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Kiew → Basel

Auf die Roche-Türme fallen keine Bomben

Anna Goshko machte bei Roche in Kiew eine steile Karriere. Und dann kam der Krieg. Sie flieht, kämpft sich durch und landet dann in Basel – wieder bei Roche.

10/31/22, 02:54 AM

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Anna Goshko auf der Aussichtsplattform im 47. Stock des Roche Turms 2 in Basel

Basel im Blick, Kiew im Herz: Anna Goshko Anfang Oktober auf der Aufsichtsplattform im 47. Stock des Roche Turms 2. (Foto: David Rutschmann)

Von ihrem Büro im 11. Stock des Roche-Turms 2 kann Anna Goshko auf Basel blicken. Von hier aus beobachtet die Ukrainerin den globalen Pharma-Markt, sie ist bei Roche in der Marktforschung im Bereich Lungenkrebs-Immuntherapien. Doch heute kreisen Annas Gedanken nicht um ihren Job und die berauschende Aussicht aus der Lounge im 47. Stock. Sie denkt an Kiew, ihre Heimat. Just an diesem Morgen berichteten Medien vom schlimmsten russischen Raketenbeschuss der ukrainischen Hauptstadt seit Monaten. 

Sie muss an ihre Freund*innen in der Ukraine denken. «Manche dachten, sie könnten zurückkehren, weil es in Kiew jetzt sicher sei», sagt sie traurig. Für sie ist klar, dass es in naher Zukunft unwahrscheinlich ist, dass sie und ihr fünfzehnjähriger Sohn nach Kiew zurückkehren werden, wo sie sich erst kurz vor dem Krieg eine schöne Wohnung leisten konnte. Bald zehn Jahre hatte sie dort bei Roche gearbeitet, bis der Krieg sie zur Flucht in die Schweiz zwang. 

Das Büro von Roche Ukraine im Business Center Magnett in Kiew.

Das Büro von Roche Ukraine im Business Center Magnett in Kiew. (Foto: Screenshot Google Maps)

Wenn in einem Land Krieg ausbricht, stellt das grosse, international tätige Unternehmen vor existenzielle Fragen: Schliesst man den Standort im Kriegsgebiet? Initiiert man die Flucht der Mitarbeitenden? Oder bleibt man vor Ort präsent? Wie geht ein Unternehmen wie Roche, das 78 Mitarbeitende in der Ukraine beschäftigt, mit solchen schwierigen Fragen um? 

«Die Sicherheit unserer Mitarbeitenden und ihrer Familien hat oberste Priorität», schreibt Mediensprecher Karsten Kleine auf Anfrage. Entsprechend seien auch «Prozesse und Massnahmen zum Schutz und zur Unterstützung» eingerichtet worden, genaue Details will Kleine aus Sicherheitsgründen nicht nennen.

Doch als Pharmaunternehmen hat Roche eben nicht nur Verantwortung für Mitarbeitende, sondern auch für die Patient*innen, die auf lebensrettende Medikamente und Diagnostika angewiesen sind. Würden alle Mitarbeitenden fliehen, könnte Roche eben auch nicht die Patient*innenversorgung gewährleisten. Deshalb will Roche auch weiterhin in der Ukraine präsent sein.

Anna Goshko ist geflohen, arbeitete aber trotzdem zunächst remote für die Roche in Kiew weiter. Doch: «Die Zukunft deines Berufs ist in Kriegszeiten ungewiss und die kriegsbedingte Wirtschaftslage in der Ukraine machte mir Sorgen.» Also suchte sie nach Stellen in der Pharmabranche in der Schweiz und führte viele Bewerbungsgespräche – um dann doch wieder bei Roche zu landen, mit einem befristeten Vertrag in Basel.

Annas neuer Arbeitsplatz im höchsten Gebäude der Schweiz (links), dem Roche Turm 2.

Annas neuer Arbeitsplatz im höchsten Gebäude der Schweiz (links), dem Roche Turm 2. (Foto: Unsplash/Walter Brunner)

Die Geschichte von Anna Goshko ist eng verzahnt mit der Geschichte der modernen Ukraine. «Die Situation in meiner Heimat hat sich in meinem Leben vier mal dramatisch geändert und ich bin gerade mal 36 Jahre alt», sagt sie. In Kiew, wo sie noch zu Sowjet-Zeiten aufwuchs, war sie oft nah dran an den politischen Entwicklungen im Land.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass sie in eine politische Familie geboren wurde. Ihr Vater war Politiker in der Partei der Regionen und Bürgermeister in Wyschnewe, einem Vorort von Kiew. Entsprechend sah er es nicht gerne, als seine Tochter 2004 die Orange Revolution unterstützte, welche die Politik der Regierungspartei kritisierte. «Die Proteste auf dem Maidan brachten eine so positive Energie und als Studentin hatte ich eine klare Vorstellung davon, was richtig und was falsch ist», erinnert sie sich. 

