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Kultur quo vadis

«Kultur ist nicht einfach ein Dessert!»

Am Samstagnachmittag diskutierten Stephanie Eymann, Beat Jans und Esther Keller im Foyer des Theaters über Kultur. Wir haben die wichtigsten Aussagen und Haltungen für euch zusammengetragen.

11/14/20, 09:25 PM

Aktualisiert 11/15/20, 09:07 AM

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Die Ausgangslage ist schnell erzählt: Dan Wiener von der Agentur «communication & culture» sagt, im Rennen ums Präsidialdepartement (PD) sei Kultur kaum Thema. Und das, obwohl rund 80 Prozent des Geldes in Kulturinstitutionen und -produktionen fliesse. Er stellt ein Gespräch auf die Beine, das Kultur zum Thema macht, und lädt Esther Keller (GLP), Stephanie Eymann (LDP) und Beat Jans (SP) dazu ein.

Samstagnachmittag im Foyer des Theater Basel, die Stimmung ist locker, die Anwärter*innen aufs PD beantworten gekonnt gutgelaunt Fragen von Wiener und anderen Kulturschaffenden (die nicht anwesend sind, sondern im Vorfeld ihre Fragen einschicken konnten). Das Gespräch plätschert diplomatisch dahin, nur einmal kommt etwas Feuer rein - als Beat Jans auf die Finanzpolitik der Bürgerlichen zu sprechen kommt.

Das waren die wichtigsten Punkte der drei Kandidat*innen:

1. Stephanie Eymann: Gspürig.

(Foto: Quelle: www.ldp.ch)

Eymann ist laut eigener Aussage schwer verortbar. Mag ab und zu eine Ausstellung. Und Musik aller Art. «Kultur ist nicht einfach ein Dessert, sondern macht Gemeinschaft aus.» Unter dieser Prämisse müsse man Kulturbudgets anschauen. Das bedeute jedoch nicht, dass immer aufgestockt werde.

Findet wichtig:

  • Dass man den direkten Kontakt mit der Branche pflegt. «Man muss die Branche kennen- und spüren lernen.»
  • Zugang vermitteln, auch Menschen, die weniger mit Kultur anfangen können.
  • Dass das Berufsbild Kunstschaffende ankommt, als wirklicher Beruf. Dass Kultur als was Handfesteres, was Spürbareres empfunden wird.
  • Trinkgeldinitiative. Eymann ist mehr für Umverteilung als für Aufstockung des Budgets. Auf Wieners Einwand, eine Umverteilung sei unmöglich, entgegnete sie: «Ich bin nicht abgeneigt zu sagen, dass wir eine Aufstockung prüfen müssen.»
  • Geld. «Im Endeffekt geht es immer um Geld.» Es laufe alles darauf hinaus: Man müsse Kultur ermöglichen, aber mit dem nötigen finanziellen Auffangnetz. Niederschwellig, ohne grossen bürokratischen Aufwand.

Mag nicht:

  • Wenn das PD bei der operativen Führung einer Institution mitredet. Stichwort Historisches Museum Basel. «Ich sehe Politik oder in diesem Fall die Rolle der Präsidentin nicht darin, jemandem reinzuschwatzen. (...) Politik hat die Rolle zu ermöglichen, Rahmenbedingungen zu erschaffen. Ihre Aufgabe ist es nicht, Inhalte zu bestimmen.»
  • Den neu verhandelten Kulturvertrag mit BL. Es sei ein wichtiger Ansatz, da nachzuverhandeln und einen «anständigen Ausgleich» hinzukriegen.
  • Kulturförderung nach Nachfrage diktieren. «Kultur entsteht bottom-up. Wenn man nach Nachfrage diktiert, kommen wir in den Mainstream rein.» So entstehe nichts Neues. Kultur nach Einschaltquote sei gefährlich.
  • Dass Jans in dieser Runde Parteipolitik mache. Man müsse schwierige Situationen losgelöst von links und rechts versuchen, durchzubringen.
  • Mäzenatentum als Selbstverständlichkeit.

Ideen:

  • Tag der Kultur. Sichtbarmachen von Kulturzweigen, die man nicht kennt. Wie nach der Fasnacht, wenn sich die Cliquen auf dem Barfi präsentieren.
  • Den kulturellen Austausch mit Deutschland und Frankreich installieren (kleine Anmerkung der Redaktion: Es ist nicht so, dass es das nicht schon gäbe: Die Regionale etwa zeigt jedes Jahr Kunst aus dem Dreiländereck).

2. Beat Jans: Musisch.

Jans war in der Knabenmusik als Schlagzeuger. Was nur dank der Kultursubventionen des Kantons möglich gewesen sei. Später spielte er in Bands, jammt heute noch in einer kleinen Band. «Wenn Basel Kulturhauptstadt bleiben will, muss es investieren.»

