwar zuversichtlich gezeigt, meint sie. Aber eine Garantie gibt es nicht, der Grosse Rat muss den Vorschlag noch absegnen. Die Geschäfte zu Kulturpauschale und Clubförderung sind bisher nicht traktandiert, ob darüber vor der Sommerpause abgestimmt wird, steht noch nicht fest.

Sorge spürt Katharina Good nicht, eher Ungeduld: «Wir sind nicht ängstlich, sondern wollen zeigen, dass wir einen Bedarf für Fördergefässe haben und darauf schon seit Jahren warten.» Ein wichtiges Ziel sei es, dass sie vom DOCK die Honorare für Ausstellungen zahlen können. Deshalb seien neue Fördermöglichkeiten so wichtig. «Damit kommen wir dem einen Schritt näher.»

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«Wir wissen nicht sicher, ob die Kulturpauschale wie vorgeschlagen kommt.»

– Katharina Good, Vorstandsmitglied im DOCK

Momentan bekomme das DOCK 25’000 Franken im Jahr, einen sogenannten Kleinst-Betriebsbetrag. «Das reicht genau für die Miete. Davon ist dann noch kein Kunstprogramm bezahlt. Es ist eine Wahnsinnsarbeit, an Fördermittel zu kommen und bedeutet eine psychische Belastung, wenn man keine Planbarkeit hat, auch finanziell.» Auch auf die etablierten Gefässe könne man sich nicht verlassen, sagt Good.

Wie soll die Trinkgeld-Initiative umgesetzt werden?
  • Kulturpauschale: Die neu konzipierte Kulturpauschale soll mehr Vielfalt im kulturellen Schaffens ermöglichen und die Alternativkultur stärken. Teil der Kulturpauschale soll eine ausgebaute Einzelprojektförderung sein. Für die Umsetzung der Kulturpauschale beantragt der Regierungsrat vom Grossen Rat in den Jahren 2023 bis 2026/2029 Ausgaben von insgesamt 4,955 Mio. Franken zu bewilligen.
  • Recherchebeiträge: Diese Förderung soll es Kulturschaffenden ermöglichen, unabhängig von einem konkreten Endprodukt neue Ideen zu entwickeln. Sie sollen so tiefer in Themen einsteigen können, ohne gleich eine fertige Projektbeschreibung für ein Fördergesuch vorlegen zu müssen. Die Abteilung Kultur Basel-Stadt lancierte im Oktober eine Pilotausschreibung für solche ergebnisoffenen Förderbeiträge in der Höhe von 5’000 bis 20'000 Franken.
  • Clubförderung: Der Regierungsrat schlägt dem Grossen Rat vor, dass Clubs mit Sitz in Basel-Stadt Fördergelder beantragen können, «sofern sie ihrem Publikum unabhängig von kommerziellen Mechanismen ein vielfältiges und qualitativ hochstehendes Live-Programm von Musik über Kleinkunst bis zu Spoken Word bieten». Bedingung ist ausserdem, dass sie faire Honorare und Gagen zahlen.

Der neu vorgesehene Recherchebeitrag würde einen Unterschied machen, sagt Katharina Good. «Von manchen wurde das als Grundeinkommen verstanden, es ist aber einfach ein Teil vom künstlerischen Projekt, der gemacht werden muss. Häufig finanzieren sich Künstler*innen das mit einem anderen Job quer. Und mit einmalig 5000 Franken kann ja niemand lange den Lebensunterhalt bezahlen.»

«Die Recherchebeiträge sind eine wichtige Erneuerung, die ermöglicht, an einem Thema vertieft und bezahlt zu forschen», sagt auch Ruth Widmer, die wie Katharina Good Mitglied in der Begleitgruppe war und sich für die Umsetzung der Trinkgeld-Initiative einsetzt. Widmer ist Theaterschaffende und Gründerin der Koalition der Freien Kulturszene Basel. «Ich wäre früher froh gewesen um solch eine Förderung. Bei jedem Theaterprojekt, das ich durchführte, ging eine Recherchearbeit voraus, die unbezahlt nebenbei gemacht werden musste.» Ein Phänomen, das bekannt ist: Viele Künstler*innen in der Freien Szene gehen nebenbei noch anderen Jobs nach, um über die Runden zu kommen.

