«Der Preis ist ein kleines Geschenk von mir an mich»

Gymnasiastin Nora Artico aus Münchenstein hat in ihrer Maturarbeit bisher unbekannte Viren entdeckt, die antibiotikaresistente Bakterien bekämpfen können. Ihre Entdeckung könnte viele Menschenleben retten. Dafür wurde die 20-Jährige als Nachwuchswissenschaftlerin ausgezeichnet.

Nora Artico
Nora Artico hat mit ihrer Forschungsarbeit den Ehrenpreis der Schlesischen Universität in Katowice erhalten. (Bild: Melanie Seiler)

Nora Artico ist Gymnasiastin aus Münchenstein, gerade 20 Jahre alt geworden und kann bereits eine spektakuläre Entdeckung vorweisen. Artico hat im Rahmen ihrer Maturarbeit im Basler Abwasser und in Kot von Zootieren bisher unbekannte E-Coli-Phagen entdeckt. Dafür wurde sie jetzt am EU-Wettbewerb für Nachwuchswissenschaftler*innen EUCYS mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet.

Der diesjährige Wettbewerb war für die Schweizer Delegation ein äusserst erfolgreicher. Alle drei Schweizer Teilnehmer*innen wurden mit einem oder mehreren Preisen ausgezeichnet. Nicolas Huber aus Wetzikon (ZH) belegte den 3. Gesamtplatz und erhielt einen Ehrenpreis. Jakob Schildhauer aus Brugg (AG) wurde wie Nora Artico mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet.

«Ich bin sprachlos», sagt Melanie Seiler, Geschäftsführerin von «Schweizer Jugend forscht», nach der Preisverleihung. «Wir hatten noch nie so ein gutes Resultat. Das ist der absolute Wahnsinn.» Am EUCYS würden sich die Besten der Besten aus Europa und der ganzen Welt miteinander messen. Umso wertvoller seien diese Preise, sagt Seiler.

Schweizer Delegation EUCYS
Die Schweizer Delegation am EUCYS 2024: Melanie Seiler, Fabrice Filliez (Schweizer Botschafter in Polen); Jakob Schildhauer, Nora Artico, Nicolas Huber, Karen Slavin (EUCYS Projekt Officer) und Luca Laioli (Head of Scientist Affairs in der Schweizer Botschaft in Polen). (Bild: Ruben Boss)

Wir haben Nora Artico an die Preisverleihung begleitet und konnten mit ihr über ihre Forschung sprechen und was sie sich von diesem europäischen Wettbewerb erhofft.

Wie kommt man auf die Idee, Phagen zu erforschen?

2022 habe ich die Summer Science Academy der Universität Basel besucht. Dort haben wir auch mit Phagen gearbeitet – so habe ich dieses Thema kennengelernt. An der Universität Basel wird viel zu Antibiotikaresistenzen geforscht. Es wird nach Alternativen gesucht.

Wieso sind multiresistente Bakterien ein so grosses Problem?

Antibiotika wird schon seit rund 80 Jahren eingesetzt. Die Forschung dazu stagniert eher. Sie ist für Pharmaunternehmen nicht besonders lukrativ. Zusätzlich können sich die Bakterien immer wieder anpassen – auch auf neue Antibiotikaformen. Es gibt zwar viele verschiedene Antibiotika, aber da die Bakterien immer «kreativer» werden, wird es ein immer grösseres Problem – auf anderen Kontinenten noch viel mehr als in Europa. Mittlerweile habe ich immerhin das Gefühl, dass die Medizin und die Wissenschaft aufwacht und nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten sucht.

Das hat Sie bewogen, Ihre Maturarbeit zu diesem Thema zu machen?

Ja, ich habe Dr. Enea Maffei, den Verantwortlichen der Summer Science Academy, gefragt, ob ich meine Maturarbeit bei ihm machen könne. Er hat Ja gesagt – ist dann aber von der Universität Basel an die ETH Zürich gewechselt, und so durfte ich dann meine Maturarbeit und meine Experimente letzten Sommer an der ETH durchführen.

Was sind Phagen eigentlich?

Es ist ein bakterieller Virus, der sehr spezifisch Bakterien infiziert und diese auch töten kann. Phagen greifen die Bakterien an und sobald keine mehr vorhanden sind, sterben auch die Phagen selbst ab. Für den menschlichen Körper sind diese Phagen ungefährlich.

Und die von Ihnen entdeckten Phagen sollen jetzt antibiotikaresistente Keime bekämpfen?

Genau. Phagen greifen die Biofilm-Schutzhülle der Keime an. Ich habe mich auf einen spezifischen Biofilm-Typ fokussiert, der ein relativ neuer Resistenz-Typ ist. Keime mit diesem speziellen Biofilm sind dann gegen Antibiotika oder auch gegen Desinfektionsmittel resistent. Das ist vor allem in Spitälern und Kliniken ein grosses Problem, da man diese multiresistenten Keime nicht mehr wegbekommt. Und die Phagen, die ich entdeckt habe, sind in der Lage diesen speziellen Biofilm abzubauen oder diesen zu umgehen.

