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Und das ischs Regionaljournal Basel

«Man soll den Leuten Informationen bieten und nicht Meinungen aufdrängen»

Dieter Kohler ist ein Vollblut-Lokaljournalist. 11 Jahre lang hat er das SRF-Regionaljournal geleitet und dabei vor allem auf Politik gesetzt. Jetzt geht er. Ein Gespräch über den Basler Medienwandel.

05/28/21, 04:00 AM

Aktualisiert 05/28/21, 09:14 AM

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Beim Regionaljournal Basel Baselland siezen sich Journalist*innen gegenseitig in Radiobeiträgen. Anders bei Bajour: Da Dieter Kohler und Andrea Fopp Berufskolleg*innen sind, belassen wir es hier beim Du.

Dieter Kohler, du warst 20 Jahre lang beim Regionaljournal Basel. Das nenne ich einen Vollblutlokaljournalisten.

Es fasziniert mich, dass man im Lokaljournalismus direkt mit den Leuten reden kann. Ich berichte nicht aus einem Studio in der Schweiz über zum Beispiel den Hindukusch, wo ich nur einmal gewesen bin. Sondern ich gehe physisch dorthin, wo etwas passiert, und ich treffe die Menschen, über die ich berichte, meistens ein zweites, ein drittes und ein viertes Mal. Die kleine Region Basel kommt mir sehr entgegen. 

Als Journalist*innen müssen wir gegenüber den Mächtigen eine kritische Distanz bewahren. Kommst du Politiker*innen nicht zu nahe, wenn du sie so oft persönlich triffst?

Aus meiner Sicht ist es eine Qualität, dass man Politiker längere Zeit begleiten kann. Wenn ich heute zum Beispiel Regierungspräsident Beat Jans oder Nationalrat Christoph Eymann interviewe, mag ich mich vielleicht erinnern, dass der Politiker vor einigen Jahren etwas anderes gesagt hat. Es erlaubt mir also, kritisch zu sein. 

Also keine schlaflosen Nächte, weil du Angst hattest, dass der Politiker, den du kritisiert hast, wütend ist? 

Nein, wir sind gleichzeitig kritisch, aber auch ausgewogen. Das SRF lässt ja immer alle Seiten zu Wort komme und beleuchtet alle Blickwinkel, so dass sich der Zuhörer ein eigenes Bild machen kann. Das ist unser Erkennungsmerkmal. 

Ausgewogen klingt positiv. Es gibt aber auch Journalist*innen, die das Regionaljournal zu brav finden. Seid ihr zu brav?

Nein, das glaube ich nicht. Dieser Vorwurf kommt von Leuten, die Journalismus politisch verstehen und eine politische Haltung transportieren wollen. Das entspricht aber nicht dem SRF-Auftrag. Die Menschen zahlen Gebühren für Informationen, nicht für politische Meinungen. 

Also hast du einfach den SRF-Auftrag erfüllt?

Nicht nur, ich bin auch persönlich überzeugt, dass man den Leuten Informationen bieten und nicht Meinungen aufdrängen soll, so dass sich, wenn uns ein Beitrag gut gelingt, die Leute selber eine Meinung bilden können

«Egal, wie sehr die Baselbieter und die Städter übereinander lästern, wir gehören zusammen.»

Gut. Aber ich fragte dich, ob das Regi brav ist. Brav heisst nicht unbedingt keine Meinung haben, es geht auch um die Art der Geschichten. Hin und wieder hat das Regionaljournal mit brisanten Schlagzeilen für Aufregung gesorgt. Für die Recherchen über die Baselbieter Schwarzarbeitskontrollen habt ihr auch Preise gewonnen. Unter dem Strich macht ihr aber wenig Hintergrundrecherchen, sondern haltet euch an die Agenda, die Grosser Rat und Regierung vorgeben. Warum?  

Als Newsredaktion sind wir natürlich nahe am Tagesgeschäft. Daraus aber zu schliessen, wir würden nur Agendajournalismus machen oder schön das runterbeten, was uns vorgegeben wird, ist falsch. 

Was ist richtig?

Unsere Qualität ist das kritische Einordnen. Wir geben nicht einfach nur die News wieder, die im Tagesgeschäft aufploppen. Sondern wir analysieren diese sofort und geben Einordnungshilfe. Das ist für mich die grosse Veränderung des Radiojournalismus’ der letzten Jahre. 

Erzähl.

Vor 30 Jahren war ich als Radiomensch der schnellste Journalist. Das A und O war, schnell vor Ort zu sein, genug Münz zu haben und eine Telefonkabine zu finden, um dem Studio die News durchzugeben. Heute sind die Schnellsten nicht die Journalistinnen und die Journalisten, sondern die Person, die neben einem Ereignis steht, ein Handy hat und weiss, wie die sozialen Medien funktionieren. 

