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Der Krieg & ich

In Basel in Sicherheit, aber todtraurig

Vor ein paar Tagen konnte Eugenia Seniks Familie endlich nach Basel flüchten. Die Schwester weint, die Nichte schweigt.

03/11/22, 01:55 PM

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Eugenia und ihre Schwester und Nichte sind wieder vereint.

Eugenia und ihre Schwester und Nichte sind wieder vereint. (Foto: zvg)

Nach vier Tagen Fahrt sind meine Schwester und meine Nichte in Zürich gelandet, wo wir sie spät am Abend abgeholt haben. Endlich konnten wir uns tatsächlich und nicht nur in Gedanken umarmen. Die beiden waren erschöpft, aber auch aufgeregt, dass dieser lange und gefährliche Weg endlich vorbei ist.

Die Schwester hat im Auto und später bei uns zu Hause grausame Geschichten erzählt und dabei viele Witze gemacht. Mein Freund und ich schauten uns an und versuchten zu erraten, durch was sie jetzt gerade geht und was auf uns zukommen wird. Wie und wo wir sie und ihre Tochter nun am allerbesten unterstützen können.

Es scheint ein Minenfeld zu sein. Wir wissen nicht, wo und wann es explodieren wird. Die Spannung hängt in der Luft. Alles, was wir wissen, ist, dass wir in dieser Phase einfach zuhören müssen. Sie immer wieder dieselben Geschichten wiederholen lassen und hoffen, dass sie sich auf diese Weise von Angst, Schock und Schmerzen befreien können.

Aber die Kleine schweigt meistens. Sie erzählt ab und zu in kurzen Sätzen, während ich das Frühstück mache, wie sie an ihrem Geburtstag in ihrem Zimmer im ersten Stock etwas gegessen hat. Sie hörte Militärflugzeuge, die über das Dach flogen. Sie waren so tief und so nah, dass sie dachte, sie würden jetzt ihr Haus zerstören.

«Und weisst du, was ich gemacht habe?», lachte sie plötzlich. «Ich habe ruhig weiter gegessen. Es machte doch keinen Sinn, runter in den Keller zu rennen. Ich würde es trotzdem nicht schaffen. Mindestens könnte ich noch ein bisschen mein Essen geniessen.» An diesem Tag ist sie elf geworden.

«Liebe Jewa» – ein Brief an meine Nichte in der Ukraine

«Liebe Jewa» – ein Brief an meine Nichte in der Ukraine

Eugenias Nichte musste ihren Geburtstag in der Ukraine im Dunkeln feiern. Die ukrainische Schriftstellerin hat dem elfjährigen Mädchen einen Brief geschrieben.

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Am nächsten Morgen wacht meine Schwester auf und will sofort Joggen gehen. Sie ist eine professionelle Sportlerin und aktive Bewegung ist ihre beste Therapie. Aber die Realisation, was in den letzten zwei Wochen passiert ist, kommt langsam.

Sie rennt den Rhein entlang und sieht die Menschen, wie sie ruhig Blumen pflanzen, mit ihren Kindern spielen oder mit dem Hund spazieren gehen. Sie macht eine Pause, setzt sich auf eine Bank und weint. Sie vermisst diese Ruhe und ihr zu Hause. Sie weint, wann immer sie sich vor den Menschen, ja, sogar vor uns und ihrer Tochter verstecken kann.

«Ich will mich in eine Höhle verkriechen», erzählt sie mir am Abend. «Mir geht es so schlecht hier. Viel schlechter als zu Hause neben den Explosionen. Ich will nach Hause. Dort hatte ich mehr innere Ruhe, ich konnte da sein, neben meinem Mann und meinen Tieren. Ich konnte auch meinen Freunden besser helfen. Hier fühle ich mich nutzlos und unglücklich. Ich will zurück nach Hause.»

«Sie fühlt sich schuldig. Schuldig gegenüber allen Ukrainern, die nicht flüchten können. Und besonders schuldig gegenüber ihrem Ehemann, der zu Hause bleiben musste.»

