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Präsidialdepartement 

Wohin des Weges, liebe Kulturstadt Basel?

Das Jammern am Rheinknie ist trotz der eben gesprochenen Gelder gross. Mit der Initiative für mehr Musikvielfalt wird die Unzufriedenheit derzeit an die Oberfläche gespült. Ein guter Zeitpunkt, das Kulturleitbild zu überdenken und eine Strategie zu entwickeln. Eine Auslegeordnung.

02/12/24, 01:00 AM

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Auch mit vollständiger Umsetzung der Trinkgeld-Initiative werden im Bereich Musik 2024 immer noch 90 Prozent der Fördergelder in Orchester fliessen. Im Bild: Das Stadtcasino Basel.

Auch mit vollständiger Umsetzung der Trinkgeld-Initiative werden im Bereich Musik 2024 immer noch 90 Prozent der Fördergelder in Orchester fliessen. Im Bild: Das Stadtcasino Basel.

Wie Bässe wummern die Klagelieder der Basler Kulturschaffenden durch die Stadt. Diese klingen zum Beispiel so: «Die Strukturen sind problematisch, die Spielstätten müssen kämpfen, können ihren Künstler*innen keine richtigen Gagen bezahlen», sagt Caroline Faust von der IG Musik etwas vereinfacht. Die Trinkgeld-Initiative (TGI), welche mehr Geld für Jugend- und Alternativkultur gefordert hat und im November endlich umgesetzt wurde, verspricht zwar Besserung. Am vergangenen Mittwoch hat nun der Grosse Rat die 2,28 Millionen Franken für das Musikbüro Basel bewilligt. Mit dem Geld soll unter anderem ein neues Fördergefäss entwickelt werden. 

Die Freude ist denn auch gross. Famos seien die Möglichkeiten, die man am Rheinknie habe, relativ einzigartig die finanziellen Mittel, um Kultur zu produzieren, sagen Szenekenner*innen. Doch es gibt auch die Enttäuschten, jene, die leer ausgegangen sind. Und diese sind laut. Sie wollen wissen, welche Strategie das Präsidialdepartement (PD) in der Kulturförderung verfolgt. Kommt hinzu, dass im März ein neuer Vorsteher des PD gewählt wird, nachdem Beat Jans (SP) im Januar als Bundesrat nach Bern gewechselt hat. Im PD ist die Abteilung Kultur angesiedelt, welche die gesprochenen Gelder verteilt. Dieses Vakuum scheint gerade Tür und Tor zu öffnen für Gerüchte, wonach es im PD bald knallt. Doch sind die Baustellen, die Jans’ Nachfolger antreffen wird, wirklich so gross?

Nationalratskandidat Conradin Cramer (LDP) spricht in einem Interview mit der bz Basel im Wahlforum im Kongresszentrum in Basel am Sonntag, 18. Oktober 2015. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Basel sucht den Präsidenten

Fürs Präsidialdepartement zur Verfügung gestellt haben sich neben dem heutigen Erziehungsdirektor Conradin Cramer (LDP) auch alt SP-Nationalrat Mustafa Atici sowie der Grüne Grossrat Jérôme Thiriet. FDP-Grossrat Luca Urgese kandidiert im bürgerlichen Schulterschluss lediglich für den Regierungsrat. Wenn alles läuft, wie erwartet, wird Cramer wohl bald im PD Platz nehmen. Das schürt die Unsicherheit zusätzlich, ist Cramer doch nicht gerade für seine (alternativ-)kulturellen Leidenschaften bekannt – und ins Theater geht er selten. Aber auch Atici oder Thiriet sind bisher nicht als die grossen Kulturpolitiker aufgefallen. Die Wichtigkeit von Kultur betonen die beiden im Bajour-Video-Interview dennoch. So sagt der SP-Mann, Kultur müsse für alle Bewohner*innen da sein und: Kulturgewohnheiten würden sich mit den Generationen verschieben. Der Grüne wiederum sieht «noch viel Entwicklungspotenzial im Bereich Kultur», aber auch Fasnacht und FCB seien für ihn Kultur.

Zu jenen, die im Moment – zumindest öffentlich – am lautesten brüllen, gehören die Mitglieder von IG Musik, wie eben Caroline Faust. Die Interessengemeinschaft hat eine Initiative für mehr Musikvielfalt lanciert, welche dieses Jahr zur Abstimmung kommen dürfte. Die Kritik: Auch mit vollständiger Umsetzung der TGI werden im Bereich Musik 2024 immer noch 90 Prozent der Fördergelder in Orchester fliessen. Das Ziel der Initiative: Mehr Gelder für professionelle Freischaffende aller Genres.

