«Schau mich an!»

Die Tanzcompany FLUX crew beschäftigt sich in ihrem Stück «Eat Me Now!» mit der Objektifizierung von lesbischer Sexualität und sucht nach neuen Blicken. Ein Probenbesuch.

Eat me now
Das Stück «Eat Me Now!» thematisiert die Objektivierung von lesbischer Sexualität und die Sexualisierung des weiblich gelesenen Körpers. (Bild: Theodor Diedenhofen)

Die sanfte Musik hört auf, der basslastige Beat von Justin Timberlakes «SexyBack» setzt ein. Die Tänzer*innen ziehen die weiten T-Shirts aus. Darunter: Latex und Spitze. Die FLUX crew schleift gerade an den Übergänge im Stück «Eat Me Now!», das am 7. April im Roxy Birsfelden Premiere feiert. Es geht darin um die Entwicklung eines «lesbian gaze» als Kontrast zum «male gaze», der weibliche und queere Körper objektifiziert. Wie dieser lesbische Blick funktioniert? Ganz unterschiedlich. 

Der Song geht weiter. Niara Sakho lipsynct wie ein selbstgefälliger Dude, flankiert von den tanzenden Ariana Qizmolli und Chris Cripping. Im Vordergrund hat Pia Ringel ein Solo: streicht sich über das Gesicht und das Latexshirt, schmilzt zu Boden. Zwei Finger sind ausgestreckt, eine Anspielung auf lesbischen Sex. Arlette Dellers sitzt derweil im Wasserbecken und isst Früchte. Sie ist die Choreografin und tanzt auch mit.

Die Idee für das Stück entstand aus Dellers Erfahrungen als Tänzerin: «Ich muss meinen Körper verkaufen. Und weil ich eine Frau bin, muss ich meinen Körper sexy verkaufen», erklärt sie. Diese Erwartung sei geprägt von einem männlichen, heterosexuellen Blick – dem «male gaze» eben, der gleichzeitig weiblichen Körpern das eigene Begehren abspricht. Dellers hatte stets Mühe damit, diesen Vorstellungen zu entsprechen. Gleichzeitig begann sie sich analytisch für das Thema zu interessieren: Was ist sexy? Wie funktioniert diese Körpersprache? Wieso wird sie von den einen erwartet und von den anderen nicht? 

Über Jahre beschäftigt sich Dellers damit, sie recherchiert und kreiert mehrere Kurzstücke. Jetzt hat sie in Koproduktion mit dem Roxy und der Gessnerallee Zürich ein abendfüllendes Programm geschaffen. Dellers war schnell klar: «Ich kann nicht ein Stück über die lesbische Sexualität machen und nur von mir reden.» Die fünf Tänzer*innen kommen aus verschiedenen Tanzstilen wie zeitgenössischem Tanz, Breaking, Dancehall, Afro und Hip Hop und bringen unterschiedliche persönliche Erfahrungen mit.

Die Sexualisierung von ihrem Körper erfahren sie alle anders – da spielt auch Strukturelles wie Rassismus oder Ableismus hinein. Diese unterschiedlichen Hintergründe einzubinden, war für Dellers wichtig, auch wenn sie als Choreografin am meisten Entscheidungen trifft.

Eat me now
Chris Cripping will mit Stereotypen von Menschen mit Behinderung brechen. (Bild: Theodor Diedenhofen)

«Was ich erlebe, steht im Kontrast zu anderen FINTA-Personen», sagt beispielsweise Chris Cripping und führt aus: «Als Mensch mit einer Behinderung werde ich eher asexualisiert. Die Leute fokussieren sich mehr auf meine Hilfsmittel als auf mich als Menschen.» Schon als Teenie war Cripping Model für eine Plakatkampagne, die mit Stereotypen von Menschen mit Behinderung brach. Cripping war Schwimmer*in und dementsprechend gewohnt, die Behinderung nicht zu verstecken. Heute ist Cripping Jurist*in und Drag-Performer*in. 

«Es hat mich immer schon interessiert, was mit den Leuten passiert, wenn ich so dastehe.» Mit so meint Chris selbstbewusst, sexy, leicht bekleidet. Viele Leute denken, sie dürften Cripping nicht anschauen und müssten es auch ihren Kindern verbieten. Bei der Frage nach dem Blick geht es Cripping deswegen darum zu sagen: «Schau mich an. Schau mein Füsschen an, das ist nice und ich muss es nicht verstecken.»

FINTA, TINFA, FLINTA?

FINTA ist eine Abkürzung für Frauen, inter, nonbinäre, trans und agender Personen und damit ein Sammelbegriff für alle Personen, die von einer cis-männlichen Norm abweichen. Der Begriff wird auch immer wieder kritisiert, weil damit eine grosse Spannweite von Erfahrungen zusammengefasst wird und der Begriff oft fälschlicherweise als Synonym zu «weiblich gelesen» verwendet wird.

