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Der siebte Tag des Krieges 

Die ukrainische Autorin Eugenia Senik aus Basel versucht mit Worten, Wege aus der Ohnmacht zu finden und stellt eine Spendensammlung auf die Beine.

03/04/22, 11:38 AM

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Eugenia am Tag der Unabhängigkeit im Jahr 2014.

Eugenia am Tag der Unabhängigkeit im Jahr 2014. (Foto: Anastasia Stefanenko)

Wenn man jetzt jemanden in der Ukraine fragen würde, was für ein Tag heute ist, man würde sofort die Antwort erhalten, es sei der siebte Tag des Krieges.  

Ich bin nicht in der Ukraine, aber ich gäbe die gleiche Antwort. Und so machen es alle, die momentan jede Minute mit der Ukraine oder den Menschen dort verbunden sind. Wir haben keine Ahnung, was für ein Wochentag heute ist. Oder sogar wie spät es ist. Aber wir alle sind sicher, welcher Tag vom Krieg jetzt gerade abläuft. Und wir haben keinen winzigen Zweifel, dass die Ukraine diese barbarische Aggression bekämpfen soll. Keinen Zweifel, dass sie es schafft.  

Sie braucht aber Hilfe. Damit dieser Horror so schnell wie möglich sein Ende findet. 

Zur Person

Eugenia Senik (35) ist eine ukrainische Autorin. Seit August 2021 lebt sie in der Schweiz. Aufgewachsen ist Senik im Osten der Ukraine, in Luhansk. Für ihr Studium zog es sie nach Basel, wo sie Literaturwissenschaften im Master studiert.

In den letzten sieben Tagen habe ich viele neue Wörter auf Deutsch gelernt. Bei der Übersetzung von zahlreichen Videos, die ich jeden Tag von meiner Schwester und meinen Freunden von Kharkiv, Sumy und Kyiv bekomme, fehlten mir viele Wörter aus dem Militärbereich.  

Panzer, Grad-Raketen, Gefangenen, Hinterland, Rückendeckung… 

Das letzte Wort habe ich lange gesucht, weil ich in Worte fassen wollte, was wir gerade versuchen zu tun. Wir geben den Menschen eine starke Rückendeckung. Das ist unsere neue Aufgabe seit den letzten Tagen. 

«Ich lege alles auf die Seite und versuche sie zu beruhigen. Und ich bin unendlich glücklich, wenn sie mir nach einem langen Gespräch sagen, dass sie jetzt kurz lächeln.»

Eugenia Senik

Das heisst aber nicht, dass ich meine vorige Aufgabe aufgegeben habe. Nein, die finde ich viel zu wichtig. Lebenswichtig. Da zu sein. Für meine Schwester, ihre Familie und meine Freunde in den Orten, wo es am gefährlichsten ist, möchte ich maximal erreichbar sein. Wenn sie kollabieren, wenn ihre Nerven die Spannung nicht mehr aushalten, wenn sie verzweifelt und ratlos sind. Ich lege alles auf die Seite und versuche sie zu beruhigen. Und ich bin unendlich glücklich, wenn sie mir nach einem langen Gespräch sagen, dass sie jetzt kurz lächeln. Ich schliesse die Augen und atme erleichtert aus. Geschafft!  

Meine Schwester sagt, dass sie und ihr Mann seit vorgestern nur noch ein mal pro Tag essen, um die Produkte zu sparen. Die Läden sind zu und es ist viel zu gefährlich, raus zu gehen. Sie dürfen am Abend kein Licht anschalten und sie erzählt mir von ihrem Tag in voller Dunkelheit.  

Die andere Freundin in Kyiv schickt mir das Bild vom Brot, das sie geschafft hat, zu finden. Sie schreibt mir auch aus dem Keller, wenn Kyiv bombardiert wird und wenn sie panische Angst bekommt.  

Noch eine Freundin in Kharkiv bricht zusammen und sagt, dass sie alle durch chemische Waffen sterben werden und sie keine Gasmaske hat. Sie fragt mich, was jetzt gerade in Kharkiv los ist und wer die Stadt kontrolliert. Ich rufe meine andere Freundin in Kharkiv an, die sich in anderem Bunker befindet, und versuche die Lage herauszufinden. Was sind fake news und was stimmt. Dann wieder zurück zu der ersten, weil erst jetzt kann ich sie mit Fakten beruhigen. 

«Die andere Freundin in Kyiv schickt mir das Bild vom Brot, das sie geschafft hat, zu finden.»

Eugenia Senik

Die Kollegin aus Kyiv, die mir in der letzten Zeit mit meinen Büchern geholfen hat, sagt, sie hätten meine Bücher als Schutz für die Fenster benutzt, gegen Explosionen. Es gab 250 Exemplare, genug, um die Fenster zu verbarrikadieren. Sie fragt, ob ich nichts dagegen habe. Ich sage, dass sei die beste Funktion meiner Bücher, die sie je erfüllen könnten. Und ich wäre froh, wenn mein «Streichholzhaus» ihr Zuhause beschützen kann.   

Jemand fragt, was heute für ein Tag ist? Keine Ahnung. Bin ich überhaupt in Basel? Das weiss ich nicht mehr. Meine Realität ist sehr surreal geworden, aber es warten auf mich schon viele Nachrichten vom Krieg.  

Ich beeile mich, ihnen mitzuteilen, dass sie hier in Basel, in der Schweiz, in der ganzen westlichen Welt eine Rückendeckung haben. Sie müssen noch ein bisschen durchhalten. Es kommt der Tag, der der letzte sein wird. Der letzte Tage des Krieges. Er kommt bestimmt, ich verspreche es! Nur noch einige Tage durchhalten. Wir holen schon Hilfe.  

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