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Krieg in Israel

«Mir wurde schnell klar, dass dieses Mal alles anders ist»

Seit dem unerwarteten Angriff der radikalislamischen Organisation Hamas auf Israel steht die jüdische Gemeinschaft unter Schock – auch die Jüd*innen in Basel, von denen viele Verwandte und Freund*innen in Israel haben. Bajour hat mit einigen von ihnen gesprochen.

10/10/23, 12:00 AM

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Michal Lewkovicz

Michal Lewkowicz ist in Gedanken bei ihrer Familie in Israel. (Foto: Liron Erel)

Michal Lewkowicz

Ich bin in Israel aufgewachsen und habe unter anderem den Zweiten Golfkrieg und immer wieder Terroranschläge erlebt, aber dieses Mal ist alles anders. Diese Brutalität schockiert mich. Ich habe meine Familie in Israel und bin in ständigem Kontakt mit ihr. 

Wenige Tage nach dem Angriff bin ich unendlich traurig und sehr besorgt. Als ich Samstagmorgen erwacht bin, habe ich erst gedacht, es ist ein «normaler» Raketenalarm. Aber dann wurde mir ziemlich schnell klar, dass dieses Mal alles anders ist. Ich bin fassungslos, wie unvorbereitet Israel war. Niemand wird informiert, nicht einmal die Eltern von entführten Kindern und Jugendlichen. Die Schwester einer Freundin meiner Mutter wurde entführt. 

Der Krieg betrifft alle Jüd*innen, denn es gibt niemanden, der nicht jemanden in Israel kennt. Die Videos auf Social Media kann ich mir gar nicht mehr anschauen: Dieser Hass gegenüber Kindern, Frauen und Holocaustüberlebenden ist unerträglich. Ich bin mir sicher, dass nun sehr harte Wochen und Monate auf Israel und die Menschen dort zukommen werden, denn Israel wird die Entführten zurückholen wollen. 

Ich kenne einige, die jetzt in der Armee sind, auch der Sohn meines Cousins ist nun eingezogen worden. Es ist schwer zu ertragen, dass es überhaupt soweit gekommen ist. Die Zeichen waren da, die Regierung in Israel war arrogant und hat die Stärke der Hamas unterschätzt. Israel wird sich verändern, ich glaube nicht, dass das Land so sein wird wie vor diesem Angriff. Ich schlafe nachts nicht mehr richtig, bekomme permanent WhatsApp von Freund*innen und Verwandten und möchte die News verfolgen. Dennoch geht mein Leben in Basel weiter, ich bin in Gedanken aber bei meiner Familie in Israel.

Silvia Jolodovsky

Silvia Jolodovsky sorgt sich um Verwandte und Bekannte. (Foto: zVg)

Silvia Jolodovsky

Vor knapp zehn Jahren bin ich aus Buenos Aires nach Basel gezogen. Ich habe jüdische Verwandte und Bekannte in Südamerika, aber auch in Israel, wo der Sohn meiner Cousine lebt. Er ist Anfang 20 und gerade in die Armee eingezogen worden. Es ist unvorstellbar, wir haben keine Information, wo er ist und wie es ihm geht. 

Ich weiss von Jüd*innen, die gerade in Israel sind und nun nicht wissen, wie und ob sie ausreisen können. Meine Tochter hat in Tel Aviv studiert, sie ist nicht mehr dort, aber viele ihrer Freund*innen sind vor Ort. Wir sind in grosser Sorge. Die Unsicherheit ist enorm, niemand weiss genau, was geschehen wird. 

Die jüdische Gemeinschaft in Basel ist eng verknüpft mit Israel und fast jede Familie ist irgendwie betroffen. Wir hier in der Schweiz können ja nicht viel tun, ausser Geld zu spenden, den Kontakt mit den Menschen in Israel zu halten und zu hoffen, dass der Krieg bald endet.

