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Der Krieg & ich

Überall Ukraine

Die ukrainische Autorin Eugenia Senik ist am Ende ihrer Kräfte. Sie will in Berlin abschalten, aber es klappt nicht gut.

03/18/22, 11:50 AM

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Eugenia Senik möchte in Berlin den Kopf auslüften. Aber auch dort ist der Krieg allgegenwärtig.

Eugenia Senik möchte in Berlin den Kopf auslüften. Aber auch dort ist der Krieg allgegenwärtig.

Ich brauche eine Pause. Pause von dieser unerträglichen Mischung aus allen möglichen Gefühlen, die mich in letzter Zeit tags und nachts belasten. Von diesem emotionalen Molotowcocktail. Ich weiss, dass die, die sich in der Ukraine befinden, dieses Privileg nicht haben. Sie können die Explosionen nicht auf einen anderen Tag verschieben oder die Bomben per Knopfdruck stoppen. Ich fühle mich besonders schlecht wegen diesem Privileg. Und desto mehr brauche ich die Pause. Mein Zusammenbruch wird niemandem nützen, so rechtfertige ich mich vor mir selbst.

«Ich fühle mich nur entschuldigt, wenn jemand aus der Ukraine meine Erholung genehmigt»

Eugenia Senik

Bevor ich die Zeit für mich nehme, brauche ich aber eine Erlaubnis. Um sich überhaupt erholen zu dürfen, brauchen viele von uns, die in der Sicherheit sind, eine Erlaubnis von den Ukrainern selbst. Ich bekomme viel Verständnis von den Freunden und Bekannten in der Schweiz und im Ausland generell, nur bringt es keine grosse Erleichterung. Ich fühle mich nur entschuldigt, wenn jemand aus der Ukraine meine Erholung und Pause genehmigt.

Ich erkläre mich vor mehreren ukrainischen Freunden, die in Deutschland, Polen oder in der Schweiz wohnen und fühle mich viel besser, wenn ich ihr Verständnis bekomme. Und genauso musste ich vielen Ukrainern auch schon mein Verständnis geben, als sie sich vor mir erklärten, warum sie in den letzten Wochen die Ukraine verlassen haben. Ich wollte zuerst diese herzzerbrechende Erklärung sofort stoppen, die Freunde, die aus Kharkiv oder Sumy fliehen mussten, wollten sich doch bis zum Schluss rechtfertigen. Sie brauchten es für sich, deswegen musste ich zuhören und so oft wie möglich wiederholen, dass sie keine Verräter sind und dass sie es richtig gemacht haben, ihr Leben zu retten. Sie wollten es unbedingt von einer anderen Ukrainerin hören, so wie ich, wenn ich eine Pause brauche.

«Ich binde all meine unruhigen Gefühle fest zusammen und stecke sie auch in den Koffer.»

Eugenia Senik

Die Tickets nach Berlin wurden noch vor dieser brutalen Invasion gekauft und ich war noch nie in Berlin. Ich werde auch während der Reise in ständigem Kontakt mit meinen Freunden in der Ukraine bleiben. Egal wo ich bin, in Basel oder Berlin, ich kann sie immer gerne beraten oder ihnen zuhören. Ich werde auch teilweise arbeiten. So erkläre ich mich, um meine Indulgenz zu bekommen.

In den Koffer packen wir eine ukrainische Fahne, falls noch eine Friedensdemonstration stattfinden wird. Ich binde all meine unruhigen Gefühle fest zusammen und stecke sie auch in den Koffer. Wir fahren los. Nein, wir rennen nicht weg. Es ist uns klar, egal, wohin wir fahren, von diesem Krieg kann man sich nirgendwo verstecken.

Am Bahnhof angekommen sehen wir eine grosse Menge Freiwilliger, die den schutzsuchenden Ukrainern sofort vor Ort helfen. Überall sind die blaugelben Plakate mit wichtigen Informationen aufgeklebt. Und wir sehen schon viele Frauen und Kinder, die so sehr diese Hilfe brauchen und sich gleich informieren lassen.

