Hype um die Aufmerksamkeitsstörung

Luc Müller* hatte immer wieder psychische Probleme. Seit seinem Klinikaufenthalt ist klar: Er hat ADHS. Das Syndrom ist populär – und das sei auch gut, findet eine ADHS-Beraterin.

Selina Frutig (Illustration)
Lange Wartelisten, viele Anfragen: Die ADHS-Abklärung ist in. (Quelle: Selina Frutig)
Hauptstadt

Dieser Text ist zuerst bei der Hauptstadt erschienen. Die Hauptstadt gehört wie Bajour zu den verlagsunabhängigen Medien der Schweiz.

Das Leben von Luc Müller war lange Zeit von der Sucht begleitet. Mit Kokain konnte er selbstbewusster auftreten. Der Alkohol beruhigte ihn, mit ihm konnte er abschalten und hörte sein Gehirn weniger rattern.

Luc Müller heisst im wirklichen Leben anders. Die «Hauptstadt» hat seinen Namen zum Schutz seiner Privatsphäre geändert.

Als Müller sich im Pandemiejahr 2020 aufgrund einer schweren Depression und Alkoholmissbrauch selbst in eine Klinik einwies, wurde ihm neben der Therapie angeboten, verschiedene Abklärungen zu machen, darunter ADHS. Müller machte den Test. Das Ergebnis war «ziemlich deutlich», wie er heute erzählt.

«ADHS ist ein Spektrum. Die Symptome können sich wenig oder stark zeigen, je nach Lebensphase oder Familien- oder Arbeitssituation, die man gerade durchlebt.»

Helen Jenni, Leiterin und Beraterin der Regionalen Fachstelle Bern

ADHS steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Störung mit oder ohne Hyperaktivität. Die Störung ist vorwiegend genetisch bedingt, das Gehirn verarbeitet Informationen anders als Menschen ohne ADHS. Das zeigt sich unter anderem durch die drei Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität.

Im Zeitgeist von ADHS

Lange nahm man an, das Syndrom wachse sich im Alter aus. Heute weiss man, dass ADHS ein Leben lang bestehen bleiben kann. Immer mehr Erwachsene erhalten deshalb erst jetzt die Diagnose. Nicht selten, weil die vererbbare Aufmerksamkeitsstörung bei den eigenen Kindern diagnostiziert wird. 

Dementsprechend sind die Anfragen bei der nationalen ADHS-Organisation Elpos in den letzten Jahren gestiegen, wie Helen Jenni, Leiterin und Beraterin der Regionalen Fachstelle Bern, bestätigt. Und die Wartelisten für eine ADHS-Abklärung sind voll. Schweizweit warte man rund ein- bis eineinhalb Jahre, so die Beraterin.

Jung
ADHS auch in Basel populär

Auch in Basel erhalten Kinder wie Erwachsene immer öfter eine ADHS-Diagnose, bestätigt Anita Jung Strub, elpos-Fachstellenleiterin für die Nordwestschweiz gegenüber Bajour. Die Wartefristen für eine Diagnose am Rheinknie betragen zur Zeit 6-8 Monate. Zudem mache sich ein Trend bemerkbar, wonach die Abklärungen oft in verkürzter Form stattfänden, um mehr Menschen gleichzeitig abklären zu können. Wie in Bern seien auch in Basel die Therapieplätze ausgebucht. Kinder müssten meist 1-2 Jahre warten. Jung Strub sagt: «Das ist eigentlich eine Tragödie und sollte gar nicht gehen.» Erwachsenen mit einer ADHS-Diagnose wiederum würden «nur» Medikamente nehmen, weil eine Begleitung oder Therapie gar nicht erst möglich sei. Bei ADHS wäre es aber eigentlich unumgänglich Strategien zu entwickeln und Verhaltensveränderungen, so Jung Strub. Alternativ gebe es die Möglichkeit, sich coachen zu lassen. «Doch Coaching ist teuer. Nicht jeder kann sich das leisten.»

