«Der regionalen Literatur fehlt eine angemessene Plattform»
Ein neues Literaturfestival in der Trafohalle in Bottmingen bringt mehr als 40 lokale Autor*innen auf die Bühne. Auch Verlage, Buchhandlungen und Bibliotheken wirken mit.
Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt wird in Bottmingen, wenige Kilometer von der Stadtgrenze entfernt, ein zehntägiges Literaturfestival aus dem Boden gestampft. Ort des Geschehens ist die ehemalige Trafohalle in Bottmingen. Sie ist Teil des stillgelegten Unterwerks Bottmingen von Primeo Energie, das seit Mai 2024 zwischengenutzt und von Kunst- und Kulturschaffenden und Start-ups belebt wird.
Nun findet auch die Literatur ihren Platz auf dem Gelände, das mit seinem industriellen Look einen urbanen Charakter inmitten der ländlichen Idylle zwischen Bottmingen und Oberwil vermittelt. Während im Unterwerk Ateliers beheimatet sind, draussen Jugendliche Padel spielen und eine Buvette zum Verweilen einlädt, soll das Literaturfestival die benachbarte Trafohalle beleben. Auch wenn das Publikum am Eröffnungsabend Ende April mit dem schweizweit bekannten Thurgauer Bestseller-Autor Peter Stamm angelockt werden soll, stellen die Organisator*innen in den ersten zehn Tagen im Mai vor allem Schriftsteller*innen aus der Region in den Mittelpunkt.
Ergänzung zur Buch Basel
Mit der Buch Basel kennt die Region schon ein jährlich stattfindendes Literaturfestival. Ist der neue Anlass nun Konkurrenz? Daniel Krumm, Mitorganisator des neuen Festivals, sagt: «Wir sehen uns als Ergänzung zur Buch Basel, da wir klar regional ausgerichtet sind. Buch Basel bezeichnet sich als Internationales Literaturfestival und vergibt in diesem Rahmen einen nationalen Buchpreis.»
Braucht es denn ein weiteres Literaturfestival in der Agglo? Krumm findet ja, denn: «Dem regionalen literarischen Schaffen fehlt eine angemessene Plattform, um sich zu präsentieren, was wiederum die Trafohalle als Veranstaltungsort bieten kann.»
Das Programm ist ambitioniert. Die Initiator*innen wirken darüber selbst etwas überrascht. Barbara Krause, Präsidentin des Vereins Leimentale, hat gemeinsam mit dem pensionierten Literaturliebhaber Daniel Krumm die Fäden in der Hand. Er sagt: «Eigentlich ist es fast etwas naiv von uns, ein so umfassendes Programm als Auftakt auf die Beine zu stellen. Aus der Grundidee eines Literaturfestivals hat sich eine Dynamik entwickelt, die uns gezeigt hat: Das Interesse und der Bedarf an mehr Literatur ist vorhanden.»
Während Barbara Krause das Saisonprogramm des gesamten Unterwerks mit Ausstellungen und anderen kulturellen Anlässen verantwortet, hat Krumm sich der Literatur gewidmet. Gemeinsam mit dem Netzwerk lokal lesen basel hat er in Basel und dem Baselbiet ansässige Autor*innen kontaktiert. «Der lokale und regionale Gedanke ist uns sehr wichtig», betonen beide im Gespräch.
Für lokale Autorinnen und Autoren ist jede neue Bühne im Grossraum Basel interessant.»Vera Hohleiter, Netzwerk lokal lesen
Vera Hohleiter, Co-Leiterin von lokal lesen, sagt zu Bajour: «Als sich das Netzwerk formierte, war es eines der Hauptanliegen der Schreibenden, mehr Möglichkeiten und mehr Räume für Lesungen zu erschliessen. Deswegen ist jede neue Bühne im Grossraum Basel für lokale Autorinnen und Autoren interessant.» Auch sie sieht das Literaturfestival in der Trafohalle nicht als Alternative zur Buch Basel oder dem Literaturhausprogramm, sondern eher als komplementäres Angebot, das auch Bereiche des literarischen Schaffens abdeckt, die sonst wenig Sichtbarkeit haben.
