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Post-Politik-Ära

«Basels bester Mann» trägt jetzt T-Shirt

Berufspolitiker*innen sind 24 Stunden erreichbar und ständig irgendwo eingeladen. Treten sie ab, geht ihr Leben von 100 auf 0. Wie fühlt sich das an? Das haben wir ehemalige Regierungsräte gefragt. Christoph Brutschin macht den Anfang.

07/08/21, 03:00 AM

Aktualisiert 07/08/21, 06:50 AM

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Alt Regierungsrat Christoph Brutschin redet noch immer gerne über Politik. Aufhören ein politischer Mensch zu sein? «Wie soll denn das gehen?»

Alt Regierungsrat Christoph Brutschin redet noch immer gerne über Politik. Aufhören ein politischer Mensch zu sein? «Wie soll denn das gehen?» (Foto: Romina Loliva)

Es ist 15 Uhr an einem Donnerstagnachmittag. Die Regenwolken türmen sich am Horizont, die Sonne grätscht auf den Hinterkopf und der Boden dampft: Ein typischer Sommertag in der Stadt. Im Schwarzpark suchen die Damhirsche den Schatten, Kinder jagen einem Fussball hinterher.

Ein Mann kommt den Schotterweg hinauf. Das weisse Hemd leuchtet, über den Schultern hängt ein Pulli. Er schaut auf die Uhr, nickt, fünf Minuten Verspätung, auch das ist passabel. Ich nicke auch. Etwas Entschleunigung tut auch mir gut.

«Wollen wir ein paar Runden drehen?» fragt er, und geht schon mal voraus. Einige Schritte weiter grüssen uns schon die ersten Passant*innen. Ihr Blick bleibt einen Moment hängen, kennt man den Mann? Aus der Zeitung? Aus dem Fernsehen? Vielleicht. Christoph Brutschin scheint das gar nicht zu registrieren.

«Im ersten Monat nach dem Rücktritt habe ich bewusst alles heruntergefahren.»

Christoph Brutschin, alt Regierungsrat Basel-Stadt

Seit dem 2. Februar 2021 ist der Sozialdemokrat alt Regierungsrat. Sein Leben ging von 100 auf 0, von 24 Stunden Erreichbarkeit zu 24 Stunden Freizeit. Wie fühlt sich das an?

Er komme von einem Mittagessen mit seiner 92-jährigen Mutter, erzählt er, danach waren sie in der Kunsthalle. Das sehr weisse Hemd habe er dafür angezogen, nicht etwa für den Medientermin. «Sonst bin ich oft im T-Shirt anzutreffen, es muss ja nicht mehr so formal sein», erklärt er sein Tenue. Leger unterwegs, etwas, das er früher für das Private reserviert hatte, sei jetzt Standard, und «das ist wohl die grösste Veränderung», erzählt er, als wir zum ersten Mal am Ende des Parks angelangt sind und kehrtmachen. 

«Im ersten Monat nach dem Rücktritt habe ich bewusst alles heruntergefahren», er habe viel geschlafen, sich viel bewegt, um sich quasi neu zu kalibrieren, um einen neuen Rhythmus zu finden, «das hat ganz gut geklappt», sagt er. Sein Terminkalender sei nicht mehr so voll, aber auch nicht leer, er reisse keine Megaprojekte mehr an, habe aber durchaus zu tun, nur: «Ich bestimme jetzt was.»

«Es ist nicht so, dass ich mich aus dem Hinterausgang schleichen muss. Ich darf durch die Vordertür raus.»

Christoph Brutschin, alt Regierungsrat Basel-Stadt

Im Januar hat er an der 10-Jahre-Konferenz des Technologieparks Basel seinem Nachfolger Kaspar Sutter einen überdimensionierten Schlüssel übergeben – und somit nach zwölf Jahren das Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt. 

Das wars. Zumindest für die Öffentlichkeit. Sein Rücktritt sei «keine weltbewegende Nachricht», meinte er, als bekannt gegeben wurde, dass er bei den Gesamterneuerungswahlen nicht mehr antreten werde. Es habe «keinen Tag X» gegeben, kein schicksalhaftes Ereignis, nichts das zu einer runden Erzählung einer runden Karriere gepasst hätte, nur eine Abwägung, die nüchtern ergeben habe: zwölf Jahre sind genug. Gegenüber den Medien sagte Brutschin deshalb in verschiedenen Variationen im Grunde immer dasselbe: Er könne mit gutem Gewissen abtreten. «Es ist nicht so, dass ich mich aus dem Hinterausgang schleichen muss. Ich darf durch die Vordertür raus», sagte er zum Beispiel in einem Abschiedsinterview auf Telebasel.