Sie studierte Medizin, arbeitete danach zunächst auch im Krankenhaus in Kiew. «Aber als Ärztin verdient man in der Ukraine verhältnismässig schlecht.» Für eine alleinerziehende, geschiedene Mutter reichte das nicht. Also wechselte sie die Branche und begann als Vertreterin bei Pfizer ihre Karriere im Pharma-Marketing. «Die Arbeit, die ich dort machen durfte, hat mir schnell Spass gemacht und ich merkte, dass ich gut darin bin», sagt sie.

Ende 2013 wechselte sie zur Roche, deren damaliges Büro in Kiew nur 400 Meter vom Maidan entfernt lag. Zur gleichen Zeit begann die pro-europäische «Revolution der Würde». Die damalige Regierung ging brutal gegen die Demonstrierenden vor, mehr als hundert wurden getötet – Anna beteiligte sich feierabends freiwillig an der medizinischen Notversorgung. «Das war schockierend, weil ich zehn Jahre zuvor selbst auf diesem Platz für dieselben Werte demonstriert hatte und es damals noch friedlich war», erzählt sie.

Im Frühjahr 2014 annektierte Russland völkerrechtswidrig die Krim, was Anna sehr schmerzte. Sie schwärmt von der bildschönen Landschaft auf der Halbinsel; sie liebte es, in den Bergen zu wandern und im Schwarzen Meer zu schwimmen. «Ich war seit der Annexion nur noch einmal dort und musste 12 Stunden an der Grenze warten, es war alles sehr ungastlich.»

Auch die Ostukraine wurde im Frühjahr 2014 Kriegsschauplatz zwischen von Russland unterstützten Seperatist*innen und der ukrainischen Armee.  «Wegen einer Konferenz war ich kurz zuvor in Donezk gewesen, eine schöne, moderne Stadt. Ich sah Panzer in der Nähe des Rathauses, aber dachte mir nichts weiter dabei, weil es damals ja überall in der Ukraine gewaltsame Proteste gab», erzählt sie. Am Geburtstag ihres Sohnes flog sie aus der Stadt. Wenige Wochen später wurde der frisch eröffnete Flughafen zum Schlachtfeld.

Der Krieg beschränkte sich zwar auf die Ostukraine, aber auch in Kiew merkte man die Auswirkungen der Kämpfe im Osten: Die Wechselkurse kletterten in wenigen Monaten auf den dreifachen Wert und damit verteuerte sich alles. «Wir begannen zu verstehen, dass der Krieg nicht in Kiew sein muss, um unser Leben zu beeinflussen», erzählt Anna.

Zwei Jahre lang schaute sie jeden Morgen als allererstes die Nachrichten. «Sie begannen immer mit den neuesten Todeszahlen aus dem Osten», sagt sie. Irgendwann wurde der Krieg damit zu einem permanenten Hintergrundrauschen. Anna konzentrierte sich trotzdem auf ihre Karriere: Bei Roche verantwortete sie mittlerweile die Vermarktung der Lungenkrebs-Pharmazeutika in der Ukraine.

Ihre Arbeit führte sie in der ganzen Welt herum, zum Beispiel besuchte sie für das Wohlfahrtsprogramm Roche Children Walk tigrayische Dörfer in Äthiopien. In der Schweiz war sie mehrfach, auch im ersten Roche-Turm in Basel, auf den man von der Lounge aus hinabsehen kann. Anna spielte auch mit dem Gedanken, für einige Jahre im Ausland zu arbeiten und den internationalen Markt kennenzulernen. Der Plan klappte nicht und so hielt es Anna in Kiew. «Ich habe meine Arbeit wirklich gerne gemacht. Es war ein so innovatives Umfeld, es hat sich angefühlt, als würde ich an Raumschiffen arbeiten», erzählt sie.

Anna Goshko beim Skifahren in den Karpaten, vier Tage vor Kriegsbeginn.

Dieses Foto entstand vier Tage, bevor der Krieg losging: Anna Goshko beim Skifahren in den Karpaten. (Foto: zvg)

Wenige Monate vor Beginn des russischen Angriffskriegs auf die gesamte Ukraine wurde Anna zur Roche-Beauftragten für Verhandlungen mit dem ukrainischen Gesundheitsministerium. Eine grosse Verantwortung: Es sollte um die Zukunft des Gesundheitssystems gehen, um Privatfinanzierungen und die Einführung der obligatorischen Krankenversicherung.

Und dann waren am 24. Februar 2022 die ersten Explosionen in Kiew zu hören. «Es war ein Tag wie jeder andere, so wie heute», sagt Anna und lässt ihren Blick über die Schwarzwaldhügel streifen. Mit dem Unterschied, dass damals die Fenster wegen der Explosionen vibrierten. «Als mir klar wurde, dass der Krieg begonnen hat, habe ich mich hingelegt, zugedeckt und einen ganzen Tag geschlafen.»

