Balz Herter

«Ich freue mich darauf, wieder Debatten zu führen»

Balz Herter (Mitte) blickt mit Dankbarkeit auf 180 Anlässe und mit einem reich gefüllten Rucksack an Begegnungen und Erlebnissen auf sein Amtsjahr als Grossratspräsident zurück. Seine Schlussrede im Wortlaut.

Balz Herter, Grossratspräsident 2025, vor dem Eingang ins Rathaus
Balz Herter blickt auf ein ereignisreiches Jahr als Grossratspräsident zurück. (Bild: Matthias Willi)

Sehr geehrte Frau Statthalterin, liebe Gianna Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen des Grossen Rates Sehr geehrter Herr Regierungspräsident, lieber Conradin Sehr geehrte Damen und Herren Regierungsrätinnen und Regierungsräte Sehr geehrter Herr Vorsitzender des Gerichtsrates, lieber Stephan Sehr geehrte Mitarbeitende des Parlamentsdienstes und der Staatskanzlei Sehr geehrte Medienvertreterinnen und Medienvertreter Sehr geehrte Gäste auf der Tribüne und an den Bildschirmen Liebe Familie, Freundinnen und Freunde

Vor exakt 350 Tagen sass ich hier an diesem Pult. Ich erinnere mich gut an diesen Moment. Der Saal war – wie heute – gefüllt, die Erwartungen waren spürbar, und ich blickte mit einer Mischung aus Vorfreude und Respekt in Ihre Gesichter. Damals stellte ich Ihnen eine Frage, die mich seither nicht mehr losgelassen hat, eine Frage, die mich durch jeden Tag dieses Amtsjahres begleitet hat: «Haben Sie heute Morgen bereits eine Brücke überquert?»

Damals war diese Frage eine Einladung. Sie war der gedankliche Auftakt zu einem Amtsjahr, das ich ganz bewusst und mit voller Überzeugung unter das Motto «Brücken bauen» gestellt habe.

«Ich sah das Brückenbauen als einen dringenden gesellschaftlichen, ja, einen zutiefst politischen Auftrag an uns alle.»
Balz Herter

Ich habe damals von «troubled water» gesprochen. Ich habe Simon & Garfunkel zitiert, nicht aus musikalischer Nostalgie, sondern weil das Bild des aufgewühlten Wassers, der stürmischen See, die Stimmung unserer Zeit so treffend beschreibt. Wir leben in Zeiten, in denen die Gewissheiten schwinden. In Zeiten, in denen wir Stabilität nicht mehr als gegeben voraussetzen können, sondern sie uns jeden Tag neu erarbeiten müssen.

Ich sah das Brückenbauen nie als eine technokratische Bauanleitung für Ingenieure. Ich sah es als einen dringenden gesellschaftlichen, ja, einen zutiefst politischen Auftrag an uns alle. In einer Welt, in der die Algorithmen der sozialen Medien uns in Echokammern isolieren, in einer Zeit, in der die Gräben zwischen «denen da oben» und «denen da unten», zwischen Stadt und Land, zwischen Tradition und Moderne tiefer zu werden scheinen, wollte ich ein Zeichen setzen. Wenn die Töne schriller werden und die Geduldsfäden kürzer, dann ist es die nobelste Aufgabe der Politik, das Verbindende über das Trennende zu stellen.

«Mein Rucksack ist gefüllt mit einem Jahr voller Leben, voller Erlebnisse, voller Begegnungen und Erkenntnisse.»
Balz Herter

Heute sitze ich wieder hier. Der Kreis schliesst sich. Das Amtsjahr neigt sich dem Ende zu, und die Metapher hat sich gewandelt. Ich habe nicht mehr den frischen Bauplan in der Hand, ich stehe nicht mehr am Reissbrett. Stattdessen trage ich einen Rucksack auf dem Rücken. Er ist schwer, aber es ist eine gute Schwere. Er ist gefüllt mit einem Jahr voller Leben, voller Erlebnisse, voller Begegnungen und Erkenntnisse. Und wenn ich heute, an diesem letzten Tag meiner Präsidentschaft, auf die vergangenen zwölf Monate zurückblicke, dann tue ich das mit einer tiefen Dankbarkeit und einer wichtigen, beruhigenden Erkenntnis: Die Brücken in Basel halten.

