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Wohin geht die Fahrt, Bülent Pekerman?

Wer ist der Mann, der vor Kurzem zum Statthalter gewählt wurde und in einem Jahr voraussichtlich Grossratspräsident wird? Und wo will er hin? Ein Porträt.

01/25/22, 04:00 AM

Aktualisiert 01/25/22, 08:28 AM

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Medial ist er (noch) nicht so bekannt: Der neue Statthalter Bülent Pekerman.

Medial ist er (noch) nicht so bekannt: Der neue Statthalter Bülent Pekerman. (Foto: Michelle Isler)

Medial hat man noch nicht viel gehört von Bülent Pekerman, das weiss er selber. Aber: «Me kennt mi rächt guet, im Quartier und im Glaibasel.» 2005 ziehen Bülent Pekerman und seine Frau als frisch Verheiratete an die Paracelsusstrasse, gewohnt hat er hier schon vorher. Das Hirzbrunnenquartier ist sein Zuhause. Dass man ihn kennt, merkt man zumindest im Café Bistro Bäumlihof sofort. Als wir dem Wirt sagen, wir würden noch auf jemanden warten, entgegnet er wissend: «Auf Herrn Pekerman, oder?» Er ist informiert. Als Pekerman eintrifft, grüssen ihn einige, er bestellt «wie immer, e Schale».

Vor zwei Wochen wurde der 44-Jährige GLP-Politiker vom Grossen Rat zum Statthalter gewählt. Das heisst, er ist hinter Grossratspräsidentin Jo Vergeat der Zweithöchste im Basler Parlament. Jetzt sitzt Pekerman im Café an einem Holztisch, vor ihm der Milchkaffee, hinter ihm viele Geschichten, zum Beispiel die seines Weges in die Politik.

Ein Grünliberaler der ersten Stunde

Die Geschichte von Pekerman, dem Politiker, beginnt in Zentralanatolien, wo der heute grauhaarige Mann die ersten 15 Jahre seines Lebens verbringt. Dass er sich politisch engagiere, das hat auch mit seinem Background zu tun, «also damit, dass ich kurdische Wurzeln habe. Kurd*innen sind, glaube ich, immer einen Touch politisch, denn wo sie leben – in der Türkei, in Syrien, im Iran, im Irak – werden sie unterdrückt».

Pekermans Verhältnis zur Türkei ist ambivalent. Er war viele Jahre nicht mehr da, unter anderem weil er auch in der Öffentlichkeit keinen Hehl aus seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und seiner Politik macht. Mit seinen beiden Kindern dorthin zu reisen, wo er aufgewachsen ist, das würde er aber gerne einmal. Er ist Doppelbürger, hängt jedoch nicht an seinem türkischen Pass. «Das alles liegt für mich weit zurück.»  

«Me kennt mi rächt guet, im Quartier und im Glaibasel.»

Bülent Pekerman, GLP-Grossrat und neuer Statthalter

Nach seiner Einbürgerung in der Schweiz schaut er sich alle Parteiprogramme an. Die Ideen der linken Parteien sprechen ihn zwar an, überzeugen aber nicht ganz. Mit Interesse verfolgt er 2007 die Gründung der Grünliberalen in Zürich. Ein unbeschriebenes Blatt, das gefällt ihm. Zwei Jahre später nimmt er an den ersten Sitzungen der sich formierenden GLP-Sektion in Basel teil. «Wir waren eine lässige Truppe», sagt er nickend. Es klickt, Pekerman wird Mitglied.

Der frühere «Hinterbänkler» auf dem Weg zum Grossratspräsidenten

Kurz danach, von 2009 bis 2013 sitzt er schon für die GLP im Grossen Rat. Eine Überraschung. «Niemand hat damit gerechnet», lacht Pekerman. Wie viele andere damals sei er sozusagen ein Listenfüller gewesen. In den kommenden Jahren fällt der Politiker nicht gross auf. Zu den Gründen kommen wir später. Er amüsiert sich: «Ein Hinterbänkler, hat man vielleicht damals gemeint.» 

Pekerman engagiert sich auch anderweitig, er ist unter anderem Delegierter beim Stadtteilsekretariat Kleinbasel und Vorstandsmitglied im Neutralen Quartierverein Hirzbrunnen. Früher war er im Vorstand des Forums für einen fortschrittlichen Islam sogar auf nationaler Ebene aktiv, aber da sei er schon länger nicht mehr dabei. «Ich bin nicht religiös», erklärt er.

Für die Legislatur 2021–2025 wird Pekerman erneut in den Grossen Rat gewählt, im Herbst 2021 nominiert ihn seine Fraktion fürs Ratsbüro. Wieder eine Überraschung, auch für ihn.

Grossratspräsidentin Jo Vergeat mit ihrem Vize Bülent Pekerman.

