«Zustände wie auf dem Zürcher Platzspitz»
Ein Anwohner findet die Zustände rund um die Kontakt- und Anlaufstelle im Kleinbasel unhaltbar. Gefordert wird einmal mehr eine gerechtere Verteilung der Lasten auf die ganze Stadt. SP-Grossrat Mahir Kabakci verlangt von der Regierung Antworten.
Nach dem Schäferweg nun auch das Erlenmattquartier: Aufgebrachte Anwohnende wenden sich an Politik und Medien. In Kleinhüningen klagen sie über Lärm und Gewalt und am Riehenring über Littering, Diebstahl und offenen Drogenkonsum. Während beim Schäferweg das nahe Asylzentrum Kritik auslöst, ist es im Erlenmattquartier die Kontakt- und Anlaufstelle (K&A) für Drogensüchtige.
Pierre, Anwohner am Tangentenweg, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, spricht von «Zuständen wie damals auf dem Zürcher Platzspitz»: offener Konsum, Drogenzubereitung im Park, Fäkalien in Hecken, ständige Unruhe.
Die bisherigen Antworten der Behörden sowie der Regierung (Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger antwortete ihm sogar persönlich) überzeugten Pierre nicht. Vor allem stört ihn, der eine Einrichtung wie das K&A grundsätzlich wichtig findet, dass das Kleinbasel die alleinige Zentrumslast trage. In seiner Verzweiflung, die gemäss mehrerer Quellen zum Teil auch etwas harsch geäussert wird, hat er diese Woche auch den Kleinbasler Grossrät*innen einen Brief geschrieben, aus welchem ein Vorstoss von SP-Grossrat Mahir Kabakci resultierte.
Kabakci hat eine schriftliche Anfrage eingereicht und will wissen, ob die Massnahmen rund um die K&A im Kleinbasel noch genügen. Seit der Neueröffnung 2019 am Riehenring hat sich das Quartier stark entwickelt: Familien, Schulen, Kitas und neue Wohnbauten. Was einst Stadtrand war, liegt heute mitten im Alltag vieler Menschen – und sorgt bei manchen für Spannungen.
«Zusammenleben im öffentlichen Raum gewandelt»
Kabakci hat für den Unmut ein gewisses Verständnis: «Viele soziale Einrichtungen auf engem Raum können Spannungsfelder schaffen.» Auch er findet: Die Last müsse besser verteilt werden. Den Standort der K&A hält er jedoch für grundsätzlich sinnvoll – zentral, aber nicht mitten im Wohngebiet. Problematisch sei vielmehr, dass die städtebauliche Entwicklung unterschätzt und die Begleitmassnahmen nicht genügend angepasst worden seien, findet der SP-Grossrat. «Heute leben hier hunderte Familien, damit haben sich auch die Anforderungen an Sicherheit, Sauberkeit und ein funktionierendes Zusammenleben im öffentlichen Raum gewandelt».
«Die Bevölkerung muss sich wieder gehört fühlen, und die Massnahmen müssen klarer kommuniziert werden.»Kleinbasler SP-Grossrat Mahir Kabakci
In seiner Anfrage fordert Kabakci unter anderem eine Neubewertung der Sicherheitslage, allenfalls noch mehr aufsuchende Sozialarbeit, stärkere Stadtreinigung, mehr Polizei und zusätzliche flankierende Massnahmen gegen offenen Konsum, Handel und Littering.
Rotierende Anlaufstellen als Option?
Die Abteilung Sucht macht derweil klar: Die K&A am Riehenring bleibt, wo sie ist. Eine Suche nach einem Ersatzstandort dauere in der Regel sechs bis acht Jahre. Und Leiterin Regine Steinauer betont, dass ohne diese Angebote die Belastung und Risiken im Quartier deutlich höher wären. Sie nennt verschiedene Massnahmen, die bereits in Kraft sind. So entzerren die zwei Standorte – je einer im Grossbasel und einer im Kleinbasel – mit gestaffelten Öffnungszeiten den Konsum räumlich. Zudem sei die Anzahl Konsumplätze im Jahr 2024 erhöht worden, die Bewachungsfirma Pantex mache ihre Kontrollgänge im Umfeld der Kontakt- und Anlaufstellen, auch aufsuchende Sozialarbeiter*innen seien unterwegs. Diese stünden in engem Austausch mit der Polizei.
Trotz der bestehenden Massnahmen scheint es einen gewissen Handlungsbedarf zu geben. Die Idee rotierender Anlaufstellen beispielsweise tauchte in Gesprächen, die Bajour geführt hat, immer wieder auf. Auch Theres Wernli vom Stadtteilsekretariat Kleinbasel fordert, andere Stadtteile stärker in die Verantwortung zu nehmen. Es spiele indes eine Rolle, wo das Lebensumfeld der Konsument*innen sei, sagt sie. Sprich: K&A müssten nicht nur attraktiv, sondern auch zentral gelegen sein. «Nur so bieten sie eine echte Alternative zum öffentlichen Raum.»
Auch wenn in Basel bereits viel getan wird, steht die Stadt vor einem Dauerproblem, das immer wieder eine gewisse Selbstreflexion fordert. Kabakci fordert mehr Dialog, mehr Austausch, mehr Präsenz: «Die Bevölkerung muss sich wieder gehört fühlen, und die Massnahmen müssen klarer kommuniziert werden.»