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Wenn du Flugangst hast, solltest du das lesen

Die Flugsicherheit hat sich im vergangenen Jahr nochmals verbessert: Noch nie gab es so wenig UnfÀlle, bezogen auf die 3,8 Milliarden Menschen, die 2022 in einem Flugzeug unterwegs waren.

01/02/23, 04:00 AM

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Die Sicherheit im Flugverkehr wird stetig höher.

Die Sicherheit im Flugverkehr wird stetig höher. (Foto: Suhyeon Choi / Unsplash)

In der Flugbranche gilt: Ein Unfall ist einer zu viel. Dieses seit Jahren geltende Credo zahlt sich aus. Der Luftverkehr hat zwar enorm zugenommen, aber die Anzahl der AbstĂŒrze, Fast-Katastrophen, Bruchlandungen oder Ă€hnliche ZwischenfĂ€lle haben ĂŒber die Jahre abgenommen. So massiv, dass beispielsweise die registrierte Zahl der Toten durch einen einzigen Grossunfall, statistisch gesehen, einen massiven Ausreisser nach oben bedeuten wĂŒrde.

Im vergangenen Jahr gab es vier FlugunfÀlle mit insgesamt 187 Toten (Stand 31.12.2022). Gewiss: 187 zu viel. Aber wie viel wurde geflogen? 3,8 Milliarden Menschen waren 2022 unterwegs, nicht ganz so viele wie vor Corona, aber fast.

Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugunfall ums Leben zu kommen, ist sehr tief. Der Verband der Fluggesellschaften International Air Transport Association (IATA) rechnet vor: Bei einem Sterberisiko von 0,13 fĂŒr eine Million Flugreisen (Wert vom Jahr 2020) mĂŒsste eine Person im Durchschnitt 461 Jahre lang tĂ€glich mit dem Flugzeug reisen, um einen Unfall mit mindestens einem Todesopfer zu erleben. Und wenn eine Person selbst ums Leben kommt, mĂŒsste diese, statistisch gesehen natĂŒrlich, 20’932 Jahre lang jeden Tag fliegen. Zwanzigtausendneunhundertzweiunddreissig Jahre lang 
 Um Himmels Willen.

«Die Sicherheit in der Luftfahrt hat sich ĂŒber viele Jahrzehnte hinweg kontinuierlich verbessert.»

Mark Searle, zustĂ€ndig fĂŒrs Dossier Sicherheit bei IATA

«Die Sicherheit in der Luftfahrt hat sich ĂŒber viele Jahrzehnte hinweg kontinuierlich verbessert, so dass UnfĂ€lle seltener geworden sind und bestimmte Arten von UnfĂ€llen besser ĂŒberlebt werden können», sagt Mark Searle, zustĂ€ndig fĂŒr das Dossier Sicherheit bei der IATA. Die GrĂŒnde dafĂŒr sind vielfĂ€ltig. Einer der wichtigsten ist die gut etablierte Zusammenarbeit der gesamten Branche beim Thema Sicherheit. Das betrifft Fluggesellschaften, Flugzeug-, Triebwerk- und Avionikhersteller gleichermassen. Bestimmungsfaktoren sind der technische Fortschritt, die Organisation des Luftverkehrs, Flugprozeduren und noch einiges mehr. Die IATA verlangt von ihren Mitgliedern, dass sie sich in regelmĂ€ssigen AbstĂ€nden dem IATA Operational Safety Audit (IOSA) stellen. Es ist offenbar ein Erfolgsmodell. IOSA-zertifizierte Fluggesellschaften sind gemĂ€ss der IATA-Statistik sicherer.

Auch Flugverkehrskontrollen und FlughĂ€fen tragen eine wichtige Rolle. Das zeigte die Kollision eines Feuerwehrautos mit einer startenden Maschine in Lima vor gut einem Monat, absurderweise wĂ€hrend einer KatastrophenĂŒbung. Die beiden Feuerwehrleute im Auto starben. Der Auslöser der Beinahe-Megakatastrophe dĂŒrfte die mangelhafte Kommunikation gewesen sein. Klare und eindeutige VerstĂ€ndigung ist extrem wichtig, immer, ĂŒberall: Im Cockpit, zwischen Mensch und Maschine, zwischen Cockpit und Fluglotsen, in der Kabine, am Boden.