Muss die Förderpraxis also grundlegender überdacht werden, ohne eine Konkurrenzsituation zu schaffen, weil auch heute noch zu viele durch die Maschen fallen? Die Initiant*innen zumindest können nicht verstehen, wie eine so vielfältige Stadt wie Basel ihre Musik so einseitig fördern kann. Der Regierungsrat hingegen empfiehlt die Initiative zur Ablehnung; er befürchtet negative Konsequenzen für die Kulturstadt Basel. Und auch unter Kulturschaffenden ist man sich nicht einig. So sagt beispielsweise Dan Wiener, Kulturunternehmer- und berater: «Mit der Initiative greift die Kultur die Kultur an.» Und: «Diese Gelddiskussion schadet dem Kulturschaffen.» Das Problem sei nicht die Umverteilung. Alle Sparten rechneten knapp, auch das Symphonieorchester Basel. Wiener sieht vielmehr «den Stellenwert der Kultur in der Gesellschaft» als Problem an. Es fehle an Wertschätzung und es sei schwierig, dagegen anzugehen. «Kultur ist keine Freizeitbeschäftigung.» Leute, die Kultur machen, würden nicht ernst genommen. Das sehe man auch im jetzigen Wahlkampf, in dem Kultur schlicht kein Thema sei, moniert Wiener.

«Kultur ist keine Freizeitbeschäftigung.»

«Kultur ist keine Freizeitbeschäftigung.»

Dan Wiener, Kulturunternehmer- und berater.

Die Vermittlung müsse ausgebaut werden, findet Wiener. Sprich: Die Inhalte würden das Publikum nur ungenügend erreichen. Und dann sagt der Geschichtenschreiber, was man in Gesprächen über die Basler Kulturstadt immer wieder hört: «Es fehlt im PD an einer Kultur-Strategie.» Einer Strategie, die Marketing, Netzwerk und Vermittlung verbinde und stärke.

Mehr Feuer und eine Strategie

Damit rückt implizit Katrin Grögel ins Zentrum. Der Kulturchefin wird zwar ein grosses Verständnis von Kultur attestiert, sie sei dossiersicher, habe eine Ahnung von der Materie. Gleichzeitig wird sie aber gerne als Verwalterin beschrieben. Es fehle an Gestaltungswillen. Und sie verstecke sich hinter den Strukturen, monieren Kulturschaffende. Für jeden ihrer Entscheide könne sie ein Reglement, eine Verordnung oder ein Grundrecht zücken. Dadurch würden die Entscheide technokratisch begründet. Grögel sieht dies anders. Sie verweist gegenüber Bajour auf die Umsetzung der TGI und betont die Pionierrolle, die Basel insbesondere in der Förderung der Nachtkultur zukommt. Sie sagt: «Wir haben viel gestaltet in den letzten Jahren.» 

Was die Kritiker*innen von der Beamtin denn auch genau erwarten, bleibt unscharf. Die einen wünschten sich «mehr Feuer und Öffentlichkeitsarbeit, um das Kulturschaffen zu stärken» (Wiener), die anderen mehr strukturelle Dienstleistungen. In anderen Worten: Es braucht nicht nur Wissen über Wagner, sondern auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse. 

«Wir haben viel gestaltet in den letzten Jahren.» 

«Wir haben viel gestaltet in den letzten Jahren.» 

Katrin Grögel, Basler Kulturchefin.

Einig ist man sich hingegen, dass es (endlich) eine strategische Fokussierung in der Abteilung Kultur braucht. Dass eine solche fehlt, haben jüngst auch die Gelder gezeigt, die der Grosse Rat für den Verein Literatur Basel oder das Beyeler Museum gesprochen hat. Statt von Strategie dürfte hier eher von einem Löcherstopfen die Rede sein. In der Parlamentsdebatte wurde denn auch darauf hingewiesen, dass auch der Kanton Basel-Landschaft stärker in die Verantwortung gezogen werden solle.

Was will man genau?