Das Festival sei «eine grossartige Gelegenheit, das gesamte literarische Schaffen im Grossraum Basel kennenzulernen, bei der man sowohl neue Bücher entdecken als auch ältere Texte wiederentdecken kann.» Denn es wurden nicht nur Neuerscheinungen ausgewählt, sondern auch Texte lokaler Autor*innen, die bereits vor längerer Zeit erschienen sind.
Literatur in der Trafohalle findet vom 30. April bis zum 11. Mai in der Trafohalle in Bottmingen statt. Erwartet werden 43 Autor*innen, sowie Verlage und Buchhandlungen aus der Region Basel. Alle Infos zum Eröffnungsabend mit dem Autor Peter Stamm und zum weiteren Programm gibt es hier.
Krause und Krumm sind erfreut, wie viele Schriftsteller*innen sich auf ihre Ausschreibung hin interessiert gezeigt haben. «Wir haben 65 Einsendungen erhalten, damit haben wir gar nicht gerechnet.» Im Ergebnis stehen nun 43 Autor*innen während des zehntägigen Festivals auf dem Programm. Unter Ihnen Denise Buser, Martin R. Dean, Lukas Holliger, die Kinderbuchautorin Kathrin Schärer oder Raphael Zehnder. «Wir möchten ein Angebot für unterschiedliche Alters- und Interessengruppen bieten und vor allem ein Ort der Begegnung sein», so Krause.
Tatsächlich scheint für alle etwas dabei zu sein – auch für die Literaturbranche selbst. Am Verlagssonntag präsentieren neun regionale Verlage, darunter drei Kinder- und Jugendbuchverlage, ihre aktuellen Bücher, stellen Bilder und Illustrationen aus und lassen ihre Autor*innen lesen. Und am Buchhandlungsquartett sprechen vier Buchhandlungen aus der Region über ihre liebsten Bücher. Ausserdem stehen Lyrik, ein Tangoabend, Krimis, verschiedene Podien und ein Familiennachmittag der Bibliotheken aus dem Leimental auf dem Programm.
Erste Ausgabe gesichert
Auf die Frage, ob das neue Literaturfestival in der Trafohalle nun jährlich stattfinden soll, sagt Krause: «Wir wissen nicht, wie lange wir die Halle bespielen können. Nun fangen wir mal mit einem grossen Schlag an und hoffen natürlich, dass sich das Literaturfestival institutionalisiert.» Auch Krumm denkt bereits ans kommende Jahr: «Wir werden aus der Premiere lernen und die Hindernisse, die wir beim ersten Mal antreffen, künftig umschiffen.»
Auch die Planungssicherheit sei dann hoffentlich grösser, denn ein solches Festival kostet Geld. «Fairerweise möchten wir die branchenüblichen Honorare an die Autor*innen zahlen und hoffen, dass uns die öffentliche Hand unterstützt», sagt Krumm. Dank einiger Sponsor*innen sei die erste Ausgabe des Festivals aber gesichert.
Die Gemeinde Bottmingen zahlt keinen direkten Beitrag an das Festival, unterstützt es aber mit verschiedenen Sach- und Dienstleistungen. SP-Gemeinderat Philipp Bollinger sagt: «Die Gemeinde sieht in jeder kulturellen Veranstaltung einen Mehrwert und dies natürlich insbesondere, wenn ein bekannter Autor wie Peter Stamm in unserer Gemeinde gastiert. Es freut uns sehr, dass mit dem geplanten Literaturfestival Bottmingen auf die kulturelle Landkarte gesetzt wird.»
Den Initiator*innen liegt nicht nur die Literatur, sondern auch der Ort am Herzen. Die ehemalige Trafohalle auf dem Unterwerk war einst Standort riesengrosser Transformatoren. Krause sagt: «Hier wurde bis vor wenigen Jahren Hochspannungsstrom in Niederspannung transformiert und in die Haushalte des Tals verteilt. Nun soll die Trafohalle künstlerische Spannung aus dem Tal aufnehmen und in die Region verbreiten.»
Wer Interesse am Unterwerk in Bottmingen hat, kann sich an der Saisoneröffnung einen Einblick verschaffen: Am Samstag, 12. April von 15 bis 22 Uhr, sind Ateliers und diverse Ausstellungen geöffnet. Ausserdem gibt es ein gemütliches Outdoor-Wohnzimmer, ein Showklettern, Besucher*innen können Padel spielen und das Getränke- und Essensangebot bei der Buvette Querbeet auf dem Areal nutzen.