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Der Krieg & ich

Eugenia will nicht im Hass ertrinken

Die ukrainische Autorin Eugenia Senik will sich nicht mit Kriegsverbrechern versöhnen. Aber sie weiss: Zu starke Wut ist destruktiv.

04/12/22, 10:39 AM

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Eugenia atmet ein und aus. Hier am Davosersee.

Ich fühle, wie es doch kommt. Die Einsicht, dass dieser Krieg nicht so schnell zu Ende sein wird. Ein ganz langsamer Prozess der Akzeptanz. Keine Psyche kann so einen andauernden Stress ausschalten und sucht deswegen nach neuen Stützen. Stützen, an die man sich im Sturm halten kann.

«Befreie dich von der Hoffnung, dass sich das Meer jemals beruhigen wird. Wir müssen lernen, bei starkem Wind zu segeln.» 

Aristoteles Onassis

Vor einem Jahr, als ich nach dem Tod meines Vaters meine schlimmste Reise nach Donbas gemacht habe, hat mir meine gute Freundin, eine Psychologin, den Rat gegeben, eine Unterstützung für mich selbst in Worten zu finden und sie immer vor Augen haben. Das Zitat fand ich im Internet und die Worte sprachen gleich zu mir. Sie beruhigten mich. Und seitdem befindet sich das ausgedruckte Zitat auf meinem Tisch, damit ich diese wichtige Botschaft an mich selbst nicht vergessen werde.   

Seit eineinhalb Monaten klingen diese Worte für mich so stark und wichtig wie nie zuvor. Ich darf meine Hoffnungen behalten, dass der Horror bald vorbei sein wird, aber ich darf mir keine Illusionen machen, da diese zurzeit gefährlich sein können. Illusionen lassen uns den Kontakt zur Realität verlieren und falsch auf das Geschehen reagieren. Ich muss also viel Luft in die Lungen einatmen und bei diesem starken Wind weitersegeln. Es ist das Einzige, womit man effektiv bleiben kann und nicht verrückt wird. 

Ich lerne, in dieser neuen Welt neu zu leben: ungewöhnliche Aufgaben zu bekommen, die täglich auftauchen, mich einer neuen Realität anzupassen und dabei versuchen, teilweise zu meinem vorherigen Leben zurückzukehren. Ich muss es tun, sonst stürze ich über Bord ins kalte Wasser und ich kann für niemanden mehr hilfreich sein. In diesem meinem Leben kümmere ich mich um meine Bücher, von welchen ich mir sehr wünsche, dass sie von der Welt gelesen werden. Und in welchen ich der Welt so viel zu sagen habe.  

In diesem Leben erlaube ich mir auch, mir Zeit zu nehmen, um meine Gefühle und die Gefühle der Menschen um mich herum zu reflektieren, ihre tiefere Bedeutung zu verstehen, um so wenig Fehler wie möglich zu machen. Um nicht im Meer der intensiven und schweren Gefühlen zu ertrinken.

Hass und Wut. Ich möchte diese Gefühle reflektieren und versuchen, sie auseinander zu nehmen und zu analysieren. Es ist das, was ich fühle, wann immer ich die Nachrichten aus der Ukraine lese oder von den neuen Kriegsverbrechen erfahre, die russische Soldaten offenbar begangen haben. Und es ist das, was die meisten Ukrainer (oder nicht nur sie) seit 24. Februar täglich fühlen. 

«Wenn wir den Parameter dieser Grausamkeit, Brutalität und Barbarei realisieren, dann hassen wir alle, die daran teilnehmen. Hass auf die, die gerne an diesem Krieg mitmachen und Schadenfreude erleben, wenn Unschuldige sterben.»

Wie ist Wut anders als Hass? Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen diesen Gefühlen. Wut fühlt man, wenn man sich jemandem nähern will, der es unmöglich macht. Wut fühlen wir gegenüber Verwandten oder Bekannten in Russland, welche Putin einer Gehirnwäsche unterzogen hat und die uns nicht glauben wollen, dass dieser Krieg eigentlich Russland führt und nicht die Ukraine, welche laut irrsinniger russischer Propaganda ihr eigenes Volk tötet. Man will sie überzeugen, damit sie endlich ihre Augen öffnen und uns helfen, gegen ihr eigenes Regime zu kämpfen. Damit sie unsere Seite einnehmen und uns wieder nah werden. Sie tun es aber nicht und wir werden wütend. 

