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Ausserordentliche Leistungen

Wer in Basel einen Ehrendoktor erhält

Zum 563. Mal zelebrierte die Universität Basel vergangene Woche ihren Geburtstag, den Dies academicus. Die Fakultäten verliehen Ehrendoktorate für ausserordentliche Leistungen. Gespannt wird jeweils darauf gewartet, wem diese Würdigung zufällt. Ein Rückblick von Arthur Cohn bis Roger Federer.

11/27/23, 05:13 PM

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563. Dies academicus, am 24. November 2023 in der Martinskirche mit Rektorin
Andrea Schenker-Wicki.

563. Dies academicus, am 24. November 2023 in der Martinskirche mit Rektorin Andrea Schenker-Wicki. (Foto: Christian Flierl)

In der Schweiz werden keine Orden verliehen. Als Instrument der Ehrung steht hier eben der «Dr. h.c.» zur Verfügung, ein Titel, der nach der Verleihung auch in Korrespondenzen geführt und in Anreden verwendet wird. Die Vergabe dieses Titels hebt einerseits ausserordentliche Leistungen der Geehrten hervor, sagt andererseits aber auch etwas über die Wertschätzung der Ehrenden aus, hat also oft auch etwas Bekenntnishaftes.

Selbstverständlich werden die getroffenen Entscheide in der Universität wie in der Stadt beurteilt, anerkannt oder kritisiert. Während in frühen Jahren die Medien die wortreichen Lobreden, die Laudationes, mit Fotos der Geehrten in vollem Wortlaut wiedergaben, scheint heute eine trockene Mitteilung zu genügen.

Zur Person

Georg Kreis ist Historiker und emeritierter Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz an der Universität Basel. Bis Mitte 2011 leitete er das Europainstitut Basel und bis Ende 2011 präsidierte er die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR).

Was am vergangenen Freitag, dem Dies academicus, an Ehrungen ausgeschüttet wurde, können wir dank einer neuen Studie in die grössere Geschichte der Ehrenpromotionen der Uni Basel einordnen. Diese liegt seit wenigen Tagen im Hinblick auf den Geburtstagstermin (563 Jahre!) der Uni Basel vor; Herausgeber ist Beat Münch, der ehemalige Adjunkt des Rektorats.

Jetzt der grosse Überblick

Weil noch nicht weit zurückliegend, darum in kollektiver Erinnerung, aber von der Geschichtsschreibung noch nicht erfasst, ist die dem Tennisstar Roger Federer 2017 von der Medizinischen Fakultät wegen seiner Vorbildfunktion verliehene «ungewöhnliche» Ehrung. In der Presse wird darauf hingewiesen, dass die Ehrung «ausgerechnet an einen Schulabbrecher» gegangen sei. Ihr mag echte Anerkennung zugrunde gelegen haben. Dabei dürfte aber auch die Neigung im Spiel gewesen sein, sich mit dieser Ehrung mit einer PR-Aktion selbst Ehre zuzuhalten.

Man erhält da eine kenntnisreiche Darstellung der vor genau 200 Jahren eingeführten Ehrungen. Bis 2015 haben die Fakultäten der Universität Basel über 750 Doktortitel honoris causa vergeben. Uns soll hier vor allem interessieren, wie dieses Instrument genutzt wurde, um Basler und Baslerinnen so zu würdigen. Gut ein Drittel der Ehrenpromotionen gingen an Gewürdigte der Stadt und der Region.

Die erste Würdigung verlieh die Philosophische Fakultät am 7. Februar 1823 an Rudolf Hanhart, den Rektor des Basler Gymnasiums und ausserordentlichen Professor der Pädagogik, für seine Verdienste um das lokale Schulwesen.

Auf der Suche nach immer noch bekannten Namen stösst man recht früh, 1951, auf Paul Sacher, wegen seiner Verdienste um die Alte und Neue Musik als Mitbegründer und Leiter der Schola Cantorum Basiliensis sowie Gründer des Basler Kammerorchesters.

Weltberühmt: Der Basler Regisseur Arthur Cohn.

Weltberühmt: Der Basler Regisseur Arthur Cohn. (Foto: Keystone)

Zu den bekanntesten Basler Ehrendoktoren zählen der 2006 gewürdigte Filmproduzent Arthur Cohn, aber auch der bekannte Tierpfleger und Ziehvater des Gorillamädchens «Goma», Carl Stemmler, sowie die Stadtführerin und Autorin Helen Liebendörfer und Felix Burckhardt, den viele noch als Mundartdichter «Blasius» kennen.