Grossratspräsidentin Jo Vergeat mit ihrem Vize Bülent Pekerman. (Foto: Xenia Zezzi)

Zum ersten Mal wird nun ein Grünliberaler Statthalter, voraussichtlich auch Grossratspräsident, weil Statthalter*innen traditionsgemäss aufgestellt werden. «Ein historischer Moment», so Pekerman. «Dass wir nun neben einer Nationalrätin, einer Regierungsrätin auch noch dieses ehrenvolle Amt übernehmen dürfen, ist ein grosser Erfolg für uns als Partei.» 

Ein Brückenbauer

Pekerman ist nicht einer, der sich in den Vordergrund drängt. Das spüren auch die Ratskolleg*innen, die seit Kurzem mit ihm in der Bau- und Raumplanungskommission sitzen. Michael Hug von der LDP bezeichnet den künftigen Statthalter als «gewinnenden Typen», der nicht polarisiert und sich deshalb auch als Brückenbauer für die kommenden Ämter eigne. Er sei zurückhaltend, was eine Qualität und ein Gegenbeispiel sei zu anderen, die lautstark um ihre Positionen kämpften. Manchmal wünscht er sich aber ein bisschen mehr Greifbarkeit. «Dass man noch ein bisschen mehr vom Politiker Pekerman sieht.»

Die BastA!-Politikerin Tonja Zürcher schätzt die Zusammenarbeit mit dem GLP-Mann und sagt, er bringe sich durchaus auch mit eigenen Anliegen ein, mit einer lösungsorientierten Art, er interessiere sich für den Austausch. 

Manchmal war’s too much

Diese Offenheit haben Pekerman, der Politiker, und Pekerman, der Mensch, gemein. Beim Gespräch im Café gibt er sich locker, bietet schnell das «Du» an. Beim Sprechen bewegt er seine Hände ruhig, nicht gestikulierend. Er hat ein helles Lachen und beim Witzeln zieht er die dunklen Augenbrauen hoch.

«Ohne die stets unterstützende Hand meiner Frau hätte ich alles, was ich bisher erreicht habe, nicht geschafft.»

Bülent Pekerman, GLP-Grossrat und neuer Statthalter

Pekerman erzählt, wie er 1992 zum ersten Mal in ein Flugzeug steigt. Durch Familiennachzug können er, seine Mutter und seine sechs Geschwister in die Schweiz ziehen. Sein Vater kommt 1984 in die Schweiz und arbeitet zuerst auf dem Bau, später als Taxifahrer. «Als Kind habe ich meinen Vater fünf Jahre nicht gesehen, bevor wir nachziehen konnten.» An diesem Punkt wird Pekerman ernst. 2010 geht es dem Vater gesundheitlich nicht gut. «Er, der immer für uns und auch andere da gewesen war, brauchte plötzlich selber Hilfe.» 

Pekerman erinnert sich: «Es waren schwierige Jahre, ich habe sehr gelitten.» Heute sei der Zustand seines Vaters zum Glück besser, aber damals, als er zum ersten Mal Grossrat war, hätte er sich nicht wirklich auf die Politik konzentrieren können: «Es war alles ein bisschen too much.»

Too much, das heisst: Eine kleine Tochter zuhause, der Grosse Rat, die Arbeit als selbstständiger Fahrlehrer, die Sorge um den erkrankten Vater und eine Ausbildung – Pekerman holt von 2010 bis 2014 berufsbegleitend die eidgenössische Maturität nach. Es ist ein zweiter Anlauf, bereits in seiner Jugend habe er es mit der Maturität versucht. Darauf ist er sichtlich stolz. Nach nur einem Jahr Fremdsprachenschule sagt seine Lehrerin «Bülent, du bist sprachbegabt» und schlägt ihm vor, ans Gymnasium zu gehen.

Das geht am Anfang gut, dann wird der Schulstoff zu viel. Wenn Pekerman erzählt, entsteht ein Bild: Gym Bäumlihof, Pausenplatz, alle sprechen Schweizerdeutsch, nur Bülent nicht. Der Teenager beginnt sich zurückzuziehen, zurückzufallen, und schafft den Abschluss schliesslich nicht. 

Hemmungen abbauen

Heute, auf dem grünen Sessel im Café, lehnt er sich an dieser Stelle nach vorne. Der Politiker Pekerman kommt auf eines seiner Kernthemen zu sprechen: Chancengleichheit. Politisiert hat ihn nämlich nicht nur seine kurdische Identität, sondern auch seine eigene Migrationserfahrung. Seine Eltern hätten ihn mit dem Schulstoff zum Beispiel nicht so unterstützen können, wie diejenigen seiner Mitschüler*innen und hätten auch entsprechende Förderangebote nicht gekannt. Schon damals weiss er, dass er es mit den gleichen Startchancen geschafft hätte.