Und warum dein Politfokus? Die Bevölkerung besteht ja nicht nur aus Polit Nerds.

Ich habe tatsächlich einen Fokus auf politische Berichterstattung gelegt. Auch bei meiner Anstellungspolitik. Ich bin der Meinung, dass Politik die beste Art von friedlicher Lösung gesellschaftlicher Probleme ist. Am Schluss ist Politik immer eine Machtfrage. Nimm das Klybeck.

Dort soll ein neues Stadtquartier entstehen – doch es gibt Konflikte zwischen Grundeigentümer*innen und Anwohner*innen.

Die Menschen in Basel müssen doch wissen, welche Interessen dort im Spiel sind. Das ist ein wichtiger Teil des Journalismus’. Deshalb sagte ich in meinen Anstellungsgesprächen jeweils: Ich suche Leute, die für Politik brennen. Es reicht mir nicht, wenn einer sagt, ich bin auch schon im Grossen Rat gewesen. Ich wollte Leute, die sich für Entscheidungsprozesse interessieren.

Dieter Kohler interviewt den Fotografen Robert Frank im Jahr 2000

Dieter Kohler interviewt den Fotografen Robert Frank im Jahr 2000 (Foto: Ch. Benoit)

Reden wir über die Entwicklung der Basler Medien der letzten Jahre, die hast du hautnah miterlebt. Vorhin hast du kritisiert, dass gewisse Journalist*innen ihren Auftrag falsch verstehen und politische Meinungen statt Informationen transportieren. War das früher anders?

Also, es ist mir wichtig, dass es nicht so rüberkommt, als würden wir beim Regi alles richtig und die anderen alles falsch machen. Das möchte ich nicht sagen.

Schöner Diplomatensatz.

Ja, genau. Und ich sage das letztlich aus einer Bescheidenheit heraus. Schliesslich haben die grösseren Redaktionen in dieser Region ein Redaktionsstatut und Leitlinien, die ihnen vorgeben, News und Kommentar zu trennen. 

Das legt auch der Presserat so fest. Aber wie werden diese Richtlinien von den Basler Medien umgesetzt?

Ich habe manchmal das Gefühl: Je jünger die Kollegen und Kolleginnen sind, desto grösser der Versuch zu sagen, ich will jetzt einfach mal sagen, wie es ist. 

Hat das nur mit dem Alter zu tun? Der Basler Medienplatz hat sich in den letzten zehn Jahren extrem verändert. Zuerst übernahmen Christoph Blocher und Markus Somm die BaZ, jetzt gehört sie der Zürcher Tamedia. Als Reaktion hat die Aargauer CH Media ihre Basel-Stadt-Berichterstattung in der bz ausgebaut, die TagesWoche und Barfi.ch entstanden und gingen wieder unter. Hat sich dieser Machtkampf insgesamt auf die Berichterstattung ausgewirkt?

Die grösste Veränderung in der Basler Zeitungslandschaft ist für mich die Tatsache, dass die Verleger nicht mehr in der Region verankert sind, sondern von Zürich und Aarau aus die Geschäfte lenken. Die Lokalredaktionen machen zwar eine gute Arbeit, sind aber unterbesetzt. Dabei war früher die lokale Verankerung immer das A und O einer Zeitung. Es kommt dazu, die Zeitungen immer mehr einen überregionalen Fokus haben, auch in Basler Geschichten taucht noch ein bisschen Ostschweiz und ein bisschen Bern auf, dann kann man die in allen Zeitungen drucken.

Du meinst Mantelgeschichten, die nachher sowohl in der BaZ als auch im Tagi stehen, zum Beispiel.

Ja, im Ringen um Klicks und Leser machen jetzt alle überregionale Geschichten, auch das SRF. Das ist nicht grundsätzlich falsch, aber ich finde, bei dem sollte man das ganz kleinräumige Lokale nicht vernachlässigen.

Das Schweizer Radio setzt auch mehr auf überregionale Geschichten. Wenn ich früher zum Beispiel «Klybeck» gegoogelt habe, stiess ich auf schriftliche Artikel von euch zum Thema. Jetzt finde ich nur noch Audiobeiträge von euch.

Dafür findest du jetzt überregionale Artikel. Also zum Beispiel ein Vergleich zwischen Basel und Luzern, was die Entwicklung von Arealen betrifft. 

Verteidigst du jetzt eure neue Digitalstrategie? Die muss dir als Lokaljournalist doch gegen den Strich gehen. 

