Kopiert!

Community-Diskussion

«Spitzensport ist per se krank»

«Heben Sie klassisches Ballett vom Sockel der Hochkultur. Besuchen Sie keine Vorstellungen mehr», schrieb Autorin Naomi Gregoris in ihrem Kommentar. Einige Bajour-Leser*innen machte das hässig.

10/26/22, 02:46 AM

Kopiert!
Bei der Diskussion gehen die Meinungen auseinander.

Bei der Diskussion gehen die Meinungen auseinander.

Mutter Ulrike Hörler hatte gar keine Freude am Kommentar von Autorin Naomi Greogoris. Nach den Missbrauchsvorwürfen an der Ballettschule Theater Basel (BTB) kommentierte Naomi in Richtung des Publikums: «Besuchen Sie keine Vorstellungen mehr.»

Hörler passt das nicht. Sie ist Mutter einer Schülerin der Junior School der BTB (Sportklasse) – das ist das Angebot für Kinder und nicht die Ausbildung, die aktuell in der Kritik steht. Hörler ist zudem selbst Sportlehrerin/Sportwissenschaftlerin. Sie hat eine ausführliche Stellungnahme geschrieben (siehe Box).

Eine andere Leserin ist besorgt. Sie fragt: «Wer schützt Kinder und Jugendliche im Eiskunstlauf? Gibt es eine Kontrolle in den Vereinen? Im Breitensport? Bei Privatunterricht? Im Leistungssport?»

Wir haben deshalb unsere Briefing-Leser*innen gefragt: Ist es Zeit, dass man Spitzensport – wie das Ballett – abschafft? 680 Leser*innen haben geantwortet, und zwar so:

Basel-Briefing-Leser Mathis möchte nicht vorverurteilen und die Untersuchungen abwarten. Für ihn steht aber fest: «Wer im Sport mit Olympia liebäugelt, muss die Grenzen des Erträglichen ausloten, das macht weder Spass noch Freude. Da wird gelitten.» Dasselbe gelte natürlich auch im Ballett oder in der Musik. «Ja, 10 Stunden üben ist nicht nur lustig, der Körper wird auch da maltraitiert, Schmerzen sind die Folgen, doch wer einen Premier Prix in Toronto, Paris, Genf oder Wien anstrebt, muss da durch, es ist kein Ponyhof.» Tennisspieler*innen wie Hinggis und Federer, die «von reiner Freude am Training» berichten würden, seien Ausnahmen.

Die Zuschauer*innen bestimmen mit

Viele Leser*innen sehen Ballett und Spitzensport allerdings kritisch. Zum Beispiel Basel-Briefing-Leser Jörg, der deutliche Worte findet: «Spitzensport ist per se krank und unmenschlich», schreibt er uns per Mail. «Diese Leistungserbringung ist nur mit Verlusten möglich. Für Ruhm und Ehre wird ein hoher Preis bezahlt.» Userin _sweetblackangel auf Instagram findet es unverantwortlich, ein Kind ins Ballet zu schicken.

Ebenfalls deutlich ist Christian Mueller vom Freistaat unteres Kleinbasel. Er schreibt uns auf Facebook und wir drucken seine Antwort ab, obwohl er sie etwas freundlicher hätte formulieren können: «Ballett war und ist schon vorher doof. Weil die Form wichtiger ist, als der Inhalt... Oper genau gleicher konservativer Mist.» Eine konstruktive Diskussion löst er damit zwar nicht aus, aber einige User*innen sind nicht einverstanden:

(Foto: Screenshot Facebook)

Für Leser Julian gehen Spitzensport und Leid Hand in Hand. «So lange es Spitzensport geben wird, wird es auch ein Leid der Sportler*innen geben», schreibt er uns per Mail. Allerdings gibt er zu bedenken: «Die Zuschauer*innen wollen regelmässig die «Besten» sehen. Und um der/die Beste zu sein/werden, wird es immer Menschen geben, die bereit sind, ein gewisses Mass an Schmerz und Leid hinzunehmen.» 

Julian fragt sich auch, wie gesund Spitzensport überhaupt sein könne. «Gerade im Kindesalter kann hier auch kaum von Freiwilligkeit der Sportler*innen gesprochen werden.» Er sei aber skeptisch, ob «mehr Regulierung» – zum Beispiel mehr Aufsicht – wirklich zu einer Verbesserung führen oder sich das Problem nicht einfach verlagern würde.

Auch Leserin Yvonne nimmt die Zuschauer*innen in die Verantwortung: «Die Zuschauer müssten halt auch bereit sein, ganz normale Körper zu sehen und nicht nur abgemagerte Leichtgewichte...das würde das Ballett auf ein menschliches Niveau bringen und lebensnaher sein», findet sie.

«Ein Traum, für den man alles gibt»

Hört man sich bei Politiker*innen im Grossen Rat um, erklingen nüchternere Töne. So sagt zum Beispiel LDP-Grossrätin Catherine Alioth: «Ballett ist ein Leistungssport, eine der härtesten Ausbildungen, wo der psychische und physische Druck hoch sind. Auch in der Oper ist es nicht anders: Es ist ein Traum, für den man alles gibt.» Bei allem Druck gelte es aber, die «roten Linien» nicht zu überschreiten. Und auch SVP-Grossrätin Jenny Schweizer sagt: «Spitzensportarten laugen den Körper aus, das ist unbestritten. Diejenigen, die sich dafür entscheiden, wissen, was sie ihrem Körper antun werden, dennoch sollten sie keine psychischen und physischen Grausamkeiten erfahren müssen.»

Jenny Schweizer, SVP

Jenny Schweizer, SVP

«Diejenigen, die sich dafür entscheiden, wissen, was sie ihrem Körper antun werden, dennoch sollten sie keine psychischen und physischen Grausamkeiten erfahren müssen.»

Sacha Mazzotti sitzt für die SP im Grossen Rat und ist selbst Theaterschaffende. Sie sagt, sie sei «immer wieder überrascht». Der Leistungssport sorge seit Jahren laufend für Negativschlagzeilen, «obwohl die Message doch längst bei allen Beteiligten und den verantwortlichen Gremien angekommen sein muss: so nicht! Aber offenbar kommt sie nicht an.» Die Politikerin ist indes überzeugt, dass die Ausbildung so ausgestaltet werden kann, «dass einerseits Exzellenz gefördert wird, andererseits der Schutz des Körpers und der Psyche gewährleistet sind.»

Sacha Mazzotti, SP

Sacha Mazzotti, SP

«Die Message muss doch längst bei allen Beteiligten und den verantwortlichen Gremien angekommen sein: so nicht! Aber offenbar kommt sie nicht an.»

«Ist es nicht sowieso schräg, dass uns Sport einerseits als «gesund» verkauft wird, und gleichzeitig so viel Wert auf Leistung und Wettbewerb gelegt wird?», fragt Leserin Astrid auf Facebook. «Ich habe dutzende Sportarten ausprobiert als Kind, und jedes Mal aufgehört, weil ich auf Turniere oder Wettbewerb überhaupt keine Lust hatte. Der Schulsport hat sein Übriges getan.» Erst viel später habe sie die Freude an der Bewegung wiederentdeckt, ohne Ziel, ohne Druck.

Wir hören dir zu.

Jetzt Bajour-Member werden und unabhängigen Journalismus unterstützen.

Wird geladen