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Ein Ex-Süchtiger erzählt

«Die Leute haben eine Gier nach Kokain und diese Gier ist tödlich»

Der ehemalige Heroinabhängige Toni Mazzoleni teilt mit Bajour seine Erinnerungen an die Szene der 1990er-Jahre. Die aktuelle Situation in den Griff zu bekommen, sei «eine Herkulesaufgabe». Es brauche Vertrauen, keine weiteren Kontrollen.

10/25/23, 12:00 AM

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Toni Mazzoleni

Toni Mazzoleni kennt das Kleinbasel und seine Leute. (Foto: Valerie Wendenburg)

Sonntagnachmittag, Claraplatz. Im Restaurant «Zum schiefen Eck» ist jeder Tisch besetzt an diesem sonnigen Wahlsonntag. Das Thema Wahlen ist aber weit entfernt, als Toni Mazzoleni von seiner «Drogenkarriere» erzählt. Er kennt sich aus in der Szene und bezeichnet sich selbst als «Überlebenden». Eine Sucht ist ihm geblieben, sagt er, während er sich eine Zigarette anzündet. Eine von vielen.

Lange am Stück kann er nicht berichten, denn ständig kommt jemand vorbei, der Toni Mazzoleni kennt. Er ist ein bunter Hund in der Szene, weist auf vorbeigehende Leute und sagt: «Das ist ein Ex-Dealer» oder «dem Typ gehört das Bordell ums Eck». Dabei zwinkert er verschmitzt und trinkt seine Cola.

Sein Ausdruck ist fröhlich, er fühlt sich wohl in seiner Stammbeiz. Seit fast 30 Jahren bewegt er sich im Basler Milieu. Etwa die Hälfte davon war er Heroin- und Tablettenabhängig. Mazzoleni hat den Absprung geschafft, erzählt er, seine Freund*innen von damals sind fast alle nicht mehr am Leben. An den Tag, an dem er das erste Mal zu Drogen griff, erinnert er sich genau.

«Nach dem Tod meiner Freundin habe ich versucht, alles zu vergessen. Ich habe es mit Alkohol versucht, billiger Rotwein mit Zucker hat geholfen, aber die Wirklichkeit nicht wirklich verdrängt.»

Toni Mazzoleni, ehemaliger Heroinabhängiger

«Meine Geschichte hat an einem 8. Februar in den Neunzigerjahren angefangen. Ich war 44 Jahre, als mein damaliger Schatz plötzlich aus dem Leben gegangen ist. Ihre Leiche wurde obduziert, man fand Spuren von Medikamenten, Alkohol und Kokain. Damals habe ich einen echten Schock gehabt. Ich konnte die Situation nicht akzeptieren.

Für mich ging es nur noch darum, diesen Verlust zu überleben und weiterzumachen. Ich wollte alles ausblenden, was ich erlebt hatte. Damals, also vor meiner Drogenzeit, war ich zeitweise auch als Frau gekleidet und geschminkt als Claudia unterwegs. Ich wollte keine Langeweile in meinem Leben und ausprobieren, wie das Leben als Frau aussieht.»

Toni Mazzoleni

Toni Mazzoleni hat in seinem Leben viel ausprobiert. (Foto: zVg)

«Nach dem Tod meiner Freundin habe ich versucht, alles zu vergessen. Ich habe es mit Alkohol versucht, billiger Rotwein mit Zucker hat geholfen, aber die Wirklichkeit nicht wirklich verdrängt. Was kann man noch machen? Ich habe dann Tabletten genommen und litt unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Dann habe ich es mit Heroin probiert. So hat meine Drogenkarriere angefangen.

Damals war in der Spitalstrasse ein Drogenzimmer, dort wurde mit allen Arten von Drogen gehandelt. Aber es herrschte grosse Nervosität, das war mir auf Dauer zu mühsam. Also habe ich organisiert, dass mir jemand die Drogen bringt. Ich hatte gute Beziehungen zu einem Drogendealer, der dann bei mir gewohnt und sein Heroin dort deponiert hat. Das war leider nicht gerade gute Ware. Ich mag mich im Detail gar nicht mehr genau an alles erinnern.»

«Nichts zu haben, das hat mir damals eine riesige Freiheit gegeben.»

Toni Mazzoleni

«Damals habe ich auch am Drogenstammtisch teilgenommen, aber das war für mich eine dunkle Zeit. Viel Kontakt hatte ich damals mit den – wie wir sie nannten – ‹Drogemaitli›. Das waren jungen Frauen, die sich an der Claramatte gegen Drogen verkauft haben. Das war damals der erste soziale Kontakt, den ich in der Szene hatte. Heute beobachte ich eine ähnliche Drogenszene auf den Bänken am Claraplatz. Ich bringe den Leuten ab und zu ein Bier, sage ‹Sali›, man kennt sich. Ich habe ja auch mal dazugehört.»

Wir werden unterbrochen, eine junge Frau kommt an den Tisch und fragt nach ein paar Münzen fürs Tram. Toni bittet sie an den Tisch, schenkt ihr eine Zigarette und kommt mit ihr ins Gespräch. Er plaudert über das schöne Wetter, bei dem sie doch laufen könne, das sei ohnehin gesünder. Oder einfach schwarzfahren, wie er früher.

Schliesslich geht sie wieder – ohne das erhoffte Münz, aber mit einem Lächeln im Gesicht. Sie dreht sich nochmal um und winkt ihm zu. 

«Der Entzug war hart, weniger vom Heroin als von den Tabletten. Es dauert länger, von Tabletten wegzukommen.»

