Ma ville

Vor lauter Fahnen den Sinn nicht sehen

In Basel gibt es regelmässig Demos, vor allem die Anzahl Kundgebungen und Mahnwachen ist im vergangenen Jahr gestiegen. Nicht immer ist Kolumnistin Cathérine Miville bewusst, worum es den Demonstrant*innen geht. Trotzdem regen die Aktivist*innen sie zum Nachdenken an.

Miville Demos Basel
Für wen gehen die Menschen in Basel auf die Strasse? (Symbolbild) (Bild: Adobe Stock)

Demos in der Innenstadt nehmen zu. Das gilt vor allem für die Anzahl Kundgebungen und Mahnwachen. Die entsprechende Statistik für 2025 bringt es auf den Punkt: Unser subjektiver Eindruck trügt nicht. Und kaum jemanden lassen die sehr unterschiedlichen Demonstrationen kalt – vor allem die bewegten Protestmärsche erhitzen die Gemüter. 

Wobei in diesem Zusammenhang «bewegt» durchaus doppeldeutig ist. Innerlich bewegt sind Menschen, die demonstrieren und, hoffentlich, gute Beweggründe dafür haben. Im Verwaltungs-Slang werden als bewegte Demos jedoch nur die bezeichnet, bei denen die Teilnehmer*innen durch die Strassen ziehen. Die Empörung über die Häufung steigt vor allem bei Menschen, die nach einem langen Arbeitstag nicht wegen einer Demo heftige Verspätungen bei Trämli und Bussen in Kauf nehmen wollen. Kann man verstehen.

Ich erlebe das Erliegen des Verkehrs häufig am Barfi. Da schauen jeweils nicht wenige zwangsweise den Gruppen mit ihren flatternden Fahnen zu und hören ihre Sprechgesänge. Sie sind dabei empört bis aggressiv oder bleiben resignativ gelassen, selbst wenn sich ihnen die Sinnhaftigkeit von Protesten weit ab von den im Ausland liegenden Konflikten oft nicht erschliesst.

Cathérine Miville
Cathérine Miville – Ma ville

Cathérine Miville ist in Basel geboren und aufgewachsen. Sie unternahm ihre ersten Karriereschritte am Theater Basel, später lebte sie lange Zeit in Deutschland, führte an verschiedenen Häusern und bei Dieter Hildebrandts Sendung «Scheibenwischer» Regie und leitete zuletzt als Intendantin das Stadttheater Giessen. Als vor drei Jahren Mivilles Vater, der Basler SP alt Ständerat Carl Miville-Seiler, starb, beschloss sie, nach Beendigung ihrer Tätigkeit als Intendantin, wieder in Basel zu leben. In ihrer neuen Kolumne «Ma ville» wirft die 70-Jährige regelmässig einen genauen Blick auf das kulturelle Leben in der Stadt und reflektiert, wie sich Basel entwickelt hat.

Ich habe mir angewöhnt, Menschen anzusprechen und höflich nach ihrem Eindruck zu fragen, zum Beispiel nach Theateraufführungen beim Abholen der Garderobe oder eben auch beim Warten am Rand von Demos. Nicht selten ist die Haltung, die in diesen kurzen Gesprächen auf der Strasse zum Ausdruck kommt, erschreckend. Aber ich habe schon wirklich inspirierende, neue Perspektiven auf oft komplexe Fragestellungen erfahren.

Die Zunahme an Demos in Basel macht für mich vor allem die Zunahme an Krisenherden, Kriegen und ungelösten Problemen weltweit deutlich. Spürbar wird auch die wachsende Verzweiflung der Menschen, die gezwungen sind, hilflos aus dem Ausland zuzuschauen, was in ihren Heimatländern geschieht. Oft wissen sie nicht, wie es ihren Freunden und Angehörigen geht und wie es mit ihren Ländern weitergehen wird. Das beschäftigt mich mehr, als die nervige Tatsache, dass immer öfter der Stadtverkehr gestört wird.

