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Jüdisches Neujahrsfest

«Ich möchte als Schweizerin wahrgenommen werden»

Die National- und Ständeratswahlen rücken näher. Während der Wahlkampf in die heisse Phase geht, feiert die jüdische Gemeinschaft an diesem Wochenende das Neujahrsfest Rosch Haschana. Welche politischen Themen bewegen die Jüd*innen in Basel zu Beginn des Jahres 5784?

10/06/23, 01:48 PM

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Am jüdischen Neujahr wird traditionell das Schofar aus Widderhorn geblasen.

Am jüdischen Neujahr wird traditionell das Schofar aus Widderhorn geblasen. (Foto: Pixabay)

Das Jahr «Null» ist nach jüdischem Glauben das Jahr, an dem Gott die Welt erschaffen haben soll. Das Fest Rosch Haschana – wörtlich übersetzt «Kopf des Jahres» – erinnert an die Schöpfung der Welt. Auch in Basel wird am jüdischen Neujahr das Widderhorn (Schofar) geblasen, Äpfel werden in Honig getunkt und man wünscht seinen Liebsten ein «süsses neues Jahr». 

«Schana Towa!» 

Am jüdischen Feiertag Rosch Haschana begeht die jüdische Gemeinschaft weltweit den Anfang des Jahres. Der jüdische und der gregorianische Kalender verlaufen versetzt, das jüdische Jahr beginnt drei bis vier Monate vorher. Traditionell wird an diesem Feiertag das Schofar, ein Instrument aus Widderhorn geblasen. Nach Rosch Haschana beginnen die Tage der Reue und Umkehr. In diesen zehn Tagen soll sich der Mensch mit den Mitmenschen versöhnen und am Jom Kippur, der dieses Jahr am Abend des 24. September beginnt, folgt dann die Versöhnung mit Gott. Wer seinen jüdischen Freund*innen ein gutes neues Jahr wünschen möchte, sagt «Schana Towa!». Zudem sagt man im jiddischen «a gid rosch!», was auf Deutsch: «einen guten Anfang!» heisst. Möglicherweise stammt daher der Silvestergruss «Guten Rutsch!». Aktuell beginnt nun das jüdische Jahr 5784. 

Wie aber schätzen Jüd*innen in Basel die aktuelle Situation zum Jahreswechsel im Hinblick auf die Wahlen ein? In welcher Partei fühlen sich jüdische Menschen wohl? Eindeutige Antworten gibt es nicht:

Für lange Zeit fühlten sich viele Jüd*innen eher bei den Linken zu Hause, weil die Israelbegeisterung in der SP bei vielen über den Sechstagekrieg hinaus andauerte. Doch mit den Jahren wurden auch innerhalb der SP immer mehr antizionistische Töne laut; die Partei stellt sich im Israel-Palästina-Konflikt vor allem auf die Seiten der Pästinenser*innen. Dies ist auch der Grund dafür, weshalb vereinzelte Mitglieder der SP die BDS-Bewegung (Boykott-Desinvestition-Sanktionen gegen Israel) unterstützen.

Die SVP hingegen gibt sich zwar eindeutig proisraelisch, äussert sich im Wahlkampf aber vehement gegen Minderheiten. Bleibt also nur die Mitte? Es ist nicht einfach für viele Jüd*innen, sich politisch zu verorten. 

Bleibt die politische Mitte? 

Anna*, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, missfallen die ausländerfeindlichen Töne im Wahlkampf. Sie ist Mitglied in der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) und in der jüdischen Gemeinschaft verwurzelt. Mittlerweile verspüre sie eine Art «Ohnmacht», weil die Stereotypen gegen Minderheiten seitens der SVP alle vier Jahre wieder eingesetzt würden, um Wähler*innenstimmen zu gewinnen. 

Auch Journalist Peter Bollag, der jüngst ein Wahlpodium in der IGB moderierte, an dem sich Nationalratskandidat*innen der grossen Parteien den Fragen der Mitglieder stellten, sagt zu Bajour, dass nicht zuletzt ältere jüdische Menschen bei der Propaganda der SVP ein mehr als ungutes Gefühl hätten.

Die jüdische Bevölkerung in Basel ist seit Jahrzehnten verwurzelt und integriert.

Die jüdische Bevölkerung in Basel ist seit Jahrzehnten verwurzelt und integriert. (Foto: Valerie Wendenburg)

Während sich die SVP allerdings so uneingeschränkt zu Israel bekennt wie keine andere Partei, würden SP und Grüne bei diesem Thema manchmal ein wenig zu fremdeln scheinen, erklärt Bollag weiter. Anna beunruhigt dieses Fremdeln sehr: «Früher haben ausschliesslich die rechten Parteien gegen Minderheiten gewettert und wir Jüd*innen fühlten uns von den Linken unterstützt. Das hat sich nun stark gewandelt.» 

