Alpin-Solarstrom? Presto! Basler Solarstrom? Geduuuuuld.

Mit Hochdruck werden neue Solaranlagen in den Bergen geplant, um schnell Strom zu gewinnen. Zugleich stagniert die Nutzung der Photovoltaik in Städten wie Basel. Eine «Solaroffensive» wird ohne erkennbare Gründe weiter hinausgezögert.

Amt für Umwelt und Energie AUE
Die Fassade des AUE-Gebäudes besteht aus Photovoltaik-Paneelen. (Quelle: © Kanton Basel-Stadt: www.bs.ch/bilddatenbank)

Die Zahl lässt aufhorchen: 50 bis 70 Prozent des Basler Strombedarfs, rund eine Milliarde Kilowattstunden (kWh) pro Jahr, könnten mit Solarenergie von Solardächern und Solarfassaden abgedeckt werden. Ein Blick auf die im Januar für Basel aktualisierte Karte von Sonnendach zeigt dies anschaulich.  

Seit neuestem wird die Internetseite des Bundesamts für Energie (BFE) monatlich aktualisiert. Sie ist «blockscharf» gehalten. Das heisst, mit einem Blick kann man sich über jedes spezifische Dach informieren. Niemand hatte bisher mit so einem grossem Potential gerechnet. 2009 war der Regierungsrat noch von ca. 20 Prozent ausgegangen. 

Zu vergleichbaren Schlussfolgerungen wie das Bundesamt für Energie (BFE) mit Sonnendach gelangt der Verband Unabhängiger Energieerzeuger (VESE): Mit der defacto Solarenergie-Produktion, so VESE, liegen die beiden Basel etwa im Mittelfeld der Kantone. Effektiv produziert wurden, nach der jüngsten Energiestatistik, 26’000'000 kWh Solarstrom im Jahr 2020. Dies entspricht dem Stromverbrauch von 6000 bis 10'000 Haushalten oder ca. 2,6 Prozent des Basler Elektrizitätsverbrauchs. 2010 waren es noch 3,3 Millionen KWh beziehungsweise 0,3 Prozent des Verbrauchs. Im Gegensatz zu den bisherigen, eher kleinen Fortschritten wäre das brachliegende Potenzial von 500 bis 700 Millionen kWh gigantisch. 

In Stadt und Land der verpassten Solarenergie

In puncto Solarenergie entwickelten sich beide Basel seit den 1990er-Jahren eher zu Kantonen der verpassten Solar-Gelegenheiten, abgesehen von ein paar herausragenden Musterbeispielen: Gleich am Bahnhof Basel SBB ragt etwa der Grosspeter-Tower in den Himmel. Seine Fassade erzeugt einen Teil des benötigten Stroms selbst, in Europa gibt es wenig vergleichbare Hochhäuser. Auch das frisch sanierte Coop-Bürohochhaus vis-a-vis produziert Elektrizität unsichtbar in der Fassade, genauso wie das AUE-Gebäude am Fischmarkt. Aber die neuesten und höchsten Gebäude der Stadtsilhouette, die Hoffmann-LaRoche-Hochhäuser, der dunkle Claraturm oder das Biozentrum, weisen keine Solarstromanlagen auf. Hier ist nichts davon zu spüren, dass beide Basel 1983 die ersten Energiegesetze der Schweiz hatten. 

Als krasses, weil negatives Beispiel gilt in der Energieszene der klotzige Neubau der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) am Bahnhof Muttenz. Ihr Neubau fiel zwar sehr energieeffizient aus, aber die riesige Fassadenfläche generiert nicht die klitzekleinste Wattsekunde. Dabei beherbergte die FHNW das schweizweit geachtete Nachdiplomstudium Energie (NDSE), das unzählige Ingenieur*innen ausbildete und Baselland in den 1990er-Jahren zur europäischen Region mit den meisten installierten Anlagen für Solarenergie machte. Dass ausgerechnet dieser Bau nichts zur dringend nötigen Energiewende beiträgt, fällt auf.

Strom mit der Fassade produzieren

Dass es anders geht, wenn nur die Bauherren und Baufrauen wollen, zeigen die vor zwei Jahren bezogenen, unauffällig aussehenden, aber schweizweit einmaligen Mehrfamilienhäuser an der Allschwiler Heuwinkelstrasse. Sie erzeugen nahezu ihren gesamten Strombedarf über ihre Fassade und dies mit veranachlässigbar zusätzlichen Kosten. Tatsächlich schützt dies die Mieter*innen teilweise gegen die Aufschläge der Strombörsen. Die Immobilie wurde letztes Jahr mit dem Schweizer Solarpreis ausgezeichnet.

Eine der grossen Basler Hoffnungen für Solarenergienutzung ruht auf dem Projekt «Nauentor» am Bahnhof SBB, einem der grössten Entwicklungsprojekte. Hier plant die Bauherrin Post, so Pressesprecher Philipp Felber-Eisele, «für die lokale Energiegewinnung innovative Lösungen zu entwickeln. Im Vordergrund steht die Erzeugung von Strom durch Photovoltaik». Fazit: In der Stadt könnte mit etwas Dringlichkeit genau das gleiche Solarpotenzial gehoben werden, wie vergleichbare alpine Mega-Photovoltaik, aber es passiert nicht.

