Eine Auslegeordnung

(K)ein rotierendes Gassenzimmer

Die Kontakt- und Anlaufstellen für Drogensüchtige gelten als stabiler Bestandteil der Basler Drogenpolitik, um den öffentlichen Raum zu entlasten. Doch in letzter Zeit wird Kritik laut – und die Lobby fürs Kleinbasel stärker.

Kontakt- und Anlaufstelle
Orte, an denen Drogensüchtige in geschütztem Rahmen Drogen beziehungsweise Substitute konsumieren können: Im Bild die Kontakt- und Anlaufstelle am Riehenring im Kleinbasel. (Bild: Dominik Asche)

Das Basler Drogenproblem ist auch nach drei Jahren und zahlreichen kantonalen Massnahmen nicht gelöst. Noch immer wird auf offener Strasse gedealt und konsumiert, noch immer finden sich gebrauchte Alufolien in Hauseingängen. Nachdem in den letzten Jahren vor allem der Matthäusplatz und die Dreirosenanlage im Fokus standen, berichtet Bajour-Leserin Gabi nun auch aus dem St. Johann, genauer von der Gasstrasse, von einer offenen Szene mit Dreck, Lärm und verärgerten Anwohner*innen. Bemühungen des Quartiertreffs Lola sowie Sensibilisierung vor Ort hätten keine Besserung gebracht. 

Immerhin: Das WC-Häuschen auf dem Matthäusplatz ist seit März nachts wieder geöffnet. Nachdem es im Juni 2024 geschlossen wurde, habe sich die Lage mittlerweile «deutlich verbessert», heisst es in einem Schreiben des Tiefbauamtes, das Bajour vorliegt. Anwohner Kurt Bucher bestätigt auf Nachfrage: «Hinsichtlich der Drogenthematik ist es ruhig. Doch diese wellenartigen Auf und Abs haben wir in den letzten 15 Jahren mehrmals gehabt. Jetzt gucken wir mal, was der Frühling bringt.» Erfahrungsgemäss bringen die warmen Temperaturen wieder mehr Leben auf die Strassen. 

Die Behörden täten wohl gut daran, heute schon nach neuen Lösungen zu suchen, um sommerliche Eskalationen wie in den letzten Jahren, als Süchtige im Brunnen auf dem Matthäus-Spielplatz ihre Pfeifen auswaschten und am helllichten Tage direkt neben den Kindern konsumierten, zu verhindern. Regine Steinauer von der Abteilung Sucht sagt: «Die bewährte Strategie der letzten Jahre wird weitergeführt und bei Bedarf verstärkt.» Sie kombiniere Kontrollen, Schadensminderung, Therapieangebote, gezielte Prävention sowie Verbesserungen der Infrastruktur. 

Schadensminderung statt Verdrängung

Auch die Kontakt- und Anlaufstellen (K+A), auch Gassenzimmer genannt, stehen wieder stärker unter Beobachtung. Es sind Orte, an denen Drogensüchtige in geschütztem Rahmen Drogen beziehungsweise Substitute konsumieren können. In der Basler Drogenpolitik gelten sie als unbestrittener Pfeiler – sie sind ein Resultat des Strategiewechsels nach den Krisenjahren der 1980er- und 1990er-Jahre. Seither lautet das Credo: Schadensminderung statt Verdrängung. Ihre einigermassen zentrale Platzierung – eine pro Rheinseite – erwies sich als grundlegend, um den öffentlichen Raum zu entlasten.

Einrichtungen K+A etc.
So sind die sozialen Einrichtungen in der Stadt Basel verteilt. (Bild: Gesundheitsdepartement Basel-Stadt)

Doch rund um die K+A im Kleinbasel, genauer am Riehenring, ist die Kritik lauter geworden. Mit der Entwicklung des Erlenmatt-Quartiers ist die Drogenszene näher an Wohnungen, Kitas und Schulwege gerückt. Ein Anwohner klagt, das Kleinbasel müsse die «Zentrumslast» alleine tragen. Und der Kleinbasler SP-Grossrat Mahir Kabakci forderte kürzlich in einem Vorstoss Antworten von der Regierung.