Basel-Stadt war damit einverstanden. Der Grundtenor seiner Verabschiedung war anerkennend, respektvoll, von Schulterklopfen bis zu Bestnoten – Brutschin erntete für seine Arbeit viel Lob und die Zuschreibung als «Basels bester Mann». Man würdigte seine wirtschaftsfreundliche Haltung, seine bodenständige Art, seine Nähe zu «den Normalos». 

Brutschin selbst zeigte sich jeweils erfreut über die vielen Komplimente, bedankte sich höflich und spielte den Beifall wohltemperiert herunter. Nicht mal das Kokettieren rund um die Frage, wie links er wohl (noch) sei – Brutschin hatte etwa 2017 wie seine ehemalige Regierungskollegin und heutige Ständerätin Eva Herzog die Unternehmensteuerreform III leidenschaftlich verteidigt, gegen die offizielle Parole der SP – brachte den routinierten Politiker aus der Fassung.

«Ich habe an Autonomie gewonnen und an Kontakten verloren.»

Christoph Brutschin, alt Regierungsrat Basel-Stadt

Die Vergangenheit zu bilanzieren, zurückschauen, das scheint nicht Christoph Brutschins Sache zu sein. Aber wenn doch, dann komme er zu folgendem Schluss: «Ich habe an Autonomie gewonnen und an Kontakten verloren.» Jetzt könne er manchmal auch sagen, Nein, heute nicht, und zwar nur weil ihm nicht danach sei: «Aber ich muss mich auch um meine Beziehungen bemühen.» 

Als Regierungsrat sei er ständig Menschen begegnet, «solchen, die ich halt treffen musste aber auch manchen, die ich gerne habe». Jetzt müsse er sich aktiv melden, seinem Umfeld signalisieren, dass er wieder mehr Zeit habe. Ein leichter Anflug von Bedauern kommt dann doch noch auf. Seine Mitarbeitenden – «nicht alle gleichermassen» – vermisse er schon. «Am Dienstag nach der Regierungssitzung halten alle Departemente die Leitungskonferenz mit allen Dienststellen, man nennt das auch den Zyschtigsclub», das sei eine eingespielte Sache gewesen: «Ich konnte gewisse Dynamiken voraussagen, nach so viel Zeit kennt man die Leute und ihre Macken gut. Dass ich da nicht mehr dabei bin, ist schade», sagt er und lacht.

Die Wehmut ist schnell verflogen, denn es gibt einiges zu erzählen. Brutschin sitzt, wie die meisten ehemaligen Regierungsrät*innen, in einem Verwaltungsrat. Und zwar jenem des im letzten Jahr gegründeten Startups RocketVax, das an einem neuen Impfstoff gegen das Coronavirus tüftelt. Er kenne den CEO Vladimir Cmiljanovic persönlich, «ein cooler Typ», und habe dem Mandat zugesagt, weil er hat wisse, wie man Kontakte spielen lässt, um Türen zu öffnen, «für eine gute Sache», erzählt er. 

Ein Linker nach wie vor

Im Dienste des Guten den richtigen Schlüssel drehen, ist das sein neues Ding? Auch jetzt will Christoph Brutschin nicht hochstapeln, «wenn mir etwas sinnvoll erscheint und ich nützlich sein kann», mehr dazu zu sagen, gebe es nicht. 

Eine weitere gute Sache, eine Herzensangelegenheit sogar, ist für Brutschin der Fussball. Während die Kinder im Hintergrund immer noch begeistert schutte, frage ich nach seiner Meinung zur Burgener-Degen-Fehde, die dann doch ganz zivilisiert und mit entsprechender monetärer Entschädigung beigelegt wurde. Brutschin antwortet diplomatisch: «Es freut mich, dass es jetzt weitergehen kann» und schiebt gleich hinterher, eigentlich sei es nicht sehr relevant, wer den FCB führe. Das was auf dem Platz passiere, sei wichtiger, «das Spiel ist letzten Endes entscheidend, nichts anderes».