Findet wichtig:

  • Kultur am Leben zu erhalten. «Künstler und Künstlerinnen leben davon - vom Geld, vom Applaus, von der Arbeit, in der sie aufgehen.» Es sei wichtig, dass die öffentliche Hand sie dabei so gut es geht unterstützt.
  • Förderung breiter kultureller Vielfalt: «Damit Künstler und Künstlerinnen sich auch in Gebieten entwickeln können, die nicht so populär sind.»
  • Trinkgeldinitiative. Und zwar mittels Aufstockung: Jans ist eindeutig für eine Aufstockung des Kulturbudgets.
  • Dialog suchen. Mit Kulturschaffenden zusammensitzen. Er mache sich allerdings nicht die Illusion, dass man so eine für alle passende Lösung finde.
  • Commitment. Die Botschaft, die er sich von der Politik wünscht: «Wir ziehen euch durch diese Krise, auch wenn wir uns verschulden.»
  • Sponsoren. Seien wichtige Akteure, gerade wenn es um Kulturevents geht.

Mag nicht:

  • Wenn das PD bei der operativen Führung einer Institution mitredet. Da ist Jans einer Meinung mit Eymann. Ausrichtungsdiskussionen sollen auf hoher strategischer Ebene und nicht in einzelnen Institutionen geführt werden. «Jemand, der im Präsidialdepartement für Kultur zuständig ist, muss Menschen zusammenbringen und zeigen, dass er da ist für die Institute. Aber er muss nicht führen.»
  • Wie die Bürgerlichen bei Spardebatten gegen Kultur argumentieren. «Das ist der Unterschied zwischen bürgerlicher und rot-grüner Politik: Die Finanzfrage.» Bürgerliche würden Institutionen zusammenstreichen, statt versuchen, über inhaltliche Neuausrichtungen zu sparen. Und hätten die Haltung, der Staat könne nicht für alle da sein. Sondern dass der Topf irgendwann leer sei.

Ideen:

  • Aktionen für Menschen ohne grosses Portemonnaie, etwa eine Kulturkarte für reduzierte Eintritte.
  • Aus Basel eine Musikstadt machen. Was wie eine Museumsnacht, aber mit Musik.
  • Räume aufmachen: Etwa im Münster klassische Konzerte organisieren. Vorbild: Das Imfluss Festival.

Hier spielt die Musik:

3. Esther Keller: Sportlich.

Keller arbeitete an der Aufarbeitung der Geschichte der Casinogesellschaft mit und hat dazu ein Buch veröffentlicht. Ausserdem sitzt sie im Vorstand vom Kunsthaus Baselland. Sie sei eine Leseratte, mag Alain Claude Sulzer. «Kultur ist – wie Sport – ein Ventil: Was passiert, wenn die Gesellschaft diese Ausdrucksform nicht mehr hat? Das kann man nicht beziffern.»

Findet wichtig:

  • Dass Kulturschaffende (wie Sportler*innen auch) zeigen können, worauf sie hingearbeitet haben – auch wenn es nur vor 50 Nasen sei. Auch wenn es so ein Defizit gibt? «Es gibt auch ein Defizit wenn man nicht spielt – und jetzt ist die Frage: Wo hat man mehr davon?»
  • Menschen mit neuen Ideen zu erreichen. Wie es etwa das Theater mit dem Foyer mache: Solche Ideen müsse man weiter entwickeln.
  • Trinkgeldinitiative. Wie Jans mittels Aufstockung. Das Kulturbudget von Basel-Stadt sei nicht besonders hoch, wenn man die Menge der Menschen im Einzugsgebiet berücksichtige.
  • Bei Projekten mitarbeiten und nah dran sein: Vorstandsmandate wie beim Kunsthaus Bsselland oder beim Openair Basel.

Mag nicht:

  • Das Gesetz, das besage, ein Museum sei eine autonome Dienststelle. Da habe sie grossen Klärungsbedarf. Welche Aufgaben habe die Direktion, welche die Kommission, welche das Präsidialdepartement?
  • Mäzenatentum als Selbstverständlichkeit.

Ideen:

  • Standortmarketing. Die Stadt Basel solle man mit ihrer kulturellen Vielfalt besser positionieren. Packages sollen erarbeitet, Leute in die Stadt gelockt werden.
  • Das «Vereinen» von Kommunikationsstellen, etwa in Museen. Oder jemand, der Events für verschiedene Institutionen mache, nicht nur für eine. So könne man Kräfte bündeln.
  • Gastronomie als Vorbild nehmen: Die Betriebe dürfen jetzt mehr öffentlichen Raum benutzen. Es brauche auch in der Kultur mehr möglichen Spielraum. «Da war die erste Reaktion aus dem Baudepartement: Das ist nicht möglich! Aber es ging eben doch.»
  • Kulturbetriebe sollen selbst kreativ werden, dezentralisiert auftreten, auch mal draussen vorführen.

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