Gilbert Goldstein

Gilbert Goldstein hat einen Bruder, der am Golan lebt. (Foto: zVg)

Gilbert Goldstein

Es ist eine grosse Katastrophe. Ich habe am Samstagmorgen in der Synagoge von dem Angriff auf Israel erfahren. Der Rabbiner hat gleich beschlossen, dass wir im Gottesdienst nicht singen. Als ich dann zuhause war, habe ich sofort den Computer angestellt, obwohl Schabbat und Simchat Thora waren. Diese Ausnahme haben an diesem schlimmen Tag viele gemacht. 

Wir haben die Nachrichten verfolgt und ich bin erschüttert über die Gewalt. Je mehr ich gesehen habe, umso betroffener war ich. Es geht allen Basler Jüd*innen so, denn nahezu jede Familie hier hat Verwandte in Israel, wo 28’000 Schweizer Jüd*innen leben. Die Verbindungen sind sehr eng. An den Feiertagen hier ist die Synagoge in Basel oft leer, weil so viele in Israel bei ihren Kindern zu Besuch sind. 

Mein Bruder lebt am Golan, 900 Meter entfernt von der Waffenstillstandsgrenze nach Syrien. Wir sind in Kontakt, machen uns aber grosse Sorgen. Auch wenn es im Norden noch ruhig ist, hat sich dort bereits viel Militär versammelt. Das Dorf meines Bruders ist halbleer, weil alle jungen Leute eingezogen worden sind. 

Nadia Guth Biasini

Nadia Guth Biasinis Sohn lebt mit seiner Familie in Tel Aviv. (Foto: zVg)

Nadia Guth Biasini

Mein Sohn lebt mit seiner Partnerin und dem gemeinsamen Baby in Tel Aviv, und wir stehen natürlich in Kontakt. Ich habe auch einige Verwandte und Freund*innen in Israel. Durch mein Engagement für die Hebräische Universität in Jerusalem habe ich auch diese Art Austausch und sehe, dass auch die Universität spürt, dass so viele junge Menschen nun eingezogen werden.

Mein Sohn war im Schweizer Militär und ist erst vor wenigen Jahren nach Tel Aviv gezogen. Die Situation jetzt ist beunruhigend, da niemand weiss, wie sich das Geschehen entwickeln wird. Die Bilder machen mir Angst, die Gewalt seitens der Hamas ist erschreckend. 

Ich bin seit 10 Jahren bei der Hilfsorganisation Keren Hajessod (gegründet 1920) aktiv, über die ich schon lange Projekte im Süden Israels unterstützen kann. Ausserdem habe ich regelmässig Kontakt zu den Menschen in Israel, die mir nahestehen.

Peter Bollag

Peter Bollag ist es am Montag gelungen, aus Israel heimzufliegen. (Foto: zVg)

Peter Bollag

Ich war am Samstag mit meiner Familie in Jerusalem und wir erwachten am Morgen wegen des Raketenalarms. Erst dachten wir, es sei ein Fehlalarm, aber dann wurde uns bald klar, dass die Situation ernst sein musste. Ich ging auf die Strasse, wo mir einige Leute sofort sagten, ich solle besser wieder ins Haus gehen. 

Die Schwester meiner Frau lebt in Jerusalem. Wir sind dann zu ihr gegangen. Die Strassen in der Stadt sind leer, die Geschäfte blieben auch nach Schabbat geschlossen und die Situation ist sehr angespannt. 

Nun fliegen wir als Familie mit der Fluggesellschaft El Al zurück in die Schweiz, wir hatten den Flug schon gebucht. Ich kenne aber mindestens zehn Schweizer Familien, die noch keine Möglichkeit haben, auszureisen. Ich steige jetzt mit gemischten Gefühlen ins Flugzeug, weil ich Familie und Bekannte in Israel habe, die nicht weg können und es auch nicht wollen. Wir sind sehr in Sorge, wie sich alles entwickelt.

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