Dieser gestiegene Bedarf sei logisch und wichtig, findet Jenni. Es gibt mehr Medienberichte und Beiträge mit «Outings» gerade in den Sozialen Kanälen, die Menschen seien sensibilisierter geworden. Ausserdem seien die Kriterien für das Syndrom differenzierter als früher, als sich die Medizin nur auf das Symptom der Hyperaktivität konzentrierte. Das führe dazu, dass die Diagnose bei mehr Menschen gestellt werde. «ADHS ist ein Spektrum. Die Symptome können sich wenig oder stark zeigen, je nach Lebensphase oder Familien- oder Arbeitssituation, die man gerade durchlebt», so Jenni.

Sie bestätigt, dass heute mehr Menschen als früher glauben, von ADHS betroffen zu sein. «Im Internet gibt es ADHS-Selbsttests, die fast immer positiv ausfallen und nach denen geraten wird, sich weiter abzuklären», erklärt sie dazu. In Zeiten von Social Media sei es schwieriger geworden, die kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne, die uns alle betreffe, von ADHS zu unterscheiden. 

Klar sei: Von Social Media könne man kein ADHS bekommen. Menschen mit ADHS hätten aber mehr Mühe, sich selbst zu steuern. Das heisst, so Jenni, dass sie zum Beispiel bis tief in die Nacht Zeit auf dem Handy verbringen würden, weil sie trotz guten Vorsätzen die Selbststeuerung nicht aufbringen, es wegzulegen.

«Ich habe ein sehr, sehr anstrengendes Leben geführt.»

Luc Müller* (Name geändert)

Für eine ADHS-Diagnose sei ein wichtiges Kriterium, ob die Kernsymptome wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität oder Hyperaktivität bereits in der Kindheit und Jugend existierten. Das werde mit Fragebögen, welche auch Menschen aus dem nahen Umfeld ausfüllen sollen und einer Anamnese ermittelt. Würden die Symptome erst im Erwachsenenalter auftreten, könnten auch andere Ursachen, wie zum Beispiel ein Eisenmangel, eine Unter- oder Überfunktion der Schilddrüse, oder auch die Wechseljahre bei Frauen dafür verantwortlich sein, sagt die Beraterin.

Ausserdem sehe man auch kulturelle Unterschiede. Während im Tessin, das von der italienischen Kultur geprägt ist, ADHS-Eigenschaften wie lautes, schnelles Sprechen und impulsives Verhalten akzeptierter seien, passe das weniger in die Deutschschweiz. Die Konsequenz: Jenni beobachtet in der italienischsprachigen Schweiz weniger Anfragen zu ADHS als in der deutschsprachigen. Obwohl es dort die Aufmerksamkeitsstörung genauso gebe.

Gute und schlechte Strategien

Luc Müller erzählt ohne Punkt und Komma von seinem Leben. Es ist nicht immer einfach ihm zu folgen, ab und zu macht er Zeit- und Gedankensprünge. Müller, Ende 50, war sein Leben lang rastlos, wollte immer neue Projekte anreissen und weiter kommen. Auch, weil er Bestätigung brauchte und ihn Selbstzweifel plagten. Der Kopf ratterte unentwegt, abends konnte er kaum abschalten. Sucht und depressive Phasen waren die Folgen daraus.

Ein Teufelskreis, den viele ADHS-Betroffene kennen, wie Beraterin Jenni von der ADHS-Organisation Elpos sagt.

Denn ein unbehandeltes ADHS könne Begleiterkrankungen, wie psychische Probleme, Depressionen, Sucht oder Burnout hervorrufen. Bei ADHS entstehe ein Ungleichgewicht im Gehirn, das mit Symptomen wie Ruhelosigkeit, Konzentrationsschwäche oder leichter Ablenkbarkeit einhergehe. Oft entwickle man nicht hilfreiche Strategien, um diese Symptome zu kompensieren wie übermässiger Konsum von Koffein, zuckerhaltigen Lebensmitteln, Alkohol oder Drogen.

