Katrin Grögel: «Die künstlerische Freiheit ist wichtig»

Und schon haben wir die nächste Debatte über kulturelle Korrektheit. Dieses Mal geht sie von Alain Claude Sulzer aus. Der Basler Autor wirft dem Fachausschuss Literatur beider Basel Zensur vor. Kulturchefin Katrin Grögel relativiert, man habe nur mehr Informationen gebraucht.

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Zwei Menschen, zwei Meinungen. (Quelle: Keystone/ Collage: Bajour)

Wenn einer «Zensur» schreibt, ist ihm die Aufmerksamkeit gewiss. So auch Alain Claude Sulzer. Seine Kritik in der NZZ am Sonntag sorgt für Diskussionen bis weit über die Kulturszene hinaus. Denn: Der Schriftsteller wirft dem Fachausschuss Literatur beider Basel «Zensur» vor. 

Was ist passiert? 

Sulzer hat ein Fördergesuch für ein Buch mit dem Arbeitstitel «Genienovelle» eingereicht. Es spielt in den 60er- und 70er-Jahren in Bochum. In diesem Manuskript kommt der Begriff «Zigeuner» vor, die NZZ am Sonntag zitiert folgenden Abschnitt: 

Im Roman schildert der Ich-Erzähler die Geschichte seiner Freundschaft mit Frank, den er seit Kindesbeinen kennt. Man wohnt im gleichen Haus, «wir links, Reimers rechts», eines von vier «Reihenwohnblocks»: «Zwei Stockwerke unter uns hausten die Zigeuner, vor deren Wohnungstüren sich die Schuhe unordentlich neben- und übereinander stapelten. In ihren Wohnungen, in die sie den Strassendreck nicht hineintragen wollten, gingen sie vermutlich barfuss oder in Strümpfen, vielleicht trugen sie Hausschuhe. Auch wenn es die anderen Hausbewohner störte, es war unbestreitbar hygienischer, als die Wohnungen in Strassenschuhen zu betreten.» 

Danach bekam Sulzer Post vom Fachausschusses Literatur, der für die Bewertung der eingereichten Gesuche zuständig ist. Er bat Sulzer um eine Stellungnahme. Was seine «Überlegungen beim Gebrauch der Bezeichnung ‹Zigeuner› in der Textprobe» seien, wollte man wissen. Der Duden markiere «den Gebrauch des Wortes als diskriminierend». Ferner bitte der Fachausschuss auch darum, «zu erläutern, welche Relevanz die stereotype Beschreibung des Wohnumfelds des jugendlichen Protagonisten, in deren Zusammenhang die genannte Bezeichnung eine zentrale Rolle einnimmt, für das Gesamtprojekt haben wird». Bajour liegt der Brief vor.

«Das ist noch kein Verbot, aber bereits Zensur.»

Alain Claude Sulzer, Basler Schriftsteller

Alain Claude Sulzer machte sich nicht die Mühe, die Frage zu beantworten, sondern zog subito sein Gesuch zurück. Gegenüber Bajour präzisiert er: «Es ist doch Bevormundung, wenn der Fachausschuss mir sagt, du bekommst das Geld nur, wenn du erklärst, warum du das Wort ‹Zigeuner› verwendest.» Das sei ein klarer Eingriff in den Vorgang, wie diese Werkbeiträge vergeben würden. «Das ist noch kein Verbot, aber bereits Zensur.»

Ganz anders als Sulzer sehen das die zuständigen Behörden in Basel-Stadt und Baselland. Katrin Grögel, Kulturbeauftragte des Kantons Basel-Stadt, weist den Vorwurf der Zensur «auf das Schärfste» zurück. Die Kulturabteilung entscheide nicht darüber, ob ein Buch veröffentlicht werde oder nicht, sie redigiere auch keine Texte. Die Fördergremien machen zuhanden der Amtsleitungen ausschliesslich Empfehlungen, ob ein Manuskript gefördert werden soll.»

Grögel bestätigt, dass das Wort «Zigeuner» im Fachausschuss für Diskussionen gesorgt habe. Daher habe man den Autor gebeten, auszuführen, in welchem Kontext er das Wort verwende. «Als Förderstelle ist uns die künstlerische Freiheit sehr wichtig», sagt Grögel. «Wir wollten einfach wissen, welche künstlerische Relevanz die verwendeten Begrifflichkeiten haben.» Ein ganz normales Vorgehen, man bitte Künstler*innen immer wieder, zu präzisieren, was die Romananlage sei und wo der Künstler damit hinwolle.

«Als öffentliche Förderinstitution möchte man sichergehen, die Intention des Autors korrekt verstanden zu haben. «Wir spekulieren darüber grundsätzlich nicht. Wenn Fragen offen bleiben, fragen wir nach.»

Podium Teaserbild 2
Bajour-Podium: Kulturkampf zwischen den Zeilen

Auf unserem Podium über die Zensurvorwürfe gegen die Literaturförderung beider Basel diskutierten wir mit der Basler Kulturbeauftragten Katrin Grögel und Autor Alain Claude Sulzer über Kunstfreiheit in Zeiten der kulturellen Korrektheit. Verpasst? Hier kannst das Podium in voller Länge nachschauen.

Zum Video

Es hat durchaus mit dem Zeitgeist zu tun, dass ein Wort wie «Zigeuner» in einem Fachgremium für Diskussionen sorgt. So gehört die Auseinandersetzung mit Begrifflichkeiten, welche früher geläufig waren, heute vom Duden aber als diskriminierend definiert werden, zur aktuellen kulturellen Debatte. 