Wenn ich Protestzüge beobachte, dann versuche ich natürlich herauszufinden: Wer demonstriert eigentlich und wofür genau? Und dabei scheitere ich regelmässig.

Wobei ich zugeben muss, dass ich ohnehin meist zu Fuss unterwegs bin. Dennoch bleibe ich nicht ungern stehen. Und wenn ich Protestzüge beobachte, dann versuche ich natürlich herauszufinden: Wer demonstriert eigentlich und wofür genau? Und dabei scheitere ich regelmässig. Und daran bin ich durchaus auch selber schuld: Im ersten Jahr im Gymnasium verlangte unser Geografie-Lehrer, dass wir bis Weihnachten alle Länder, Hauptstädte und Flaggen lernen. Im nächsten Vierteljahr kamen die wichtigsten Berge und Flüsse dran und danach die Sprachen und ihr Klang, die wir in einem Sprachlabor vorgeführt bekamen. Diesem Lernmarathon habe ich mich so weit wie irgend möglich entzogen. Heute denke ich: schade. Wie gut wäre es jetzt, wenn ich mehr Ahnung hätte und die Fahnen, Schriftbänder und Sprechchöre bei Demos zumindest geografisch einordnen könnte.

Wobei bei Protestzügen ja oft zahlreiche, ganz verschiedene Flaggen mitgeführt werden. Wie also kann ich erkennen, ob neben den Fahnen der jeweiligen Nationalitäten auch lokale Gruppierung mit regionalen Fahnen ihrer Heimat mitgehen? Ganz abgesehen von den Zielen. Setzen sich die Demonstrierenden für Demokratie ein oder für den Erhalt eines autokratischen Systems? Keine Ahnung. 

Ich frage mich darüber hinaus, ob alle, die in einem Zug mitgehen, mitschreien und mit Fahnen schwenken, wissen, worum es den Organisator*innen, die den Ton angeben, wirklich geht. Wer motiviert hier wen? Instrumentalisiert jemand Mitläufer*innen oder kapert Demos für eigene politische Agenden? Last but not least: Sind Provokateur*innen in den Reihen, deren Hauptziel es ist, Aufmerksamkeit durch Randale zu bekommen oder gar durch Gewalt? Sie schaden Protestzügen und leider auch der Akzeptanz des Demonstrationsrechts – vergleichbar den Sprüher*innen, die durch ihre ewigen Schmierereien die Street Art diskreditieren.

Demo ESC pro-Palästina
Während des ESC in Basel gab es eine grössere, pro-palästinensische Demo. (Bild: Valerie Wendenburg)

Demonstrieren heisst: etwas klar zeigen wollen. Auf den Strassen in Basel wird häufig nichts deutlich. Aber es soll ja nicht nur uns etwas gezeigt werden. Demonstrierende können auch ethnischen und religiösen Gruppierungen oder aus anderen Gründen Verfolgten in ihren Heimatländern zeigen wollen: «Ihr seid nicht alleine, wir denken an euch.» Auch eine Ventilfunktion ist denkbar und eine Stärkung ihres Gemeinschaftsgefühls, um überhaupt mit der Verzweiflung umgehen zu können. Alles möglich, vieles wäre verständlich. Nur – ich sehe vor lauten Fahnen den Sinn nicht, ich kann den Zweck, die Absicht, oft nicht erkennen. So kann ich jeweils nur spekulieren. 

Eines ist nach meinen Beobachtungen (fast) allen Demos gemeinsam. Irgendwann rufen sie: «Hoch! Die! Internationale! So-li-da-ri-tät!» Nun ist das aber so eine Sache mit dem Ruf nach Solidarität. Verstehen die Rufer wirklich immer alle das Gleiche darunter? Oder beginnt auch hierbei schon wieder Ausgrenzung?

Auch wenn mir die Beweggründe der Proteste im Einzelnen oft nicht klar werden, so werfen sie doch Fragen auf, die mich zum Nachdenken anregen. Und das ist schon sehr viel wert.

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