Debatte um «Jeanne Dark»

Theater probt aktuell mit anorektischen Menschen

Für das Stück «Jeanne Dark» hat das Theater Basel nach anorektischen Laiendarsteller*innen gesucht – und bekam dafür viel Kritik. Die Suche war allerdings erfolgreich: Aktuell wird mit Erkrankten geprobt, begleitet von psychologischem Fachpersonal.

Theater Basel
Im November wird im Theater Basel die Premiere des Stücks «Jeanne Dark» gefeiert. (Bild: Wikimedia)

Die geplante Aufführung des Stücks «Jeanne Dark» am Theater Basel hatte Anfang September für Wirbel gesorgt. Für die Produktion über die französische Widerstandskämpferin und spätere Nationalheldin Jeanne d'Arc suchte das Theater ursprünglich Laiendarsteller*innen im Alter von 16 bis 30 Jahren, die akut unter Anorexie leiden und untergewichtig sind.

Nun ist klar: Das Stück wird mit Erkrankten umgesetzt – allerdings ausschliesslich mit betroffenen Darsteller*innen, die volljährig sind. Wie Heike Neumann, neue Direktorin Kommunikation vom Theater Basel, gegenüber Bajour bestätigt, laufen aktuell die Proben. 

Die ursprüngliche Anfrage des Theaters ging an Ärzt*innen und Netzwerke, die mit Betroffenen arbeiten und rief nach ihrer Veröffentlichung in der BaZ zahlreiche kritische Stimmen hervor. «Wir suchen dezidiert nach Personen, die kein gutes Normalgewicht haben und in therapeutischer Betreuung sind», wurde aus einer E-Mail des Theater Basel zitiert. 

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Frage des Tages

Für ein Stück über Jeanne d’Arc sucht das Theater Basel explizit Laiendarsteller*innen, die akut an Magersucht leiden. Wir haben unsere Leser*innen gefragt, was sie darüber denken.

Zur Diskussion

Die Suche entfachte eine Diskussion darüber, ob es angemessen sei, mit anorektischen Laiendarsteller*innen zu arbeiten. Das Theater hatte bereits vor der öffentlichen Debatte ein Treffen geplant, um zu informieren und einen Austausch zwischen interessierten Personen mit Essstörung und Fachpersonen zu ermöglichen. Am Ende des offenen Dialogs sagte Co-Schauspieldirektorin Anja Dirks laut BaZ: «Im Moment suchen wir gar nicht mehr.» Das heisse aber nicht, dass die Projektidee nicht umgesetzt werde. 

Der Premiere am 13. November steht nun offenbar nichts mehr im Wege. Da die Proben der belgischen Regisseurin Lies Pauwels aufgrund ihrer Arbeitsweise stets mit offenem Ausgang verlaufen würden, möchte sich das Theater im Vorfeld allerdings nicht zu Details äussern. So viel steht aber fest: «Es werden keine anorektischen Personen unter 18 Jahren an der Produktion teilnehmen. Die aktuell involvierten Laien sind sogar deutlich älter. Zudem wird die Arbeit von psychologischem Fachpersonal begleitet», so Neumann. Im laufenden Prozess könne das Theater Basel aber keine weiteren Auskünfte darüber geben, wie sich die Proben entwickeln werden. 

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Verletzlichkeit ist kein Requisit

Am Theater Basel sollen für eine Inszenierung Laiendarsteller*innen, die an Anorexie leiden, auf der Bühne stehen. Für die Betroffenen kann das die Krankheit noch verschlimmern, kommentiert Ambra Bianchi. Das Theater verkenne, was Magersucht bedeutet.

Zum Kommentar

Eine Basler Jugendpsychiaterin, die aufgrund der aufgeheizten Debatte nicht namentlich genannt werden möchte, sagt zu Bajour, es mache für sie keinen grossen Unterschied, ob die anorektischen Laiendarsteller*innen unter oder über 18 Jahre alt seien. Sie stellt – wie andere Fachpersonen zuvor – ganz grundsätzlich infrage, ob die Krankheit Anorexie für den künstlerischen Ausdruck benutzen werden dürfe, da dies Betroffene gefährden könne. 

Schauspieler Andrea Bettini, der mit Pauwels bereits zusammengearbeitet hatte, verteidigte die Arbeit der Regisseurin damals bei Bajours Frage des Tages: «Ich habe vollstes Vertrauen in die Arbeitsweise von Lies Pauwels. Sie würde NIE die Integrität eines Darstellers, einer Darstellerin gefährden zugunsten einer ‹Show›. Das entspricht nicht ihrem künstlerischen Ansatz. Eine missbräuchliche Regie hat am Theater Basel in der Compagnie keinen Raum. Never.»

Das Mysterium der Jeanne d’Arc

Eine Nachfrage bei den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel bleibt unbeantwortet. Liselotte Dolder aus der Abteilung Kommunikation sagt gegenüber Bajour: «Wir hatten bezüglich des Stücks bereits eine Anfrage – und wir werden dies nicht einordnen.» 

In einem im August veröffentlichten Konzept schrieb Regisseurin Pauwels, die Idee für den Einsatz von anorektischen Personen sei zunächst «intuitiv» entstanden. «Bekannt sei, dass Jeanne sehr wenig ass und sogar im Gefängnis das Essen verweigerte. Ihr Fasten war zum Teil ein Ausdruck ihrer Überzeugungskraft, ihrer bemerkenswerten Mission.» Pauwels schreibt, sie wolle «auf keinen Fall eine Aufführung über Anorexie machen». Im Mittelpunkt stehe das Mysterium der Jeanne d’Arc. 

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Nach dem Studium, freier Mitarbeit bei der Berliner Morgenpost und einem Radio-Volontariat hat es Valerie 2002 nach Basel gezogen. Sie schreibt seit fast 20 Jahren für das Jüdische Wochenmagazin tachles und hat zwischenzeitlich einen Abstecher in die Kommunikation zur Gemeinde Bottmingen und terre des hommes schweiz gemacht. Aus Liebe zum Journalismus ist sie voll in die Branche zurückgekehrt und seit September 2023 Redaktorin bei Bajour. Im Basel Briefing sorgt sie mit ihrem «Buchclübli mit Vali» dafür, dass der Community (und ihr selbst) der Lesestoff nicht ausgeht.

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