Nicht zuletzt ist die Branche extrem streng reglementiert und steht unter den Argusaugen nationaler oder internationaler Aufsichtsbehörden. Bei FlugunfĂ€llen oder gefĂ€hrlichen Situationen verlangen diese von den Fluggesellschaften, Herstellern etc. lĂŒckenlose AuskĂŒnfte. Selbst scheinbar unbedeutende VorfĂ€lle könnten Hinweise auf möglicherweise gefĂ€hrliche Situationen geben. Und es werden, wenn immer möglich, Lehren daraus gezogen.

Katastrophen Uebung am  Dienstag 22.November 2011 auf dem Flughafen Lugano-Agno.Ein Ziviles  Flugzeug stiess mit einer Kursmaschine der Darwine Airlines,rechts zusammen.(KEYSTONE/Karl Mathis)

FlugunfÀlle werden akribisch aufgearbeitet. ErnstfÀlle werden erprobt, wie hier am Flughafen Lugano-Agno. (Foto: KEYSTONE/Karl Mathis)

Durch die relativ geringe Zahl der UnfĂ€lle in der kommerziellen Zivilluftfahrt erhĂ€lt ein einzelner Vorfall in der Statistik hohes Gewicht. Auch die GrĂŒnde, warum Flugzeuge abstĂŒrzen, sind, auf ein einzelnes Kalenderjahr bezogen, nicht sehr aussagekrĂ€ftig. Über die lange Frist sind nach wie vor Pilot*innenfehler, schwierige Wetterlagen und technische Pannen die Ursache, sagen Fachleute. Meist resultieren UnfĂ€lle aus einer Verkettung von unglĂŒcklichen UmstĂ€nden.

Trotzdem nachfolgend eine Zusammenstellung der UN-Organisation fĂŒr Zivilluftfahrt ICAO fĂŒr das Jahr 2021. Die meisten UnfĂ€lle, bei denen Flugpersonal oder Passagiere schwer verletzt wurden, ereigneten sich in der Kategorie «Turbulenzen». Die vier tödlichen UnfĂ€lle lassen sich in zwei Kategorien einteilen: zwei UnfĂ€lle im «kontrollierten Flug ins oder auf das GelĂ€nde» (wegen schlechter Sicht oder FehleinschĂ€tzung der Situation) mit 32 Todesopfern, und zwei UnfĂ€lle mit «Kontrollverlust wĂ€hrend des Fluges» mit 72 Todesopfern.

UnfÀlle, die erhebliche SchÀden an Flugzeugen verursachten, waren abrupte Manöver, «anormaler Landebahnkontakt», Bodenkollision, Vereisung, Bodenabfertigung und System-/Komponentenausfall oder -störung.

In «All Accidents» sind auch «Blechschaden» ab 1 Mio. $ oder 10% des Flugzeugwerts inbegriffen.

In «All Accidents» sind auch «Blechschaden» ab 1 Mio. $ oder 10% des Flugzeugwerts inbegriffen. (Foto: IATA Safety Fact Sheet)

Der schlimmste Unfall im Jahr 2022 war der Absturz einer Boeing 737 in der chinesischen Provinz Tengxian mit 132 Toten. Sie war unterwegs von Kunming nach Guangzhou bei Hongkong. Offiziell ist die Ursache noch nicht geklĂ€rt, doch hartnĂ€ckig halten sich die GerĂŒchte, dass die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht worden sei. Sie flog mit grosser Geschwindigkeit senkrecht in den Boden, ohne dass Klappen oder Fahrwerke ausgefahren waren. Und aus dem Cockpit kam kein Notruf.

Es wĂ€re nicht die erste Katastrophe, die absichtlich herbeigefĂŒhrt wurde. Ein solcher Absturz mit Absicht ist  die Germanwings-Katastrophe in den französischen Westalpen im Jahr 2015. GemĂ€ss den Untersuchungsbehörden ist es erwiesen, dass der Pilot Suizid begehen wollte. Werden andere Menschen mit in den Tod gerissen, wird in der nĂŒchternen Fachsprache von «erweitertem Suizid» gesprochen. Lufthansa, der Mutterkonzern von Germanwings, kĂŒndete an, dass ihre Pilot*innen vermehrt auch psychisch untersucht wĂŒrden, um SuizidgefĂ€hrdete eruieren zu können.

Eine Notiz zum Schluss: Die offizielle Flugunfallstatistik umfasst nur Flugzeuge ĂŒber 5,7 Tonnen Abfluggewicht. TerroranschlĂ€ge, Krieg, Schulungs- und TestflĂŒge sind ausgeschlossen.

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