«Ich würde mich sehr freuen, wenn meine Phagen irgendwann eingesetzt werden können, um Leben zu retten.»
Nora Artico

Und weshalb ist da vor Ihnen noch niemand darauf gekommen?

Warum, weiss ich auch nicht. Es wird einfach nicht viel dazu geforscht. Generell sind Phagen und Phagen-Therapien kein grosses Thema in Europa. Auch über Antibiotikaresistenzen weiss man wenig. Man spricht dabei von einer «stillen Pandemie». Die Forschung beginnt aber, aber vermehrt damit auseinanderzusetzen, weil es mittlerweile ein so grosses Problem ist.

Wie sind Sie vorgegangen?

Ich habe meine Phagen an Orten gesucht, an denen wissenschaftlich erwiesen ist, dass eine grosse Dichte an resistenten Bakterien vorhanden ist. Und weil Bakterien und Phagen sich den gleichen Lebensraum teilen, sind die Phagen auch am gleichen Ort zu erwarten. Diese Phagen können dann mit grosser Wahrscheinlichkeit die Bakterien abbauen, da sie sich den resistenten Bakterien stetig anpassen.

Mit Ihrer Forschungsarbeit haben Sie einen Preis von «Schweizer Jugend forscht» gewonnen und sich für den EUCYS qualifiziert. Was erhoffen Sie sich vom Wettbewerb?

Ich hoffe, dass ich Aufmerksamkeit schaffen kann fürs Thema und dass ich zeigen kann, wie wichtig und nötig es ist, dass man Phagen mehr untersucht. Ich möchte die Leute aufwecken und sagen: Hey, vielleicht sollten wir langsam eine Alternative zu Antibiotika suchen. Networking ist aber sicher auch ein Thema. Es gibt so viele spannende Menschen und Projekte hier.

EUCYS
Was ist der EUCYS?

Vom 9.-14. September 2024 fand in Katowice, Polen der 35. EU-Wettbewerb für Nachwuchs-Wissenschaftler*innen (EUCYS) statt. Der EUCYS ist ein prestigeträchtiger Wettbewerb, der jedes Jahr in einer anderen europäischen Stadt ausgetragen wird. Dieses Jahr sind aus über 40 Länder rund 150 Wissenschaftler*innen im Altern von 14 bis 20 Jahren nach Katowice gereist. Im Rahmen dieses Wettbewerbs haben sie ihre Projekte aus den Bereichen Medizin, Technik, Naturwissenschaften, Mathematik, Sozialwissenschaften und Wirtschaft vorgestellt. Zum Schluss des Wettbewerbs wurden Auszeichnungen und verschiedene Ehrenpreise vergeben.

Was wollen Sie mit Ihrer Forschung noch erreichen?

Ich würde mich sehr freuen, wenn meine Phagen irgendwann eingesetzt werden können, um Leben zu retten – zum Beispiel in Form einer Phagen-Therapie. Klar, davon sind wir noch meilenweit entfernt. Wir müssen noch viel weiterforschen und herumexperimentieren. Aber jetzt bin ich ja damit schon Mal hier gelandet (lacht).

… und haben den Ehrenpreis «Transform4Europe» der Schlesischen Universität in Katowice gewonnen. Das heisst, Sie dürfen unter anderem an einer Forschungswoche hier an der Universität in Katowice teilnehmen. Wie fühlen Sie sich?

Also… ich glaube, ich habe das immer noch nicht realisiert. Das wird sicher noch ein Weilchen dauern. Aber ich freue mich darauf – diese Forschungswoche wird sicherlich toll werden. Bei der Preisverleihung war ich ein bisschen nervös und es ging alles so schnell. Ich kanns gar nicht wirklich beschreiben.

Kommt der Preis unerwartet für Sie?

In der Jury hatten alle das totale Pokerface. Ich war die ganze Woche ziemlich im Stress und konnte gar nichts abschätzen. Als dann mein Name bei der Preisverleihung ausgerufen wurde, wusste ich zuerst gar nicht, was ich machen soll. Es ist dann alles gut gegangen. Ich bin nicht gestolpert oder gestürzt oder so. Von dem her: Ich konnte den Preis erfolgreich entgegennehmen (lacht).

Insgesamt haben Sie und die anderen beiden Teilnehmer aus der Schweiz vier Preise gewonnen. Dazu kommt, dass Sie in dieser Woche Geburtstag hatten. Es gibt also einiges zu feiern.

Wir sind zu einem guten Trio zusammengewachsen und feiern heute Abend alle zusammen. Mein Preis ist vielleicht ein kleines Geschenk von mir an mich (lacht). Zeit, um meinen 20. Geburtstag zu feiern, hatte ich während dieser Woche nicht wirklich – das holen wir jetzt nach.

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