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Zukunftsrat U24

80 junge Menschen sprechen über psychische Gesundheit

Der Zukunftsrat U24 fordert Entstigmatisierung, regelmässige Datenerhebung und gesetzliche Verankerung, um im Bereich psychische Gesundheit Prävention zu leisten. Eine Zukunftsrätin aus der Region erzählt von ihren Anliegen und davon, was es für sie heisst, am Zukunftsrat U24 teilzunehmen.

11/29/23, 01:00 AM

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Der Zukunftsrat U24 an der ersten Tagung im September.

Der Zukunftsrat U24 an der ersten Tagung im September. (Foto: Zukunftsrat U24 / Dimitri Brooks)

Zu Sommerbeginn fand Sarah Allemann, 22, einen Brief der Universität Zürich in ihrem Briefkasten. Man wollte von ihr wissen, welches von fünf Themen ihr als Jugendliche besonders am Herzen liegt und lud sie ein, sich für den Zukunftsrat U24 anzumelden. Wie mehr als 40% der 20'000 befragten Jugendlichen wählte auch Sarah das Thema psychische Gesundheit aus. Und wurde, für sie völlig überraschend, über ein gewichtetes Losverfahren für den Zukunftsrat U24 ausgewählt.

Die Matzendorferin hat in Basel eine KV-Lehre gemacht und arbeitet im Moment neben einem Teilzeitstudium in Wirtschaftsrecht als Paralegal in Zürich. Zukunftsrätin zu sein, bedeute für Sarah viel Verantwortung gegenüber ihrer gesamten Generation. Es sei ihr von Anfang an sehr wichtig gewesen, ihre Aufgabe seriös und mit viel Einsatz anzugehen, erklärt sie. 

Obwohl Sarah davor nie politisch aktiv war und sich vor öffentlichen Meinungsäusserungen eher scheute, sieht sie in der Wahl zur Zukunftsrätin die Möglichkeit, sich auf das Terrain politischer Arbeit zu begeben. Denn: eine starke politische Meinung habe sie eigentlich immer schon gehabt, wie sie sagt. Und dass in der Politik so pauschalisierend über die Generation Z geredet würde, habe sie schon länger gestört. «Die Generation Z ist viel zu divers, als dass man sie in einen Topf werfen könnte.»

Der Zukunftsrat U24

Die Idee: Die junge Bevölkerung ist am meisten von politischen Entscheiden betroffen. Dennoch partizipiert sie am wenigsten in der direkten Demokratie. Der Zukunftsrat U24 soll ein Sprachrohr für die junge Schweiz sein, das repräsentativ und nach dem Prinzip des Losverfahrens funktioniert.

Der Ablauf: Während drei Tagungswochenenden erhielten die jungen Menschen Inputs zum Thema psychische Gesundheit, diskutierten die grössten Problematiken und arbeiteten Handlungsvorschläge aus. In einem demokratischen Verfahren wählten sie 18 Handlungsempfehlungen aus, die nun an die Politik und die Akteur*innen im Bereich psychische Gesundheit gerichtet werden.

Der Zukunftsrat U24: Der Think + Do Tank Pro Futuris setzt das Projekt um. Die Trägerschaft und die Hauptfinanzierung kommt von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft SGG und der Schweizerischen UNESCO-Kommission. Er funktioniert im Prinzip wie ein klassischer Bürger*innenrat, einfach für junge Menschen.

Die Zukunftsrät*innen: Aus 20'000 Angeschriebenen haben sich rund 1'300 bereit erklärt, am Zukunftsrat U24 teilzunehmen. Nach gewichtetem Losverfahren wurden schliesslich 80 Jugendliche zwischen 16 und 24 ausgelost, die nach Kriterien wie Geschlecht, Wohnregion und Ausbildungsgrad die gesamte Wohnbevölkerung zwischen 16 und 24 abbilden soll.

Das Thema: In einem Open Call kamen 739 Themenvorschläge zusammen. Ein Gremium hat daraus 5 Vorschläge für die engere Auswahl bestimmt. In einer Umfrage mit 20'000 Jugendlichen wurde das Thema psychische Gesundheit schliesslich mit über 40% Zuspruch festgelegt.

Das Thema psychische Gesundheit unterliegt einer grossen gesellschaftlichen Stigmatisierung, wie Sarah findet. Gerade in den älteren Generationen sei das sehr stark spürbar. Sie empört sich: «In der Boomer-Generation wird meistens nicht einmal darüber nachgedacht, dass es einem auch einmal nicht gut gehen kann.» Das sei aber in den Generationen Y und Z schon sehr anders. Kein Wunder also, dass über 40% der Jungen dringenden Bedarf sehen, über psychische Gesundheit zu reden. 

