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Der Krieg & ich

«Der Krieg tötet mich von innen. Der Hass kommt hoch.»

Das Massaker von Butscha verfolgt Eugenia Senik in ihre Albträume. Das ist ihre ganz persönliche Sicht auf den Horror.

04/06/22, 03:58 PM

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Die Gewalt, die wir auf den Bildern aus der Ukraine sehen, lässt Eugenia nicht los.

Die Gewalt, die wir auf den Bildern aus der Ukraine sehen, lässt Eugenia nicht los. (Foto: Anastasia Stefanenko)

Triggerwarnung: Dieser Text enthält sehr explizite Schilderungen von Kriegsszenen.

Überall ist es dunkel. Auf der Strasse liegen viele Leichen. Manche haben zusammengebundene Hände, manche haben überhaupt keine Arme mehr. Ich muss durch. Durch diese Strasse. Es ist der einzige Weg, um herauszukommen. Ein Totenweg. Ich strenge meine Augen an, um all diesen noch vor kurzem Lebenden vorsichtig auszuweichen. Ich will ihren ewigen Schlaf nicht stören.

Ich lasse sie langsam hinter mir, ich bin schon einige Schritte näher beim Ende dieser kleinen Stadt… Ein starkes Licht blendet mir plötzlich ins Gesicht. Da stehen mehrere bewaffnete Männer in Militäruniform. An ihren Ärmeln sind rote Streifen. Ich verstehe erst langsam, was es bedeutet. Ich stecke in einer Sackgasse. It’s a dead-end.

Zur Autorin

Die ukrainische Schriftstellerin Eugenia Senik (35) lebt seit August 2021 in der Schweiz. Aufgewachsen ist Senik im Osten der Ukraine, in Luhansk. Für ihr Studium zog es sie nach Basel, wo sie Literaturwissenschaften im Master studiert.

Ich wache auf und kann mich kaum bewegen. Sie waren so nah in dieser schrecklichen Dunkelheit. Das Ganze ist mir so furchtbar nah, dass ich es auf meiner eigenen Haut und in meinem Inneren spüren kann. Ich kann kaum mehr schlafen, warte auf das Morgenlicht und denke ununterbrochen an all diese Menschen in Butscha, Irpin, Hostomel.

Es tut mir so weh, dass ich gar nicht weiss, wo ich mich vor diesen Schmerzen verstecken kann. Es tut mir so leid, dass wir diese Menschen nicht retten konnten. Wir alle, die ganze Welt, haben es zugelassen, dass sie gefoltert, vergewaltigt und getötet wurden. Es tut mir so leid, so sehr leid… dass ich nur heulen und schreien will.

Ich will einen ruhigen Ort finden, wo ich allein sein kann, um diese unerträglichen Schmerzen herauszuschreien und auszuweinen. Leider gibt es nirgendwo Ruhe. Unser Zuhause ist eine Zuflucht für einige Ukrainer geworden, die vom Krieg geflohen sind. Von diesem schrecklichen Tod, den die russische Armee überall mitbringt.

«Ich möchte mich mit Weinen von diesen unerträglichen Schmerzen befreien. Ich will meinen Gefühlen einen Raum geben, wo ich sie freilassen kann. Und ich will dabei keine Zeugen.»

Eugenia Senik

Ich finde keine Ruhe und friere fast ein. Mein Blut gefriert in den Adern, wenn ich mehr und mehr Bilder von Butscha sehe. Wenn ich mehr Information über die Zahl der Getöteten und den Grund ihres Todes erfahre. Frauen, die gemäss ukrainischen Behörden vor ihren Kindern vergewaltigt worden sind, gefolterte und zergliederte Menschen, getötete Haustiere, die überall neben ihren Tierhalter*innen liegen, Massengräber und Massenmord. Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für das es keine Rechtfertigung gibt, finde ich. Und kein Verständnis, wie man einem anderen Wesen so was antun kann. 

Es macht mich verrückt. Es tötet mich von innen. Der Hass kommt hoch.

Wir organisieren unseren Tag so, dass ich ein paar Stunden zu Hause allein sein kann. Ich will ja niemanden mit meinen Emotionen erschrecken. Aber ich möchte mich mit Weinen von diesen unerträglichen Schmerzen befreien. Ich will meinen Gefühlen einen Raum geben, wo ich sie freilassen kann. Und ich will dabei keine Zeugen. 

Ich will mir die Zeit nehmen, dieses barbarische Massaker, welches meine Gedanken dominiert, zu verarbeiten. Und am besten mache ich das durchs Schreiben. 

«Je mehr das Geschehene uns persönlich betrifft, desto mehr sind wir erschüttert und besorgt.»