Dann kommt er ins Schwärmen, über den englischen Fussball der unteren Ligen, den er so liebt, über die Integrationsfunktion der Vereine und darüber, wie Fussball Menschen zusammenbringen und Perspektiven eröffnen kann: «In England sind die Vereine oft der einzige Anker im Leben vieler Menschen und eine Möglichkeit aus der Armut herauszukommen, in einem eigentlich sehr reichen Land», erzählt er weiter. 

Und nun verstehe ich, warum Christoph Brutschin auch «Erzählbär» genannt wird. Er, der vor seiner Zeit in der Regierung lange Rektor der Handelsschule KV Basel war, ist immer noch ganz der Lehrer. Erklären, Zusammenhänge erläutern, das wird er nie abschütteln.

Mittlerweile sind wir bei Runde vier angelangt, kommen wir trotz allem zur Politik und zur Sozialdemokratie. Hat er diese ad acta gelegt? «Ich trete in der Partei nicht mehr aktiv auf, nein», meint er. Wenn ihn etwas interessiere, dann könne er ja mal an eine Versammlung gehen. Damit aufgehört ein politischer Mensch zu sein, habe er aber nicht. «Wie soll das auch gehen?» Die Welt drehe sich ja weiter. 

Eine der grössten Herausforderungen der nächsten Zeit? Das Verhältnis zur EU. Wie kommt die Schweiz aus der Sackgasse heraus? Das Rahmenabkommen umbenennen und einen neuen Anlauf nehmen. Treten wir irgendwann der EU bei? Da verwirft Brutschin die Hände und fragt zurück: Ist das mehrheitsfähig? Nein. Also warum Illusionen nachhängen? Das habe er übrigens auch dem Co-Präsidenten der SP Schweiz, Cédric Wermuth, gesagt. 

Dieser hat mit seiner SP Monate lang, zusammen mit den Gewerkschaften, das Rahmenabkommen torpediert und dafür Kritik aus Basel bekommen. Um dann innert Stunden eine kleine rhetorische Pirouette zu vollziehen und zu fordern, die Schweiz müsse der EU beitreten.

«Ich bin Ökonom. Fragen der gerechten Verteilung haben mich schon immer fasziniert.»

Christoph Brutschin, alt Regierungsrat Basel-Stadt

Brutschin ist, wie sein Nachfolger Kaspar Sutter, Ökonom. Und wie alle sozialdemokratischen Wirtschaftler*innen, betont er das gern (der Partei wird von bürgerlicher Seite gerne vorgeworfen, sie habe keine Ahnung von der Wirtschaft). «Ich bin Ökonom», sagt also Brutschin auf unserem Spaziergang, das stehe nicht per se im Gegensatz zu seinem Links-Sein. «Fragen der gerechten Verteilung haben mich schon immer fasziniert», erzählt er, «und es ist ein Fakt, dass das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft grösser ist, wenn es nicht zu grosse Unterschiede zwischen den Einzelnen gibt.» 

Wir sprechen über Chancen im Leben und darüber, dass sie nicht für alle gleich sind. Darüber, ob der Staat darauf einwirken soll. Keine Frage, Brutschin spricht wie ein Linker. Die Haltung von seinem Zürcher Kollegen Nicht-mehr-SP-Regierungsrat Mario Fehr, der in Sachen Sicherheit und Asyl mit der ganzen Härte des Gesetzes regiert, als sei er in einer rechter Partei – und das spricht Brutschin selbst an – das überschreite rote Linien. «Seine Asylpolitik; das geht nicht.»

Dass er als Exekutivpolitiker auch die Interessen der Wirtschaft im Blick gehabt habe, liege eben daran, dass er lieber mehr als weniger zu verteilen habe: «Ein grosser Kuchen ist wichtig.» Und weil nach Küchenmetaphern meistens nicht mehr Gutes kommt, beenden wir unseren Spaziergang, auf Christoph Brutschin wartet nämlich noch das eine oder das andere.

Wovon er sich aber doch endgültig verabschiedet hat: Er fasst sich an den Hals und scheint wirklich befreit zu sein – «die vielen Krawatten und Anzüge. Als ich fertig war habe ich einen Haufen weggeschafft».

Dann zieht er beschwingt von dannen. Durch den Schwarzpark weht ein lauer Wind.

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