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Unvermummt

«Miesmachen»: Wenigstens hier spielt Basel in der Champions League

Die Millionen, die Basel ausgibt, um sich im In- und Ausland anzupreisen, sind rausgeworfenes Geld, solange die Stadt von Politik und Medien als rot-grüne Hochburg von unfähiger Verwaltung und Krimineller verleumdet wird, findet unser Kolumnist Roland Stark.

08/07/23, 01:00 AM

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Mehr Grün in der Asphaltwüste, aber wie wird das umgesetzt?

Mehr Grün in der Asphaltwüste, aber wie wird das umgesetzt? (Foto: Unsplash/Collage: Bajour)

Das Elend ist in dieser Welt sehr ungerecht verteilt. Millionen Menschen ächzen unter extremer Dürre und Wassermangel, andere leiden an Hungersnöten und Überschwemmungen. Baslerinnen und Basler hingegen müssen neben dem seit Jahrzehnten fehlenden Bundesratssitz auch noch einen katastrophalen Parkplatzmangel verkraften. Dieser Eindruck entsteht, wenn man Breite und Tiefe der Berichte in unseren Zeitungen über eine längere Zeit verfolgt. Diskriminiert werden bei uns nicht ethnische, religiöse oder politische Minderheiten, sondern fast ausschliesslich Autofahrerinnen und Autofahrer. 

Seit den 1950er Jahren wurde Basel, wie andere vergleichbare Städte auch, «autogerecht» umgepflügt. Wertvolle Bausubstanz wurde vernichtet, ganze Häuserzeilen dem forcierten Strassenbau geopfert. Bürgerliche und sozialdemokratische Baudirektorinnen und Baudirektoren liessen es zu keiner Zeit an städtebaulicher Ignoranz und Rücksichtslosigkeit fehlen. Widerstand erwuchs den fortschrittsgläubigen «Stadtplanerinnen und Stadtplanern» nur von belächelten und verspotteten Exotinnen und Exoten aus Denkmalpflege und Heimatschutz.

Zur Person

Zur Person

Roland Stark schreibt für Bajour einmal im Monat Kolumnen - unter dem Titel: Unvermummt. Das kommt daher, dass Stark dem «Verein für eine deutliche Aussprache» angehört, der im harmoniebedürftigen Basel kaum Mitglieder hat. Stark wurde 1951 in Appenzell geboren, an der Universität Basel studierte er später Heilpädagogik und arbeitete 42 Jahre auf seinem Beruf. 1968 trat er in die St.Galler SP ein, 1981 bis 1990 war er Präsident der SP Basel-Stadt, und von 1992 bis 1997 deren Fraktionspräsident, 2000/2001 wurde er Verfassungsratspräsident und schliesslich 2008/2009 Grossratspräsident. Stark ist mit der Journalistin Claudia Kocher verheiratet und hat zwei Töchter (15 und 17). Was Stark besornders gerne mag: Lesen und Schreiben. Wandern. Gute Nahrung, fest und flüssig. SC Freiburg.

Die notwendige verkehrspolitische Wende versinkt unterdessen in einem unversöhnlichen Kulturkampf. Jeder aufgehobene Parkplatz, jede Verminderung der Strassenfläche für den motorisierten Verkehr, jeder Vorstoss für eine Temporeduktion, jeder Veloweg und jeder zusätzliche Poller führt angeblich schnurgerade in den Untergang. Droht Basel der Abstieg zu einer deindustrialisierten Pfahlbausiedlung mit verarmter Bevölkerung?

Temporäre Schattenplätze mit Pflanzentrögen, wie sie hier am Rheinufer stehen, ernten Häme, schreibt Stark.