Ich wünschte mir, dass es beides gibt: die lokale Information für die Leute vor Ort und den überregionalen Artikel, wo ich Vergleiche mit anderen Kantonen ziehen kann.

Wie wirkt sich der überregionale Fokus auf eure Arbeit aus?

Am Radio merken wir das überhaupt nicht. Aber Online arbeiten wir mehr mit anderen Regionaljournalen zusammen und publizieren vermehrt überregionale Themen.

Dieter Kohler 1990 Live-Sendung Rendez-Vous am Mittag

Dieter Kohler im Einsatz fürs Rendez-Vous 1990 (Foto: SRF)

Ist dieser neue überregionale Fokus im Onlinebereich ein Grund dafür, dass du jetzt aufhörst?

Es ist nicht der Hauptgrund. Ich habe mir schon länger Gedanken gemacht, langsam für Jüngere Platz zu machen.

Sicher nicht? 

Der Zeitpunkt ist jetzt ideal: Die Umsetzung des neuen Konzeptes braucht viel Energie und einen langen Schnauf – beides kann ich als 60-Jähriger jetzt nicht mehr aufbringen.

Die überregionale Strategie sorgte auch innerhalb der SRG für viel Kritik. Gibt es auch Journalist*innen innerhalb der Regionaljournale, die dafür sind?

Natürlich. Und da muss man einfach die verschiedenen Regionaljournale sehen. Wir in Basel sind natürlich eine Ausnahme, wir haben mit Basel-Stadt und Baselland einen einheitlichen Raum. Aber es gibt zum Beispiel das Regionaljournal Bern Freiburg Wallis. Drei unterschiedliche Kantone haben die gleiche Radiosendung und berichte dadurch heute schon überregional. Daher ist die Strategieänderung im Onlinejournalismus für viele Regionen ein logischer Schritt. Aber für uns in Basel ist das halt eine grosse Veränderung bei der, bei der...

Suchst du grad nach der diplomatischen Formulierung?

Genau. Uns trifft es halt von allen Regionaljournalen am stärksten. Das war auch immer allen bewusst, wir haben dank unserer kleinen Region bisher einfach anders funktioniert.

Eigentlich auch schön, weil es wieder zeigt, wie nahe sich Basel-Stadt und Baselland sind, trotz Kantonsgrenze. 

Natürlich. Etwas vom Spannendsten, was ich in meinen elf Jahren gemacht habe, war unsere Serie zur Fusionsabstimmung. Wir waren eine Woche lang unterwegs.

Den Höhenfeuern nach?

Blödsinn, Höhenfeuer. Nein, wir waren jeden Tag in einer anderen Gemeinde. Einen Tag in «Arlese», einen Tag in Liestal, ein Tag in Laufen… Wir haben den ganzen Tag mit Menschen geredet und eine Umfrage mit Strichliliste gemacht. Und das hat so saugut getönt, weil man hörte, welche Sorgen und Ängste die Leute haben. Am Schluss konnten wir bis auf den Bezirk genau das Abstimmungsresultat voraussagen – was ja dann ein Nein war. Aber egal, wie sehr die Leute übereinander lästern, wir gehören zusammen.

«Wenn du Leute haben möchtest, die politisch analysieren können, bewerben sich häufig nur Männer. »

Themenwechsel: Heutzutage ist es auf dem Medienplatz Basel schwierig, guten Nachwuchs zu finden. Warum ist der Markt ausgetrocknet?

Das hat mit der Entwicklung in den letzten elf Jahren zu tun. Zuerst hat sich die Basler Zeitung freiwillig davon verabschiedet, eine Forumszeitung zu sein. Dann wurden viele erfahrene Journalistinnen und Journalisten von der TagesWoche «aufgesogen» und haben nachher nach Zürich gewechselt. Und wenn aktuell die Lokalredaktionen klein gehalten werden, muss man sich nicht wundern, wenn es wenige erfahrene Journalistinnen und Journalisten gibt. Und jetzt muss ich noch etwas sagen, dass du nicht gerne hörst: Wenn du Leute haben möchtest, die politisch einordnen und analysieren können, dann bewerben sich häufig nur Männer. 

Dein Nachfolger wird jetzt Patrick Künzle, auch ein Mann. Hast du die Frauenförderung ein bisschen verschlafen?

Ich habe in meiner Zeit als Leiter des Regionaljournals 14 Leute anstellen können, sieben Männer und sieben Frauen.

Hast du dich auf diese Frage vorbereitet?

Ja, nicht wegen dir, die Frage treibt mich um und ich bin wegen der Geschlechterquote mehr unter Druck als auch schon. Ich bin auch der Meinung dass die Diskussion gerade unter Journalistinnen fast ein bisschen zu politisch und zu wenig journalistisch behandelt wird. 