Ich war noch nie zuvor in Berlin, aber für immer wird diese Stadt genauso in meinem Gedächtnis bleiben. Eine deutsche Stadt, wo ich vor allem Russisch und Ukrainisch höre. Und zwar ein weiches Russisch, das von den Ukrainern kommt. Im Park erzählt eine Mutter mit zwei Kindern am Telefon, dass ihre Lebenspläne auf einmal vernichtet wurden und sie jetzt alles von ganz neuem anfangen muss. Von zahlreichen, zufälligen Fussgängern schnappe ich auf Berliner Strassen ihre Gesprächsfetzen in der Luft. Ein junges Mädchen erzählt, wie sich die Leute in der Ukraine organisieren, um die Haustiere zu retten, die die fliehenden Menschen hinterlassen haben. Einige Meter weiter höre ich schon die nächsten Fussgänger, die hoffnungsvoll glauben würden, dass der Krieg bald zu Ende sei und sie doch bald wieder zurück nach Hause dürfen.

Auch die Einheimischen im Café besprechen neue Zahlen getöteter Zivillisten in der Ukraine. Ich höre kurz ihre Theorien, wann der Krieg zu Ende sein wird, und lese weiter die Nachrichten aus meinem Heimatland. Erholung? Vielleicht ein anderes Mal. Ich werde nun ganz Auge und Ohr. Ich bin eine Zeugin, welche die Aufgabe hat, alles aufzunehmen und im Gedächtnis zu speichern, um es später in Worte zu fassen und weiterzugeben.

Wir sehen überall an allen administrativen und kulturellen Gebäuden grosse ukrainische Flaggen. Aber auch kleine, selbst gebastelte hängen an den Mauern und Schaufenstern. Sie schauen uns von allen Ecken an. Die Solidarität ist bedingungslos und die Unterstützung ist riesig. Kleine Läden, grosse Supermärkten, Verkehrsmittel – alle engagieren sich, um der Ukraine zu helfen. Nur um das zu erfahren, war es diese Reise nach Berlin wert. Und diese Erfahrung bedeutet viel mehr als ein touristischer Ausflug, den wir zuerst geplant hatten.

«Es sind auch manche Unterstützer des Kremls in Berlin zu sehen, die laut demonstrieren und offensichtlich die Ukrainer provozieren wollen. Aber das ist ein Thema für einen anderen Text.»

Eugenia Senik

Aber trotz der grossen Menge an Unterstützer für die Ukrainer sind auch manche Unterstützer des Kremls in Berlin zu sehen, die laut demonstrieren und offensichtlich die Ukrainer provozieren wollen. Aber das ist ein Thema für einen anderen Text.

Ich drehe meinen Kopf zu den tausenden Freiwilligen und beschliesse, mich auf diese enorme und atemberaubende Unterstützung der Berliner zu konzentrieren. Es ist mir sehr wichtig, diese Unterstützung zu spüren, weil sie mir neue Kräfte und Energie gibt. Energie, die mir auf diesem Weg noch nützlich sein kann. Und damit merke ich langsam, wie ich doch zurück nach Basel will. Als ob in Basel mein Vorposten sei, den ich für kurze Zeit verlassen habe. Da ist meine doch schon gewöhnliche Tätigkeit, die ich in den letzten 22 Tage aus dem Nichts aufgebaut habe. Vielleicht sind meine Aufgaben ziemlich bescheiden im Vergleich zu vielen Freiwilligen in Berlin, aber mir sind sie wichtig, solange sie mindestens ein paar Menschen in der Ukraine helfen können.

Mit Erlaubnis oder ohne, ich kann mich jetzt gar nicht erholen, egal wohin ich hinfahren würde. Ich spüre den Krieg überall, als ob jetzt die Ukraine überall wäre. Ich werde mich erst richtig erholen können, wenn der Krieg zu Ende ist.

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