Eugenia Senik

Es gibt ein Sprichwort auf Ukrainisch: Das eigene Hemd ist dem Körper am nächsten. Das bedeutet, je mehr das Geschehene uns persönlich betrifft, desto mehr sind wir erschüttert und besorgt. Hier will ich niemanden verurteilen oder kritisieren. Es ist aber eine bittere Tatsache, die ich schon 2014 begriffen habe, als dieser Krieg im Donbas angefangen hat. Sogar meine Freunde in der Westukraine konnten meine Schmerzen damals nicht nachvollziehen.

Auch jetzt können nicht alle Ukrainer diese Schmerzen verstehen, weil ich mich eigentlich in Sicherheit befinde und nicht einmal fliehen musste. Und abgesehen von der menschlichen Ebene, wo wir alle schockiert sind, dass es überhaupt in einer modernen Welt möglich ist, dass Menschen grausamer mit ihren Nächsten umgehen können als mit Tieren, fühle ich mich davon besonders betroffen. Als ob ich auch eine von den Getöteten sein könnte.

«Auch ich könnte eine von den vergewaltigten und ermordeten Frauen auf der Strasse sein oder in einem Massengrab liegen. Der Albtraum könnte war sein.»

Eugenia Senik

Bis Ende Juli 2021 war ich noch in Kyiv. In sechs Monaten ist diese Invasion geschehen, von der damals niemand etwas ahnen konnte. Auch ich nicht. Im Juli habe ich endlich einen Studentenvisum erhalten und ich durfte bei meinem Freund in Basel wohnen. Ende Februar habe ich zufällig ein Video der Raketen und Explosionen in Kyiv gesehen, die vom gleichen Hochhaus, in dem ich meine Wohnung damals gemietet hatte, gefilmt wurde. Und einige Tage später erfuhr ich, dass eine Rakete ein Wohnhaus ganz in der Nähe zerstörte. Und ich überlege mir, wenn ich nicht dieses Visum erhalten hätte, wäre ich immer noch dort gewesen. 

So wie auch in Butscha. Bis jetzt war es ein schönes, kleines Städtchen, wo man viel günstiger als in Kyiv eine Wohnung mieten konnte. Ich könnte es mit Pratteln oder Reinach vergleichen. Also ein Ort, an welchem auch ich mir vorstellen könnte, einmal hinzuziehen. Es könnte sein, dass ich dann zusammen mit anderen Ukrainern von diesen grausamen russischen Soldaten besetzt worden wäre und keine Zeit gehabt hätte, zu fliehen. Es wäre immer noch möglich. Und ja, ich könnte auch eine von den vergewaltigten und ermordeten Frauen auf der Strasse sein oder in einem Massengrab liegen. Der Albtraum könnte war sein.

«Es gibt Fälle im Leben, wo neutral und passiv zu bleiben, genauso verwerflich ist.»

Eugenia Senik

Es ist mitten in Europa im Frühling 2022 passiert. Während viele Politiker der Welt mühsam langsam diskutieren und versuchen mit Putin noch etwas auszuhandeln. Sie verstehen immer noch nicht, dass man es mit einem Regime zu tun hat, mit welchem man nicht diskutieren kann. Sie begreifen nicht, dass auch sie jetzt dort, ohne zu atmen, liegen könnten. 

Sagen wir mal, dass sie keine Politiker wären. Sie hätten einmal die Ukraine besucht und entschieden, in einem ruhigen Ort in der Nähe von Kyiv ein schönes Haus mit Garten zu bauen. Vielleicht einen kleinen Bioladen eröffnet und eine Familie gegründet. Und dann kämen unerwartet Unmenschen. Diese würden vielleicht entscheiden, ihre noch zehnjährige Tochter zu vergewaltigen und das nicht nur einmal, so wie es ukrainische Abgeordnete dem russischen Militär vorwerfen. Sie würden sie und alle Familienmitglieder foltern, würgen und zergliedern. Warum? Weil die Soldaten und ihre Offiziere das so wollen? Weil sie ihre Menschlichkeit verloren haben?

Schrecklich, oder? Und gar nicht so weit weg, wie man denkt. Nur ein paar tausend Kilometer entfernt. Die gleiche Distanz wie von der Ost- bis zur Westukraine. 

Vielleicht muss man aufhören, zu versuchen, mit einem Diktator zu diskutieren? Wieviel Blut unschuldiger Menschen soll vergossen werden? Wie lange wartet man, bis man einen Massenmörder stoppt?

Liebe Politiker, denkt bitte ab und zu daran, dass nicht nur ich neben diesen ermordeten Menschen in Butscha liegen könnte, sondern auch ihr. Versucht einmal, damit einzuschlafen. Und am Morgen werdet ihr realisieren, dass es Fälle im Leben gibt, wo neutral und passiv zu bleiben, genauso verwerflich ist.

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