Eugenia Senik

Sie fühlt sich schuldig. Sie fühlte sich schon schuldig, als sie nur die polnische Grenze überquerte. Schuldig gegenüber allen Ukrainern, die nicht flüchten können. Und besonders schuldig gegenüber ihrem Ehemann, der zu Hause bleiben musste.

Schon im Flughafen fragte sie, ob wir uns um die Tochter kümmern können, damit sie in einer Woche zurück nach Sumy reisen kann. Am nächsten Tag wurde die Woche zu einem Monat und der Monat zu «wann immer der erste Flug in die Ukraine fliegt». Sie fühlt sich schlecht.

Ja, die Überlebensschuld lässt nicht lange auf sich warten.

«Das Herz schlägt so schnell, dass man kaum wieder einschlafen kann.»

Eugenia Senik

Auf der Reise nach Polen hat sie neben der Tochter auch eine weitere Mutter mit Kindern bis nach Krakau gefahren. Es gab damals noch keinen sicheren Weg für die Evakuierung und man wusste nicht, ob es jemals einen geben werde. Man hat sie am Sonntag angerufen und gefragt, ob sie bereit sei in zehn Minuten loszufahren. In zehn nicht, aber in dreissig schon. Die Rucksäcke waren sowieso schon seit langem bereit. Sie kannte diese Menschen nicht und sie ist dieses Auto noch nie gefahren. Sie ist überhaupt noch nie im Leben so lange Auto gefahren. Es blieb aber keine Zeit, darüber nachzudenken.

Auf dem Weg mussten sie in einem Dorf anhalten, weil sie wegen der nächtlichen Sperrstunde nicht weiterfahren durften. Im Dorf musste meine Schwester in einem Gebetshaus auf einem mit dünnen Decken bedeckten Boden schlafen, weil alle Betten und Zimmer schon besetzt waren. Überall waren die Menschen bereit ihnen Essen und eine Unterkunft anzubieten. An den Tankstellen, wo die Schlangen für das Benzin mehrere Kilometer lang waren, haben Einheimische für alle gekocht und den Schutzsuchenden Essen verteilt.

Meine Schwester hat so gut und tief auf dem Boden mit vielen anderen Menschen in einem Zimmer geschlafen, aber hier in Basel kann sie es kaum. Sie wacht in der Nacht auf, liest Nachrichten und Messages von ihrem Mann oder den Freunden und verliert dadurch den Schlaf. Das Herz schlägt so schnell, dass man kaum wieder einschlafen kann.

«Sie erzählt, wir hören zu, und merken uns, wo wir am besten helfen können. Im Moment ist es das einzige, was uns übrig bleibt.»

Eugenia Senik

Sie erzählt, wir hören zu, und merken uns, wo wir am besten helfen können. Im Moment ist es das einzige, was uns übrig bleibt. Und wir verstehen ihre Gefühle hier viel zu gut. Auch die Gründe warum sie nicht schlafen kann. So leben wir seit dem 24. Februar, auch wenn wir uns hier in Frieden und Sicherheit befinden. Als meine Schwester und ihre Familie in Gefahr waren, fanden wir keine Ruhe mehr.

Wir geben uns aber Mühe, weiter zu machen, um ihr und anderen Ukrainern in Basel zu helfen. Damit sie sich hier willkommen fühlen. Damit auch meine Nichte und andere Kinder wieder etwas Freude haben können. Damit sie Psychologische und sonstige Hilfe bekommen. Damit sie uns später, wenn sie sich erholt und den Boden wieder gefunden haben, auch helfen können. Weil es schlussendlich das einzige ist, das uns allen im Moment eine gewisse Kontrolle über das Geschehene gibt. Wir können denjenigen helfen, die die Hilfe jetzt so sehr brauchen. Und wir hoffen, dass auch meine Schwester bald merken wird, dass es ihr selber hilft, anderen zu helfen.

Und vielleicht ist dieser Alptraum plötzlich zu Ende und sie darf wieder nach Hause. Auch dabei werden wir ihr helfen, ihr Zuhause und die zerstörten Städte in der Ukraine neu aufzubauen. Wir sind bereit, alles zu tun, was in unseren Kräften ist. Um zu helfen.

Und wir wissen, dass wir nicht allein sind. Zusammen schaffen wir das.

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