Vertreter*innen der SP äusserten sich zwar nicht gegen die jüdische Bevölkerung. Aufgrund ihres Engagements für Palästina sind diese aber durchaus israelkritisch. «Kritik an Israel führt zu Kritik an Jüd*innen. Das empfinde ich als belastend», sagt Anna. «Wir Schweizer Jüd*innen sind ja nicht verantwortlich für die israelische Politik. Es heisst auch nicht, dass wir hinter ihr stehen, nur weil wir jüdisch sind», so die Juristin. «Niemand käme auf die Idee, Katholik*innen in der Schweiz für die Aktionen oder die Politik der IRA in Nordirland verantwortlich zu machen. Diese eher kritische Haltung gegenüber Jüd*innen in der Schweiz, die seit Jahrzehnten hier verwurzelt und integriert sind, ist nicht immer leicht zu ertragen.» Annas Wunsch wäre es, sich nicht immer wieder rechtfertigen zu müssen. 

Dennoch: «Die SP, einst die beliebteste Partei bei Schweizer Jüdinnen und Juden, geniesst weiterhin Sympathien», ist Bollag überzeugt. Er schätzt die Lage folgendermassen ein: «Angehörige einer religiösen Minderheit nehmen oft reflexartig Partei, wenn es gegen andere Minderheiten geht.» Seiner Ansicht nach müssten sich aus diesem Grund die Parteien in der Mitte und Mitte-Rechts wohl kaum Sorgen um jüdische Stimmen machen, nicht zuletzt auch die in Basel noch immer starken Liberal-Demokraten.

«Medial hat sich die Davos-Geschichte sehr schnell zum Selbstläufer entwickelt»

Ralph Lewin, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG)

Der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), Ralph Lewin, sagt auf Anfrage zu Bajour: «Natürlich verurteilen wir pauschalisierende Urteile gegenüber Minderheiten und das Schüren von Angst vor ihnen.» Er könne aber nicht beurteilen, ob solche in diesem Jahr im Zusammenhang mit den Wahlen häufiger vorgekommen sind als vor vier Jahren. Der SIG beobachtet vor allem antisemitische Vorfälle. «Hier haben wir bisher rund um die Wahlen mit Ausnahme eines unpassenden Nazivergleichs keine spezifischen Beobachtungen gemacht», so der ehemalige Basler Regierungsrat Lewin. 

Der Umgang mit Minderheiten in der Schweiz beschäftigt Ralph Lewin und den SIG sehr. Ein Paradebeispiel, wie aus Einzelfällen auf eine ganze Gruppe geschlossen werde, sei die mediale Berichterstattung über orthodoxe jüdische Touristen in Davos gewesen. Während der Hochsaison hatte es dort Konflikte mit orthodoxen Jüd*innen aus dem Ausland gegeben. So wurde den orthodoxen Touristen seitens Davos Tourismus vorgehalten, sich nicht an die gängigen Regeln im Ort zu halten. Ein Dialogprogramm, das den seit Langem bestehenden Spannungen entgegenwirken sollte, wurde plötzlich beendet.

«Medial hat sich die Davos-Geschichte sehr schnell zum Selbstläufer entwickelt», sagt Lewin. «Wir hatten hier alle Zutaten, die es für so etwas braucht. Eine überraschende Wendung, einen Konflikt zwischen zwei Protagonisten, eine etwas fremde Kultur und das alles sozusagen in der heilen und perfekten Heimatbergwelt, die nun Risse bekommt.» Lewin geht davon aus, dass bei einigen Leser*innen Vorurteile zu jüdischen und insbesondere strengen religiösen Jüd*innen Bestätigung finden. «Wichtig ist auch in diesem Fall die Aufklärung über negative Verallgemeinerungen und Stereotypenwiedergabe», sagt er. 

Eine negative gesellschaftliche Stimmung

Zurück zum Wahlkampf in der Schweiz und rassistischen Äusserungen gegenüber Ausländer*innen und Minderheiten. Peter Jossi, Co-Präsident der Plattform der Liberalen Juden der Schweiz PLJS betont: «Wahlkampfkampagnen gegen einzelne gesellschaftliche Gruppierungen schaffen immer eine allgemein negative gesellschaftliche Stimmung. Selbst wenn heute meist andere Gruppierungen im Fokus stehen, ist dies nie gut für die jüdische Gemeinschaft und zudem aus prinzipiellen Gründen vehement abzulehnen.»

Regelmässig komme es vor, dass antimuslimisch ausgerichtete Kampagnen als angeblich «pro-jüdisch» dargestellt werden. Tatsächlich wird die SVP aufgrund ihres teilweise antimuslimischen Verhaltens oft automatisch als projüdisch wahrgenommen. «Dies ist aus meiner persönlichen Haltung besonders verwerflich und gegen solche falschen Freunde distanziere ich mich in aller Form», sagt Jossi. 

Mit Daniel Jositsch kandidiert nach Ruth Dreifuss erstmals wieder ein SP-Mitglied der jüdischen Gemeinschaft für den Bundesrat. Welche Partei aber ist nun die «richtige»? Diese Frage ist für viele Jüd*innen in der Schweiz nicht eindeutig zu beantworten. Sie haben hinsichtlich der anstehenden Wahlen viele Themen, die sie beschäftigen – im Vordergrund aber steht wohl das Anliegen von Anna*, die sagt: «Ich möchte einfach als Schweizerin wahrgenommen werden».

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*Name ist der Redaktion bekannt

Wir haben unsere Redaktorin Noëmi Laux auf eine Mission geschickt: Sie soll sich unter das Publikum der Art Basel mischen und die exklusivsten Partys ausfindig machen.

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