Als «höchster Basler» hatte ich in den vergangenen zwölf Monaten das grosse Privileg, unseren Kanton in einer Intensität und Dichte zu erleben, die man im normalen Alltag kaum für möglich hält – und die man vielleicht auch nur einmal im Leben in dieser Form erfährt. Ich durfte in diesem Jahr rund 180 Anlässe besuchen.

180 Mal durfte ich aus dem Rathaus hinausgehen. Raus aus der «Blase» des Parlamentsbetriebs, hinein in die echte Welt. Ich durfte eintauchen in die vielfältigen Realitäten unserer Stadt. Diese 180 Termine waren keine Pflichtübungen. Sie waren 180 Lektionen in Staatskunde und Menschlichkeit. Es waren 180 Begegnungen mit den Menschen, die Basel ausmachen, die dieser Stadt ihr Gesicht und ihren Charakter geben. Ich habe eine «Tour de Bâle» erlebt, die mir die Augen geöffnet hat für die unglaublichen Kontraste, die unsere Heimat prägen.

«Der Boden unserer Stadt, das fundamentale Gestein, auf dem wir stehen, ist unglaublich solide. »
Balz Herter

 Ich war in jedem Quartier, vom tiefen Kleinbasel bis hinauf aufs Bruderholz, von Riehen bis ins Bachletten. Ich habe die Stille erlebt und den Lärm. Ich stand in festlich geschmückten, holzgetäfelten Zunftsälen, in denen Jahrhunderte an Tradition atmen, wo man die Geschichte fast mit Händen greifen kann und wo Rituale gepflegt werden, die uns Halt geben in einer schnellen Zeit. Und nur Stunden später sass ich vielleicht in den gläsernen, modernen Sitzungszimmern von Firmen, wo die Zukunft gerade erst programmiert wird, wo künstliche Intelligenz und Life Sciences die Welt von morgen formen.

Ich durfte Hände schütteln auf staubigen Sportplätzen, wo Trainerinnen und Trainer bei Wind und Wetter Kindern beibringen, was Fairplay bedeutet. Ich war in unseren Kulturinstitutionen, in Museen und Theatern, die Basel weit über die Landesgrenzen hinaus strahlen lassen. Ich war Gast bei religiösen Feiern unterschiedlichster Glaubensgemeinschaften und durfte spüren, dass der Glaube – egal in welcher Form – eine starke Brücke zwischen Menschen sein kann. Und ich war in den Einsatzzentralen und Wachen unserer Blaulichtorganisationen – bei der Polizei und der Rettung. Orte, an denen Professionalität über Leben und Tod entscheidet.

Was habe ich bei dieser intensiven Reise an diesen 180 Stationen gelernt? Ich habe gelernt, dass eine Brücke – so elegant der Bogen auch geschwungen sein mag – nur so stark ist wie ihre Verankerung im Boden. Und der Boden unserer Stadt, das fundamentale Gestein, auf dem wir stehen, ist unglaublich solide. Es besteht nicht aus Beton oder Asphalt. Es besteht aus dem Engagement von tausenden Baslerinnen und Baslern.

«Überall habe ich denselben Geist gespürt. Es ist der Geist der Verantwortung.»
Balz Herter

Egal, wo ich hinkam – ob im kleinen, fast familiären Kreis eines Vereinsvorstands, der sich ehrenamtlich um die Quartierarbeit oder die Jugendförderung kümmert, oder vor der grossen, internationalen Kulisse eines Jubiläums: Überall habe ich denselben Geist gespürt. Es ist der Geist der Verantwortung. Ich bin Menschen begegnet, die nicht als Erstes fragen: «Was kriege ich dafür?» oder «Lohnt sich das für mich?». Sondern ich bin Menschen begegnet, die sagen: «Ich mache das, weil es mir wichtig ist. Ich mache das, weil es getan werden muss.»

Das Milizsystem und das Ehrenamt, diese zwei Säulen unserer Schweizer Identität, die mir politisch wie persönlich so sehr am Herzen liegen, sind keine theoretischen, verstaubten Konzepte aus dem Staatskundebuch. Sie sind lebendig. Sie sind der Mörtel, der diese 180 Mosaiksteine, die ich besuchen durfte, zu einem stabilen Gesamtbild zusammenhält. Ohne die Menschen, die nach Feierabend ihre Uniform anziehen, um für unsere Sicherheit zu sorgen; ohne jene, die stundenlang Instrumente üben und Larven malen, um an der Fasnacht Freude zu verbreiten; ohne jene, die sich in sozialen Stiftungen für Schwächere einsetzen oder in der Nachbarschaftshilfe tätig sind – ohne sie alle würde das Bauwerk Basel Risse bekommen.