Diese Überzeugung trägt ihn noch heute. In der Partei ist er Co-Leiter der Fachgruppe Migration & Integration, die er mit aufgebaut hat. Chancengleichheit, politische Partizipation und Gleichstellung sind Themen, für die er sich stark macht. Er will Personen abholen, die bisher noch wenig zu Wort gekommen seien – zum Beispiel die Jugend oder Migrant*innen – und sie motivieren, sich an politischen und gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen. 

Mit einem offenen Ohr für ihre Anliegen hofft er, ihrerseits «gewisse Hemmungen» gegenüber der Politik und Politiker*innen aufzuheben, auch bei Menschen ohne Schweizer Pass. Ein wichtiges Anliegen ist ihm das Stimm- und Wahlrecht für Einwohner*innen, aber seine Partei sei hier gespalten und er bemühe sich deshalb sehr um einen mehrheitsfähigen Konsens.

Als Statthalter und voraussichtlich Grossratspräsident muss er sich aber jetzt zuerst zurückhalten. Seine Aufgabe wird es sein, den Ratsbetrieb mit zu leiten. «Manchmal braucht es halt Vorreiterinnen und Vorreiter», sagt er mit einem Lächeln.

Weiss, wo er hin will: Der Fahrlehrer Bülent Pekerman.

Weiss, wo er hin will: Der Fahrlehrer Bülent Pekerman. (Foto: Michelle Isler)

Wo ein Wille ist

Nach der verpassten Matura, schliesst Pekerman die Diplommittelschule ab. Auf Vorschlag seines Vaters jobbt er als Taxifahrer und will sich währenddessen auf die Aufnahmeprüfung fürs Lehrerseminar in Liestal vorbereiten. Das Ziel: Primarlehrer. Es vergehen ein Jahr und die Lust auf die Vorbereitung. Wenn er jetzt nichts unternimmt, denkt er, bleibt er für immer im Taxibetrieb stecken. Das will er nicht, ein neuer Plan muss her. Nach einigem Überlegen, ein Einfall: Unterrichten kann er nicht nur in der Primarschule. Pekerman wird Fahrlehrer.

Das sei kein Widerspruch zum grünliberalen Politiker, sagt er. Seinen Fahrschüler*innen vermittelt er «an der Quelle», was umweltbewusstes Autofahren heisst. Für kurze Strecken auf das Auto verzichten, sonst Carsharing nutzen.

Der 44-Jährige trinkt einen Schluck Kaffee. Pekerman setzt sich seine Ziele nicht leichtfertig, das merkt man. Die Matura, die hat er mittlerweile nachgeholt, «ich wusste immer, dass ich den Abschluss noch schaffe». 

«Buli» fährt der Nase nach

Dass Pekerman so weit gekommen ist, hat er nicht nur seinem eigenen Engagement zu verdanken. «Ohne die stets unterstützende Hand meiner Frau hätte ich alles, was ich bisher erreicht habe, nicht geschafft», sagt er. «Ich bin wirklich froh, dass ich sie habe.» Spitzbübisch schaut er sich im Café um und tut so, als müsse er vorsichtig sein, dass seine Frau das nicht hört. Dann lacht er und winkt ab: «Nein im Ernst, sie unterstützt mich bei allem, was ich mache.»

Überschwängliche Begrüssung: Hund Buddy freut sich über die Begegnung mit seinem Herrchen.

Überschwängliche Begrüssung: Hund Buddy freut sich über die Begegnung mit seinem Herrchen. (Foto: Michelle Isler)

Und tatsächlich. Beim Verlassen des Cafés begegnet sie uns draussen, die Leine des Hundes «Buddy» fest im Griff. Pekerman muss aber gleich weiter. Zeit für die Fahrstunde: An diesem Samstagnachmittag begrüsst er die Fahrschülerin mit einem routinierten coronakonformen Fuss-Gruss. Beim Einsteigen ins Auto nickt er mir zu: «Ich teste jetzt schnell was.» Er erkundigt sich bei seiner Fahrschülerin, ob sie eigentlich wisse, wie er mit richtigem Namen heisse. Sie überlegt einen Moment, bevor sie leicht fragend «Bülent?» sagt. «Man kennt ihn als Buli», erklärt sie amüsiert.

Beim Unterricht ist Pekerman ruhig, auch als er einmal eine Vollbremsung macht, weil die Fahrschülerin auf eine Fahrverbots-Strasse zusteuert. «Feschthalteee», sagt er, bremst und grinst. Alles halb so wild. Beim Weiterfahren meint er zu ihr: «Was basiert isch, isch basiert. Forget it. Vorusluege!» Und das tun die beiden auch. 

Wer weiss, was sich hinter der nächsten Kurve verbirgt. Sicher ist: Pekerman will noch weiter. 2017 beginnt er ein Jurastudium an einer Fernuni. 2020 fehlen ihm noch eineinhalb Jahre zum Bachelorabschluss.

Aber Pekerman weiss: Der Bachelor muss warten: Familie, Politik, Arbeit und Studium, das wäre wieder einmal too much. Jetzt ist Zeit für die Politik.

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