In der offiziellen Medienmitteilung zeichnet der Zukunftsrat U24 ein Zukunftsbild, in dem das Thema psychische Gesundheit nicht mehr stigmatisiert ist. Auch für Sarah liegt genau dort der dringendste Handlungsbedarf: «Ich wünsche mir, dass wir alle daheim ankommen können und sagen: Heute geht es mir nicht gut».

Sarah Allemann wünscht sich, dass das Thema psychische Gesundheit entstigmatisiert wird.

Sarah Allemann wünscht sich, dass das Thema psychische Gesundheit entstigmatisiert wird. (Foto: Ladina Tschurr)

«Erst recht vor fremden Menschen ist es aber trotzdem schwierig, darüber zu reden, wie es mir geht». So sei auch im Zukunftsrat zu Beginn eine gewisse Hemmschwelle dagewesen, als Sarah von schwierigen Momenten in ihrem Leben erzählte. «Es wurde aber alles völlig normal aufgenommen. Das war für mich die Bestätigung, dass es anderen genauso geht.»

Sarah erinnert sich genau an den Moment, als ihr zum ersten Mal bewusst wurde, dass es Menschen auch schlecht gehen kann. Als sich der Elternteil eines Mitschülers das Leben nahm, wurde das aber in der Schule in keiner Art aufgefangen oder thematisiert.

Dabei sei gerade in der Schule Aufklärung und Kommunikation wichtig, um Prävention zu leisten und das Stigma abzubauen. Sarahs Lieblingsempfehlung war deswegen, Elternabende mit Psycholog*innen zu organisieren. Diese Empfehlung wurde allerdings vom Zukunftsrat nicht offiziell verabschiedet.

Das sind einige der Handlungsempfehlungen des Zukunftsrats U24

Bereich Gesellschaft und Kultur: Unterstützung im Übergang zum Erwachsenenleben in der Schule, auf Gemeinde- und Bundesebene (beispielsweise: Wie gehen Steuern?)

Bereich Eltern und junge Erwachsene: erstmalige Eltern sollen Lehrveranstaltungen im Bereich Erziehung und psychische Gesundheit besuchen. Ausserdem soll es ein kostenloses Mini Guide Book geben, das das psychische Gleichgewicht der Eltern und ihrer Kinder unterstützt und Ratschläge zu Hilfsangeboten beinhaltet.

Bereich Regulierung und Vernetzung: Landesweit sollen regelmässig Daten zur psychischen Gesundheit von jungen Menschen erhoben werden, aus denen gesetzliche Grundlagen zur Prävention geschaffen werden.

Bereich Zugänglichkeit und Angebote: Es braucht eine Mental Health Webseite, auf der landesweit alle Angebote zur psychischen Gesundheit gesammelt werden.

Bereich Arbeit: psychische Gesundheit soll in den Gesamtarbeitsverträgen verpflichtend gefördert und in die SUVA-Richtlinien integriert werden.

Bereich Schule und Bildung: Schulen sollen ein Angebot zur Bewältigung von Alltagsstress, zur psychologischen Standortbestimmung und zur Dialogförderung bieten. Dazu gehören Sensibilisierung und Weiterbildung der Lehrpersonen im Umgang mit psychischen Problemen bei Schüler*innen, Aufklärungskampagnen für Schüler*innen und die Einführung eines Schulfachs zu Persönlichkeitsentwicklung und Psychologie.

Neben der Entstigmatisierung des Themas findet Sarah es auch besonders wichtig, mehr zur psychischen Gesundheit bei jungen Menschen zu forschen. Bei den Informationsveranstaltungen zu Beginn der Tagungen sei klar geworden, dass dort eine riesige Lücke herrsche, meint Sarah: «Dafür, dass die Schweiz so ein fortgeschrittenes Land ist, ist sie da mega hintendrein.

Dabei würden regelmässige Datenerhebungen zur psychischen Gesundheit bei jungen Menschen aufzeigen, wo Triggerpunkte liegen und welche Therapieansätze besonders gut wirken. Damit könnte man bei der Prävention grosse Fortschritte machen.

Grundsätzlich ist Sarah mit dem Ergebnis der Zukunftsrat-Sessionen sehr zufrieden: «Der Katalog wirkt, als seien wir die besten Politiker*innen,» meint sie lachend. «Die Handlungsempfehlungen sind politisch und seriös. Ich glaube, wir werden wirklich etwas erreichen».

Gerade im Kanton Basel-Stadt stehen aus ihrer Sicht die Chancen gut, dass einige Empfehlungen umgesetzt werden. Die gebürtige Solothurnerin meint nämlich, dass Basel so weltoffen sei, dass gerade hier viel passieren könnte.

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