Toni Mazzoleni

«Ich weiss, wie ich mit den Leuten reden kann. So wie die Frau bin ich auch mal gewesen. Nichts zu haben, das hat mir damals auch eine riesige Freiheit gegeben. Mit der zeitlichen Distanz ist diese Zeit für mich auch eine goldene Erfahrung.

Aber dann, vor etwa 12 Jahren, sass ich genau hier, in diesem Restaurant, und habe beschlossen, clean zu werden. Es waren viele Leute am Tisch und ich habe etwas impulsiv und auch intuitiv gesagt: ‹So, von jetzt an höre ich auf.› Alle haben mich angeschaut und mir war klar: jetzt habe ich etwas gesagt!

Das umzusetzen war dann nicht so einfach, aber es ist gegangen. Der Entzug war hart, weniger vom Heroin als von den Tabletten. Es dauert länger, von Tabletten wegzukommen. Ich hatte Bauchweh, Erbrechen und Panikattacken. Ich konnte nicht mehr schlafen. So unangenehme Sachen. Aber ich habe es geschafft. Heute möchte ich Leuten helfen, die in einer ähnlichen Situation sind, wie ich es damals war.»

Basler Drogenstammtisch 2.0

Basler Drogenstammtisch 2.0

Von Heroin zu Kokain: Der Drogenkonsum hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Erfordern die Entwicklungen eine Anpassung der Drogenpolitik? Um dieser Frage nachzugehen, lässt Bajour gemeinsam mit dem Stadtteilsekretariat Kleinbasel ein bewährtes Konzept aus den 1990er-Jahren aufleben. An einem Drogenstammtisch besprechen die wichtigsten Expert*innen sowie Vertreter*innen aus der Politik, darunter Sicherheitsdirektorin Stephanie Eymann, mit der Quartierbevölkerung, wo der Schuh drückt und welche Lösungen es gibt. Der Eintritt ist frei, die Platzzahl ist beschränkt.

Wann: Mittwoch, 25.10.2023, 19 bis 20:30 Uhr

Wo: Rheinfelderhof, Hammerstrasse 61 4058 Basel

Moderation: Martina Rutschmann

Drogenstammtisch

Plötzlich hat Toni die Idee, einen Bekannten an den Tisch zu holen, der auch im Restaurant sitzt und der «früher mal gedealt hat». Er könne sicher viel erzählen. Toni sucht ihn, aber er ist schon gegangen. Stattdessen redet er mit vielen anderen Gästen, man kennt sich.

Diese Ecke am Claraplatz verkörpert für die Menschen, die in der Szene verwurzelt sind, das Gegenteil von einem anonymen Stadtleben. Hier herrscht buntes Treiben abseits des geschäftigen Trubels am Claraplatz, wo zahlreiche Leute von einem Tram ins nächste steigen und keinen Blick für das Leben haben, das sich hier auf der Strasse abspielt. Anders Toni, der das Viertel täglich beobachtet.

«Kokain ist die schlimmste Droge und sie ist tödlich. Man meint, man sei der King und hat alles im Griff. Das Gefühl will man natürlich immer haben, es ist sehr verlockend und steigert sich immer mehr.»

Toni Mazzoleni

«Natürlich gibt es hier eine offene Drogenszene. Ich spüre es am Verhalten der Leute auf der Strasse. Heute ist scheinbar mehr Kokain im Umlauf und irgendwas anderes Neues, aber da bin ich nicht mehr so auf dem Laufenden. Eine Erfahrung habe ich durchgehend gemacht: Dort, wo Prostitution ist, ist Kokain auch nicht weit. Das ist eine besondere Kombination. Ich habe mal ein Bordell besessen, ich weiss wovon ich spreche.

Das alles ist aber aus meiner Sicht nicht neu. Auch nicht der Drogenhandel im Matthäusquartier und in der Efringerstrasse, die Szene dort gibt es schon lange. Aber Kokain ist die schlimmste Droge und sie ist tödlich. Kokain gibt den Menschen eine Überschätzung. Man meint, man sei der King und hat alles im Griff. Das Gefühl will man natürlich immer haben, es ist sehr verlockend und steigert sich immer mehr.

Die Leute haben eine Gier nach Kokain und diese Gier ist letztendlich tödlich. Wenn man Kokain legalisieren will, dann muss man das sehr sanft angehen. Mit einer Studiengruppe mit ausgewählten Personen zum Beispiel. Man muss zwei bis drei Jahre beobachten, wie sich das entwickelt und dem Projekt eine Chance geben und der Sache vor allem Zeit geben.» 

Claraplatz

Für Leute aus der Szene ist der Claraplatz das Gegenteil vom anonymen Stadtleben. (Foto: Valerie Wendenburg)

Wie aber kann man die aktuellen Probleme in den Griff bekommen? «Oh, das ist eine Herkulesaufgabe», sagt Toni Mazzoleni. «Lösen kann man die Situation nur auf Augenhöhe. Die Menschen, die im Drogenmilieu sind, die haben hauptsächlich Mühe mit ihrem Selbstwertgefühl. Da braucht es einen Vertrauensvorschuss. Nicht weitere Gesetze oder Kontrollen.» Das bringe nichts, ist Toni Mazzoleni überzeugt. «Umso mehr wird dann im Untergrund passieren.»

«Wir alle haben unsere Sehnsüchte und auch unsere Ängste. Wenn wir Menschen miteinander reden und uns austauschen, ist das schonmal ein guter Schritt in die richtige Richtung», sagt er – und findet den Drogenstammtisch schon aus diesem Grund eine «gute Idee».

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