Schweigen, nicht hinschauen, verdrängen

Sarah Elena Müller erzählt in ihrem Romandebüt von einem Kind, das jahrelang von einem Nachbarn sexuell missbraucht wird. Kulturjournalistin Esther Schneider spricht mit ihr über Wut, Humor und die Nomination für den Schweizer Buchpreis.

Sarah Elena Müller.
(Bild: Sarah Wimmer)

Ein Kind wird missbraucht. Das Umfeld schaut weg. Sarah Elena Müller greift in ihrem Romandebüt «Bild ohne Mädchen» ein brisantes Thema auf. Ein Kind, irgendwo in der Schweizer Provinz, verbringt viel Zeit bei einem «netten» Nachbarn. Es darf bei ihm Videos schauen, was zuhause verboten ist. Der Nachbar ist Medientheoretiker und Philosoph. Er filmt das Kind. Was genau passiert, wird nur angedeutet.

Sarah Elena Müller findet eine Sprache für den Missbrauch, der sich im linksalternativen Milieu abspielt, vor dem Hintergrund der antiautoritären Erziehung und Reformpädagogik. Inhaltlich wie sprachlich ist das Romandebüt ein Wurf. Kein Wunder ist der Roman auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis, der diesen Sonntag an der Buch Basel verliehen wird. Esther Schneider hat die Autorin zum Gespräch getroffen.

Sarah Elena Müller
Zur Person

Sarah Elena Müller ist eine politisch engagierte Künstlerin und Autorin. «Bild ohne Mädchen» ist ihr erster Roman. Sie experimentiert aber schon länger mit Sprache, etwa als Kolumnistin, Performerin und Musikerin und auch im Bereich Virtual Reality.

(Foto: Sarah Wimmer)

Du erzählst im Roman von einem Kind, das jahrelang von einem Nachbarn sexuell missbraucht wird. Wie kommt es, dass der Nachbar nie auffliegt?

Das ist leider ein klassisches Szenario beim Missbrauch, dass es oft lange dauert, bis die Umgebung reagiert. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass ein Mensch, den man kennt und mag, so etwas tut. Gerade in diesem aufgeschlossenen Milieu, in dem ich die Geschichte angesiedelt habe, ist es noch schwerer zu verstehen, dass Pädokriminalität keine politische Haltung kennt.

Dieser Nachbar kommt aus einer linksalternativen Szene. Er ist Anhänger einer Pädagogik aus den 68er-Jahren, welche die sexuelle Revolution als Befreiung sieht. Man erzieht antiautoritär, der Umgang mit Sexualität ist freizügig. Auch der mit Kindern. Ist es ein Thema, das dich interessiert?

Sehr, ich habe dazu auch viele Zeitdokumente aus den 68er-Jahren über reformpädagogische Schulen gelesen. Auch Berichte über Künstlerkommunen, wie diejenige von Otto Mühl. Da kam es zu sexuellen Missbräuchen. Interessant fand ich in diesem Zusammenhang, dass Feministinnen, die sich damals gegen pädophile Praktiken gewehrt haben, als prüde, antirevolutionäre Frauen abgetan wurden. Da gab es innerhalb der Bewegung einen Konflikt. Das interessierte mich aus Sicht einer Person, die sich heute selbst in einem linken Milieu bewegt.

Hat der Nachbar kein Unrechtsempfinden gegenüber dem Kind?

Nein, Nein. Hat er nicht. Er ist ganz in seinem politischen Denken aus jener Zeit verhaftet.

«Es ist mir wichtig, dass pädophile Neigungen nicht einfach als Monstrosität abgetan werden. Denn sonst besteht die Gefahr, dass das Stigma so gross wird, dass Täter sich nicht helfen lassen.»
Schriftstellerin Sarah Elena Müller

Und trotzdem verurteilst du ihn im Roman nicht. Er kommt nicht als Scheusal rüber. Du bleibst neutral.

Es ist mir wichtig, dass pädophile Neigungen nicht einfach als Monstrosität abgetan werden. Denn sonst besteht die Gefahr, dass das Stigma so gross wird, dass Täter sich nicht helfen lassen. Auch Angehörige lassen sich dann weniger gut einbeziehen. Pädophile zu Bestien zu machen ist eher kontraproduktiv. Damit ist den Opfern nicht geholfen.

Hast du beim Schreiben keine Wut empfunden?

Doch, am Anfang war schon Wut im Text. Aber die Passagen, die ich in Wut geschrieben habe, fand ich literarisch nicht interessant. 

Die Wut hast du also ganz rausgenommen.

Ja, es haben mir aber auch viele Leute dabei geholfen. 

Dadurch, dass du den pädophilen Nachbarn nicht einfach verurteilst, kriegt die Geschichte eine Dringlichkeit. Man wird sich bewusst, dass das Böse ganz freundlich daherkommen kann. Sogar im eigenen Umfeld. 