Tags darauf entschloss sie sich, mit ihrem Sohn zu einer Freundin nach Italien zu fliehen. Anstatt sofort loszufahren, räumte sie noch die Wohnung auf, als würde sie nur in den Urlaub fahren. «Irgendwie dachte ich, dass wir nur ein paar Tage weg sein würden.» Mit einem Handgepäckkoffer voller Dokumente und den nötigsten Kleidern, zwei Schlafsäcken, fünf Litern Wasser und zwei Kanistern Diesel machten sie sich auf den Weg.

Zwölf Stunden quälten sie sich durch den Stau, Panzer und Kampfjets kamen ihnen entgegen. Kein Essen, kein Trinken, keine Toilettenpause. Nach einem Zwischenstopp für eine Übernachtung bei Verwandten, machten sie sich auf den Weg zur Grenze. Zwei Tage brauche man wegen des grossen Andrangs für die Überquerung, hiess es. «Dass wir nur eine halbe Stunde gebraucht haben, glaubt mir bis heute niemand», erzählt sie und lacht.

In der Lounge im 47. Stock des Roche-Turms verlagern die Expats so langsam das schnelle Mittags-Meeting wieder in die Büros, auch Anna muss kurz auf einem ihrer beiden Handys die Zeit checken, die bis zum nächsten Meeting noch bleibt. Sie erzählt von der Ankunft in Varese, 15 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Italien schien eine gute Adresse zu sein, denn Anna spricht gut Italienisch. 

«Doch so etwas wie den Status S gab es damals in Italien nicht. Wir hätten in eine Geflüchtetenunterkunft ziehen müssen und ich hätte nicht arbeiten dürfen», sagt sie. Also recherchierte sie, wie es denn in der nahen Schweiz so aussehe. Sie erfuhr von dem Schutzstatus S und fand einen Swissinfo-Artikel. Weil sie wissen will, wo man hinreisen muss, um den Status zu beantragen, kontaktierte sie die Autorin des Artikels.

Einen halben Tag später erhielt sie die Rückmeldung: Helen, eine Arbeitskollegin der Autorin, sei bereit, Anna und ihren Sohn bei sich und ihrem Mann Adrian in Bern unterzubringen. «Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte», sagt Anna. Sie reisten schnell ab und nach einer kurzen Begegnung mit der Verkehrspolizei in Bern – das Navi hatte längst kein Internet mehr und in ihrer Überforderung im fremden Stadtverkehr hatte Anna eine weisse Linie übertreten – kamen sie am 5. März in der Schweiz an.

Das Gastgeber*innen-Paar kümmerte sich gut um die von der Flucht erschöpfte Anna und ihren Sohn. «Für meinen Sohn war es schwierig, er wollte immer dort bleiben, wo wir gerade ankamen. Er war absolut dagegen, dass wir dann noch weiter in die Schweiz reisen», erzählt sie. 

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Myfive ist die Integrations-App von Bajour, Gärngschee und der Robert-Corti-Stiftung, sie vernetzt Geflüchtete mit Freiwilligen aus Basel. Die App geht von der geflüchteten Person aus. Sie stellt sich ein Netzwerk aus mindestens fünf Personen aus der Umgebung zusammen, die gleiche Interessen teilen, Freizeit miteinander verbringen oder Unterstützung und Hilfeleistungen anbieten. Erst wenn fünf Personen matchen, geht das Netzwerk auf.

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Die Gastgeber*innen halfen ihm dabei, dass er innert kürzester Zeit zur Schule und zum Basketball-Training gehen konnte. «Ich bin so dankbar für Helen und Adrian, die uns in dieser schwierigen Zeit wie eine Familie behandeln und sich um uns kümmern. Sie sind unsere Engel», sagt Anna. 

Als sie im Sommer dann auch noch die Zusage für einen Ein-Jahres-Vertrag beim Hauptsitz von Roche in Basel erhielt, sei sie «im siebten Himmel» gewesen. Denn nicht nur kann sie sich in dem neuen, grossen Team mit globaler Verantwortung beruflich weiterentwickeln – sie kann nun auch eine eigene Wohnung der Schweiz finanzieren. 

«Nach Basel hätten wir nicht ziehen können, das hätte mein Sohn mir nicht verziehen, nachdem er sich gerade in Bern eingelebt hatte», sagt Anna. Deshalb zogen sie in eine Wohnung in Bern, wo sie bis Juni 2023 befristet wohnen können. Sie mag die Stadt: «Es ist ruhiger als in Kiew, so kann ich für den Moment ein bisschen durchatmen.»

Die befristeten Verträge für Job und Wohnung und auch die Ungewissheit über die Zukunft des Schutzstatus S zeigen: Es ist nur eine kurze Verschnaufpause für Anna – wie es auf längere Sicht weitergeht, ist unklar. «Ich muss einfach einen wirklich guten Job machen, damit mein Vertrag verlängert wird», ist ihr Mantra. Und wie um dem Nachdruck zu verleihen, muss sie dann auch gleich zum nächsten Meeting. Sie sagt noch, restliche Fragen könnte man ja telefonisch besprechen, ab 18 Uhr habe sie Zeit, bevor sie in einem der Aufzüge zurück in den 11. Stock verschwindet.

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