«Es reicht, wir müssen aufstehen»
Rund um die Asylunterkunft an der Schäferweg in Kleinhüningen wächst die Verunsicherung. Anwohnende fordern einen Standort ausserhalb des Wohnquartiers. Doch die Lage ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint.
«Es ist katastrophal. Meine Frau und meine Kinder trauen sich nicht mehr vor die Haustür.» Amir – er möchte seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen – lebt am Schäferweg, gleich neben der Zivilschutzanlage Werkhof. Die Anlage wurde 2011 auf dem Areal der Industriellen Werke Basel (IWB) als Unterkunft für Asylsuchende eröffnet, als das Bundesasylzentrum an der Freiburgerstrasse damals an seine Kapazitätsgrenzen kam. Da es sich beim Werkhof um eine unterirdische Anlage handelt, werden dort nur erwachsene Männer untergebracht.
Anfang Januar eskalierte die Situation: Ein Anwohner ertappte Männer beim Aufbrechen eines Autos. Als er sie zur Rede stellte, griffen sie ihn laut Augenzeugen mit einer Eisenstange an und schlugen ihn spitalreif. Amir kam hinzu, nachdem die Ehefrau des Opfers an jenem Abend bei ihm geklingelt hatte. Die Täter flüchteten. Später konnte die Polizei sie festnehmen.
Erlebte Unsicherheit
«Es reicht, wir müssen aufstehen», sagt Amir. Vergangene Woche rief er im Quartiertreffpunkt Kleinhüningen eine Krisensitzung ein. Rund 40 bis 50 Anwohnende diskutierten gemeinsam mit dem Community Policing und SP-Grossrat Mahir Kabakci über ihre Sorgen – und über eine Unsicherheit, die sie als real empfinden, auch wenn sie sich in der offiziellen Kriminalstatistik kaum abbildet. Laut Anwohnerin Sarah wurden in den vergangenen rund 180 Tagen lediglich vier relevante Vorfälle statistisch erfasst.
«Viele Vorfälle werden bewusst nicht mehr gemeldet», sagt sie weiter. «Man weiss, dass die Polizei unterbesetzt ist und oft nicht zeitnah ausrücken kann.» Die Dunkelziffer sei hoch – eine Einschätzung, die selbst die anwesenden Polizeivertreter überraschte.
Einigkeit herrschte an der Krisensitzung darüber, dass künftig auch kleinere Vorfälle konsequent gemeldet werden sollen – um ein realistischeres Lagebild zu erhalten. Denn der Frust bei den Anwohnenden sitzt tief. «Seit etwa einem Jahr ist es schlimmer geworden», sagt Amir. Fahrräder würden gestohlen, Keller aufgebrochen, Menschen angepöbelt, der nächtliche Lärm sei Dauerzustand.
Toprak Yerguz, Kommunikationsleiter des Justiz- und Sicherheitsdepartements, widerspricht dem Eindruck mangelnder Reaktion seitens der Polizei. Das Problem sei nicht das fehlende Personal, sondern die hohe Anzahl Bewohner*innen in den Bundesasylzentren sowie deren Zusammensetzung. «Bei Gefährdungen von Leib und Leben ist die Kantonspolizei immer innert kürzester Zeit vor Ort», betont er.
«Das Quartier ist am Anschlag»
SP-Grossrat Mahir Kabakci spricht von «einem notwendigen Austausch auf Augenhöhe» zwischen Anwohnenden, Polizei und Politik. Dieser müsse klar sein, aber respektvoll. Es gehe nicht um Symptombekämpfung, vielmehr brauche es nun eine Klärung der Ursachen. Aus diesem Grund plant er vorerst keinen parlamentarischen Vorstoss, sondern will die Problemlage zusammen mit allen Beteiligten analysieren.
«Ein notwendiger Austausch auf Augenhöhe.»Mahir Kabakci, SP-Grossrat und Bewohner des Kleinbasels
Viele der als problematisch wahrgenommenen Männer stammen aus dem Maghreb, das bestätigen mehrere Quellen. Ihre Schutzquote liegt nahe bei null – kaum jemand erhält Asyl, fast alle müssen die Schweiz wieder verlassen.
Bund, Kantone, Gemeinden und Städte haben erkannt, dass konkreter Handlungsbedarf besteht und das Asylsystem insbesondere in Phasen starker Belastung an seine Grenzen stösst. Das Asylsystem soll deshalb im Rahmen der Asylstrategie 2027 weiterentwickelt werden, damit weniger Personen, die nicht schutzbedürftig sind, die bestehenden Strukturen belasten.
Seit der Krisensitzung ist die Polizeipräsenz rund um die Schäfergasse erhöht worden. «Die Situation hat sich etwas beruhigt», sagt Yerguz. Doch Patrouillen allein lösen das Problem nicht – zudem fehle es dafür langfristig an Ressourcen.
Die Forderung vieler Anwohner*innen bleibt klar: Die Unterkunft soll weg aus dem Wohnquartier. Doch eine Verlegung ist weder kurzfristig realistisch, noch garantiert sie Abhilfe. Basel liegt im Dreiländereck, die Wege sind kurz, und längst ist nicht jeder Vorfall eindeutig der Anlage zuzuordnen.
Gemäss gut informierten Quellen möchte der Kanton gemeinsam mit dem Staatssekretariat für Migration (SEM) mögliche Anpassungen im Betrieb besprechen – etwa flexiblere Zutrittszeiten zur Zivilschutzanlage, um nächtliches Herumlungern zu reduzieren. Das SEM, welches die Anlagen betreibt, schreibt dazu auf Anfrage von Bajour, dass Spätheimkehrer*innen ab 22 Uhr bereits heute schon in separaten Räumlichkeiten in der Unterkunft untergebracht würden, niemand müsse draussen bleiben.
Angst vor Eskalation
Die Anwohnenden fürchten, dass Untätigkeit in Ohnmacht umschlagen könnte – oder schlimmer. «Bürger müssen sich selber anfangen zu schützen», sagt Sarah. «Genau deshalb braucht es klares staatliches Handeln, auch in Kleinhüningen.»
Yerguz weist den Vorwurf zurück, das Kleinbasel stehe weniger im Fokus der Behörden. Zwar sei das Gefühl historisch gewachsen, doch die Polizei sei präsent – nicht zuletzt, weil viele Hotspots auf dieser Seite des Rheins liegen.