Mehr Förderung und mehr Bürokratie?

Im Grossen Rat wird eventuell erst im September über die Förderung abgestimmt. Wie schätzen momentan Mitglieder der Bildungs- und Kulturkommission (BKK) die Chancen ein, dass die Förderung wie vom Regierungsrat vorgeschlagen (siehe Box) umgesetzt wird?

«Zu den Chancen des Vorschlags möchte ich mich nicht konkret äussern, da es sich um ein laufendes Geschäft handelt», sagt SVP-Grossrat Joël Thüring. «Insgesamt bin ich eher kritisch, ich war damals auch gegen die Trinkgeld-Initiative. Wir von der SVP wollten, dass das neu gesprochene Geld kompensiert wird innerhalb des Kulturbudgets. Ich denke aber, dass das Anliegen eine Mehrheit finden wird.»

Kritisch sieht Thüring, dass die neue Förderung auch mehr organisatorischen Aufwand auf Seiten des Kantons bedeutet. «Ich bin skeptisch, ob die Mittel dort ankommen, wo sie erwartet werden oder ob sie nicht in Teilen in Administration und Bürokratie versanden.»

SP-Grossrätin Sasha Mazzotti erwartet ebenfalls, dass die Kulturpauschale am Ende durchkommt. «Aber sie wird sicher nicht einfach durchgewinkt, es wird Diskussionen geben.» Den kritisierten Verwaltungsmehraufwand findet sie nicht entscheidend: «Ich bin froh, dass es die Förderung geben soll und dass der Ratschlag so sorgfältig und breit abgestützt erarbeitet wurde.»

Joël Thüring

«Ich bin skeptisch, ob die Mittel dort ankommen, wo sie erwartet werden oder ob sie nicht in Teilen in Administration und Bürokratie versanden.»

– Joël Thüring, SVP-Grossrat und BKK-Mitglied

Zur Umsetzung der «Trinkgeld-Initiative» zählt nicht nur Musik und visuelle Kunst, sondern auch die Förderung der Clubkultur. Mazzotti glaubt, dass deren Umsetzung heftiger diskutiert werden wird als die Kulturpauschale. «Die Clubförderung ist nochmal ein separater Ratschlag. Ich habe das Gefühl, der wird es ein bisschen schwerer haben im Grossen Rat. Was ich raushöre, ist, dass Clubs als kommerziell wahrgenommen werden und nicht verstanden wird, wieso das gefördert werden muss.»

Während die Freie Szene auf einen Zustupf hier und dort hofft, möchte auch das Theater Basel zusätzliche Mittel. Vergangene Woche beantragte der Regierungsrat dem Grossen Rat, dem Theater für den Zeitraum ab 2023 bis 2027 einen um 700’000 Franken höheren Betriebsbeitrag pro Jahr zu bewilligen. Insgesamt würde das Theater so jährlich gut 47 Millionen Franken an Subventionen vom Kanton bekommen. Das Theater Basel ist bereits jetzt die Basler Kulturinstitution, die mit Abstand am meisten Geld vom Kanton erhält. Danach folgt das Kunstmuseum Basel mit rund 19,8 Millionen Franken jährlich.

Eine Frage, die in der Debatte um Kulturmittel mitschwingt: Ist es fair, dass die Freie Szene jahrelang um mehr Mittel kämpfen musste und es eine Initiative brauchte, während das Theater Basel relativ unproblematisch einen Antrag auf Beitragserhöhung stellen kann? «Wir können es nur begrüssen, wenn das Theater Basel mehr Geld bekommt, wenn höhere Kosten und weniger Einnahmen auftreten», sagt DOCK-Vorstandsmitglied Katharina Good. «Das wäre bei uns nicht möglich; uns wird immer gesagt, der Kanton muss sparen. Aber was wir ausdrücklich nicht wollen, ist eine Kürzung der Mittel von grossen Institutionen.» Die alternative Kultur dürfe nicht gegen die sogenannte hohe Kultur ausgespielt werden, sagt Good. «Diese Häuser haben auch tolle Projekte, aber eben mehr Planbarkeit und die Möglichkeit, eine faire Entlohnung zu zahlen. Das ist auch eine Verantwortung.»

