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Der Krieg & ich

Umarmungen sind das beste Schmerzmittel

Olias Mann kämpft im Dombas. Sie selbst ist in Strassburg gelandet. Bajour-Autorin Eugenia Senik hat ihre ukrainische Freundin im Elsass besucht. Nach dem traumatischen Abschied wird die neue Realität im Exil zur schmerzhaften Normalität.

04/20/22, 01:00 PM

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In Strasbourg in Sicherheit, aber die Gedanken von Olia (Mitte) und ihrem Sohn sind beim Vater, der in der Ukraine geblieben ist.

In Strasbourg in Sicherheit, aber die Gedanken von Olia (Mitte) und ihrem Sohn sind beim Vater, der in der Ukraine geblieben ist. (Foto: zvg)

Als ich Olia vor kurzem in Strasbourg besucht habe, war nach unserer langen Umarmung meine erste Frage: Warum eigentlich Strasbourg? Ich könnte mir viele Städte in Polen oder Deutschland vorstellen, in denen es für Olia und ihre Kinder möglich wäre, eine Unterkunft zu finden, aber an Strasbourg hätte ich nie gedacht.

«Hier wohnt der Cousin meines Mannes mit seiner Familie» – war die kurze Antwort. Und eine logische Antwort. Wenn man plötzlich vor der Frage steht, wohin man fliehen soll, kommt einem als erstes ein Ort in den Sinn, an dem ein Familienmitglied wohnt. Wenn man aber keine Familie im Ausland hat, dann kommen die erweiterte Verwandtschaft, Freunde, Bekannte, irgendwer, den man sogar nur online kennt, infrage. Olias Schwester, eine gute Freundin von mir, wohnt seit Jahren in den USA. Aber bis nach Amerika zu kommen ist für Ukrainer momentan sehr schwierig. Deswegen war die erweiterte Verwandtschaft in Strasbourg am nächsten.

Ich kenne Olia schon sehr lange, seit meinem Leben in Lwiw, der Westukraine. Ich war Privatlehrerin ihrer Tochter Sofia und gab ihr während einiger Jahren einmal pro Woche Deutschunterricht. Sofia war noch ein kleines Mädchen und Olias Sohn Davyd lernte gerade, seine ersten Schritte zu machen. Olia hatte damals ihre Ausbildung als Psychologin gemacht und ich wurde als Probandin für ihre Diplomarbeit engagiert. Später hatte sie mich durch meine Trauer begleitet, als ich meine Mutter und einige Monate später auch meinen Vater verlor. Sie stand mir zur Seite, wann immer ich eine schwierige Phase im Leben durchmachte. Diesmal wollte ich Olia zur Seite stehen.

Als wir uns nun in einem fremden Land wieder trafen, hat mich ihr inzwischen achtjährige Sohn selbstverständlich nicht wiedererkannt, obwohl ich die Familie ab und zu besucht habe, wann immer ich in Lwiw war. Und ich habe Sofia kaum erkannt, sie war kein kleines Mädchen mehr, sondern eine neunzehnjährige junge Frau.

Eugenia (rechts) trifft die geflüchtete Olia in Strasbourg. Die ukrainischen Flaggen überall tun ihr und ihrem Sohn gut.

Eugenia (rechts) trifft die geflüchtete Olia in Strasbourg. Die ukrainischen Flaggen überall tun ihr und ihrem Sohn gut. (Foto: zvg)

Olia war leider nicht unter denen, die ich bei Beginn des Krieges sofort kontaktiert habe. Ich habe zwar oft an sie gedacht, sie aber nie kontaktiert. Obwohl auch Lwiw sporadisch beschossen wurde, war es trotzdem ziemlich ruhig dort. Ich war sicher, dass Olia und ihre Kinder in Lwiw mehr oder weniger in Sicherheit waren. Und ich konnte ahnen, dass ihr Mann Oleh als erster kämpfen gehen würde, weil er am Anfang dieses Krieges im Donbas diente. Er hatte Militärpflicht.