Tatsächlich gibt die gefühlte Ungleichbehandlung des Kleinbasels immer wieder zu reden. So betreibt der Kanton zwar auch im Grossbasel an der Münchensteinerstrasse nahe Dreispitz eine K+A. Doch 2024 geriet diese unter Druck, weil unweit davon im Walkeweg-Quartier eine neue Primarschule geplant ist. Der Grosse Rat beauftragte den Regierungsrat, für diesen Standort Alternativen vorzulegen; Neuigkeiten gibt es laut Gesundheitsdepartement allerdings noch keine.

Kleinbasler Lobby wird lauter

Anders präsentiert sich die Situation im Kleinbasel: Von einem alternativen Standort für den Riehenring, wo sich ebenfalls Schulen und Kitas in unmittelbarer Nähe befinden, möchte beim Kanton niemand etwas wissen. Die gefühlte Ungleichbehandlung wird gerne mit der fehlenden Lobby fürs Kleinbasel erklärt. Doch in letzter Zeit scheint diese etwas lauter zu werden.

Mahir Kabakci Drogenstammtisch
«Die K+As müssen den Suchtbetroffenen zugute kommen. Eine allfällige Rotation müsste in Absprache mit den Suchtexpert*innen abgestimmt sein.»
Mahir Kabakci, Kleinbasler SP-Grossrat

So wird die Idee einer Rotation der K+As häufiger eingebracht. Der Kleinbasler FDP-Grossrat Luca Urgese forderte bereits 2024 eine laufende Verschiebung der Institutionen, wie sie in der Drogenpolitik einst auch geplant war. So wären die provisorischen Gebäude früher oder später jeweils an einem anderen Ort, jedes Quartier wäre einmal dran und das Kleinbasel würde entlastet. «Die Seite des Rheins soll dabei keine Rolle spielen», sagt Urgese. Auch früher war das kein Kriterium: So befanden sich vorherige Standorte jahrelang an der Heuwaage und der Spitalstrasse sowie kurzzeitig an der Dufourstrasse.

Auch der Kleinbasler GLP-Grossrat Bülent Pekerman findet die Idee einer Rotation prüfenswert. «Es wäre nur fair, die Lasten zu verteilen», sagt er. Dabei müsse das Kosten- und Nutzenverhältnis geprüft werden. Auch sei die Rotationsperiode relevant. «Es macht wenig Sinn, alle zwei Jahre neue Standorte zu suchen und wieder neue Menschen zu ärgern.» Denn – das zeigte sich auch bei der Grossratsdebatte um den Standort im Grossbasel – vor der Haustür haben möchte die Drogensüchtigen niemand

SP-Grossrat Mahir Kabakci stellt die Betroffenen ins Zentrum. So zeigt er sich einer Prüfung zwar ebenfalls offen, ist jedoch skeptisch, ob rotierende Angebote die Zielgruppen wirklich erreichen: «Die K+As müssen den Suchtbetroffenen zugute kommen. Eine allfällige Rotation müsste in Absprache mit den Suchtexpert*innen abgestimmt sein.» Man dürfe nicht an den Realitäten der Menschen vorbeipolitisieren.

Städtebau verunmöglicht Rotation

Regine Steinauer von der Abteilung Sucht winkt ab: «Eine Rotation alle paar Jahre ist nicht umsetzbar.» So würde die Verdichtung der Stadt wie auch die auf Jahrzehnte ausgerichtete städtebauliche Entwicklung das ursprüngliche Konzept eines befristeten Standortes der K+A verunmöglichen. Eine Suche nach einem Ersatzstandort dauere in der Regel 6 bis 8 Jahre. 

