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Israel / Palästina

«Als würde man unseren Mund zubinden»

An zwei Kundgebungen hätten Personen heute öffentlich ihre Solidarität mit Israel und Palästina ausdrücken wollen. Beiden Kundgebungen wurde aber heute Vormittag die Bewilligung entzogen. Kleine Versammlungen gab es trotzdem.

10/13/23, 09:54 PM

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Blick auf den Barfi um 14 Uhr.

Blick auf den Barfi um 14 Uhr. (Foto: Ernst Field)

An diesem Freitag hätten in Basel zwei Kundgebungen stattfinden sollen: Eine Mahnwache für Israel um 14 und eine Kundgebung unter dem Titel «Stand up for Palestine!» um 17 Uhr. Obwohl beide eine Bewilligung hatten, wurden diese am Freitagmorgen wieder entzogen –  «aus Sicherheitsüberlegungen», wie die Basler Kantonspolizei schreibt. Zu gross war die Befürchtung vor Gewalt. Sie habe die Lage nach dem internationalen Aufruf der Hamas zu Unterstützungsaktionen neu beurteilt, heisst es in der Mitteilung. 

Israel rief seine im Ausland lebenden Staatsbürger*innen zur Vorsicht auf. «Es ist davon auszugehen, dass es in verschiedenen Ländern zu Protestveranstaltungen kommen wird, die in Gewalt umschlagen können», warnten das israelische Aussenministerium und der Nationale Sicherheitsrat des Landes. Auch eine angekündigte Kundgebungen in Zürich wurde wieder abgesagt. Am Tag zuvor kam es in Paris bei einer Pro-Palästina-Demo zu Ausschreitungen.

Trotz der Absagen haben sich am Freitag Unterstützer*innen der beiden Kundgebungen getroffen.

Gemeinsam im Gebet

«Ich bin entsetzt, dass man sowohl bei unserer Mahnwache und auch bei der palästinensischen Demo damit rechnen muss, dass es zu Gewalt kommt», sagt Lea Plüss. Sie ist Vorstandsmitglied von Swiss Church Israel, einer Organisationen mit christlichem Hintergrund, die sich für eine christlich-jüdische Zusammenarbeit engagiert und die Mahnwache mitorganisiert hätte. Um 14 Uhr ist sie am Barfüsserplatz und schickt die Leute, die von der Absage zu spät erfahren haben, wieder nach Hause.

Eine Kundgebung vor Ort gibt es zwar nicht, dafür kommen Personen aus dem Umfeld der «Kontaktgruppe Israel», eines kleinen christlichen Vereins, der beim Aufruf zur Mahnwache mitgeholfen hat, in den Räumlichkeiten einer Basler Freikirche zusammen.

Der Raum ist solidarisch dekoriert.

Der Raum ist solidarisch dekoriert. (Foto: Michelle Isler)

Etwa 15 Personen sitzen auf Holzstühlen in einem grossen Kreis. Die meisten von ihnen haben die Hände gefaltet, die Köpfe gesenkt, Augen geschlossen. Eine Person spricht gerade ein Gebet. «Herr Jesus, ich möchte dich bitten, dass du deinem Volk zu Hilfe kommst.» Ganz leise bringen einige Anwesende ihre Zustimmung zum Ausdruck. Sie murmeln «ja» oder «mmh». Eine junge Frau weint. 

Nach einer Weile stehen zwei Personen auf und verlassen den Raum leise. Eine andere Person liest einen Psalm aus einer kleinen, in Leder eingebundenen Bibel vor. Danach spricht eine nächste wieder ein freies Gebet und bittet Gott für «unsere Brüder und Schwestern», dass er die Synagogen beschützen möge.

Ein Tischtuch mit der Aufschrift "Jerusalem".

Ein Tischtuch mit der Aufschrift "Jerusalem". (Foto: Michelle Isler)

Nach etwa einer Stunde, in der auch Interviewausschnitte mit Personen in Israel aus der Rundschau und einem Podcast von SRF gezeigt werden, ist die Gebetsrunde zu Ende. Taschen werden umgehängt, Hände gedrückt, die meisten kennen sich. 