Es würde instabil. Ihnen allen, diesen tausenden von stillen Brückenbauern, gebührt mein – und unser aller – tiefster Respekt. Diese 180 Anlässe waren für mich 180 Beweise dafür, dass unsere Zivilgesellschaft lebt, atmet und trägt.

«Wir haben um Lösungen gerungen, wir haben uns nichts geschenkt.»
Balz Herter

Und hier im Saal? Wie steht es um unsere Brücken im Parlament? Wir haben in diesem Jahr auch hier drinnen unermüdlich gebaut. Zugegeben, wenn wir ehrlich sind: Unsere Konstruktionen waren nicht immer von ästhetischer Eleganz. Nicht jede Debatte war eine «Golden Gate Bridge». Manchmal waren es pragmatische Notstege, um ein dringendes Problem zu überbrücken. Manchmal waren es mühsame Pontonbrücken im stürmischen Wasser, schwankend und unsicher, bei denen wir um jeden Meter ringen mussten, um ans andere Ufer zu gelangen.

Ja, wir haben gestritten. Wir haben hart in der Sache diskutiert. Wir haben um Lösungen gerungen, wir haben uns nichts geschenkt. Und wissen Sie was? Das ist gut so. Eine Demokratie, die nicht streitet, ist tot. Eine Demokratie, die Harmonie vortäuscht, wo Interessenkonflikte bestehen, ist unehrlich. Ich habe in meiner Antrittsrede das Bild der Dehnungsfuge verwendet. Eine Brücke aus starrem Beton, ohne Dehnungsfugen, wird beim ersten Frost oder bei der ersten grossen Hitze reissen. Sie braucht Spielraum. Sie braucht Platz für Spannung. Unser Parlament ist diese Dehnungsfuge unserer Gesellschaft.

Hier müssen die Spannungen ausgehalten werden, damit sie draussen auf der Strasse nicht zur Spaltung führen. Aber entscheidend ist eines: Wir haben uns – meistens – am anderen Ufer wiedergefunden. Wir haben bewiesen, dass der politische Diskurs in Basel-Stadt trotz unterschiedlicher Meinungen, trotz unterschiedlicher Ideologien, von Anstand und Respekt getragen sein kann. Wir haben gezeigt, dass man hart in der Sache sein kann, ohne die Brücke zum Gegenüber einzureissen. Dass man den politischen Gegner kritisieren kann, ohne ihn als Feind zu betrachten. Dafür, für diese politische Kultur, die in der heutigen Welt alles andere als selbstverständlich ist, danke ich Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen.

«Mein Dank gilt heute jenen, die mir persönlich den Rücken gestärkt haben.»
Balz Herter

Ein solches Jahr, ein solches Pensum mit 180 Terminen und unzähligen Sitzungen, bewältigt man nicht allein. Auch der stabilste Brückenpfeiler braucht einen Untergrund, der ihn trägt. Auch der Präsident braucht Menschen, die ihn stützen, wenn er müde ist, und die ihn korrigieren, wenn er falsch liegt. Mein Dank gilt heute jenen, die mir persönlich den Rücken gestärkt haben, damit ich dieses Pensum überhaupt bewältigen konnte.

Allen voran Jessica. Du warst mein Anker, wenn es draussen stürmisch war. Du hast mir den Rücken freigehalten und mir die Kraft gegeben, dieses Amt mit Freude auszuführen. Danke für deine Geduld und dein Verständnis. Ich danke meiner Statthalterin, Gianna, und dem gesamten Ratsbüro für die kollegiale Zusammenarbeit. Wir waren ein Team, und die Unterstützung bei der Sitzungsleitung war für mich unersetzlich. Es war ein Miteinander, kein Gegeneinander.

