Kompetenz gewinnt

Sieben gute Nachrichten aus dem Basler Wahlkampf.

Siegerinnen Wahlsonntag 23
Die vier Nationalrätinnen Katja Christ, Sibel Arslan, Patricia von Falkenstein, Sarah Wyss und ihre Blumensträusse. (Bild: Ernst Field)

Die Welt ist in der Krise. Der Terror in Israel. Der Horror in der Ukraine. In der Schweiz leiden die Menschen unter hohen Kosten bei Gesundheit und den Mieten. Und Corona ist auch nicht so richtig verdaut. 

Die Schweiz tut, was sie in solchen Situationen gerne tut. Sie setzt auf einfache kurzfristige Rezepte und Sicherheitsversprechen und wählt SVP. Und straft die Grünen als Überbringer*innen der schlechten Botschaften ab. Zusätzlich zahlen sie noch dafür, dass einige Klimajugendliche sich vom üblichen politischen Umgang verabschiedet haben und sich auf die Strasse kleben. Haften blieb es an den Grünen.

Soweit so national. Ganz anders ist wieder mal das Bild, das Basel-Stadt heute aussendet. Der Stadtkanton schickt fünf Frauen nach Bern und stärkt dabei das politische Zentrum. 

Zeit für ein progessives Basler Listicle.

Das sind die sieben guten Nachrichten des hiesigen Wahlkampfes:

  • Kompetenz gewinnt. Die Basler Bevölkerung hatte parteienübergreifend die Wahl aus engagierten, kompetenten Spitzenkandidat*innen. Das ist nicht selbstverständlich und darf hier auch einmal verdankt werden.

  • Das Zentrum wird gestärkt. Nicht nur hat Katja Christ den Sitz verteidigt, ihre GLP und auch die Mitte (vormals CVP) haben Wähler*innenanteile dazugewonnen. Zwar mit viel Unterlisten und Tücke, aber doch ein versöhnliches Zeichen in Zeiten der Polarisierung.

  • LDP-Macht normalisiert sich. Die Liberalen haben  den Sitz von Patricia von Falkenstein verteidigt, aber 4,45 Prozent Wähleranteile verloren. Das hat auch mit dem Wegfallen des Eymann-Effektes zu tun. Christoph Eymann hatte dank seines ökologischen und sozialen Engagements gegen AKW und für die SKOS jeweils auch Stimmen bei den Linken geholt, von Falkenstein ist das weniger gelungen. Die FDP konnte mit Baschi Dürr leicht zulegen, was auch ein Indiz dafür ist, dass wirtschaftsliberale Politik in Basel auf Dauer nicht als Familienangelegenheit verstanden werden muss.

  • Einfluss in Bern wenigstens ein bisschen gestärkt. Basel-Stadt hat einen Nationalratssitz und Mustafa Atici (SP) sein Amt verloren. Doch wir haben weiterhin einflussreiche Nationalrätinnen in Bern. Sibel Arslan ist als Vizepräsidentin der Grünen inzwischen eine Frau mit viel Einfluss und hat ihren Sitz verteidigt. Und Sarah Wyss hat sich als Vizepräsidentin der Finanzkommission und angesehene Gesundheitspolitikerin nach kürzester Zeit einen Namen in Bern verschafft. Die meisten Journalist*innen dachten, sie würde abgewählt – auch ich. Nun wird Wyss ihren Einfluss in Bern weiter ausbauen können, ebenso wie Patricia von Falkenstein und Katja Christ.

  • SVP eingedämmt. In der Grenzstadt Basel wird nicht belohnt, wer am lautesten alle Schuld auf Ausländer*innen schiebt und dabei regelmässig den Anstand vermissen lässt. Dank dem Ausschluss der Rechtspartei aus der bürgerlichen Listenverbindung holte die SVP trotz Gewinnen keinen Sitz. Die nationale FDP hätte sich hier etwas abschauen können. 

  • Frau triumphiert. Basel-Stadt schickt als einziger Kanton nur Frauen nach Bern. Männer machen bekanntlich auch gute Politik. Aber nach über 100 Jahren Männerherrschaft in der Schweiz darf es auch mal eine reine Frauenvertretung aus Basel sein.