Cathy Faes winkt den Teilnehmenden zum Abschied, wenn sie den Raum wieder verlassen. Sie ist Vorstandsmitglied der Kontaktgruppe Israel und froh, dass trotz der Absage hier im Gebetsraum Menschen zusammengekommen sind. «Wir stehen auch unabhängig von der aktuellen Situation in einem Austausch mit jüdischen Personen und besuchen auch jüdische Anlässe an den hohen Feiertagen. Die Wurzeln von uns Christen liegen im Judentum und deshalb sind wir ihnen verbunden.»

Cathy Faes fühlt sich mit den Jüd*innen verbunden.

Cathy Faes fühlt sich mit den Jüd*innen verbunden. (Foto: Michelle Isler)

In diesem Raum heute seien zwar keine jüdischen Personen anwesend, «und weil wir zu Jesus gebetet haben, verstehe ich das auch», sagt sie. «Uns war es wichtig, heute hier zusammenzukommen und für Israel zu beten. Wir wollten mit der Mahnwache signalisieren: Ihr seid nicht alleine.» 

Sie habe darauf gewartet, dass jemand auch für die Opfer in Gaza bete. Das habe ihr gefehlt. «Selbst habe ich es nicht gemacht, weil ich glaube, dass es nicht für alle nachvollziehbar gewesen wäre. Darüber möchte ich mit ihnen aber auch noch sprechen und sie fragen, wie das für sie wäre, wenn wir das tun.»

Lukas Kundert wollte etwas organisieren, was den Menschen guttut.

Lukas Kundert wollte etwas organisieren, was den Menschen guttut. (Foto: Michelle Isler)

Nach dem Gebet trifft Lukas Kundert ein. Er ist nicht nur Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt, sondern auch Präsident der Swiss Church Israel und der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft. Dass die Gruppe hier nicht für die Palästinenser*innen in Gaza gebetet hat, überrascht ihn nicht. «Ich glaube, sie kennen das nicht. Ich war kürzlich auf einer Israelreise mit einer christlichen Gebetsgruppe und als ich dann jeweils für die Palästinenser gebetet habe, ist das nicht schlecht angekommen. Ich glaube, sie haben einfach die Worte nicht.»

Kundert hält es für richtig, dass die Mahnwache abgesagt wurde und er versteht auch, dass keine Jüd*innen zu einem christlichen Gebet erschienen sind. «Auf dem Barfüsserplatz wäre das anders gewesen. Dort hätten wir aber etwas Stilles organisiert, das passt für uns besser als eine laute Demo. Etwas, was den Menschen guttut.» Es sei ihm aber wichtig, zu sagen, dass das keine Pro-Israelische-Veranstaltung gewesen wäre. «Von aussen hätte das vielleicht so ausgesehen, weil Personen mit israelischen Flaggen da gewesen wären. Aber wir hätten nicht gewollt, dass Äusserungen gegen Palästinenser gemacht werden. Unser Mitgefühl gilt allen, die unter der Gewalt leiden.»

Bedrückende Stimmung

Kurze Zeit später, Barfüsserplatz. Um 17 Uhr stehen wie schon am früheren Nachmittag viele Journalist*innen herum. Ein paar Menschen sind gekommen, um auf die Situation der Palästinenser*innen aufmerksam zu machen. Auf den Treppen vor dem Historischen Museum sitzt Sulaiman. «Die Stimmung hier ist bedrückt», sagt er. Ein Blick über den Platz bestätigt das. Kaum jemand will öffentlich mit den Medien reden. 

Um 17 Uhr ist es auf dem Barfi ruhig.

Um 17 Uhr ist es auf dem Barfi ruhig. (Foto: Ernst Field)

«Sie haben alle Bilder gesehen in den sozialen Medien, die sie erschüttern, zum Beispiel von Bomben die in den Gazastreifen gefeuert wurden.» Dass sie jetzt ihre Stimme nicht zeigen «und laut gegen das einstehen» können, sei einfach nur bedrückend. «Es fühlt sich so an, als würde man unseren Mund zubinden.»

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