Was die Forderung nach einer Strategie in der Praxis bedeutet, bringt GLP-Grossrat und Kulturunternehmer Johannes Sieber auf den Punkt: «In der Politik wird dauernd von Strategie gesprochen, wenn man sich in den Zielen nicht einig ist.» Der Ruf nach mehr Strategie sei demnach eine Stellvertreterdiskussion. Sprich: Zuerst muss die Frage geklärt werden, was man genau will. Und was eben nicht. Derzeit, so sagen Kulturschaffende, sei zu viel Geld vorhanden, um zu sterben, zu wenig jedoch, um zu überleben. Sieber findet es allerdings «unwahrscheinlich, dass man sich in der Kulturförderung abschliessend einig wird». Diese Ausmarchung sei ein stetiger Prozess, der zum kulturpolitischen Diskurs nun mal dazugehöre.

«In der Politik wird dauernd von Strategie gesprochen, wenn man sich in den Zielen nicht einig ist.»

«In der Politik wird dauernd von Strategie gesprochen, wenn man sich in den Zielen nicht einig ist.»

Johannes Sieber, GLP-Grossrat und Kulturunternehmer.

Ohnehin ist es in Basel ja nicht so, dass aus dem luftleeren Raum eine Strategie definiert werden könnte oder müsste. Denn: Es gibt das sogenannte Kulturleitbild als Leitfaden für Diskussionen bereits. Und diesem sollte das PD mit seiner Abteilung Kultur gerecht werden. Doch das derzeitige Leitbild, welches noch vor Corona entstanden ist und anfänglich von der Musikszene kritisiert wurde, läuft 2025 aus.

Auf kulturpolitischer Identitätssuche

Angesichts der grassierenden Unzufriedenheit scheint der Zeitpunkt ideal, das Kulturleitbild grundsätzlich zu überdenken. So stellt die hängige Initiative das System ausgerechnet in einer Zeit grundlegend infrage, in der die Lebensgrundlagen für Kulturschaffende nicht nur wegen Spotify und Co. nicht mehr dieselben sind: Was für eine Kulturhauptstadt will Basel sein? Welche kulturpolitische Identität will die Stadt haben? Der Fokus lag am Rheinknie lange auf den Museen, soll man deshalb auch in Zukunft auf klassische Leuchttürme setzen? Oder ist beispielsweise das Kupferstichkabinett nicht vielleicht doch langsam aus der Zeit gefallen? All das müsste neu ausgehandelt werden.

Einer Neuaushandlung pflichtet auch Grögel bei: «Es ist notwendig, neue strategische Leitlinien zu diskutieren. Voraussichtlich ab Sommer werden wir gemeinsam mit dem neuen Vorsteher des Präsidialdepartements das neue Kulturleitbild für die Jahre 2026 bis 2031 erarbeiten.» Die Kultur sei immer auch ein Abbild der Gesellschaft. Sie müsse sich ständig neu ausrichten. 

«Wenn die Zufriedenheit aller Kulturschaffenden das oberste Ziel sein soll, fände ich das schwierig.»

Johannes Sieber, GLP-Grossrat

Der neue Vorsteher und seine Kulturchefin werden zweifellos einen Einfluss darauf haben, wie die Kulturstadt Basel in Zukunft nicht nur wahrgenommen, sondern eben auch gelebt wird. In der Vergangenheit haben unterschiedliche Gespanne diese wichtige Rolle gespielt und die Stadt entsprechend geprägt: Der (noch) Pro-Helvetia-Chef Philippe Bischof und Grünen alt Regierungsrat Guy Morin (viel Wind, aber wenig Konkretes), dann Grögel und die Grüne alt Regierungsrätin Elisabeth Ackermann (Museumsstrategie verabschiedet) und zuletzt eben Grögel und Jans (deren grösster Erfolg die Umsetzung der TGI ist). 

Jans und Grögel also die alleinige Schuld an den jetzigen Unsicherheiten zu geben, wäre überrissen, aber es braucht nun einen neuen, starken Impuls. Alle zufrieden stellen wird man indes nie. Und, um nochmals Sieber zu zitieren: «Wenn die Zufriedenheit aller Kulturschaffenden das oberste Ziel sein soll, fände ich das schwierig.» Damit hat er einen Punkt. So ist zu bezweifeln, dass Glückseligkeit ein guter Nährboden für eine Kultur wäre, die inspiriert.

Anmerkung der Redaktion: In diesem Artikel wurde das Zitat des Vereins Kultur und Gastronomie entfernt, wonach bei der Clubförderung die Rahmenbedingungen bei Veranstaltungen (nach wie vor) zu unflexibel seien, die Auflagen zu streng, die Bewilligungsverfahren zu kompliziert und zu intransparent. Dies ist faktisch falsch. Die Rahmenbedingungen haben weder etwas mit der Förderpraxis zu tun, noch werden diese von der Abteilung Kultur bzw. dem PD gestaltet.

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