Ebenfalls gebräuchlich ist die Abkürzung in anderer Reihenfolge «TINFA» oder «FLINTA», wobei das L für Lesben steht. Damit wird deren spezifische Betroffenheit von patriarchaler Gewalt und besondere Errungenschaften in der feministischen Bewegung Rechnung getragen.

So sind die Erfahrungen der Tänzer*innen unterschiedlich und verbindend zugleich. «Das Stück hat die Ästhetik eines Kompromisses», sagt Dellers, und: «Ich finde das etwas Positives, weil meine politische Vision ist, dass wir verschiedene Perspektiven nicht ausblenden, sondern aushandeln.» 

Dementsprechend gibt es auch keine lineare Entwicklung, sondern viele Versuche, viele Ansätze, viele Angebote für einen «lesbian gaze». Die Szenen sind soft, sexy, sinnlich, saftig, sie sind tough, getaktet, toxisch und turbulent. Stereotype werden bedient und gebrochen, zum Beispiel mit den Früchten – einem geradezu klischierten Symbol der weiblichen Sexualität.

Dellers isst die Früchte jedoch eher teilnahmslos, während sie den anderen Tanzenden zuschaut, die gerade in einem Rap-Musikvideo zu sein scheinen. Das Bild der verführerisch essenden Frauen aus Werbungen wird damit gleichzeitig evoziert und zerstört. Die Tänzer*innen zeigen eine ganze Spannweite davon, wie selbstbestimmte, lesbische Sexualität aussehen kann. Sie fliessen ineinander hinein, sie ziehen sich an, stossen sich ab, Latex knirscht und Spitzenstrümpfe reissen.

Eat me now
Die Tänzer*innen spielen mit Klischees und brechen sie. (Bild: Theodor Diedenhofen)

Lesbisch sein, so Dellers, ist nicht nur eine sexuelle Vorliebe, sondern kann auch eine politische Entscheidung sein. «Es gibt viele Leute, die sich zu verschiedenen Geschlechtern hingezogen fühlen.» Das Patriarchat baue aber darauf auf, dass sich Frauen und weiblich sozialisierte Menschen um Männer kümmern. «Deshalb ist es radikal, wenn ich als weiblich sozialisierte Person alle Liebe, Energie und Fürsorge, die ich habe, einer anderen FINTA-Person gebe.» 

Das Lied bricht ab. Sakho, vorher am lipsyncen, ändert die Bewegungsqualität, streicht sich über die offenen Lippen, schaut ins Publikum, zeichnet eine weiche Silhouette und fliesst in ein Solo über, verführerisch, schnell und wirbelnd, dann gleich wieder langsam. Der tanzende Körper von Sakho scheint zu sagen: «Ich schau dich an und ich entscheide, wann und wie du mich anschaust.» Ein Publikum und eine Tanzgruppe haben immer ein Verhältnis von anschauen und angeschaut werden. Hier wird der Blick selbst zum Thema, bewundernd, voyeuristisch, objektifizierend. Denn auch das ist nicht unbedingt schlecht, sagt Dellers: «Von manchen Leuten will ich angeschaut werden, ich will, dass sie mich hot finden und auf eine Art objektifizieren. Weil ich weiss, dass sie mich respektieren. Aber von den meisten Menschen möchte ich das nicht.»

__________

Das Stück «Eat Me Now!» ist im Theater Roxy Birsfelden ab dem 7. April zu sehen. Weitere Daten: 9., 10., 12. und 13. April. Tickets und Infos zu Publikumsgesprächen findest du hier.

Das könnte dich auch interessieren

Catherine Miville-1 (5)

Cathérine Miville am 01. April 2025

Tag und Nacht

Bajour-Kolumnistin Cathérine Miville hat Mühe. Eben erst war noch Morgestraich, Piccoloklänge überall und plötzlich pfeifen die Vögel den Frühling ein und die Uhren werden vorgestellt. Wer kann da den Rhythmus behalten?

Weiterlesen
Philipp Bollinger ESC

Michelle Isler am 28. März 2025

Ist das der grösste ESC-Fan der Region Basel?

Philipp Bollinger hat seit seiner Kindheit keinen Eurovision Song Contest verpasst. Dieses Jahr fällt seine ESC-Party zum ersten Mal seit Jahrzehnten aus – und Bollinger freut sich ungemein. Ein Besuch zuhause in seinem «Kompetenzzentrum».

Weiterlesen
Kaserne Basel

Helena Krauser am 25. März 2025

Fast zwei Drittel ohne Produktionsleitung

Eine aktuelle Umfrage von t. Basel zeigt, dass viele darstellende Künstler*innen keine personelle Unterstützung für Fundraising, Buchhaltung und Tourneeplanung finden. Das bedeutet eine wachsende Belastung für die künstlerische Leitung.

Weiterlesen

Kommentare