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Aus meiner Sicht

«Wir waren schon vor Corona erschöpft und überlastet»

Nach dem Applaus für die Pflegenden während des Shutdowns hat sich in den Spitälern, Heimen und ähnlichen Einrichtungen nichts verändert. Bessere Arbeitsbedingungen oder mehr Geld? Fehlanzeige. Eine Pflegefachfrau schildert, wieso es sowohl einen Bonus als auch die Pflege-Initiative braucht.

10/20/21, 03:00 AM

Aktualisiert 10/21/21, 02:15 PM

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Die Corona-Pandemie belastet nicht nur die Pflegekräfte auf der Intensivstation, sondern das gesamte Gesundheitspersonal.

Die Corona-Pandemie belastet nicht nur die Pflegekräfte auf der Intensivstation, sondern das gesamte Gesundheitspersonal. (Foto: Matthew Waring via Unsplash)

Angela* ist eine Pflegefachfrau aus der Region Basel und engagiert sich bei der Gewerkschaft VPOD. Sie setzt sich für die eidgenössische Pflege-Initiative sowie für einen kantonalen Pflegebonus für die Gesundheitsbranche ein.

Seit gut 15 Jahren arbeite ich als Pflegefachfrau. Der Beruf ist sehr vielseitig und spannend. Es gibt immer wieder neue Situationen und der Aufgabenbereich ist abwechslungsreich. Mir ist die korrekte Berufsbezeichnung wichtig, weil diese unterschiedliche Tätigkeitsfelder beinhalten. Wir sind Pflegefachleute, ich persönlich bin diplomierte Expertin Intensivpflege und arbeite seit zweieinhalb Jahren auf einer IMC-Station. Das ist umgangssprachlich eine Überwachungsstation, IMC steht für Intermediate Care Unit und ist für die Patienten, die zu instabil oder zu komplex für die Normalstation sind, aber nicht auf der Intensivstation sein müssen. Die Bettenplätze der IMC sind sehr gefragt, darum verlegen wir pro Tag bis zur Hälfte unserer Patienten auf die Normalstationen weiter. Dadurch herrscht ein hohes Arbeitstempo und die bleibenden Patienten sind oft behandlungs- und betreuungsintensiv. 

Im Alltag übernehmen wir in Absprache Patienten von der Intensivstation und sind dadurch ebenfalls sehr herausgefordert. Die Corona-Pandemie hat die Situation noch verschärft, da es auch zu unseren Aufgaben gehört, die Intensivstation zu entlasten. Es gab eine kurze Phase der Entspannung, aber die Intensivstationen (und dadurch alle anderen) sind auch heute noch stark belastet. In der Gesellschaft bekommen vor allem die Intensivpflegenden Anerkennung. Dabei ist die Pandemie medizinisch und pflegerisch nur als Gesamtleistung aller im Gesundheitswesen beteiligten Institutionen zu bewältigen und nicht von einer Einzeldisziplin. Seit Corona leisten alle einen unglaublichen Zusatzeinsatz. Wir sind allerdings nicht gesund in diese neue Herausforderung gestartet, sondern waren schon vorher erschöpft und überlastet. Und trotzdem war das Personal motiviert, alles für die Patienten zu geben. Umso enttäuschter sind wir jetzt von der Politik.

Die grösste Herausforderung in unserem Job ist es, einerseits dem gerecht zu werden, was wir selbst als Leistung erbringen möchten, und andererseits zu akzeptieren, was aufgrund der Resssourcenknappheit möglich ist. Und auch die Patienten fordern einen gewissen Standard, schliesslich zahlen sie hohe Krankenkassen-Prämien.  

Unser Arbeitgeber sagt zwar, dass er uns wertschätzt, aber die bisherigen Gesten waren nicht angemessen. Spürbare Verbesserungen müssten jetzt initiiert werden, damit die Worte glaubhaft werden. Eine Kollegin von mir arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Pflegefachkraft und sie sagt, es bestünden noch immer die gleichen Probleme wie früher. Seit damals sei nichts passiert. Das Klatschen der Bevölkerung während der Pandemie war sehr wohlwollend. Aber die Politik hat verpasst, darauf zu reagieren. Ich habe das Gefühl, es sitzen zu oft Menschen in Positionen, die das Kerngeschäft der Pflege zu wenig kennen. Wir vom VPOD fordern eine generelle Erhöhung der Löhne – für alle Berufsgruppen im Gesundheitsbetrieb, weil alle die involviert sind, einen grossen Beitrag leisten.

