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Der Krieg & ich

Wo sind wir?

Der Krieg in der Ukraine hat auch das Leben der ukrainischen Autorin Eugenia Senik von Grund auf verändert. Sie trauert und hadert und will ihre neue Realität nicht akzeptieren.

04/01/22, 10:44 AM

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(Foto: Alena Antonova)

Vor einigen Tagen habe ich realisiert, wie es mich hinunter zieht. Einerseits waren meine Schwester und Nichte bei mir in Sicherheit und ich konnte sogar ein bisschen länger und ruhiger schlafen. Andererseits ist der Krieg immer noch nicht zu Ende und ich sehnte mich unheimlich nach meinem vorherigen Leben.

Ich wollte untröstlich zu meinem Alltag zurück, den ich noch vor zwei Wochen hatte. Ich wollte zur Normalität, die ich so sehr vermisste und die blitzschnell zerstört wurde.

Ich bin wütend, dass ein kaltblütiger Mensch entscheiden darf, die Welt so auf den Kopf zu stellen. Tausenden Menschen das Leben zu nehmen, als ob er sein russisches Roulette spielen würde. Und denen, die geschafft haben, ihr Leben zu retten, wurde das Zuhause weggenommen, die freie Wahl zu entscheiden, wo sie sein und was sie machen wollen.

Auch mich hat das Echo des Krieges erreicht und mein Leben auf Anhieb verändert, obwohl ich weit weg von der Ukraine lebe. Auch aus solcher Distanz kann ich den Krieg mitfühlen und mitleiden.

Ich wollte endlich aufwachen und herausfinden, dass alles nur ein Alptraum war. Ich sass aber wach im Bett und träumte nicht mehr. Es war meine neue Realität, die ich nicht akzeptieren wollte. Ich rutschte in eine Depression. Und ich wusste nur, dass es jetzt gefährlich werden kann. Ich musste all meine Kräfte zusammennehmen, um aus dieser Depression herauszukommen. Auf meinen Händen und Füssen musste ich in die nächste Trauer-Phase kriechen.

Akzeptanz.

«Ich muss wieder lernen, im starken Sturm zu schwimmen. So viele Male habe ich es schon gemacht und jedes Mal musste ich alle Stufen und Phasen neu durchmachen. »

Eugenia Senik

Ich will es nicht, aber es ist meine neue Realität und ich muss lernen, damit zurecht zu kommen. Ich muss wieder lernen, im starken Sturm zu schwimmen. So viele Male habe ich es schon gemacht und jedes Mal musste ich alle Stufen und Phasen neu durchmachen.

Das Wichtigste, was ich im Jahr 2014 gelernt habe, als meine Heimatstadt Luhansk bombardiert wurde, war, nicht nach Gerechtigkeit zu suchen und eine Frage sofort aus meinem Kopf zu radieren: «Warum ist es mir passiert?» Diese Frage macht keinen Sinn, bringt nur Erschöpfung, raubt einem die letzten und so notwendigen Kräfte. Ich empfehle vehement, diese Frage zu vermeiden.

«Wie kann man so was den Menschen antun?», «Wie kann eine Person, die Zivilisten tötet und ihre Städte zerstört, damit umgehen?», schreibt mir eine Freundin aus Kharkiv, die es geschafft hat, aus der Stadt zu fliehen und einen sicheren Ort zu finden. Sie schaut Nachrichten, ohne Pause, und beobachtet weiter, wie ihre Stadt in Schutt und Asche gelegt wird. «Wie kann man in Wohnhäuser, Spitäler, Kindergärten, Schulen und Entbindungsheime Bomben werfen? Ich verstehe es nicht!»

Sie wird es nie verstehen, so wie ich. Aber sie muss diese Phase leider auch durchmachen.

Mit solchen Fragen habe ich mir 2014 den Kopf am meisten kaputt gemacht. Ich kannte Jungs aus den Nachbarhäusern, mit denen ich aufgewachsen bin, die Krieg spielen wollten und die Waffen der Russen aufgenommen haben, um dann ihre Republik zu gründen. Sie wurden nicht trainiert, genauso wenig wie die jungen russischen Soldaten, die jetzt in die Ukraine in den Tod geschickt werden. Sie wurden alle schnell getötet. Und ich fragte mich fassungslos – warum? Was bringt einen Menschen dazu, den anderen zu töten? Wie konnten sie nur ihre Mitmenschen töten wollen? Überhaupt einen Menschen töten zu wollen!?

Und hier geht es mir um alle Kriege und alle Menschen auf der Erde. Jedes Mal, wenn ein Krieg in der Welt ausbricht, explodiert mein Kopf, beim Versuch ihn zu verstehen. Der Krieg ist doch das Allerdümmste, was der Mensch nur tun kann.

Dabei unterscheide ich stark zwischen jenen, die angreifen, annektieren, kommen, um zu töten, erobern und plündern, und jenen, die ihr Leben, ihr Zuhause, ihre Mitmenschen und das Land beschützen. In diesem Krieg ist meine Position eindeutig.

«Der Krieg ist doch das Allerdümmste, was der Mensch nur tun kann.»

Eugenia Senik

Ich krieche immer noch bis zur Akzeptanz. Auf dem Papier, in der Theorie von Elisabeth Kübler-Ross, beträgt die Distanz von Depression zu Akzeptanz nur ein paar Zentimeter, aber in der Realität sind das mehrere Lichtjahre. Vor allem in so einer Realität. Vielleicht, weil ich den Krieg gar nicht akzeptieren will. Und ich möchte, dass alle anderen Menschen auf dem Planeten ihn nicht akzeptieren wollen. Dass wir alle ein Mittel finden, die Kriege vor ihrem Ausbruch zu stoppen und alle Diktatoren sofort von allen friedliebenden Menschen isolieren.

Ja, ich habe auch gemerkt, dass solche Gedanken mich weiter weg von der Akzeptanz stossen. Aber im Moment kann ich nicht anders denken. Leider.

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