Halt Gewalt gegen Schwule

Neue alte Gräben in der Gleichstellungsdebatte

Johannes Sieber fordert Geld, um auch die queere Community vor Gewalt zu schützen. Doch die SP will von einem erneuten GLP-Sonderzügli nichts wissen. Mehr als um den Inhalt geht es dabei wohl um persönliche Fehden. Ein Erklärungsversuch.

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Die SP gilt als treibende Kraft in Gleichstellungsfragen. Doch wenn der Vorstoss von GLP-Grossrat Johannes Sieber kommt, rücken die gemeinsamen politischen Ziele offenbar in den Hintergrund. Neben Sieber hier im Bild: SP-Grossrätin Jessica Brandenburger.

Auf den Punkt:

  • GLP-Grossrat Johannes Sieber hat ein Budgetpostulat eingereicht, mit dem er queere Beziehungsgewalt sichtbar machen möchte.

  • Das Budgetpostulat wird ausgerechnet von der Gleichstellungspartei SP nicht unterstützt, eine Mehrheit im Grossen Rat dürfte das Anliegen also nicht finden.

  • Die Debatte droht, von persönlichen Fehden und institutionellen Machtspielen überlagert zu werden.

Im Basler Rathaus läuft gerade ein bekanntes Stück: Kaum ist das Pilotprojekt Halt Gewalt im Dezember in die Regelstruktur überführt, folgt der nächste Akt. GLP-Grossrat Johannes Sieber reicht ein Budgetpostulat ein. Seine Forderung: Neben den zehn Quartiertreffpunkten soll die queere Community als elfter Netzwerkknotenpunkt mit 10’000 Franken berücksichtigt werden. Die Begründung: Schwule Männer fühlten sich von Quartierstrukturen nicht angesprochen bzw. funktionierten queere Netzwerke anders.

Schon hier beginnt die Kontroverse. Denn von der queeren Community zu sprechen, greift zu kurz – sie ist zu heterogen. Ebenso umstritten ist, dass Sieber für sie spricht. Längst nicht alle fühlen sich von ihm vertreten.

Inhaltlich bleibt Sieber bei einer These, die er seit Jahren vertritt: Gewalt in Beziehungen sei kein rein heterosexuelles Phänomen. «Die Sorte Männer, die in heterosexuellen Beziehungen ihre Frauen schlägt, schlägt in homosexuellen Beziehungen auch ihre Männer», sagt er. Er kritisiert, Gewaltprävention werde exklusiv auf Frauen ausgerichtet. Diese Exklusivität mache Gewalt an schwulen Männern unsichtbar.

Das Anliegen ist ernst. Die Reaktion darauf weniger.

Ausgerechnet die SP

Das Postulat dürfte im Grossen Rat kaum eine Mehrheit finden. Laut Kreuztabelle verweigert ausgerechnet die SP ihre Unterstützung. Das überrascht – zumindest auf den ersten Blick. Die Partei gilt als treibende Kraft in Gleichstellungsfragen. Doch wenn der Vorstoss von Johannes Sieber kommt, rücken die gemeinsamen politischen Ziele offenbar in den Hintergrund.

Jessica Brandenburger
«Die Quartierorganisationen hatten noch nicht einmal Zeit, ihre Arbeit aufzunehmen»
SP-Grossrätin Jessica Brandenburger

SP-Grossrätin Jessica Brandenburger sagt, Sieber habe während der Beratungen in der Justiz- und Sicherheitskommission und in der Ratsdebatte genügend Gelegenheit gehabt, seine Punkte einzubringen. Selbst SVP-Grossrat Felix Wehrli habe dort betont, dass Gewalt alle betreffen könne. Sieber entgegnet, er habe sich bewusst zurückgehalten – aus Respekt vor der hohen Zahl weiblicher Opfer: «Eine Ausweitung hätte die Überführung in die Regelstruktur gefährden können.» Sprich: Er befürchtet, ein ausgedehntes Projekt Halt Gewalt wäre nicht durchgekommen.

Für die SP überzeugt das nicht. Warum ein eben erst beschlossenes Modell nach wenigen Wochen wieder öffnen? «Die Quartierorganisationen hatten noch nicht einmal Zeit, ihre Arbeit aufzunehmen», sagt Brandenburger. Auch für queere Beziehungsgewalt sieht sie die Quartiervereine zuständig, bei Nachfragen oder Unklarheiten könnten sich diese an die Fachstelle LGBTIQ wenden – eine befristete Stelle mit 80 Prozent Pensum. Hier müssten weitere finanzielle Mittel reingesteckt werden. Finanzpolitisch sei das der richtige Weg.

Alte Gräben, neue Runde

Die Debatte wirkt weniger wie eine inhaltliche Auseinandersetzung als ein bekanntes Pingpong. Sie erinnert an frühere Konflikte rund um das Gleichstellungsgesetz, an Sonderberichte, Zusatzanträge und persönliche Verwerfungen. Damals wie heute standen sich Sieber und linke Gleichstellungspolitiker*innen unversöhnlich gegenüber. Der Vorwurf, der vonseiten des GLP-Grossrats dabei immer wieder im Raum steht: sie seien homophob, weil sie sich nicht für die Rechte der schwulen Männer einsetzten bzw. diese nicht genauso als Opfer anerkannten wie Frauen. 