«Der Fokus muss primär darauf liegen, den Beruf attraktiver zu gestalten, um Personal zu halten und vielleicht sogar zurückzugewinnen.»

Angela*, Pflegefachkraft

Es gibt sehr viele engagierte Pflegende, die wahnsinnig viel leisten. Die Pflege-Initiative ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber es müssen noch weitere Massnahmen ergriffen werden, die nicht erst in fünf bis zehn Jahren Wirkung zeigen. Ich habe wahnsinnig viele Kollegen, die kündigen, weil sie erschöpft, ausgebrannt, krank oder enttäuscht sind. Ich selbst habe noch nie konkret ans Kündigen gedacht, aber ich werde unter den jetzigen Bedingungen kaum bis zu meiner Pension arbeiten können. Schliesslich soll das Rentenalter für Frauen auch noch erhöht werden, obwohl es bereits jetzt nicht möglich ist, in einem 100-Prozent-Pensum bis zur Pensionierung zu arbeiten. Wir Pflegefachleute sind mehrfachen körperlichen und psychischen Belastungen ausgesetzt. So behandeln wir beispielsweise Patienten aller Gewichtsklassen, was oftmals zu bleibenden Rückenschäden führt.

Für uns Pflegende muss sich unbedingt etwas ändern. Bis 2030 fehlen 65’000 Fachkräfte – die zu finden wird sehr schwer. Schon jetzt rekrutiert die Schweiz viele Kräfte aus dem Ausland, aber das ist nicht nachhaltig, die Schweiz muss das Problem selbst lösen – mit der Initiative und mit weiteren flankierenden Massnahmen. Mir ist bewusst, dass man das Personal nicht aus dem Hut zaubern kann, ausschliesslich auf die Ausbildungsoffensive zu setzten genügt jedoch nicht. Der Fokus muss primär darauf liegen, den Beruf attraktiver zu gestalten, um Personal zu halten und vielleicht sogar zurückzugewinnen. Dafür braucht es flexible Arbeitszeitmodelle, wirkliche Familienkompatibilität, Reduktion der Wochenarbeitszeit, volle Rente mit 60 sowie eine finanzielle Aufwertung unseres Berufs.

Wer eine zweijährige Zusatzausbildung in Form eines Nachdiplomstudiums (NDS) gemacht hat, verdient etwa 200 Franken mehr im Monat als eine diplomierte Pflegende HF. Das ist zu wenig. Genau dieses Personal mit den Zusatzausbildungen fehlt, weil der Anreiz nach dem Absolvieren eines NDS nicht attraktiv genug ist und nicht ausreichend honoriert wird. Mit einem einmaligen Bonus ist es da nicht getan. Die Pflegeberufe müssen in der ganzen Schweiz finanziell aufgewertet werden. Ein Corona-Bonus ist dennoch ein wichtiges Zeichen der Anerkennung, aber es braucht weitere Verbesserungen wie zum Beispiel bezahlte Umkleidezeit und höhere Schichtzulagen. An freien Tagen wird man fast immer angerufen, ob man nicht einspringen könnte. Das geht auf Dauer nicht. Denn an einem anderen Tag dafür früher zu gehen, ist in der Praxis gar nicht so einfach. Wir haben keine Arbeit, die man problemlos am nächsten Tag fortführen kann.

Der Fachkräftemangel macht mir grosse Sorgen. Nicht nur, weil das meine Arbeitsbelastung von Jahr zu Jahr zusätzlich erhöhen wird, sondern auch, weil ich selbst eines Tages pflegebedürftig sein könnte und es dann vielleicht nicht genügend Pflegende gibt. Gleichzeitig altert unsere Gesellschaft immer stärker. Die Situation ist ernst und es besteht dringender Handlungsbedarf.

Aufgezeichnet von Ina Bullwinkel.


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*Name geändert.

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