Was ist mit Hass? Hass funktioniert umgekehrt, um uns vom Feind, einer Gruppe von Menschen oder sogar einer einzelnen Person zu distanzieren und sich zu entfremden. Wenn wir früh am Morgen von Explosionen geweckt werden, von tausenden getöteten Zivilisten erfahren, Bilder von toten oder verletzten Kindern sehen, vom Massaker in Butscha hören, die seltenen und furchtbaren Geschichten aus Mariupol lesen…

«Von einer Frau, die gerade jetzt vergewaltigt wird oder einem Mann, der ganz schrecklich gefoltert wird, zu verlangen,  ihrem  Gewalttäter zu verzeihen, ist auch Gewalt.»

Wenn wir den Parameter dieser Grausamkeit, Brutalität und Barbarei realisieren, dann hassen wir alle, die daran teilnehmen. Hass auf die, die gerne an diesem Krieg mitmachen und Schadenfreude erleben, wenn Unschuldige sterben. Wir hassen sie zutiefst und ausdrücklich. Unser Hass sagt: Ich bin nicht so wie sie und ich will nichts mit ihnen zu tun haben. Wir wollen uns so weit wie möglich von diesen Russen entfernen, wir wollen uns mit ihnen auf keiner Ebene identifizieren. Und das sind normale Gefühle für eine abnormale Situation. 

Genau deswegen kann man nicht über Versöhnung sprechen, was viele Menschen in Westeuropa nicht ganz verstehen können und immer wieder versuchen, Ukrainer und Russen sofort zu versöhnen. Was machen solche Menschen in diesem Moment? Noch mehr Gewalt, diesmal auf emotionaler Ebene. Von  einer Frau, die gerade jetzt vergewaltigt wird oder einem Mann, der ganz schrecklich gefoltert wird, zu verlangen,  ihrem  Gewalttäter zu verzeihen, ist auch Gewalt. Und wenn jemand nicht verstehen kann, dass es nicht die richtige Zeit für Versöhnung ist, tut es mir leid. Unsere Gefühle sind wichtig und sie kommen, um uns zu beschützen. Sie sind verständlich und legitim.

Was ich aber noch über diese Gefühle in meinem Fall weiss: Über längere Zeit und ohne direkt im Kampf involviert zu sein, sind sie sehr destruktiv und uneffektiv. Ich weiss, wie einfach es jetzt ist, mich aus der Bahn zu bringen und in diese Gefühle zu fallen. Ich weiss auch, dass ich dann gar nicht klar denken kann, ich werde unproduktiv und nutzlos, weswegen ich genau jetzt lerne, nicht lange in diesen Gefühlen stecken zu bleiben oder sie absichtlich zu suchen. 

Ich habe immer noch viele Verwandte und Freunde im okkupierten Donbas und ich habe einige Bekannte in Russland. Sie fragen mich nicht, wie es mir oder meiner Schwester geht und ich suche auch keinen Kontakt zu ihnen. Ich will keine wertvolle Minute verschwenden, um sie von etwas anderem zu überzeugen. Weil ich es nie schaffen würde und weil ich in dieser Zeit viele nützliche Sachen machen kann. 

Ich suche auch keine unbekannten Russen in sozialen Netzwerken, um ihnen die Wahrheit zu erzählen, oder meinen Hass auf sie zu werfen. Weil es keinen Sinn macht und gar nichts bringt. Wieder nur Zeitverschwendung. Ich versuche aber jeden Tag mindestens etwas Kleines zu machen, selbst wenn es den Menschen nur die  winzigste Erleichterung in dieser schrecklichen Situation bringen kann. Ich versuche weiter, bei starkem Wind zu segeln.

Aber ich kann auch die Menschen verstehen, die den Hass und die Wut gar nicht mehr stoppen können. Weil ich die Natur dieser Gefühle verstehe. Weil ich mir dafür Zeit genommen habe. Deswegen verurteile ich niemanden. Wir alle geben unser Bestes, um diesen Sturm überhaupt zu überstehen. Aber ich bin für mein eigenes Segelboot verantwortlich. Und ich gebe mir Mühe, den Ballast aus Hass und Wut abzuwerfen, damit es Platz gibt, um jemanden in meinem kleinen Boot vom Sturm zu retten.

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