Das ist leider so. Es passiert im gewohnten Umfeld und kommt harmlos daher. Das wollte ich thematisieren. Ich wollte das Nichtreden, das Schweigen darüber abbilden, der Verdrängung eine literarisch erlebbare Form geben. Aber es ist nicht leicht, eine Sprache für das Nichtsagbare zu finden. Entstanden ist schliesslich ein rhetorisches Umfeld aus Floskeln, voller ideologischer Behauptungen und scheinbaren Messbarkeiten, die das Sagbare überdröhnen.

«Ich habe lange versucht rausfinden, wer da erzählt. Dann dachte ich, warum muss ich das eigentlich wissen?»
Schriftstellerin Sarah Elena Müller

Wie erklärst du dir, dass die Eltern und die Frau des Nachbarn nicht handeln?

Es sind unterschiedliche Gründe. Die Ehefrau schaut aus Angst vor den Konsequenzen weg. Die Eltern dagegen meinen es gut, sind aber zu sehr mit sich selber beschäftigt. Und das Kind findet keine Sprache dafür. Es reagiert mit körperlichen Symptomen. Diese werden von den Eltern aber falsch interpretiert. 

Sexueller Missbrauch an Kindern wurde in der Literatur schon oft beschrieben. Natürlich in «Lolita» von Nabokov. Mich hat der Roman «Mein kleines Prachttier» der niederländischen Autorin Marieke Lucas Rijneveld beeindruckt. Da erzählt die Autorin konsequent aus der Sicht des Täters. Deine Perspektive eine andere, die eines neutralen Beobachters. Was hast du dir überlegt?

Ich habe viel rumexperimentiert, um diese Perspektive zu finden. Es gab Phasen, da habe ich die Geschichte von einer Ohnmächtigen erzählen lassen, die neben einem Fluss liegt. Aber das hat nicht funktioniert. Ich habe lange versucht rausfinden, wer da erzählt. Dann dachte ich, warum muss ich das eigentlich wissen? Es kann ja einfach eine unbekannte Stimme sein.

Auffällig ist der Humor im Roman. Er zeigt sich darin, wie das Kind die Welt sieht und nach Erklärungen sucht, für das, was mit ihm und um es herum passiert. Das würde man bei diesem Thema nicht erwarten.

Das Kind hat viel Phantasie. Und mir hat es gefallen, über diese Phantasie an Erklärungen und Zusammenhänge zu kommen, die wild und unvernünftig sind. Ich finde es ein spannendes literarisches Mittel. Und ich wollte schauen, wie weit ich es treiben kann, wie viele Missverständnisse ich beim Erzählen aufeinanderschichten kann, bis alles zusammenbricht. 

Und wie weit hast du es getrieben?

Ich würde sagen sehr weit (lacht).

«Ich bin einerseits fasziniert von allem Visuellen. Andererseits erschreckt es mich, wieviel Wichtigkeit wir dem visuellen Sinn immer noch geben. Auch wenn wir wissen, wie Bilder manipuliert werden können.»
Schriftstellerin Sarah Elena Müller

Der Roman hat den Titel «Bild ohne Mädchen». Wo ist das Mädchen, das auf dem Bild sein sollte?

Ein Bild ist ja immer ein Definitionsraum, ein Ort, an dem es auch ein Aussen gibt. Und das Mädchen, das auf dem Bild fehlt, ist entweder emotional abwesend oder es ist wirklich nicht zu sehen auf dem Bild. Und dann ist es natürlich auch metaphorisch gemeint. Das Kind hatte kein Mitspracherecht zu dem, was passiert. Es war nicht im Bilde darüber. 

Bewegte Bilder, Videos spielen eine wichtige Rolle im Roman. Was hast du für ein Verhältnis zu Bildern?

Ich bin einerseits fasziniert von allem Visuellen, vor allem dem bewegten Bild. Andererseits erschreckt es mich, wieviel Wichtigkeit wir dem Bild, dem visuellen Sinn immer noch geben. Auch wenn wir wissen, wie Bilder manipuliert und verändert werden können. Das Visuelle prägt unser Leben zutiefst.

Soziale Medien verstärken das natürlich 

Ja klar, das hat ein hypnotisches Potential. Das wird auch so bleiben, ausser es kommt irgendwann ein noch invasiveres Medium, das uns einnimmt.

esther_Schneider
Esther Schneider spricht in ihrem Podcast «Literatur Pur» regelmässig mit Autor*innen. Wir von Bajour dürfen die Gespräche als schriftliche Interviews aufbereiten. Weil Literatur es wert ist. (Bild: MARA TRUOG)

Das ganze Gespräch mit Sarah Elena Müller ist zu hören im Podcast LiteraturPur. 

Hier geht es zum Podcast.

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