Temporäre Schattenplätze mit Pflanzentrögen, wie sie hier am Rheinufer stehen, ernten Häme, schreibt Stark. (Foto: Jeanne Wenger)

Die Berufsmeckerer (m/d/w) aus Politik und Medien aber fordern, ohne den geringsten Widerspruch zu erkennen, eine sofortige Aufforstung der «Asphaltwüste» am Rheinknie. Aus Strassen und Trottoirs sollen Pflanzen erblühen und Bäume spriessen. Zaghafte Versuche, der Sommerhitze mit provisorischen, kurzfristig wirksamen Massnahmen zu begegnen, werden mit Hohn und Spott übergossen. Temporäre Schattenplätze mit Pflanzentrögen, Jungbäumen etwa auf der Dreirosenbrücke oder mobile «Grüne Zimmer» ernten Häme und werden als reine Kosmetik abqualifiziert.

Es ist natürlich für jede Zeitung – und jede Partei – eine echte Herausforderung, Klimaschutz und Autolobby gleichzeitig zufrieden zu stellen. Dabei bleibt dann halt, neben dem ohnehin dürftigen Sachwissen, auch die Glaubwürdigkeit auf der Strecke.

«Weder eine Partei noch eine Journalistin oder ein Journalist verlangten mehr grün und weniger grau.»

Roland Stark

Als klassisches Beispiel eignet sich der «zu Tode sanierte» Wielandplatz. Das Projekt überwand ohne Widerspruch ein mehrstufiges Prozedere. Quartierbefragung, Regierungsratsbeschluss, Grossratskommission, Grosser Rat. Das Parlament verabschiedete die Vorlage mit 72:8 Stimmen. Während der gesamten Debatte fiel das Wort «Baum» nicht ein einziges Mal. Weder eine Partei noch eine Journalistin oder ein Journalist verlangten mehr grün und weniger grau. Der Schwarze Peter wird nun ausgerechnet der Baudirektorin Esther Keller zugeschoben, der einzigen Person, die an der Entwicklung der Vorlage zu keiner Zeit beteiligt war. «Ich wasche meine Hände zum Zeichen meiner Unschuld», heisst es im Psalm 26:6. Alle waren dabei, niemand ist verantwortlich. Hinterher wird genörgelt und an kümmerlichen Bäumchen herumgemäkelt. Seriöse politische Arbeit und solides journalistisches Handwerk sieht anders aus.

«Sie kämpfen gegen Windmühlen.»

Roland Stark

Basel Tourismus und Stadtmarketing geben jährlich viele Millionen Franken aus, um unsere Stadt im In- und Ausland in Wort und Bild anzupreisen. Sie kämpfen gegen Windmühlen, solange eine Armada von übellaunigen Politikerinnen und Politikern und Schreiberlingen Basel in Leitartikeln, Kommentaren, Kolumnen und Vorstössen unermüdlich als rot-grüne Hochburg von unfähiger Verwaltung, Kriminellen, Bettlerinnen und Bettlern sowie Ökofundis verleumdet. Die Grenzen zwischen «mäkeln» und «kritisieren» sind dabei praktisch aufgelöst.

Das Wörterbuch differenziert:

O mäkeln: an jemandem ständig etwas auszusetzen haben und seiner Unzufriedenheit durch nörgelnde Kritik Ausdruck verleihen

O kritisieren: nach sachlichen Gesichtspunkten fachlich beurteilen

Erstaunlicherweise zeigen alle Umfragen, dass unsere Stadt keineswegs als unbewohnbar und ungastlich bezeichnet wird. Im Bericht «European Cities of the Future 2023» ist Basel wiederum der attraktivste Investitionsstandort unter 549 untersuchten Kleinstädten Europas. Bewertet wurden Wirtschaftspotential, Humankapital und Lebensstil, Kosteneffizienz, Konnektivität und Geschäftsfreundlichkeit.  

Heinrich Böll, Literaturnobelpreisträger 1972, hat recht:

«Nestbeschmutzer sitzen ohnehin immer mitten im Nest. Es ist schwer, ein Nest von draussen zu
beschmutzen.» Ausnahmen, auch aus der Agglo, bestätigen die Regel.

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