Er kontaktierte mich eigentlich zuerst und bat um Hilfe, zu der ich aus Sicherheitsgründen nicht mehr verraten darf. Danach hat Olia den Kontakt zu mir aufgenommen. Ihre Antworten im Chat waren lakonisch. «Mein Sohn hatte Panikattacken. Wir sind für ein paar Wochen ausgereist, damit er sich beruhigen kann. Sobald es ruhiger in der Ukraine sein wird, fahren wir sofort zurück. Nur, es wird nicht ruhiger. Oleh ist ganz an vorderster Front im Donbas. Mein Inneres zerbricht in kleine Stücke.»

Nach diesen Worten wollte ich Olia und ihre Kinder sofort besuchen, versuchen sie zu trösten oder einfach nur für kurze Zeit abzulenken. Ich wollte sie umarmen und ihr einen Teil dieser Belastung abnehmen. Zum Glück ist Strasbourg so nah bei Basel, dass wir das Treffen schnell realisieren konnten und schon nach einigen Tagen saßen wir im Foyer des Hotels, in dem sie wohnten.

«Man hat uns zuerst in einem Zimmer mit mehreren Personen in einem Hostel untergebracht. Dann haben wir ein Zimmer in diesem Hotel bekommen. Viele Ukrainer kommen und gehen, aber wir warten immer noch, bis wir an der Reihe sind. Man sucht uns Wohnungen, in denen wir längere Zeit bleiben können. Ich hoffe, dass sie uns nicht zu weit weg von hier schicken werden.»

Sie wollen alle nach Hause, alle drei. Nur wird diese kurze Zeit mit jeder Woche länger, so dass sie sich langsam an die neuen Umstände gewöhnen müssen. Olia versucht, Sprachkurse zu besuchen, alle drei lernen rasch neue Wege in dieser alten schönen Stadt.

«Bis jetzt habe ich mir keine Zeit genommen, diese Stadt in Ruhe anzuschauen. Dank euch gehe ich hier zum ersten Mal einfach so spazieren. Unser Hotel ist ganz im Zentrum, aber ich habe keine Energie, um diese Schönheit zu geniessen.»

«Ich sage dir ehrlich, wir haben uns schon für immer verabschiedet.»

Eugenias Freundin Olia musste ihren Mann zurücklassen.

Olia freut sich unglaublich, uns zu sehen und ein wenig Normalität zu erleben: Einen guten Tee zusammen zu trinken, die alte Stadt zu beobachten und einfach reden, reden, reden…

«Danke, dass du mich das alles fragst! Bis zu diesem Moment konnte ich es gar nicht aussprechen. Alle Gefühle blieben in mir stecken. Ich fühle mich sehr schlecht. Vor allem, dass ich hier jemandem den Platz nehme, der wirklich in Lebensgefahr ist und aus der Ostukraine flieht. In Lwiw ist alles nicht so gefährlich. Ich musste aber wegen meinem Sohn die Ukraine verlassen. Ihm ging es emotional schlecht, er fühlte die ständige Unruhe in der Luft, der Fliegeralarm hörte nicht auf. Als wir hier angekommen sind, hat er sich drei Tage lang erbrochen. Und bei Feueralarm im Hotel bekam er wieder Panik. In Lwiw konnte ich niemandem helfen und als Freiwillige aktiv sein, weil er mich für keinen Schritt losgelassen hat. Erst jetzt geht es ihm langsam besser, ihn beruhigen die ukrainischen Fahnen überall. Wo immer er eine ukrainische Flagge sieht, fühlt er sich gleich sicher und geschützt, aber er vermisst den Vater sehr. Sie beide vermissen ihn. Und ich…»

Dafür musste Olia tief einatmen, um mit der Luft auch den Mut zu holen, um diese Worte auszusprechen.

