Arslan will Schweizer Finanzwissen prüfen
Die finanzielle Lage macht vielen Schweizer Familien Sorgen. Die Basler Nationalrätin Sibel Arslan verortet das Problem bei mangelhafter Finanzbildung und fordert vom Bundesrat eine Bestandsaufnahme. Schuldenexperte Pascal Pfister sieht in der Bildung nicht den einzigen Hebel.
Auf den Punkt:
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Das grösste Problem der Familien in der Schweiz ist die Finanzlage, das zeigt der neue Familienbarometer von Pro Familia Schweiz auf. Diese Situation ist nicht neu, bereits in den Jahren 2023 bis 2025 gaben die Befragten an, dass die Finanzen sie am stärksten belasten. Mit 46 Prozent geben fast die Hälfte der Familien an, dass ihr Einkommen nur knapp ausreicht, um. Sieben Prozent melden, dass ihr Einkommen nicht ausreicht.
Die Basler Grünen-Nationalrätin Sibel Arslan geht davon aus, dass «zumindest teilweise mangelndes Wissen im Umgang mit Finanzen zur geschilderten Situation geführt hat». Sie ist der Meinung, die Schweiz mache bisher zu wenig, um die Finanzbildung zu verbessern und präventiv gegen Schulden und Altersarmut vorzugehen – beispielsweise sind die Angebote anlässlich der «Global Money Week» in der Schweiz im internationalen Vergleich eher spärlich. Dabei handelt es sich um eine Awareness-Kampagne, die vom International Network on Financial Education (INFE) der OECD organisiert wird.
Um die finanzielle Bildung in der Schweiz von Grund auf zu stärken, hat Arslan ein Postulat zum Thema eingereicht. Sie beauftragt den Bundesrat, einen Bericht zum Stand der Finanzbildung der Schweizer Bevölkerung zu erstellen. Er soll bestehende Lücken aufzeigen und Handlungsmöglichkeiten für die Verbesserung des Wissens über Finanzen darlegen.
Bildung ist nicht alles
«Lücken im Finanzwissen bestehen aktuellen Studien zufolge besonders bei Familien mit niedrigem Einkommen, bei Frauen, bei bildungsfernen Familien, Migrantinnen und Migranten sowie Jugendlichen», so Arslan. Zudem wüssten viele Menschen in der Schweiz nicht, wie man eine Steuererklärung richtig ausfüllt. Bestehende Lücken sollen aufgezeigt und Handlungsmöglichkeiten für die Verbesserung des Wissens über Finanzen erarbeitet werden.
«Strukturelle Massnahmen schützen deutlich mehr Menschen effektiv vor der Schuldenfalle als ein freiwilliger Kurs.»Pascal Pfister, Geschäftsleiter der Schuldenberatung Schweiz und Basler SP-Grossrat
Pascal Pfister, Geschäftsleiter der Schuldenberatung Schweiz und Basler SP-Grossrat, stützt Arslans Einschätzung. Er weist darauf hin, dass die Schweiz im internationalen Vergleich Aufholbedarf hat: Während in anderen Ländern die Nationalbanken massgeblich in die finanzielle Bildung involviert sind und die «Global Money Week» breit bespielt wird, bleibt das Engagement hierzulande punktuell. Die Schuldenberatung leiste zwar bereits wichtige Präventionsarbeit für Jugendliche, insbesondere in Berufsschulen, doch im Lehrplan ist finanzielle Bildung nicht verankert. «Schlussendlich müssen die Schulen darüber entscheiden, aber es wäre wünschenswert, wenn Jugendliche die Grundkompetenzen im Unterricht lernen würden», so Pfister.
Strukturelle Hürden
Doch als alleinige Ursache für Verschuldung sieht Pfister das mangelnde Finanzwissen nicht. Laut Erhebungen der Schuldenberatung sind es oft Schicksalsschläge wie Arbeitslosigkeit, Trennungen oder schlicht ein zu tiefes Einkommen, die Menschen in die Schulden treiben. Auch die administrative Überforderung wiegt oft schwerer als die Unkenntnis über Zinsrechnungen.
Um erst gar nicht in eine schwierige Lage zu gelangen, müssten junge Menschen lernen, ein Haushaltsbudget zu erstellen, das auch versteckte Kosten wie fällige Steuern berücksichtigt, und vor allem auch wissen, wie sie frühzeitig Unterstützung in Anspruch nehmen können.
Den grössten Hebel zur Schuldenprävention sieht Pfister in strukturellen Lösungen – wie beispielsweise den Direktabzug der Steuern vom Lohn, für den sich der Grosse Rat im Oktober ausgesprochen hat. «Solche Massnahmen schützen deutlich mehr Menschen effektiv vor der Schuldenfalle als ein freiwilliger Kurs», so Pfister
Die Schuldenprävention ist in der Schweiz bisher ungleich geregelt. Während einige Kantone dafür einen klaren Leistungsauftrag haben, fehlen in anderen feste Strukturen. Das mache es schwierig, gezielte Hilfe für Risikogruppen anzubieten, so Pfister. Um die Massnahmen zu verbessern, brauche es zuerst verlässliche Daten auf nationaler Ebene. Deshalb begrüsst er das Postulat von Sibel Arslan, das die Erhebung dieser Daten fordert.