Wenn sich die Stadt zu einem Dreispartenhaus bekennt, habe sie dafür zu sorgen, dass die Menschen zu guten Arbeitsbedingungen arbeiten können und die Grundkosten gedeckt sind, meint auch die Theaterschaffende Ruth Widmer. «Es spielt keine Rolle, ob ich persönlich ins Theater gehe oder nicht. Es gibt vieles vom grossen Kulturangebot in dieser Stadt, das ich nicht nutze, jedoch Basel bereichert. Basel nennt sich Kulturstadt und verfügt über ein vielfältiges und spannendes Angebot, was ich nicht missen möchte.»

SVP-Grossrat Joel Thüring sieht das anders. Mit Blick auf die Gesamtsumme fürs Theater erschliesse sich ihm nicht, warum sich der Kanton ein grosses Dreispartenhaus leistet, «wo letztlich der Grossteil der Basler Bevölkerung nicht hingeht». Deshalb bräuchte es für ihn derzeit sehr viele gute Argumente, um einer Erhöhung des Theater-Beitrags zuzustimmen. 

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«Wir wollten auch nicht kurzfristig Mitarbeitende entlassen, indem wir zum Beispiel einfach das Foyer Public schliessen.»

– Michael Willi, Verwaltungsratspräsident der Theatergenossenschaft Basel

Das Theater Basel begründet den erhöhten Budgetbedarf vor allem mit höheren Kosten und weniger Einnahmen: «Auswirkungen der Pandemie, sehr plötzlich und sehr stark gestiegene Energiekosten und Teuerung auf Grund des russischen Krieges gegen die Ukraine haben es notwendig gemacht, für die bereits geplante Spielzeit 23/24 Massnahmen zur Finanzierung zu treffen», sagt Michael Willi, Verwaltungsratspräsident der Theatergenossenschaft Basel gegenüber Bajour. «Wir wollten auch nicht kurzfristig Mitarbeitende entlassen, indem wir zum Beispiel einfach das Foyer Public schliessen. Das Theater hat jetzt noch etwas Zeit, Massnahmen zu erarbeiten, die nachhaltig wirksam sind und das Theater zukunftsfähig machen», sagt Willi.

Auch Katrin Grögel, Leiterin Abteilung Kultur beim Kanton Basel-Stadt, verteidigt die zusätzlichen Mittel. «Das Theater Basel gleicht bereits einen hohen Anteil der Kostensteigerungen durch interne Kompensationen und Verschiebungen aus.» Die höheren Ausgaben seien nur teilweise voraussehbar gewesen. Und da rund 85 Prozent der Budgets Personalkosten seien, habe das Theater nur begrenzte Möglichkeiten, kurzfristig an anderen Orten Geld einzusparen.

Aber auch die Künstler*innen der Freien Szene sind zum Beispiel von höheren Energiekosten betroffen. «Bei der Beurteilung von Staatsbeiträgen wird für alle Institutionen dasselbe Mass angelegt», sagt Grögel. Die Gleichbehandlung werde gewahrt. «Das Theater Basel ist der wichtigste Arbeitgeber im Kulturbereich in der Region und strahlt mit seiner Leistung national und international aus», sagt Grögel.

Sasha Mazzotti

«Früher war es selbstverständlich, das Theater als Hochkultur zu subventionieren.»

– Sasha Mazzotti, SP-Grossrätin und BKK-Mitglied

Während es bei der Clubförderung Zweifel gibt, scheint es klar, dass der Grosse Rat den höheren Subventionen für das Theater Basel zustimmt.

«Ich habe es noch nie erlebt, dass es eine Ablehnung der Mittelerhöhung fürs Theater Basel gegeben hat», sagt Thüring, der seit 2013 in der Bildungs- und Kulturkommission sitzt. Sasha Mazzotti ist sich nicht ganz so sicher, wie die Diskussion im Grossen Rat laufen wird. Sie habe den Eindruck, dass sich die Stimmung in der Politik verändert hat. «Früher war es selbstverständlich, das Theater als Hochkultur zu subventionieren. Heute gibt es diese Trennung nicht mehr so stark. Es gehört nicht mehr einfach zum guten Ton, ein Abo zu haben.» 

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