«Menschen mit ADHS brauchen für alltägliche Aufgaben mehr Energie als Menschen ohne ADHS.»

Helen Jenni, Leiterin und Beraterin der Regionalen Fachstelle Bern

Der Leidensdruck von Menschen mit ADHS sei unterschiedlich. Was viele gemeinsam haben, sei die Einteilung ihres Energiehaushalts, so Jenni: «Menschen mit ADHS brauchen für alltägliche Aufgaben mehr Energie als Menschen ohne ADHS.» Das könne zum Beispiel dazu führen, dass sie in ihrem Beruf sehr gut zurechtkommen, oder auch im Hyperfokus eine überdurchschnittliche Leistung erbringen können, die Energie für die alltäglichen Dinge im Haushalt dann eher fehlt, sagt Jenni.

Wenn der Leidensdruck zu gross werde, solle man sich abklären lassen, oder unabhängig von einer Diagnose Hilfe in Anspruch nehmen, findet Jenni. Für viele Menschen mit ADHS sind Ergotherapie, spezifische ADHS-Coachings und auch Angebote der Psychiatrie-Spitex hilfreich. Es gebe aber auch Menschen mit ADHS, die gute Strategien entwickelt hätten, um mit der Aufmerksamkeitsstörung gut umzugehen und die Stärken in ihrem Beruf nutzen können. Deshalb sei die Dringlichkeit einer Abklärung nicht bei allen gleich hoch. Aber «auch wenn eine Person im Alltag nicht allzu stark beeinträchtigt ist, kann man ihr eine Abklärung nicht absprechen, um Gewissheit zu haben», sagt Jenni.

ADHS und nicht süchtig

Die Diagnose hat vieles in Luc Müllers Leben geändert. Er macht dazu einen Vergleich mit Bauklötzen: Zuerst seien sie chaotisch auf dem Tisch gelegen. Sobald er gewusst habe, dass er ADHS hat und welche Symptome damit einhergehen, hätten die Bauklötze plötzlich eine Ordnung bekommen. Die Selbstzweifel, die Rastlosigkeit, die ihn zuvor zum Getriebenen gemacht hatten, «das ergab plötzlich Sinn», sagt er.

Nach der Diagnose erhielt Müller in der Klinik ein Antidepressivum, das auch gegen das ADHS gewirkt habe. Seine Alkoholsucht habe plötzlich keine Rolle mehr gespielt. «Ich habe mir nichts verboten und hatte trotzdem keine Lust, Alkohol zu trinken», sagt Müller. Jetzt bleibe ohne Probleme bei einem Glas Wein und trinke nur in Gesellschaft. Drogen konsumiere er seit drei Jahren nicht mehr. Das hätte er früher nicht geschafft. «Da staune ich selbst.»

«Selber still sein. Das ist ganz schwierig.»

Luc Müller* (Name geändert)

Müller geht trotz gemässigtem Alkoholkonsum weiterhin in die Suchtberatung der Berner Gesundheit und zu einem Psychologen. Nun sucht er in einer Selbsthilfegruppe, die Selbsthilfe BE ermöglicht, nach Antworten, wie andere Erwachsene mit ihrem ADHS umgehen. Er will dazulernen. Zum Beispiel den Menschen richtig zuhören können und ihnen nicht nur das Gefühl geben, dass er zuhöre: «Selber still sein. Das ist ganz schwierig.» 

Zudem übt er, mit sich selbst etwas anzufangen. Früher habe er einfach getrunken oder konsumiert. «Ich habe ein sehr, sehr anstrengendes Leben geführt», sagt Müller. Das will er nun ändern und ist unter anderem umgezogen: «Ich lebe nun endlich in einer Wohnung, die mir gefällt und in der ich nicht nur schlafe.»

Bei seinem eigenen Verhalten kann er auch Positives auf das ADHS zurückführen: Er merke, wie sich Menschen in einer Gruppe fühlen, habe schnell neue Ideen und packe gerne an. 

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