«Ich sage dir ehrlich, wir haben uns schon für immer verabschiedet. Fast alle von seiner Kompanie wurden getötet. Bis jetzt war er in der zweiten Linie und jetzt in der ersten. Er ist nicht vorbereitet. 2014 nahm er nicht direkt an den Kämpfen teil, sondern er war hinter der Kriegsfront mit der Logistik beschäftigt. Er hat für solche Kämpfe an der Frontlinie im Donbas keine Kampferfahrung.»

Ich hörte zu und weinte leise. Ich kenne ihren Mann Oleh sehr gut. Er ist eine gutmütige und friedliebende Person. Ich habe die Kinder angeschaut, die so sehr hoffen, ihn bald wieder zu sehen. Und seine Frau, die trotz Abschied die kleine Hoffnung hegt, dass er es doch schafft, lebendig zurückzukehren. Wir schwiegen eine Weile. Die Passanten kamen uns fröhlich und unbekümmert entgegen.

Reden tut gut, aber manchmal helfen nur noch Umarmungen.

Reden tut gut, aber manchmal helfen nur noch Umarmungen. (Foto: zvg)

«Das war das Schwierigste, als wir hierher gekommen sind. Zu sehen, dass das Leben so friedlich weiterläuft, während in mir alles zerstört ist. Ich versuche, schon langsam zur Arbeit zurück zu kehren und die Menschen zu konsultieren. Sofia hat ihr Uni Studium online und Davyd hat auch seine Schule per Zoom. So habe ich ein bisschen Zeit, als Psychologin Hilfe zu leisten. Die Geschichten, die ich da höre, sind furchtbar. In allen von Russen okkupierten Orten gab es Vergewaltigungen. Ich arbeite mit den Frauen, die es erlebt haben. Das Einzige, was ich nicht schaffe ist, mit den Eltern zu arbeiten, vor deren Augen ihre Kinder vergewaltigt wurden. Da ist meine Kapazität zu Ende. Es ist so ein Schmerz, dem ich gar kein Heilmittel finden kann. Kein Psychologe in der Ukraine wurde dafür geschult. Die Menschen erleben solche Traumata, dass kaum jemand ihnen helfen kann.»

Wir haben noch so viel zu besprechen, die Zeit läuft aber viel zu schnell. Wir laden Olia und ihre Kinder zu uns nach Basel ein, den Zolli zu besuchen, Ostereier und Osterhasen im Garten zu suchen und ukrainische Ostern, die einige Tage nach den westlichen Ostertagen gefeiert werden, zusammen zu verbringen. Sie freuen sich riesig darauf und warten ungeduldig. Wir freuen uns genauso, ihnen ein bisschen Freude in den unruhigen Alltag zu bringen. Wir umarmen uns alle und dann noch einmal. Wenn es keine Worte gibt, um die Schmerzen zu heilen, sind die Umarmungen das beste Mittel.

Seitdem denke ich jeden Tag an Olia, ihren Mann und die Kinder. Sie tun mir so sehr leid, dass ich sofort Tränen in den Augen habe. Ich denke an Olia, die selbst gar nicht erkennt, wie mutig und stark sie ist. Sie ist die stärkste Frau, die ich in diesen letzten Monaten getroffen habe. Sie spricht keine Fremdsprache und war fast nie im Ausland. Sie weiss, wie sie von ihren Verwandten verurteilt wird, dass sie nicht in der Ukraine geblieben ist. Ihr Herz stockt jedes Mal, wenn ihr Mann keine Verbindung hat, wenn sie die Nachrichten vom Donbas bekommt. Und trotz allem findet sie Kraft, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Sie findet Kraft, die Schmerzen von stark traumatisierten Ukrainern zu lindern. Sie…

Sie ist meine Heldin. Und ich warte, bis ich sie wieder umarmen darf, um auch ihre Schmerzen zu lindern.

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