Grögel stellt aber klar: «Es gibt in der Kunst gute Gründe für einen Sprachgebrauch, der nicht den heutigen Moralvorstellungen entspricht.» Beispielsweise, wenn das Werk in einer historischen Epoche spiele. Auch müsse es innerhalb künstlerischer Konzepte möglich sein, radikale fiktive Figuren oder Meinungsäusserungen einzubinden. 

Laut Grögel gab es auch in den 60er-Jahren, in denen das Werk spielt, durchaus ein Problembewusstsein für den verwendeten Begriff: «Das Wort ‹Zigeuner› galt im deutschen Sprachgebrauch schon seit dem Zweiten Weltkrieg als abwertend und kulturalisierend.» Zudem werde der Text von einem Ich-Erzähler retrospektiv aus unserer Gegenwart erzählt und mache durchaus auch Bezüge zu anderen aktuellen gesellschaftlichen Themen wie beispielsweise dem Klimawandel.

«Es ist für die Beurteilung wichtig zu wissen, ob sich der Autor mit der Problematik des Begriffs auseinandergesetzt hat», sagt Grögel. 

Sie als Abteilungsleiterin brauche diese Informationen auch, um eine allfällige Förderung gegen aussen zu vertreten: «Wenn wir das Buch fördern und danach wegen umstrittener Begriffe kritisiert werden, muss ich sagen können: Ja, wir haben diese Diskussion intern geführt und sind zum Schluss gekommen, dass es dafür gute Gründe gab.» Denn es sei Teil ihrer Aufgabe, Entscheide öffentlich – gegenüber der Politik und den Medien – zu begründen.

«Es ist für die Beurteilung wichtig zu wissen, ob sich der Autor mit der Problematik des Begriffs auseinandergesetzt hat.»

Katrin Grögel, Kulturbeauftragte des Kantons Basel-Stadt

Ganz anders sieht das Alain Claude Sulzer: «Ich rede gerne darüber, ob die Kunst Begriffe wie ‹Zigeuner› verwenden darf. In einem Podium oder einem Interview.» Aber nicht in einer Bewerbung für einen Werkbeitrag gegenüber einer Fachkommission: «Wenn ein Fachausschuss Angst hat, dass sie Kunst mit heiklen Begriffen fördert und deswegen nachher kritisiert wird, können wir grad aufhören mit Förderung. Dann vergeben wir lieber Preise für Bücher mit nettem Inhalt.» Alles andere sei gar nicht praktikabel, schliesslich lese eine Fachkommission jeweils nur ein paar wenige Seiten eines Manuskript und nicht das ganze Buch. Sie könne also gar nicht vorhersehen, ob der Rest des Buches justiziable Stellen enthalten werde. 

Alain Claude Sulzer bekommt jetzt viel mediale Aufmerksamkeit mit seinem Zensurvorwurf – das war zu erwarten. Wenn es um politische Korrektheit geht, gehen die Wogen hoch. Bestes Marketing für einen Autor. Hat Alain Claude Sulzer diese Aufmerksamkeit einkalkuliert, bevor er mit der NZZ am Sonntag geredet hat?

«Nein, das habe ich mir wirklich nicht überlegt», sagt er. Sein Buch erscheine frühestens nächsten Frühling, bis dahin hätten das alle vergessen.

Recht auf Förderung?

Interessant war auch die Tonalität des Artikels in der NZZ am Sonntag. Bei der Lektüre kann man den Eindruck erhalten, dass Sulzer qua seiner Persönlichkeit bei jedem Gesuch berücksichtigt wird. So steht geschrieben:

«Am 14. März dieses Jahres reicht der 70-jährige Sulzer dem Fachausschuss Literatur beider Basel die ersten 19 Seiten seines mittlerweile zehnten Romans ein und bittet um staatliche Förderung, einen sogenannten Werkbeitrag. Das hat Sulzer immer so gemacht, immer problemlos. Man bekommt dann Geld, in Sulzers Fall um die 25'000 Franken – was nicht eben viel ist für jahrelange Arbeit.»

Kann man als Autor mit einer gewissen Bekanntheit quasi mit einer Förderung rechnen, im Gegensatz etwa zu jungen Künstler*innen, die noch nie eine Förderung erhalten haben? 

«Einen solchen Automatismus gibt es nicht», sagt Katrin Grögel. «Das Alter und die Bekanntheit spielten keine Rolle, die beiden Kulturabteilungen entscheiden bei jedem einzelnen Antrag nach künstlerischen Kriterien.» Die Behörden müssten Rechtsgleichheit gewährleisten. «Es muss daher für uns unerheblich sein, ob ein Gesuchsteller/eine Gesuchstellerin arriviert ist oder am Anfang seiner/ihrer Karriere steht.»

Würde man das Werk jetzt fördern, nachdem der Autor - via NZZaS die Antworten auf die gestellten Fragen nachgereicht hat? Grögel: «Wir können keine Beurteilungen einholen bei unseren Fachgremien aufgrund von Äusserungen in den Medien. Wir benötigen die relevanten Informationen im Gesuch.» 

*Die gescheite Frage im letzten Abschnitt kam uns erst am Abend in den Sinn, weshalb wir sie noch nachgereicht und später publiziert haben.

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