IWB-Solaroffensive im Wallis

Bis zum Jahr 2030 will die IWB ordentlich in Solarenergie investieren. Die eigene Solarstromproduktion will sie bis dahin verzehnfachen und damit 120 bis 140 Gigawattstunden Solarstrom in der Schweiz produzieren – damit könnten rund 20 Prozent der Grundversorgung von Basel-Stadt abgedeckt werden. Ein erster Schritt auf diesem Weg ist die Beteiligung der IWB am «grössten Solarpark Europas», der derzeit in der Gemeinde Grengiols im Wallis geplant wird.

Das Projekt «GrengiolsSolar» soll gemäss Berechnungen aus dem bisherigen Testbetrieb 600 Gigawattstunden Strom pro Jahr produzieren und könnte damit zum Beispiel den Strombedarf aller Haushalte des Kantons Solothurn abdecken. Die hochalpinen Solaranlagen sollen in einem unbewohnten, aber teilweise als Alm genutzten Nebental der Rhone im Wallis entstehen. Federführend bei dem Projekt sind der Walliser Stromkonzern FMV und die Gemeinde Grengiols. Neben der IWB sind zudem Elektrizitätswerke aus Zürich und der Romandie beteiligt.

Die hochalpinen Solaranlagen sind insofern von Relevanz und Brisanz, weil einerseits hochalpine Anlagen vergleichsweise viel Winterstrom liefern – gerade im Winter ist die Schweiz heute abhängig von ausländischem Strom und die Versorgungssicherheit wird durch inländische Produktion besser gewährleistet. Andererseits gelten die Alpen als unberührte Flecken Natur. Mit diesem Konflikt setzt sich auch «GrengiolsSolar» auseinander: Die Anlagen werden bereits als komplett rückbaubar konzeptioniert, eine Versiegelung der Böden soll vermieden werden. (dru)

Gefragt nach seinen Wünschen, damit mehr Solarenergie ans Netz kommen könnte, sagt Energieingenieur und Miteigentümer von Alteno AG, Lukas Herzog: «Eine höhere Einspeisevergütung und die Freigabe von Dachflächen, die dem Kanton gehören». Herzog überblickt seit bald vier Jahrzehnten die Entwicklung in beiden Basel, war selbst in der Ökostadt Binningen aktiv. 

Dabei startete die Stadt immer mal wieder Aktionen: 2009 mit der Revision des Energiegesetzes. 2011 versprach Regierungsrat Christoph Brutschin «ein Basler Solarkraftwerk». Unter anderem wurde eine Minimum-Regelung für den Einbau von erneuerbaren Energien geschaffen. Lange Zeit war Basel auch Spitzenreiter bei der Solarstromentschädigung an Private, das ist heute nicht mehr so. Das Problem: Der Zubau von Solarenergie in Städten, so etwa das Fazit in Zürich, das seine Solaroffensive bereits 2021 startete, muss anders gedacht werden als in Flächenkantonen. Die Strukturen sind kleinräumiger und teurer, die Anreize müssten höher und angepasster gesetzt werden, sagt Lukas Herzog. Dazu kommt, dass Basel-Stadt die im eigenen Besitz befindlichen Dachflächen strikt nur selbst nutzt und nicht vermietet, was die solare Entwicklung bremse.

Die Diagnose der Fachleute wird von der Energiepolitik weitgehend geteilt. So forderte Beat Jans bereits 2020, damals als SP-Nationalrat und Energiepolitiker, eine neuerliche «Solaroffensive», um endlich vorwärts zu gelangen – heute ist er Stadtpräsident, aber die Offensive lässt rätselhaft auf sich warten.

«Man lässt sich Zeit»

2021 erhöhte Grünen Grossrat Jürg Stöcklin mit einer Motion «Aufbruch ins Solarzeitalter – mehr Photovoltaik-Anlagen auf Basels Dächern und Fassaden» den Druck auf die Regierung. Ohne Ergebnis. Wenn denn eine Solaroffensive bevorstünde, müsste dies etwa auch in der neuen Leistungsvereinbarung mit den Industriellen Werken Basel (IWB) festgehalten werden. Tatsächlich wird das Thema dort nur gestreift, obwohl es für die IWB grosse Folgen hätte. 

Vergangenen November erkundigte sich alt LDP-Grossrätin Corinne Eymann-Baier nach dem Stand der Solarplanung und seiner «zeitlichen Dringlichkeit». Durch die Energiepreiskrise und den Ukraine-Krieg ist Energieproduktion zum Top-Thema in der Schweiz avanciert. Im Januar antwortete die Regierung Eymann-Baier: «(…) der Regierungsrat hat in seinem Legislaturplan 2021-2025 die ‹Solaroffensive› als Legislaturziel explizit festgeschrieben.» Ziel wäre demnach, im zweiten Quartal des Jahres ein solares «Gesamtpaket» vorzulegen. Corinne Eymann-Baiers Fazit: «Trotz der inzwischen beschlossenen verfassungsmässigen Verpflichtung bis 2037 netto Null Emissionen zu erreichen, scheint es dem Regierungsrat nicht zu pressieren. Man lässt sich Zeit, die verschiedenen Berichte zu verfassen.»

Nachdem es bisher hiess, der Regierungsrat plane noch im zweiten Quartal des Jahres, sein Solarpaket vorzulegen, heisst es nun auf Anfrage beim Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt (WSU), die Solaroffensive befinde sich «aktuell in Bearbeitung» und der Regierungsrat werde im laufenden Jahr einen Gesetzesvorschlag vorlegen.

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