Ein ästhetisches Hochhaus statt «gruusige» Blöcke?

Die als «Unort» verschriene Heuwaage soll weiter aufgehübscht werden. Am Mittwoch stimmt der Grosse Rat darüber ab, ob das Steinentor abgerissen werden soll. Doch was ist mit günstigem Wohnraum?

Hochhaus Heuwaage
So soll es nach Bauende aussehen, das Hochhaus.

Es war das erste Wohn- und Geschäftshaus der Stadt, seit 1955 steht es an der Heuwaage. Jetzt will die Pensionskasse Baselland das «Steinentor» abreissen und ein neues Hochhaus bauen.  Es soll freistehend sein und 85 Millionen Franken kosten.

Die Bau- und Raumplanungskommission (BRK) ist für die Umsetzung des Projekts, am Mittwoch befindet der Grosse Rat darüber.

Wie das Hochhaus künftig aussehen soll, siehst du auf der Visualisierung des Architekturbüros Miller&Maranta oben rechts. Schick soll es werden. Aber auch teuer. Denn wer in Zukunft dort eine Wohnung mieten möchte, braucht ein grosses Portemonnaie. 350 Franken zahlt man im Jahr für einen Quadratmeter in einer 80 Quadratmeter Wohnung. Das entspricht einer Miete von 2'333 Franken im Monat. 

Nicht einverstanden damit ist Beat Leuthardt vom Mieterverband Basel. «Was hier passiert, ist verfassungswidrig», erklärt der BastA!-Grossrat am Telefon. «In der Verfassung steht, dass die überwiegenden Interessen der Bevölkerung berücksichtigt werden müssen. Hier passiert das Gegenteil.» 

In den letzten Jahren hat sich die Basler Bevölkerung in verschiedenen Abstimmungen für günstigen Wohnraum ausgesprochen. 

Teure Neubauwohnungen zu bauen und die Mieterschaft auszuwechseln, sei wohl kaum das überwiegende Interesse der Basler*innen, sagt Leuthardt deshalb. Ihm sei bewusst, dass die Basellandschaftliche Pensionskasse ihre Renten finanzieren muss, «aber es muss eine optimierte nicht eine maximierte Rendite sein, eine, die auf die Bevölkerung Rücksicht nimmt, die bezahlbaren Wohnraum erhält». 

Basler*innen wollen preisgünstigen Wohnraum, kein Blingbling

Grossrat Jeremy Stephenson (LDP) sagt: «Klar, den günstigen Wohnraum braucht es, aber die Frage ist wo. An der Heuwaage zum Beispiel, braucht es ihn nicht.» Stephenson ist Präsident der Bau- und Raumplanungskommission, diese hat das Geschäft vorbehandelt und steht geschlossen hinter dem Projekt. 

Laut dem kantonalen Richtplan sind auf Entwicklungsarealen ein Drittel bezahlbare Wohnungen vorgesehen. Bei der Heuwaage handelt es sich aber nicht um ein Transformationsareal, weshalb die Drittel-Regel hier nicht greife, argumentiert die Kommission. Ein Transformationsareal liegt laut Kommissionspräsident und LDP-Grossrat Jeremy Stephenson nur vor, wenn früher dort vorwiegend Gewerbe war, das man zu Wohnareal umgebaut hat. Das ist bei der Heuwaage nicht der Fall. 

Man komme gar nicht umhin, hohe Mieten zu verlangen, meint die Kommission weiter. «Das Projekt weise eine Architektur auf, die nicht auf preisgünstiges Wohnen zugeschnitten ist.» Rein um die Baukosten zu decken, müsste die Mieter*innen tiefer in die Tasche greifen.

Das liegt laut Jeremy Stephenson am teuren Standort Heuwaage und daran, dass Hochhäuser generell teuer seien. Ausserdem erklärt er: «Die Pensionskasse Baselland, die Eigentümerin, ist gezwungen, Rendite zu machen. Denn sie muss die Renten finanzieren.» 

Hochhaus Heuwaage
Der Blick vom Hotel Europäischen Hof her Richtung Steinenvorstadt (Quelle: Miller & Maranta Architekten AG)

Gleichzeitig wird aber der vorhandene Platz aus «architektonsichen Gründen» nicht effizient ausgenutzt. Auch das steht im Bericht der Bau- und Raumplanungskommission. Das widerspricht sich doch, nicht? 

Nein, meint Jeremy Stephenson. «Städteplanerisch wollte man verhindern, dass der Platz eng ist.» Deshalb sei der Sockel des Hochhauses verschmälert worden. Und die Adimmo AG, die für die Pensionskasse Baselland die Verhandlungen geführt hat, ergänzt, dass sich das Projekt «vernünftig ins Stadtbild einfügen muss, um von einer Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert zu werden.»

Warum aber verliert das Hochhaus gegen oben stark an Breite? Grossrat Stephenson sagt: «Das müssten sie einen Ingenieur fragen.» 

Sicher spiele auch Ästhetik eine Rolle. Die Backsteinhäuser nebenan werden abgerissen, denn laut Jeremy Stephenson seien die «sowieso grusig».

Und die Adimmo AG schreibt «Ein wichtiger Punkt ist auch, dass es ein städtebaulicher Wunsch ist, wieder eine attraktive Platzsituation an diesem heutigen Un-Ort zu schaffen.»

Die Aufwertung der Heuwaage hat bereits begonnen: In den letzten Jahren wurde das Nachtigallenwäldli vergrössert und begrünt. Ausserdem sollen die «Birsig-Parkplätze» in der Strasse parallel zur Steinenvorstadt der Gastronomie weichen.

Zweiter Streitpunkt ist die fehlende Residenzpflicht. Wer später eine Wohnung an der Heuwaage kauft, muss diese nicht als Hauptwohnsitz nutzen. Obwohl sich die Bau- und Raumplanungskommission das eigentlich gewünscht hätte, denn in Basel gibt es bereits heute rund 12’000 Zweitwohnungen. Aber der Investor bleibt hart. Und bezieht sich, einmal mehr, auf die fehlende gesetzliche Grundlage. Bereits beim Neubau des ehemaligen Radiostudios im Bruderholz ist eine Residenzpflicht am fehlenden Gesetz gescheitert, obwohl das Parlament eine wollte

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