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Happy Birthday: Über Nacht in der Risikogruppe

04/09/20, 11:17 AM

Aktualisiert 04/12/20, 08:07 AM

Isabelle Villard an ihrem Fenster im St. Johann.

Isabelle Villard wurde vor wenigen Tagen 65. Als Neo-Risikogruppe-Mitglied sinniert sie an ihrem Fenster über die Krise. (Foto: Roland Schmid)

Es geschah über Nacht, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht als Floskel, um zu sagen: Zack, bumm, es ging schnell. Nein, es passierte wirklich über Nacht. Am Abend zuvor war Isabelle Villard noch 64 Jahre jung, fühlte sich gesund und unbedroht, am Morgen darauf: Teil der Risikogruppe.

«Es klingt merkwürdig, aber seit meinem Geburtstag fühle ich mich kranker als vorher, weil ich jetzt offiziell zur Risikogruppe gehöre», sagt die Pensionärin. Sie hat früher im Gesundheitswesen gearbeitet und weiss, dass sie nicht weniger krank oder gesund ist als vor dem 30. März. Dennoch: «Es ist dieses Gefühl, nun zu den Alten zu gehören, das mich bei den Meldungen des Bundesrates aufhorchen lässt. Über 65-Jährige – und ich gehöre dazu.» Vorerkrankungen hat sie keine, es ist einzig diese Zahl, an die sie sich gewöhnen muss.

«Ich spüre die Blicke der Menschen, als ob sie mir sagen wollten: Gehen Sie heim, Sie sind zu alt für den Coop»

Isabelle Villard

Isabelle Villard ist eine lebensfrohe Frau. Das Älterwerden hat ihr vor Corona nie zu schaffen gemacht, sagt sie. Ihr Sohn bestätigt das. Der 26-Jährige lebt mit seiner Mutter in einer Wohnung im St. Johann. Er ist
Kinderbetreuer in einer Tagesstruktur und sollte sich von Risikogruppen fern halten. Diese Regel hat er bis zum 30. März strikt befolgt. Seither hält er sich, so gut es geht, in den eigenen vier Wänden von seiner Mutter fern.

«Geändert hat sich fürs Zusammenleben aber kaum etwas», sagt Isabelle Villard. Aber: «Wir umarmen uns seit Wochen nicht mehr, halten uns kaum im selben Raum auf und kochen nicht mehr zusammen. Ausserdem desinfizieren wir das Bad ständig.» Neu ist, dass sie nicht mehr einkaufen geht. «Ich spüre die Blicke der Menschen, als ob sie mir sagen wollten: Gehen Sie heim, Sie sind zu alt für den Coop.» Seit dem 30. März kauft nur noch der Sohn für die beiden ein.

Früher war mehr Freiheit

Plötzlich Teil der Risikogruppe zu sein ist das Eine. Das ist neu für Isabelle Villard. Schon länger beschäftigt sie die Frage danach, was diese Krise mit den Menschen macht. «Vor allem um die junge Generation mache ich mir Sorgen, um all die Leute, die etwas aufgebaut haben, sei es beruflich oder privat, und jetzt vielleicht vor einem Scherbenhaufen stehen.» Auch an ihre Generation denkt sie oft. Daran, wie frei Menschen ihres Alters waren, als sie jung waren. «Wir haben uns die Freiheit hart erkämpft. Und jetzt?» Sie denkt nach.

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«Wie lange hält die Welt diesen Zustand aus?"

Isabelle Villard

Velofahren ist ihre kleine Freiheit. «Ich realisiere, dass die Freiheit des Einzelnen nicht uneingeschränkt vorhanden ist», sagt sie. Auf dem Fahrrad vergisst sie diese Erkenntnis, wenn auch nicht für lange. Täglich macht sie eine kleine Radtour durch die Quartiere. «Es ist ein grosser Moment von Glück, diese Stille, die Verlangsamung, das ist alles auch schön.»

Im nächsten Augenblick kann alles anders sein. «Dann frage ich mich wieder, wie lange die Welt diesen Zustand aushält, ob es zu einer Revolution kommt.» Es sind Fragen und kleine Momente des Glücks, die ihr
Leben derzeit dominieren. Ein solch’ kleiner Moment war der Geburtstagsabend, ein Stück Kuchen mit dem Sohn, feiern auf Distanz. So schön dieser Abend war, so viel hat er verändert. Risikogruppe über Nacht. «Ich mache das Beste daraus», sagt sie und erzählt vom blauen Himmel, den sie vor sich hat. Das Velo wartet.

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Dies ist Teil 2 einer Mini-Serie über ältere Menschen aus der Region in der Quarantäne.

Bisher erschienen: Doris und Gianni Suter aus dem Gundeli