Johannes Sieber
«Warum wird heterosexuelle Beziehungsgewalt in einer gut dotierten Regelstruktur behandelt, queere Beziehungsgewalt aber ausgelagert?»
GLP-Grossrat Johannes Sieber

Auch der Name Fehlmann fällt in diesem Zusammenhang noch immer – als Chiffre für alte Kämpfe, die nie ganz beigelegt wurden. Damals wurde der Grünen alt Regierungsrätin Elisabeth Ackermann ebenfalls vorgeworfen, sie sei schwulenfeindlich, nachdem sie den Ex-Museumsdirektor Marc Fehlmann von seinem Posten enthoben hatte. Fehlmann ist heute Vorstandsmitglied der habs queer basel, die die Grossrät*innen ebenfalls dazu aufgerufen hat, das Budgetpostulat von Sieber zu unterstützen.

Die Gegenseite spricht hinter vorgehaltener Hand von einem Sieberschen Profilierungsdrang. So sei zumindest die Frage erlaubt, ob der Antrag auch abgelehnt worden wäre, wenn er zum Beispiel von SP-Grossrätin Michela Seggiani oder der Grünen-Grossrätin Fleur Weibel gekommen wäre, beides Feministinnen und offen lesbisch lebende Frauen?

Mehr als ein Budgetpostulat

Am Ende dieser Debatte, die ihren Höhepunkt am Mittwoch im Grossen Rat haben dürfte, wo das Budgetpostulat wohl behandelt wird, geht es also längst nicht mehr nur um 10’000 Franken. Es geht um Deutungshoheit, um Repräsentation – und um Vertrauen. Die Frage, wie Gewaltprävention inklusiv gestaltet werden kann, wäre zentral. Doch sie wird überlagert von persönlichen Fehden und institutionellen Machtspielen.

Es droht ein Anliegen, das eigentlich breite Unterstützung finden könnte, an alten Gräben zu scheitern. Nicht in erster Linie, weil es falsch ist. Sondern weil die Beteiligten einander nicht mehr zuhören.

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Nach einem ersten journalistischen Praktikum bei Onlinereports hat Valerie verschiedene Stationen bei der Neuen Zürcher Zeitung durchlaufen, zuletzt als Redaktorin im Bundeshaus in Bern. Es folgten drei Jahre der Selbständigkeit in Berlin, bevor es Valerie zurück nach Basel und direkt zu Bajour zog, wo sie nun im Politikressort tätig ist.

Kommentare

Werner Pachinger
14. Januar 2026 um 11:25

Gewalt nicht tolerierbar !

Gewaltprävention oder Hilfe für Gewaltopfer ist nicht nur eine Frage des Geschlechts. Gewalt darf nicht akzeptiert werden - da spielt es keine Rolle, wer davon betroffen ist. Unterstützung ist daher für jeden betroffenen Mitmensch angesagt.

Imma Mäder
14. Januar 2026 um 13:52

Gewaltprävention richtet sich an alle, erreicht aber nicht alle

Als ehemalige Projektleiterin von Halt Gewalt liegt es mir am Herzen zu betonen, dass sich Halt Gewalt jetzt schon an alle richtet. In unserer Erfahrung ist es sehr herausfordernd, Männer (ob queer oder nicht) mit Botschaften der Gewaltprävention zu erreichen - obwohl wir sie bei Halt Gewalt als potentielle Unterstützende ansprechen. Wenn Sie sich einsetzen möchten und uns helfen möchten, Männer und/oder queere Personen besser zu erreichen freut sich die Koordination von Halt Gewalt sehr über eine Kontaktaufnahme! Eine Zusammenarbeit oder ein Engagement kann auch sehr niederschwellig sein und erfordert nicht unbedingt viel Zeit.

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Johannes Sieber
14. Januar 2026 um 17:53

Konstruierter Konflikt

Bajour konstruiert hier einen Konflikt auf eine ganz gspässige Weise. Es haben nicht alle (linken) Frauen ein Problem mit dem Hinweis, dass häusliche Gewalt auch in queeren Beziehungen existiert und bekämpft werden sollte. Danke insbesondere den Grossrätinnen Lea Wirz (Grüne) und Franziska Stier (BastA) für ihre guten Voten und die Unterstützung meines Budgetpostulats heute im Grossen Rat. Auch Danke an Andrea Strahm (die Mitte) und an meine Fraktion der GLP, die das Anliegen geschlossen unterstützt hat. Wir bleiben dran!

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Andrea Strahm
Grossrätin Die Mitte, Fraktionspräsidentin

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Als unangepasste Frau meiner Generation habe ich die Benachteiligung der Frauen hautnah erlebt, schon im Elternhaus, und so auch die Zeiten der grossen Emanzen, die viel erreichten. Die logische Weiterentwicklung der Gleichberechtigung muss heute nun aber weiter gehen und gerade auch die queere Gemeinschaft einbeziehen. Wir sind heute an einem Punkt, an dem Frauenrechtlerinnen sich selber feiern und lila Tänze aufführen, und uns damit einen Bärendienst leisten. Wichtig wäre, zusammen zu stehen, alle vor Gewalt zu schützen, die in der häuslichen Zelle betroffen sein könnten, auch gleichgeschlechtliche Paare und Heteromänner. Das Frauenhaus mit Müttern mit Kindern betrifft eine besonders vulnerable Gruppe, aber es müssen für alle Gewaltbetroffenen, die Zuhause nicht mehr sicher sind, Zufluchtsorte bestehen.