Muss eine Journalistin die eigene Stellung in der Branche mit journalistischer Objektivität beurteilen?

Ja, dieser Meinung bin ich. Eine Situation möglichst umfassend zu beschreiben und auch selbstkritische Elemente mitzudenken, ist für mich eine Tugend. Im Regionaljournal ist der Frauenanteil derzeit bei ca. einem Drittel. Das ist zu wenig, Fiftyfifty muss das Ziel sein. Trotzdem bin ich gegen Quoten und würde einen erfahren Politanalysten einer weniger erfahrenen Kollegin vorziehen.

Erfahrene Politjournalistinnen bekommst du nur, wenn du junge Frauen förderst. Gibst du jungen Frauen diese Chance?

Das habe ich häufig gemacht und ich bin auch stolz, dass zwei von Ihnen dann das Regi schon wieder verlassen und innerhalb des SRF Karriere gemacht haben. SRF bietet Frauen gute Aufstiegschancen.

«Es gibt Journalistinnen und Journalisten, die das Gefühl haben, wenn man sich duzt, wird das Produkt gleich besser.»

Jetzt ist gerade rausgekommen, dass sich die SRG-Geschäftsleitung Boni ausbezahlt hat, trotz Corona und Kurzarbeit. Wäre jetzt nicht die Zeit der Bescheidenheit? 

Ich kann die Reaktionen in der Öffentlichkeit nachvollziehen, aber diese Frage musst du der SRG stellen.

Und das Ganze ausgerechnet vier Jahre nachdem die Bevölkerung die No-Billag-Initiative abgelehnt hat und damit Ja gesagt hat zu einem gebührenfinanzierten Radio und Fernsehen.

Wie gesagt, ich kann die Reaktionen nachvollziehen, Das wird sich aber legen. Anderes wird SRF aber weiter beschäftigen.

Was denn? 

Hm. SRF unternimmt im Moment eine Strukturreform, eine riesen Kiste. Und, meine Güte, das braucht jetzt Kraft. Das ist eine direkte Folge der No-Billag-Abstimmung.

Viele Leute, gerade aus den bürgerlichen Reihen, haben gesagt: Wir stimmen weiterhin für ein gebührenfinanziertes Medium, aber ihr müsst sparen. 

Genau. Deshalb hat SRG-Direktor Gilles Marchand noch am Abstimmungstag gesagt: Wir sparen jetzt sofort 100 Millionen Franken. Und dieses Versprechen müssen wir jetzt auch einhalten und uns verändern. Und das bei einbrechenden Werbeeinnahmen. Das ist richtig so, braucht aber, wie gesagt, Kraft.

Ist das der Grund, weshalb die SRG Marchand trotz der Vorwürfe wegen sexualisierter Belästigung nicht abgesetzt hat? Es bräuchte unglaublich viel zusätzlichen Aufwand, ihn zu ersetzen. 

Ich war bei dieser Diskussion nicht dabei.

Ist die SRG gut mit diesen Vorwürfen umgegangen?

Wenn der Entscheid Ruhe ins Unternehmen bringt, dann war es gescheit. Wir stecken mitten in der Pandemie und machen Radio von Zuhause aus. Parallel dazu erfindet sich SRF neu. Um Himmels Willen, wer mag das stemmen? Also ich glaube, das ist zur Zeit die grösste Herausforderung, wie man dem so schön sagt. 

Aber mit einem Fall von möglicher sexualisierter Belästigung muss man sauber umgehen. Hat das die SRG gemacht? 

Ja, das muss man sauber abklären. Aus der Ferne kann ich das aber schlecht beurteilen.

Kommen wir noch einmal zurück nach Basel. Warum siezen sich deine Journalist*innen, wenn sie zu zweit Beiträge machen?

So lange ich da bin, wird gesiezt. Ich bin dezidiert der Meinung, dass wir einen Job machen und dieser Job heisst: Information vermitteln. Das ist nicht dasselbe, wie zusammen ein Bier zu trinken. Es gibt Journalistinnen und Journalisten, die das Gefühl haben, wenn man sich duzt, wird das Produkt gleich besser. Das ist Quatsch: Empathie und Zugewandtheit ist keine Frage von Du oder Sie.

Eure Journalist*innen müssen auch einen Basler oder Baselbieter Dialekt haben. Bleibt das so? 

Heute würde ich diese Regel vielleicht ändern, auch wegen den Expats. Wir haben so viele Menschen in der Region, die nur Hochdeutsch verstehen. Das Regionaljournal Basel kann nicht auf alle Ewigkeit gleich bleiben.

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