Regine Steinauer
«Eine Rotation alle paar Jahre ist nicht umsetzbar.»
Regine Steinauer, Leiterin Abteilung Sucht im Gesundheitsdepartement

Neben der Einhaltung der politischen Prozesse und Berichterstattungen müsse eine Machbarkeitsstudie durchgeführt werden, das bestehende Betriebs- und Sicherheitskonzept auf einen neuen Standort geprüft und angepasst werden sowie eine intensive Kommunikation mit dem direkten Umfeld geführt werden. Aspekte der Nutzung, Architektur, Freiraum, Verkehr und Ökologie flössen bei der städtebaulichen Entwicklung ein. Zonenplanung, Eigentümerschaft beziehungsweise Baurecht spielten ebenfalls eine wesentliche Rolle. Nicht zuletzt müsse die Finanzierung gesichert sein.

Auch von einer Verteilung auf mehr als zwei K+A-Standorte will Steinauer nichts wissen. Eine solche sei aufgrund der stabilen Anzahl an Besuchenden, der benötigten Infrastruktur sowie der ressourcenaufwändigen Umfeldbetreuung nicht verhältnismässig und werde deshalb nicht mehr in Betracht gezogen.

stammtisch
Drogenstammtisch

Auch drei Jahre nach Einreichung der Petition Dealerfrei sowie der Umsetzung des Massnahmenplan gegen die ausufernde Drogenszene in Kleinbasel ist die Situation für Anwohnende unbefriedigend. Zu Beginn der warmen Jahreszeit holt Bajour gemeinsam mit dem Stadtteilsekretariat Kleinbasel alle Beteiligten an den Tisch und schaut über die Kantonsgrenzen: Was haben wir gelernt? Wo müssen wir noch besser werden?

Wann: Dienstag, 3. März 2026, 19 bis 20.30 Uhr

Wo: Rheinfelderhof, Hammerstrasse 64, Basel

Moderation: Martina Rutschmann

Auch der Leiter der K+As, Horst Bühlmann, findet: «Rotation tönt immer so einfach, aber es ist unrealistisch, dass man alle zwei Jahre zügelt.» Eine K+A sei nicht einfach ein Wohnwagen, den man irgendwo hinstellen könne. Bereits heute habe man mit den versetzten Öffnungszeiten in Klein- und Grossbasel eine gewisse Rotation, mehr mache keinen Sinn. «Je mehr Rotationen, desto grösser die Verwirrung für die Betroffenen.»

Mehr Wohnraum, bessere Durchmischung

Ohnehin ist es fraglich, ob eine Rotation die Drogenthematik der K+As im Kleinbasel lösen würde. Denn: Die Szene hält sich unabhängig der Gassenzimmer-Standorte dort auf, wo ihre sozialen Netze sind – und die liegen mehrheitlich im Kleinbasel (siehe Karte9. Hier konzentrieren sich die sozialen Institutionen. Und um sie herum naturgemäss die Dealer*innen dieser Stadt. So landet, wer die Sache zu Ende denkt, einmal mehr beim Wohnraum für sozial Schwache, der in ganz Basel Mangelware ist.

Eine bessere Durchmischung der ganzen Stadt dürfte demnach das A und O sein. So sagte Lukas Ott, Leiter Kantons- und Stadtentwicklung, bereits vor drei Jahren, als die Petition für ein dealerfreies Kleinbasel eingereicht wurde, zu Bajour: «Es ist nicht im Sinne der Stadtentwicklung, eine Drogenszene konzentriert in einem Quartier zu haben.»

Nimmt man Ott ernst, müssten spätestens nach den drei vergangenen Jahren Taten folgen.

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Valerie Zaslawski

Das ist Valerie (sie/ihr):

Nach einem ersten journalistischen Praktikum bei Onlinereports hat Valerie verschiedene Stationen bei der Neuen Zürcher Zeitung durchlaufen, zuletzt als Redaktorin im Bundeshaus in Bern. Es folgten drei Jahre der Selbständigkeit in Berlin, bevor es Valerie zurück nach Basel und direkt zu Bajour zog, wo sie nun im Politikressort tätig ist.

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