Ein ganz besonderer, tief empfundener Dank geht an den Parlamentsdienst. Ihr seid die Statikerinnen und Architekten im Hintergrund. Ihr seid die, die im Maschinenraum arbeiten, damit das Schiff auf Kurs bleibt. Ihr sorgt dafür, dass hier nichts einstürzt, dass die Abläufe stimmen, dass die Protokolle korrekt sind und dass ich mich voll und ganz auf die repräsentativen Aufgaben konzentrieren konnte. Eure Professionalität, eure Diskretion und eure Loyalität sind das Rückgrat dieses Betriebs.

Ein grosser Dank gebührt auch meiner Arbeitgeberin, Roche. Dass ein globales Unternehmen mir den nötigen Freiraum gewährt, dieses anspruchsvolle, zeitintensive Amt auszufüllen, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein starkes Zeichen für die funktionierende Partnerschaft und die tiefe Verbindung von Wirtschaft und Politik in unserer Stadt. Es ist ein Bekenntnis zum Standort Basel und zum Milizsystem, das darauf angewiesen ist, dass Arbeitgeber dieses Engagement mittragen.

«Es war mir eine Ehre, diese wunderbare Stadt 180 Mal repräsentieren zu dürfen.»
Balz Herter

Und ganz besonders danke ich meinem privaten Umfeld. Sie mussten in diesem Jahr oft auf mich verzichten. «Der Balz ist schon wieder weg», hiess es wohl oft. Wenn ich abends noch zu einem Grusswort eilte, wenn ich am Wochenende an Zunftanlässen oder Vernissagen war, haben sie mir den Rücken freigehalten. Ihr seid meine persönliche Hängebrücke, die mich auch über tiefe Täler sicher trägt. Ohne dieses private Netz würde man in der Öffentlichkeit fallen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Der Kreis schliesst sich nun endgültig. Ich gebe den Stab – oder um im Bild meiner Präsidentschaft zu bleiben: den Bauhelm – nun weiter. Ich verlasse dieses Pult gleich nicht mehr als «höchster Basler», sondern ich kehre zurück in die Reihen als einer von Ihnen. Ich werde wieder Grossrat Herter sein. Das bedeutet auch: Ich gewinne meine politische Stimme zurück.

Als Präsident ist man zur Zurückhaltung verpflichtet, man moderiert, man repräsentiert. Man muss oft auf die Zunge beissen, wo man gerne mitreden würde. Ich freue mich darauf, wieder Debatten zu führen. Ich freue mich darauf, Anträge zu stellen. Und ja, ich werde auch wieder etwas parteipolitischer argumentieren, etwas pointierter auftreten, als es mir in diesem Jahr der überparteilichen Repräsentation möglich – und auch gestattet – war. Aber ich tue dies mit einer neuen Demut und einer grossen Dankbarkeit. Es war mir eine Ehre, Ihr Präsident zu sein. Es war mir eine Ehre, diese wunderbare Stadt 180 Mal repräsentieren zu dürfen. Jede einzelne Begegnung hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

«Lassen Sie uns auch in Zukunft mutig sein. Die Welt um uns herum wird nicht einfacher.»
Balz Herter

Ich möchte Sie zum Abschied ermutigen, ja auffordern: Lassen Sie uns auch in Zukunft mutig sein. Die Welt um uns herum wird nicht einfacher. Die Herausforderungen für Basel, für unseren Wirtschaftsstandort, für unseren sozialen Zusammenhalt, werden nicht kleiner. Lassen Sie uns in diesen Momenten nicht den einfachen Weg wählen. Lassen Sie uns nicht Mauern hochziehen, wenn es schwierig wird. Lassen Sie uns nicht die Schotten dicht machen, wenn uns die Argumente des anderen nicht passen.

Lassen Sie uns weiter an den Verbindungen arbeiten. Investieren wir in den Unterhalt unserer gesellschaftlichen Brücken. Pflegen wir den Dialog, auch wenn er anstrengend ist. Denn – und das hat sich in diesem Jahr bei jedem einzelnen meiner 180 Besuche bestätigt, sei es beim höchsten Feiertag oder beim kleinsten Quartierfest: Die Aussicht von der Mitte der Brücke, der Blick auf das gemeinsame Ganze, der Blick, der beide Ufer sieht und verbindet, ist immer noch die schönste Perspektive, die wir haben können.

Tragen wir Sorge zu Basel. Bauen wir weiter.

Hiermit schliesse ich das erste Amtsjahr der 45. Legislatur.

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