Drei Kategorien

Grundsätzlich lassen sich drei Typen von Ehrungen unterscheiden: Solche für wissenschaftliche Leistungen, für soziales Engagement und für finanzielle Unterstützung. Idealbeispiel einer Würdigung einer besonders herausragenden wissenschaftlichen Leistung ist die Ehrenpromotion, die 1951 an Tadeus Reichstein ging, den Ordinarius für Pharmazie sowie Professor für organische Chemie, der im Vorjahr den Nobelpreis für Medizin und bereits vier Jahre zuvor den als «schweizerischen Nobelpreis» eingestuften Benoist-Preis erhalten hatte.

Zu den wirklich herausragenden Gelehrten der eigenen Universität gehörte der Philosoph Karl Jaspers, der 1962 anlässlich seiner Emeritierung nicht von einer eigenen Fakultät, sondern von den Medizinern wegen seiner Verdienste auch im Bereich der Psychiatrie und Psychologie geehrt wurde.

Erster Durchbruch mit Krawatte und Weste: 1933 gelang Tadeus Reichstein eine fünfstufige Synthese von Vitamin C aus Traubenzucker.

Erster Durchbruch mit Krawatte und Weste: 1933 gelang Tadeus Reichstein eine fünfstufige Synthese von Vitamin C aus Traubenzucker. (Foto: https://library.ethz.ch/archivieren-und-digitalisieren/archivieren/bildarchiv.html)

Die Kategorien lassen sich nicht immer klar auseinanderhalten, so etwa 2002 im Falle der von der Medizinischen Fakultät verliehenen Ehrung von Daniel Vasella, Novartis-Veraltungsratspräsident, für «die Förderung der Verbindung zwischen der forschenden Industrie und der Universität Basel». Wie weit galt der Blick den bereits erbrachten oder den noch erwarteten Unterstützungen dieses finanzstarken Ehrendoktors?

Fritz Hagemann, Herausgeber der «National-Zeitung» und in den Jahren 1945-1961 einflussreicher Präsident der damaligen universitären Aufsichtsbehörde, der Kuratel, wurde 1962 zum Abschied mit einem «h.c.» bedacht. Und Bankverein-Direktor Samuel Schweizer erhielt 1968 seinen Ehrendoktor zum Dank für seine Förderung des Antikenmuseums.

Späte Würdigung von Frauen

Männer und nochmals Männer! Verdienstvollerweise widmet Beat Münch der Berücksichtigung von Frauen ein besonderes Kapitel. Wie zu erwarten war, vernimmt man, dass die Fakultäten über 40 Jahre lang die Frauen in der Wissenschaft ignorierten und später nur wenig berücksichtigten.

Die erste Ehrenpromotion einer Frau ging, 1936 von der Philosophisch-Historischen Fakultät verliehen, an Helen Mary Allem in Anerkennung ihrer Verdienste, die sie zusammen mit ihrem verstorbenen Mann für die Edition der Briefe von Erasmus erworben hatte.

Als zweite Frau erhielt 1942 für ihren ausserordentlichen Einsatz im Flüchtlingswesen von der Medizinischen Fakultät Mathilde Paravicini das Ehrendoktorat. Diese Ehrung gehörte zum zweiten Typus der Würdigung sozialer Leistungen. 20 Jahre später folgte als dritte eine gleichartige Ehrung von Georgine Gerhard zu deren 70. Geburtstag.

Menschenrechtsaktivistin und Bajour-Kolumnistin Anni Lanz.

Menschenrechtsaktivistin und Bajour-Kolumnistin Anni Lanz. (Foto: https://wikipeacewomen.org/wpworg/en/?page_id=1818)

Die Juristische Fakultät fiel immer wieder mit ihren Ehrungen ausserordentlich engagierter Frauen auf, 2004 mit der Promotion von Anni Lanz für ihren Einsatz für die Menschenrechte und die Flüchtlingsbetreuung, 2011 mit der Promotion von Judith Stamm für ihren Einsatz für die Gleichberechtigung der Geschlechter, Seit Ende der 1970er Jahre stieg der Frauenanteil an den Ehrenpromotionen kontinuierlich an.

Alles in allem blieb die Verteilung aber sehr einseitig: Seit der Zulassung der Frauen zum Studium in Basel, 1893, bis zur Jubiläumsmarke des 550-jährighen Bestehens der Universität Basel im Jahr 2010 wurden 695 Männer und nur 49 Frauen geehrt.

Ein sensationelles Ausnahmeergebnis brachte das Jahr 2021 in dem alle Ehrenpromotionen an Frauen gingen. 2022 bildeten die Männer bereits wieder die Mehrheit, und über die Verteilung von 2023 ist oben bereits berichtet worden.

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