  • Wahlbeteiligung steigt. Dieses Jahr haben mehr Menschen gewählt als noch vor vier Jahren (49,7% bei den Ständerats-, 51,4% bei den Nationalratswahlen). Warum? Es gab halt wirklich etwas zu verlieren – Basel-Stadt hat ja einen Sitz an Zürich abgeben müssen. Vielleicht merken die Basler*innen aber auch, dass ihre Stimme etwas bewirkt. Nicht unbedingt direkt in Bern. Aber in der regionalen Politik hat man nach den letzten Gross- und Regierungsratswahlen deutlich gemerkt, dass teilweise andere Persönlichkeiten an der Macht sind. 

Die Parteien haben sich am Sonntag nach der Verkündung der Ergebnisse zu ihren jeweiligen Wahlpartys oder Trauerrunden in verschiedene Lokale verzogen. Am Ende landet der harte Kern parteiübergreifend häufig im selben Lokal.

Die nächste Party wartet im Dezember auch schon: In der neuen Legislatur wird Eva Herzog den Ständerat präsidieren und Eric Nussbaumer aus dem Baselbiet den Nationalrat. Das Fest in der Joggelihalle wird zwar teuer, aber die Botschaft ist vielversprechend: Zusammen können die beiden Basel nicht nur feiern, sondern auch politisch etwas bewegen. 

Das könnte dich auch interessieren

Wochenkommentar Velovorzugsroute

Ina Bullwinkel am 17. Januar 2025

Die Möchtegern-Velostadt

Bald müssen die Basler Stimmberechtigten über Velovorzugsrouten abstimmen. Wer diese Idee für radikal hält, sollte sich echte Velo-Städte im Ausland anschauen – und von ihnen lernen. Etwa wie man trotz Parkplatzabbau das Gewerbe mitnimmt. Ein Kommentar von Chefredaktorin Ina Bullwinkel.

Weiterlesen
FDP/SVP Migrationspolitik

David Rutschmann am 14. Januar 2025

Wie der Freisinn mit der Asylpolitik hadert

Einzelne FDP-Politiker aus Basel wechseln zur SVP. Ein Trend ist das noch nicht, heisst es im Präsidium. Derweil fordern die Freisinnigen auf nationaler Ebene eine strengere Migrationspolitik. Politologin Denise Traber ist skeptisch, dass sich so liberale Wähler*innen zurückgewinnen lassen.

Weiterlesen
Wochenkommentar EU Schweiz

Ina Bullwinkel am 02. Januar 2025

Aufklärung statt Polemik

Die Verhandlungen mit der EU sind abgeschlossen. Ausruhen kann sich der Bundesrat nicht. Der Kampf ums Abkommen beginnt jetzt erst so richtig. Am Ende muss das Volk nüchtern nachvollziehen können, was das Ganze unter dem Strich bringt, kommentiert Chefredaktorin Ina Bullwinkel.

Weiterlesen
Luca Urgese Kolumne-2

Luca Urgese am 23. Dezember 2024

Wehe, die Natur stört unseren Alltag

Die Zeit zwischen den Jahren ist Ferienzeit. Bald wird es auf unseren Social-Media-Kanälen wieder wimmeln von Fotos aus den Bergen, im Grünen oder am Meer. Wir suchen die Natur für Erholung. Aber wehe, sie kommt unserem Alltag in die Quere. Sind wir noch in der Lage, mit Naturphänomenen umzugehen?, fragt FDP-Politiker Luca Urgese in seiner Kolumne.

Weiterlesen
Foto Pino Covino

Bei Bajour als: Journalistin.

Hier weil: Das Hobby meines Mannes finanziert sich nicht von alleine.

Davor: Chefredaktorin im Lokalmedium meines ❤️-ens (Bajour), TagesWoche (selig), Gesundheitstipp und Basler Zeitung

Kann: alles in Frage stellen

Kann nicht: es bleiben lassen

Liebt an Basel: Mit der Familie am Birsköpfli rumhängen und von rechts mit Reggaeton und von links mit Techno beschallt zu werden. Schnitzelbängg im SRF-Regionaljournal nachhören. In der Migros mit fremden Leuten quatschen. Das Bücherbrocki. Die Menschen, die von überall kommen.

Vermisst in Basel: Klartext, eine gepflegte Fluchkultur und Berge.

Interessensbindungen:

  • Vorstand Gönnerverein des Presserats
  • War während der Jugend mal für die JUSO im Churer Gemeindeparlament. Bin aber ausgetreten, als es mit dem Journalismus und mir ernst wurde.

Kommentare